Medien und Kritik – Das Online Magazin

Sandlerzeitung Augustin aus Fälscherwerkstätte

Posted in Augustin, Kurioses, Print by Pangloss on 30. September 2011
Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

(Wien, im September 2011) Ganz so einfach ist es nicht, um von der wahren Begebenheit abzulenken, wie es die Augustin-Redaktion in einer weitschweifigen Sozialanalyse des slowakischen Neoliberalismus tut. Doch der Reihe nach.

Wie die „Niederösterreichische Nachrichten NÖN“ einen (nicht im Internet findbaren, aber mittlerweile von offizieller Seite bestätigten) Einsatz der Bezirkspolizei Baden/Wien am 26. September 2011 berichtete, gab es im unseligen Ort Ebreichsdorf die Festnahme eines slowakischen Romas. Dieser trat als Zeitungskolporteur für die Sozialzeitung „Augustin“ auf, jedoch mit einem plump gefälschten Ausweis. Im Zuge der Befragung ergab sich, dass nicht nur der Ausweis gefälscht war: Sondern auch die Zeitung.

Alles falsch: Lächeln, Ausweis und Zeitung

Szenenwechsel: Der Herausgeber dieses Journals war kürzlich an zwei Stellen. Einmal kaufte er einen „Augustin“. Es war vor einem „Spar“ in Wien und mit geschultem Blick fiel auf, dass der Ausweis an der nicht-deutsch sprechenden, slowakischen Verkäuferin merkwürdig gewachsen war. Er war nicht mehr im Scheckkartenformat mit Passbild und Unterschrift, wie man das bei den Verkäufern seines Vertrauens kennt, sondern der Ausweis an der Hüfte der Frau war drei Mal so lang und doppelt so breit. Der Herausgeber kaufte dennoch eine Zeitschrift, aber es war damals schon klar, dass es an dieser Verkaufsstelle das letzte Mal gewesen sein wird. Schließlich hat jeder seinen Augustin-Stammverkäufer und dort gibt es nicht die Schnellabfertigung, sondern auch das Gespräch. Auf ein konfliktbeladenes Gespräch mit der Frau vor dem „Spar“ wurde – mangels Deutschkenntnisse der Frau – verzichtet. Nach dem resignativen Motto: Man kann nicht die ganze Welt retten.

Der Herausgeber dieses Journals war dann dieser Tage im Wiener Museumsquartier. Es ist dort abends angenehm. Man hatte Lesestoff mit. Ein Buch über Julian Assange, eine Londoner „Times“. Und sogar eine „Heute“ zum Draufsitzen, damit man sich an der Liegebank die helle Hose, immerhin von „Joop“ (aber im Abverkauf), nicht schmutzig macht. Während man zwei Stunden dort gemütlich im Abendrot liegt, endlich das Spiegel-Buch „Weltmacht Wikileaks“ fertig liest und in gebrochenem Englisch in der Londoner Times herumstochert, kommen während dieser zwei Stunden, in denen man nichts anderes haben wollte als ein wenig seine „heilige Ruhe“, in Abständen IN SUMME vier Slowaken vorbei und wollen einem entweder den „Augustin“ andrehen, dann das „MO-Magazin“ und natürlich wird man von jedem, obwohl man schon drei Mal in seiner Lesekonzentration gestört wurde und sagte „habe schon gekauft“, um die obligate „Spende“ angeschnorrt. Dabei gab es beim Sitznachbarn ein interessantes Erlebnis: Der Mann, ein Künstler (DJ), schnorrt selbst Zigaretten, hat aber ein Herz. Als bei ihm der Slowake mit der rührseligen Geschichte a la „heute noch nichts gegessen“ an der Reihe ist und „bitte um eine kleine Spende – 50 Cent“, gibt ihm der Mödlinger DJ, offenbar kein Freund von 50 Cent, freundlich eine Spende: 1 Cent. Der Slowake wendet sich beleidigt ab. Hätte man ein sensibles Gehör, hätte man einen Schimpfkanon vernommen. Bei allen vier Slowaken waren drei Dinge falsch: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Sie gingen im Museumsquartier nämlich in Rudeln „nur“ mit dem „Augustin“. Nur einer hatte auch das „MO-Magazin“ von SOS-Mitmensch dabei.

Ebreichsdorfer Erkenntnisse

Wenn die Ebreichsdorfer Erkenntnisse stimmen, wurde offenbar – so sagt es der Polizeibericht – durch fünf Personen eine ganze Zeitung des „Augustin“ in der Slowakei gefälscht. Dabei kann es sich um Farbkopien handeln. Oder um den Vorgang, dass die Fälschung soweit ging, dass man das Layout gestohlen und auf einem slowakischen Computer nachgemacht hat. In Abstufung auch hier: Seite für Seite darin neu eingeben oder, einfacher, mit einer Raubkopie der Ausgabe am USB-Stick, die in der Slowakei nachgedruckt wird.

Das Ganze wird eine Plage. Der überwuzzelnde Schmäh, mit dem das Redaktionsteam des „Augustin“ das herunterspielen will, ist unverständlich. Es ist ein Problem, das nicht in Wien mit Einbettung solcher Personen in das Vertriebsnetz zu bekämpfen ist, sondern in der Volksschule und ganz am Anfang des biografischen Wegs. Der „Augustin“ will das Problem herunterspielen und man dreht in einer etwas verqueren Stellungnahme das Ergebnis, dass gefälschte „Augustin“-Zeitschriften in Umlauf sind, ins glatte Gegenteil! Man sagt: „Nur eine soziale Marke, die ein hohes Image besitzt, verlockt zu Übertretungen des Urheberrechts.“ Das stimmt schon. Grundsätzlich.

Schützwürdige Marken

Auf der anderen Seite lassen die „Hells Angels“ ihr Logo schützen, „Apple“ sowieso und auch der „Augustin“ hat seine Wortbildmarke unter Schutz gestellt. Es geht hier um den Grundsatz, der aus der Markenpiraterie bekannt ist: Man kann Missbrauch sozial erklären oder aber mit Argumenten der Rechtmäßigkeit. Man kann die Frage stellen wie weit man Markennachbau zulässt oder ab wann eine Marke durch den Nachbau durch Dilettanten Schaden nimmt. Der „Augustin“ stellt sich „vor die Roma“ und auf den Standpunkt, dass man geringen Prozentsatz zulässt, so er der Marke nicht schadet. Offenbar meint man beim „Augustin“, dass die Fälschung der Verkaufsausweise, ja sogar die Fälschung der gesamten Zeitung die Marke nicht schädigt. Dem muss man entschieden entgegenhalten, dass es das ganz sicher tut.

Der „Augustin“ will das Problem – nicht unähnlich zum „Global Player“ – offenbar durch Wegschauen lösen. Man reflektiert in der gekonnten Weise, die man nach mehr als 300 Ausgaben „Augustin“ im kleinen Finger hat, auf die sozialen Umstände in der Slowakei. Robert Sommer vom Herausgeberkomitee hat Recht, wenn er sagt: Es ist eine Schweinerei, dass „in fünf Städten im Herbst die Testphase einer sogenannten «E-Pay-Card» startet“. Sie betrifft 180.000 Sozialhilfeempfänger in der Slowakei. Das Sozialgeld wird darauf angewiesen und jede Behebung mit dem unbaren Zahlungsmittel wird registriert. Wenn einer nur Tschick kauft, wird ihm durch den „Big Brother“-Staat Slowakei die Stütze möglicherweise gekürzt. Der 5.5- Millionen-Einwohner-Staat will damit Sozialgeld-Missbrauch schärfer sanktionieren. Eine Schweinerei ersten Grades, keine Frage. Weitere Schweinerei ist, auch das führt der „Augustin“ richtigerweise in seinem politischen Statement zur Fälscheraffäre an: „Eine Alleinstehende bekommt 60,50 Euro pro Monat [Sozialhilfe], eine Familie mit zwei Kindern 157,60 Euro – bei einem landesweiten Durchschnittslohn von rund 750 Euro.“ Der Vergleich zu Österreich macht sicher: 744,03 Euro beträgt die Mindestsicherung in der Alpenrepublik. Pro Mann und Nase, was viele Pärchen dazu verführt, nicht der Verlockung einer Ehe nachzugeben, da das Sozialamt pro Mann/Frau und Nase zahlt, und zwei dann, selbst wenn sie in Lebensgemeinschaft leben (und mit den Adressen ein wenig tricksen), 1.488,06 Euro monatlich netto zum Leben haben. Wenn ein Kleinkind dabei ist, schnellt das sprunghaft nach oben. Plus Alt-Aliemente und so weiter.

Sozial- und Bildungsunterschiede

Der „Augustin“ sieht also mit Scharfsinn, dass in Österreich etwas zu holen ist, da die Sozialbudgets gut dimensioniert sind (allein Wien pro Jahr: 240.000.000 Euro). Das spricht sich bis Bratislava durch, nicht erst seit der Twin City Liner für 29 Euro eine Route in fünf Viertel Stunden über die Donau zurück legt. Die sozialen Unterschiede sind das eine.

Thilo Sarrazin würde freilich ein anderes Argument in die Waagschale werfen und dieses fällt beim Lesen der sozialutopistischen Editorials des „Augustin“ zunehmend durch. Es ist die Bildungsfrage. Sarrazin meinte kürzlich in einem erhellenden „Kurier“-Interview, dass es „Bildungsmöglichkeiten“ und „Bildungsfähigkeiten“ gibt. Die „Bildungsmöglichkeiten“ seien zu „50 – 80 % erblich festgelegt“, an den Stellschrauben der Bildungsfähigkeiten ist durch Fleiß, Ehrgeiz und Neugier etwas zu drehen.

Dogmen statt harte Empirie

Es ist bemerkenswert, dass der „Augustin“ seine Sicht auf die politische Lage stets nur dogmatisch-dokritinär entfalten will, auf das empirisch-deskriptive aber verzichtet. Dazu gehörte dann die Feststellung, dass das Bildungsniveau der Roma, die im Zeitungsvertrieb in Wien tätig sind, eine Mischung aus Bildungsdefizit und krimineller Energie, Aufstellen eigener Regeln, regem Missachten des Verbots nach gewerbsmäßigem Betteln ist, und nun sogar soweit geht, dass man Produktpiraterie bevorzugt, weil man mit den 1.25 Euro, die pro regulär verkauftem „Augustin“ möglich sind, den Rand nicht voll bekommt. Laut Angaben der Polizei in Ebreichsdorf, beträgt der Einkauf des gefälschten „Augustin“ nämlich nur 10 Cent, womit sich die „Gewinnspanne“ auf sagenhafte 2.40 Euro erhöhe.

Das Herausgeberkomitee des „Augustin“ will nicht eingreifen. Man ist schlau. Man weiß genauso gut wie jeder, dass es eine Bewegung „von Unten“ braucht. Wie kommen 350 reguläre „Augustin“-Verkäufer dazu, das Heft mit 50% Verkaufserlös anzupreisen, wenn es eine kleine Gruppe von schwarzen Schafen mit 95% Gewinn versucht? Man nennt das in der Unterschicht: Kameradendiebstahl. Kameradendiebstahl wird in der Unterschicht durch selbstregulierende Maßnahmen gelöst. Ächtung ist eines, Hinausdrängen der Gruppe, die ihn begeht, das andere. Insoweit haben sich die Roma als soziale Gruppe mit ihrer Fälschungsaktion am Meisten selbst geschadet.

Eingriff in fremde Urheberrechte (§ 91 UrhG)

Ob das Herausgeber-Komitee eine Urheberrechtsanklage (die eine Privatanklage nach Eingriff, § 91 UrhG wäre) macht, hält man noch offen. Man wird es wohl nicht tun, weil man einem Nackterten nichts nehmen kann. Was aber kommen wird, ist die Selbstregulierung im Gewässer der Augustin-Kolportage: Bei Roma wird niemand mehr kaufen. Weil zu oft drei Dinge falsch sind: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Man hat sich in Wien selbst das Wasser abgegraben.

Marcus J. Oswald (Ressort: Kurioses, Print, Augustin)

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Straßenzeitung The Global Player versinkt im Chaos

Posted in Medienalltag by Pangloss on 22. Mai 2011

Hat mit seiner Zeitschrift The Global Player (vormals Die Bunte Zeitung) einen schweren Stand. Er ist zu wenig Mahner für seine eigenen Roma-Vertriebsleute, die die Zeitung mit sehr qualitativen Inhalten sehr unqualifiziert vertreiben: Dr. Di-Tutu Bukasa. (Foto: Oswald)

(Wien, im Mai 2011) Es ist so einfach, das Zeitungmachen. Man stellt einen Tisch auf, ein paar Stühle, ein paar Leute mit Ideen. Man tippt die Ideen in einen Computer, lässt sie Drucken und bringt sie in den Vertrieb. Fertig ist die Zeitung. Doch ganz so einfach ist es nicht. Das beste Beispiel ist die Zeitschrift mit dem Minderheitenprogramm „The Global Player“, die nicht immer so hieß und in Wien erscheint. Sie droht zu scheitern, obwohl sie schon seit zehn Jahren existiert. Schuld ist der Außenauftritt.

In der Drogenfrage hat man richtigerweise eine andere Meinung als die Oppositionsparteien wie FPÖ. Ausgabe September 2004. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Kürzliches Erlebnis im Park des Alten AKH Wien. Der Autor dieser Zeilen sitzt auf einer Bank am Vormittag. Es ist Frühlingssonne. Sein Gesprächspartner sitzt neben ihm und man führt eine Debatte. Während die Sonnenstrahlen zu Mittag eine gute Wärme erzeugen, kommen eine Gruppe Roma von rechts des Weges. Von der Weite an den Umhängetaschen zu erkennen sind sie Straßenkolporteure. Sie bleiben an jeder Parkbank stehen. Sie kommen einzeln, aber gemeinsam. Jeder hat eine Zeitung „The Global Player“ in der Hand. Doch auch anderes. Der erste Verkäufer will zusätzlich Rosen losschlagen. Die zweite auch Rosen, die dritte einen bunten Blumenstrauß, der vierte ein Buch eines unbekannten Autors. Die weiteren nur die Zeitschrift „The Global Player“. Keiner kauft.

Vorbild „Augustin“ – Methode Straßenkolportage

Die Straßenkolportage in Wien bestimmen an genehmigten Standplätzen der Straßenkreuzungen indische, pakistanische oder ältere türkische Verkäufer in gelben Jacken. Am Rücken und auf der Brust steht: Kronen Zeitung. Diese Verkäufer der Abendzeitungen sind legitimiert und bilden das starke Rückgrat des Einzelverkaufs von „Kronen Zeitung“ und „Kurier“. Die „Kronen Zeitung“ ist eine Boulevardzeitung. Da sie auch in Kiosken und Supermärkten verkauft wird, ist es keine richtige Boulevardzeitung. Daher gründete sich 1995 aus einer Gruppe von Sozialarbeitern der „Augustin“ und nannte sich im Übertitel „Die erste österreichische Boulevardzeitung“, da sie exklusiv nur im Straßenverkauf erhältlich ist. Der Verkäufer wird anteilig mit 50% am Einzelpreis belohnt.

Dominante Stellung von „Augustin“ auf Straße seit 15 Jahren

Den Straßenverkauf unter den alternativen Zeitungen in Wien dominiert seit 15 Jahren die Zeitschrift „Augustin“. Man baute ein Raster an Verkaufsstellen und einen Pool von über 300 Verkäufern auf. Der „Augustin“ hat mittlerweile die dritte Generation an Straßenverkäufern. Die erste, früheste Generation waren Wiener Originale und Unterstandslose, die bei der Gründung ab der ersten Stunde dabei waren und etwa fünf Jahre dabei blieben. Einige dieser Verkäufer gibt es heute noch, andere, die in den Lokalen im vierten bis achten Bezirk bekannt waren, starben jedoch an ihren Krankheiten, die mit frühreren Lokalbesuchen zu tun hatten. In der zweiten „Generation“ kamen Schwarzafrikaner zum Zug, die sich ihre Verkaufsplätze und Position erarbeiteten. Viele Leute kauften an guten U-Bahnstationen bei ihnen jede zweite Woche und führten Unterhaltungen. In der dritten Generation kamen Personen aus dem ehemaligen „Ostblock“ zum Zug, Ungarn, Polen, Tschechen, Bulgaren, Rumänen. In den letzten fünf Jahren wuchs diese Verkäufergruppe. Die erste „Generation“ der Wiener schwand, mit ihr das Anfangsthema Obdachlosigkeit. Die zweite blieb stabil, mit ihr das Thema Migration und Asyl. Die dritte Gruppe wuchs, mit ihr das Thema Osterweiterung. Daneben gab es eine Weile „Schwarzverkäufer“, die weggeworfene Ausgaben noch einmal verkauften. Diese Gruppe blieb immer klein. Der Straßenverkauf, wie ihn der „Augustin“ betreibt, ist mit Ausweis streng geprüft. Die registrierten Verkäufer beziehen die Zeitschriften aus dem Vertriebsbüro auf Kommission und hinterher ihre Provision.

„Bunte Zeitung“ mit zu großer Auflage

Die Zeitschrift „Die Bunte Zeitung“ wurde etwas zeitversetzt zum „Augustin“ gegründet und erlangte nie dessen Bekanntheit oder Akzeptanz. Das „Medium für Würde, Gerechtigkeit und Demokratie“ wurde in der Rotenlöwengasse gegründet, wo es heute noch in einem besenkammergroßen Büro situiert ist. Es erscheint derzeit in einer Auflage ähnlich dem Augustin: 40.000 (vergleiche: Augustin 36.000/Status: 05-2009 abfallend 32.000/Status: 05-2011).

Diskussion über Gesellschaftsfragen steht in der Bunte Zeitung obenauf. Links im Bild Blattmacher Di-Tutu Bukasa mit Baskenmütze bei einer solchen in Ausgabe Juni 2002. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Von Beginn war der Kernpunkt des Misserfolgs der Vertrieb. Man legte zu Beginn das Medium dem „Augustin“ zwar nicht bei, aber den Kolporteuren in die Hand. Der Augustin-Verkäufer sollte auch die „Bunte Zeitung“ verkaufen. Es war als Kooperation gedacht. Doch das klappte nicht. Die Leute kauften den Augustin, nicht aber die „Bunte Zeitung“. Daher wurde das Experiment wieder beendet. Der schlechte Vertrieb blieb bis heute das Kernproblem der „Bunten Zeitung“. Er existiert nicht, Bukasa und seine Leute können ihn nicht so aufbauen, dass die Zeitschrift ins Laufen kommt.

Lebensmittelpunkt vieler Verkäufer fehlt

Das Büro der „Bunten Zeitung“ (heute: „The Global Player“) übersiedelte vor einem Jahr. Nicht so protzig wie der „Augustin“ vor drei Jahren in der Reinsprechtsdorferstraße in ein Büro mit riesigen Apple-Computern. Aber immerhin: Von einer Tür zur nächsten. Bestand bisher ein kleines Lokal in der Rotenlöwengasse 12 auf Tür 1, erweiterte sich die Fläche um das Nachbarlokal. Dort sitzen unter Tags Schwarzafrikaner in der schwülen Hitze bei offener Tür an der Gasse und dort stehen manchmal größere Gruppen von Roma an, um Zeitungen zu holen. Mit diesen gehen sie dann durch Parks von Wien und preisen das Produkt an. Doch das funktioniert nicht, zumindest nicht so wie sie es machen. Die Roma werden nicht selten und in der Praxis nicht zu unrecht während des Zeitungsverkaufs mit Betteln in Verbindung gebracht. Es stellte sich zudem heraus, dass sie das Printprodukt „The Global Player“ eher als Vorwand einsetzen, um „auch anderes“ zu verkaufen oder „nur eine Spende“ verlangen.

Eine frühe Ausgabe aus Mai 2003: Internationale Themen beherrschten die Zeitschrift. In der Frühzeit hatte man eine Vertriebspartnerschaft mit dem Augustin, die aber endete. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Das sieht mittlerweile auch der „Augustin“ kritisch in einem Artikel in der Ausgabe 298 vom 18. Mai 2011 (Seite 14) unter dem Titel „Die Falle Lebensmittelpunkt“. Die Analyse fasst einen „Ideentag der deutschen Straßenzeitungen“ zusammen, der im Gasthaus „Adria Wien“ am Donaukanal im Mai Spielregeln von Straßenzeitungen und deren Akzeptanz diskutierte. Der Artikel beginnt mit dem Satz „Wie macht man sich als Zeitungsverkäufer unbeliebt?“ und mündet in die Erkenntnis, dass Straßenzeitungen eine „soziale Integration“ zwischen Verkäufer und Käufer herstellen wollen. Das verlangt jedoch einen „Lebensmittelpunkt des Straßenverkäufers“, damit es ein Gespräch gibt. Es wurde bei der Diskussion auch festgestellt, dass viele Roma-Verkäufer die soziale Integration in Wien gar nicht suchen und daher auch kein Gespräch zustande kommt. Es entsteht das Gefühl beim potentziellen Zeitungskäufer, dass er abkassiert werden soll.

Diversity-Management war damals, 2006 neu. Heute setzt es die MA 17 in Wien mit Integrationsmanagement täglich um. In der Ausgabe Jänner 2006 interviewte man die Frauenstadträtin Wehsely für die Zeitschrift. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Die Zeitschrift „The Global Player“ hat derzeit mehrere Strafverfügungen wegen „aggressivem Zeitungsverkauf“ gegen sich laufen. Allerdings nur in der Gesamthöhe von 100 Euro. Der Begriff „aggressiver Zeitungsverkauf“ leitet sich von „aggressivem Betteln“ ab, das in Wien und anderen österreichischen Städten verboten ist. In deutschen Städten, doch auch in Linz ist Roma-Angehörigen das Zeitungsverkaufen untersagt (dort etwa: Straßenzeitung „Kupfermuckn“), weil die Verkäufer es auch dort mit Betteln vermischen. Die Ablehnung gegen diesen Verkaufsstil schlägt sich auch bei „Global Player“ im mageren Verkauf nieder. Es wird meist zusätzlich zur Zeitung noch eine „Spende“ als Zuwaage erwartet. Wenn man den Kauf der Zeitschrift ablehnt, wird nur eine Spende begehrt. Alles in allem fühlt sich der Käufer ausgenutzt und abgegrast. Der soziale Kontakt zum Verkäufer ist nicht gegeben. Das ist unter anderem auch die Conclusio am „Ideentag Straßenzeitungen“.

Delikt „aggressiver Zeitungsverkauf“

Erklären will man sich das damit, dass Roma-Verkäufer in Rudeln auftreten und die soziale Bindung eher im Clan und untereinander stattfindet und nicht – wie beim Augustin-Verkäufer – zum Kunden hin ausgerichtet ist. Der Kunde wird nur „scheinfreundlich“ behandelt, manchmal, wenn er keine Zeitung kauft und nichts „spendet“ auf rumänisch verflucht. Damit entsteht keine Kundenbeziehung. Mehrheitlich verkaufen die Zeitschrift „The Global Player“ derzeit Roma an Ecken von Supermärkten. Die Art des Verkaufs wird als Betteln aufgefasst und nicht selten von der Polizei geahndet.

Die Zeitschrift „The Global Player“ wird ihre Vertriebsprobleme durch Wegschauen nicht überwinden können. Denn die Akzeptanz von organisiertem Betteln ist in Wien schlecht. Auch Betteln in Verbindung mit Zeitung in der Hand erhöht den Zuspruch nicht, da spürbar wird, dass die Zeitung nur Vorwand für anderes ist.

Neubenennung durch Klagsandrohung durch deutsche „Bunte“ Anfang 2010

Neben Strafverfügungen gegen Kolporteure und wenig akzeptierte Verkäufer hat die Zeitschrift weitere Probleme. Ein schwerer Schlag war die Umstellung des Titels und damit die komplette Neubenennung. Von 2000 bis 2010 hieß die Zeitung „Bunte Zeitung“, kurz „Die Bunten“. Das bezog sich auf den harten Kern der afroamerikanischen Community in Wien und Österreich, die man thematisierte und die auch im Vertrieb mitarbeitete. Daneben erledigte der Verein „Die Bunten“, der „für gesellschaftliche Biodiversität“ steht, diverse Asylanträge für Mitarbeiter im Umfeld der Zeitung und machte angewandte Sozialarbeit. Der Name des Vereins fand in der Zeitschrift „Die Bunte Zeitung“ Ausdruck. Doch dann wurde der Titel geändert und anglisiert. Warum?

Im vierten Quartal 2009 erschien die vorletzte Nummer von Die Bunte Zeitung. Der Rechtsstreit mit der deutschen Illustrierten Bunte drohte gefährlich zu werden. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Die deutsche Illustrierte „Bunte“ drohte eine saftige Klage gegen die Wiener Migrantenzeitschrift an. „Um uns einen Prozess mit der deutschen Zeitschrift zu ersparen, ist die bisherige Bunte Zeitung in „The Global Player“ umgetauft worden“, berichtet Zeitungschef Di-Tutu Bukasa in der ersten Ausgabe März-Mai 2010 vom neuen Vorhaben im Editorial. Zugleich schraubte Bukasa die Auflage von 20.000 (Oktober-Dezember 2009, vorletztes Heft unter Namen „Bunte Zeitung“) nun auf 40.000 pro Ausgabe hoch.

Das Projekt „The Global Player“ steht mehr denn je auf unsicheren Beinen. Der neue Blatttitel ist schwach, beliebig, austauschbar, für eine Minderheitenzeitschrift etwas zu großspurig. Gleichzeitig geht mit diesem Titel noch mehr die soziale Verankerung in Wien verloren, was beim Verkauf durchschlägt. Beim „Augustin“ ist klar: Der liebe Augustin war ein Wiener Original, auf das Bezug genommen wird. Unter „Die Bunten“ konnte man sich noch etwas vorstellen: Es geht um Afrikaner und Minderheitenrechte. Beim Titel „The Global Player“ schwindet die Assoziationsmöglichkeit zum Zeitungsinhalt gegen Null.

Im März 2010 gab es keine Bunte Zeitung mehr. Sie benannte sich um und heißt nun The Global Player. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Dazu kommt das schlechte Vertriebsnetz mit unzuverlässigen Kolporteuren, die lieber um Geld betteln als eine Zeitschrift zu repräsentieren. Insoweit muss Di-Tutu Bukasa, der in seinem nun im Quartal erscheinenden Heft (früher Zweimonatstakt) auch viele Kommentare und Analysen zum Fremdenrecht schreibt, Überlegungen anstellen wie er das Zeitungsprojekt retten will und wie er den Imageschaden durch Außenposten im Vertrieb, die machen, was sie wollen, vom guten inhaltlichen Zeitungsprojekt, in dem viele namhafte Gastschreiber in Deutsch und Englisch veröffentlichen (Klaus Werner-Lobo; Botschafter aus Schwellenländern; Greenpeace-Kampagnen-Planer; streitbare Kulturwissenschafter), wieder abwenden will.

Cultural Gap

Wenn man schon – vom Layout und internationalen Themenzugang betrachtet – eine Art Wiener Ausgabe des TIME Magazine sein will, darf man nicht Kolporteure einsetzen, denen man sofort anmerkt, dass sie nicht Lesen und Schreiben können. Das nennt man in der Kultursoziologie „cultural gap“ (Wissenskluft). Den inneren Widerspruch zwischem hohem Anspruch beim Blattinhalt und dem niederen Qualitätsanspruch bei seinen Außenvertrieblern aus der Roma-Kultur muss Blattmacher Di-Tutu Bukasa lösen.

Sonst wird sein Zeitungsprojekt irgendwann an Erfolglosigkeit sterben.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

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