Medien und Kritik – Das Online Magazin

Sandlerzeitung Augustin aus Fälscherwerkstätte

Posted in Augustin, Kurioses, Print by Pangloss on 30. September 2011
Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

(Wien, im September 2011) Ganz so einfach ist es nicht, um von der wahren Begebenheit abzulenken, wie es die Augustin-Redaktion in einer weitschweifigen Sozialanalyse des slowakischen Neoliberalismus tut. Doch der Reihe nach.

Wie die „Niederösterreichische Nachrichten NÖN“ einen (nicht im Internet findbaren, aber mittlerweile von offizieller Seite bestätigten) Einsatz der Bezirkspolizei Baden/Wien am 26. September 2011 berichtete, gab es im unseligen Ort Ebreichsdorf die Festnahme eines slowakischen Romas. Dieser trat als Zeitungskolporteur für die Sozialzeitung „Augustin“ auf, jedoch mit einem plump gefälschten Ausweis. Im Zuge der Befragung ergab sich, dass nicht nur der Ausweis gefälscht war: Sondern auch die Zeitung.

Alles falsch: Lächeln, Ausweis und Zeitung

Szenenwechsel: Der Herausgeber dieses Journals war kürzlich an zwei Stellen. Einmal kaufte er einen „Augustin“. Es war vor einem „Spar“ in Wien und mit geschultem Blick fiel auf, dass der Ausweis an der nicht-deutsch sprechenden, slowakischen Verkäuferin merkwürdig gewachsen war. Er war nicht mehr im Scheckkartenformat mit Passbild und Unterschrift, wie man das bei den Verkäufern seines Vertrauens kennt, sondern der Ausweis an der Hüfte der Frau war drei Mal so lang und doppelt so breit. Der Herausgeber kaufte dennoch eine Zeitschrift, aber es war damals schon klar, dass es an dieser Verkaufsstelle das letzte Mal gewesen sein wird. Schließlich hat jeder seinen Augustin-Stammverkäufer und dort gibt es nicht die Schnellabfertigung, sondern auch das Gespräch. Auf ein konfliktbeladenes Gespräch mit der Frau vor dem „Spar“ wurde – mangels Deutschkenntnisse der Frau – verzichtet. Nach dem resignativen Motto: Man kann nicht die ganze Welt retten.

Der Herausgeber dieses Journals war dann dieser Tage im Wiener Museumsquartier. Es ist dort abends angenehm. Man hatte Lesestoff mit. Ein Buch über Julian Assange, eine Londoner „Times“. Und sogar eine „Heute“ zum Draufsitzen, damit man sich an der Liegebank die helle Hose, immerhin von „Joop“ (aber im Abverkauf), nicht schmutzig macht. Während man zwei Stunden dort gemütlich im Abendrot liegt, endlich das Spiegel-Buch „Weltmacht Wikileaks“ fertig liest und in gebrochenem Englisch in der Londoner Times herumstochert, kommen während dieser zwei Stunden, in denen man nichts anderes haben wollte als ein wenig seine „heilige Ruhe“, in Abständen IN SUMME vier Slowaken vorbei und wollen einem entweder den „Augustin“ andrehen, dann das „MO-Magazin“ und natürlich wird man von jedem, obwohl man schon drei Mal in seiner Lesekonzentration gestört wurde und sagte „habe schon gekauft“, um die obligate „Spende“ angeschnorrt. Dabei gab es beim Sitznachbarn ein interessantes Erlebnis: Der Mann, ein Künstler (DJ), schnorrt selbst Zigaretten, hat aber ein Herz. Als bei ihm der Slowake mit der rührseligen Geschichte a la „heute noch nichts gegessen“ an der Reihe ist und „bitte um eine kleine Spende – 50 Cent“, gibt ihm der Mödlinger DJ, offenbar kein Freund von 50 Cent, freundlich eine Spende: 1 Cent. Der Slowake wendet sich beleidigt ab. Hätte man ein sensibles Gehör, hätte man einen Schimpfkanon vernommen. Bei allen vier Slowaken waren drei Dinge falsch: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Sie gingen im Museumsquartier nämlich in Rudeln „nur“ mit dem „Augustin“. Nur einer hatte auch das „MO-Magazin“ von SOS-Mitmensch dabei.

Ebreichsdorfer Erkenntnisse

Wenn die Ebreichsdorfer Erkenntnisse stimmen, wurde offenbar – so sagt es der Polizeibericht – durch fünf Personen eine ganze Zeitung des „Augustin“ in der Slowakei gefälscht. Dabei kann es sich um Farbkopien handeln. Oder um den Vorgang, dass die Fälschung soweit ging, dass man das Layout gestohlen und auf einem slowakischen Computer nachgemacht hat. In Abstufung auch hier: Seite für Seite darin neu eingeben oder, einfacher, mit einer Raubkopie der Ausgabe am USB-Stick, die in der Slowakei nachgedruckt wird.

Das Ganze wird eine Plage. Der überwuzzelnde Schmäh, mit dem das Redaktionsteam des „Augustin“ das herunterspielen will, ist unverständlich. Es ist ein Problem, das nicht in Wien mit Einbettung solcher Personen in das Vertriebsnetz zu bekämpfen ist, sondern in der Volksschule und ganz am Anfang des biografischen Wegs. Der „Augustin“ will das Problem herunterspielen und man dreht in einer etwas verqueren Stellungnahme das Ergebnis, dass gefälschte „Augustin“-Zeitschriften in Umlauf sind, ins glatte Gegenteil! Man sagt: „Nur eine soziale Marke, die ein hohes Image besitzt, verlockt zu Übertretungen des Urheberrechts.“ Das stimmt schon. Grundsätzlich.

Schützwürdige Marken

Auf der anderen Seite lassen die „Hells Angels“ ihr Logo schützen, „Apple“ sowieso und auch der „Augustin“ hat seine Wortbildmarke unter Schutz gestellt. Es geht hier um den Grundsatz, der aus der Markenpiraterie bekannt ist: Man kann Missbrauch sozial erklären oder aber mit Argumenten der Rechtmäßigkeit. Man kann die Frage stellen wie weit man Markennachbau zulässt oder ab wann eine Marke durch den Nachbau durch Dilettanten Schaden nimmt. Der „Augustin“ stellt sich „vor die Roma“ und auf den Standpunkt, dass man geringen Prozentsatz zulässt, so er der Marke nicht schadet. Offenbar meint man beim „Augustin“, dass die Fälschung der Verkaufsausweise, ja sogar die Fälschung der gesamten Zeitung die Marke nicht schädigt. Dem muss man entschieden entgegenhalten, dass es das ganz sicher tut.

Der „Augustin“ will das Problem – nicht unähnlich zum „Global Player“ – offenbar durch Wegschauen lösen. Man reflektiert in der gekonnten Weise, die man nach mehr als 300 Ausgaben „Augustin“ im kleinen Finger hat, auf die sozialen Umstände in der Slowakei. Robert Sommer vom Herausgeberkomitee hat Recht, wenn er sagt: Es ist eine Schweinerei, dass „in fünf Städten im Herbst die Testphase einer sogenannten «E-Pay-Card» startet“. Sie betrifft 180.000 Sozialhilfeempfänger in der Slowakei. Das Sozialgeld wird darauf angewiesen und jede Behebung mit dem unbaren Zahlungsmittel wird registriert. Wenn einer nur Tschick kauft, wird ihm durch den „Big Brother“-Staat Slowakei die Stütze möglicherweise gekürzt. Der 5.5- Millionen-Einwohner-Staat will damit Sozialgeld-Missbrauch schärfer sanktionieren. Eine Schweinerei ersten Grades, keine Frage. Weitere Schweinerei ist, auch das führt der „Augustin“ richtigerweise in seinem politischen Statement zur Fälscheraffäre an: „Eine Alleinstehende bekommt 60,50 Euro pro Monat [Sozialhilfe], eine Familie mit zwei Kindern 157,60 Euro – bei einem landesweiten Durchschnittslohn von rund 750 Euro.“ Der Vergleich zu Österreich macht sicher: 744,03 Euro beträgt die Mindestsicherung in der Alpenrepublik. Pro Mann und Nase, was viele Pärchen dazu verführt, nicht der Verlockung einer Ehe nachzugeben, da das Sozialamt pro Mann/Frau und Nase zahlt, und zwei dann, selbst wenn sie in Lebensgemeinschaft leben (und mit den Adressen ein wenig tricksen), 1.488,06 Euro monatlich netto zum Leben haben. Wenn ein Kleinkind dabei ist, schnellt das sprunghaft nach oben. Plus Alt-Aliemente und so weiter.

Sozial- und Bildungsunterschiede

Der „Augustin“ sieht also mit Scharfsinn, dass in Österreich etwas zu holen ist, da die Sozialbudgets gut dimensioniert sind (allein Wien pro Jahr: 240.000.000 Euro). Das spricht sich bis Bratislava durch, nicht erst seit der Twin City Liner für 29 Euro eine Route in fünf Viertel Stunden über die Donau zurück legt. Die sozialen Unterschiede sind das eine.

Thilo Sarrazin würde freilich ein anderes Argument in die Waagschale werfen und dieses fällt beim Lesen der sozialutopistischen Editorials des „Augustin“ zunehmend durch. Es ist die Bildungsfrage. Sarrazin meinte kürzlich in einem erhellenden „Kurier“-Interview, dass es „Bildungsmöglichkeiten“ und „Bildungsfähigkeiten“ gibt. Die „Bildungsmöglichkeiten“ seien zu „50 – 80 % erblich festgelegt“, an den Stellschrauben der Bildungsfähigkeiten ist durch Fleiß, Ehrgeiz und Neugier etwas zu drehen.

Dogmen statt harte Empirie

Es ist bemerkenswert, dass der „Augustin“ seine Sicht auf die politische Lage stets nur dogmatisch-dokritinär entfalten will, auf das empirisch-deskriptive aber verzichtet. Dazu gehörte dann die Feststellung, dass das Bildungsniveau der Roma, die im Zeitungsvertrieb in Wien tätig sind, eine Mischung aus Bildungsdefizit und krimineller Energie, Aufstellen eigener Regeln, regem Missachten des Verbots nach gewerbsmäßigem Betteln ist, und nun sogar soweit geht, dass man Produktpiraterie bevorzugt, weil man mit den 1.25 Euro, die pro regulär verkauftem „Augustin“ möglich sind, den Rand nicht voll bekommt. Laut Angaben der Polizei in Ebreichsdorf, beträgt der Einkauf des gefälschten „Augustin“ nämlich nur 10 Cent, womit sich die „Gewinnspanne“ auf sagenhafte 2.40 Euro erhöhe.

Das Herausgeberkomitee des „Augustin“ will nicht eingreifen. Man ist schlau. Man weiß genauso gut wie jeder, dass es eine Bewegung „von Unten“ braucht. Wie kommen 350 reguläre „Augustin“-Verkäufer dazu, das Heft mit 50% Verkaufserlös anzupreisen, wenn es eine kleine Gruppe von schwarzen Schafen mit 95% Gewinn versucht? Man nennt das in der Unterschicht: Kameradendiebstahl. Kameradendiebstahl wird in der Unterschicht durch selbstregulierende Maßnahmen gelöst. Ächtung ist eines, Hinausdrängen der Gruppe, die ihn begeht, das andere. Insoweit haben sich die Roma als soziale Gruppe mit ihrer Fälschungsaktion am Meisten selbst geschadet.

Eingriff in fremde Urheberrechte (§ 91 UrhG)

Ob das Herausgeber-Komitee eine Urheberrechtsanklage (die eine Privatanklage nach Eingriff, § 91 UrhG wäre) macht, hält man noch offen. Man wird es wohl nicht tun, weil man einem Nackterten nichts nehmen kann. Was aber kommen wird, ist die Selbstregulierung im Gewässer der Augustin-Kolportage: Bei Roma wird niemand mehr kaufen. Weil zu oft drei Dinge falsch sind: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Man hat sich in Wien selbst das Wasser abgegraben.

Marcus J. Oswald (Ressort: Kurioses, Print, Augustin)

Videos zu „Augustin“

Posted in Video by Pangloss on 30. Juli 2011

(Wien, im Juni 2011) Die sozial engagierte Zeitung „Augustin“ wurde in Wien im Oktober 1995 gegründet. Seither erschienen 300 unterschiedliche Ausgaben. 2011 hat der Trägerverein „Sand und Zeit“ 14 Angestellte und nimmt im Monat 60.000 Euro durch den Straßenverkauf ein. Weitere 60.000 Euro verteilen sich auf die rund 400 Verkäufer. Auf „You Tube“ (Motto: „Broadcast Yourself“) gibt es einige Videos, die zum Anlass des 15-jährigen Jubiläums erstellt wurden. Einige Filme haben noch sehr wenige Zugriffszahlen, was man ändern sollte [sämtliche Zahlen in eckigen Klammern zum Status 30. Juli 2011]:

Film von Universität Wien / Institut für Publizistik [91 Zugriffe]

Film von Augustin TV / Teil 1 Interview mit Gründer Robert Sommer [224 Zugriffe]

Film von Augustin TV / Teil 2 Interview mit Verkäufern und Lesern [199 Zugriffe]

+++

Am 22. Dezember 2005 begann das „Augustin TV“ als weitere Schiene zum Zeitungsprojekt. Seither gab es 60 Sendungen, die im lokalen Wiener Kabel TV auf „okto“ ausgestrahlt wurden. Auch dieser You Tube-Beitrag hat noch zu wenige Aufrufe.

Kurzfilm zu 5 Jahre Augustin TV / Eigenproduktion Augustin TV [109 Zugriffe]

Film zu 15 Jahre Projekt Augustin / Eigenproduktion Augustin TV [304 Zugriffe]

Marcus J. Oswald (Ressort: Video)

Eine Redaktionssitzung im „AUGUSTIN“ (2004)

Posted in Konzepte, Reminiszenzen by Pangloss on 23. September 2010

Alte Aufzeichnungen: Juni 2004. (Foto: Archiv Oswald 1090)

(Wien, im September 2010) Der Herausgeber dieses Journals kramt gelegentlich in alten Kisten und findet Schriftstücke. Dieser Tage fiel ihm eines aus dem Juni 2004 in die Hände. Es ist ein vorbereitendes Papier für eine Redaktionssitzung. Diese Sitzung fand in der Phorusgasse 5 im 4. Wiener Bezirk in den Räumlichkeiten des Uhudla Verlages statt.

Festzuhalten ist, dass der Herausgeber dieser Seite in den Jahren 2003 und 2004 nie vom Augustin-Chef Robert Sommer zu einer Redaktionssitzung eingeladen wurde. Wohl wurden dort vom Herausgeber der späteren „Blaulicht“-Journale doppelte und dreifache Druckseiten veröffentlicht. Doch zu einer Redaktionssitzung wurde er nie eingeladen.

Am 8. Juni 2004 fand wieder eine Redaktionssitzung des „Augustin“ in der Phorusgasse 5 statt. Das erfuhr der Herausgeber dieser Seite über Umwege per Email. Jemand schickte ihm ein Email (es war seine Lebensgefährtin), dass am 8. Juni 2004 ab 19 Uhr eine solche Sitzung ist. Wie immer war ein Gast geladen, der eine halbe Stunde vor versammelter Runde (zirka 30 Leute) eine „externe Blattkritik“ durchführt. Im gegenständlichen Fall war das am 8. Juni 2004 der Kolumnist Erwin Riess, der die „Stadtausfahrten“, eine Serie über Topoi in Wien, schrieb. Riess ging Seite für Seite der letzten Nummer durch und bezog Anmerkungen auf Beiträge und gab Ausblick, ob man das verstärken oder erneuern sollte.

Nach der „Blattkritik“ war offene Diskussion. Der Vertriebschef Hennefeld berichtete positive und seit Jahren stabile Absatzzahlen bei rund 36.000 Verkauf pro Ausgabe (alle zwei Wochen)

Blattchef Robert Sommer, der kein großer Diskutant, sondern ein stiller Analytiker ist, sprach während der ganzen Veranstaltung fast nichts. Er saß am Zipfel des langen Tisches, umringt von vielen Leuten. Er hörte großteils zu. Nur einmal, als die Blattkritik von Erwin Riess am Ende des Vortrages nach der Konsequenz seiner Analyse fragte, also nach der Umsetzung, da sagte Robert Sommer, fast unhörbar, aber deutlich: „Der Augustin kann schreiben, was er will, er verkauft immer 36.000 jede Woche.“ Riess war enttäuscht. Seine „Blattkritik“ erachtete er damit als sinnlos, da ohnehin nichts verändert wird. Kolumnist blieb er trotzdem und seine „Stadtausfahrten“ erschienen noch lange (bis 2006), ehe die Teile als Buch herauskamen und die Serie abgeschlossen war.

Der Herausgeber dieser Seite hatte sich damals eingeschleust. Er war nicht eingeladen, setzte sich aber dazu. Bis dato Juni 2004 waren gut sieben, acht Artikel, meist Doppelseiter erschienen. Er erachtete es als ein Grundrecht auch mitreden zu können, wie das Blatt gestaltet wird. 2003 und 2004 bestand eine enge Liebe zum „Augustin“, die leider von den „Augustin“-Machern nicht entsprechend erwidert wurde und Ende 2004, aber schon wenige Monate nach dieser einzigen, je besuchten mehrstündigen Redaktionssitzung, erlosch.

Jahre später begegnete er Robert Sommer, es war Frühjahr 2009, in der U-Bahn-Station Spittelau in der Mittelstation bei den Geschäften. Sommer erkannte Oswald nicht, dieser ihn schon. Sommer ging auf Oswald zu und fragte ihn: „Können Sie 20 Euro wechseln?“ Sommer brauchte einen Fahrschein und der VOR-Automat nahm nur 10-Euro Scheine. Wie gesagt: Oswald erkannte Sommer und er sagte: „Nein.“ Dieser drehte sich weg und ging weiter.

Damals, 2004, wäre es eine Freundschaft geworden. Kurz vor der Redaktionssitzung am 8. Juni 2004 entwarf Oswald ein spontanes Papier mit Vorschlägen, was man in die Zeitschrift „Augustin“ einbringen könnte. Tatsächlich konnte er ein paar Dinge am nächsten Tag in einer Wortmeldung vortragen. Vorweg: Es wurde nichts umgesetzt. Die ideelle Zusammenarbeit endete ein paar Monate später für immer.

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AUGUSTIN

(Vorschläge für Redaktionssitzung, 8. Juni 2004, verfasst 7. Juni 2004, 19 Uhr 25)

Seit ich den AUGUSTIN kenne, weiß ich, dass hier Journalismus neu erfunden wird. Damit das so bleibt, muss man immer neue Erfindungen nachschießen, da man sonst rasch konventionell wird.

Hier einige Vorschläge. Heute unter der Dusche ist mir eine Idee eingefallen, die ich sofort festgehalten habe.

1. Begräbnisberichterstattung. Das ist etwas, was es in Österreich nicht gibt. Wien ist aber die Stadt der Nekrophilie und der Schenen Leichen. Man könnte die Rubrik „Sterben“ nennen (in Antagonie zu „Tun und Lassen“).

Manche Zeitungen haben die „Totentafel“. Aber das ist nur Statistik. Was man machen könnte – in loser Folge – fremde Begräbnisse besuchen und über die Dramaturgie schreiben. Schon Girtler sagte zum Begräbnis des Bernhard Wesely 1985, dass es symbolträchtig sei, dass man ihm Spielkarten und ein Hufeisen mit ins Grab warf. Beim Begräbnis des Josef Krista, das war 1970, spielte man den „Zapfenstreich“ aus „Verdammt in alle Ewigkeit“. (Beides waren Unterweltler, Anm.). Gemeint ist bei uns: Zeige mir das Begräbnis und ich sage Dir, wer du warst.

Form: Reportageform. Der Leser muss den Weihrauch riechen, die Musik hören, die Gesichter sehen. Die Ansprachen, das Zermoniell. Es muss berichtet werden wie von einer Theaterpremiere.

Analogie: Monarchische Begräbnisse. Die wollen wir nicht beschreiben, sondern ganz gewöhnliche Begräbnisse.

Analogie II: Lily Brett, eine US-Autorin, lebte davon, in der „New York Post“ Nachrufe zu schreiben. Daneben schrieb sie Kurzgeschichten, die heute große Verbreitung erfahren.

2. Geldberichtserstattung. Aber nicht so wie im „Wirtschaftsblatt“ oder im „Trend“, Zeitschriften, die davon ausgehen, dass alle Geld haben. Sondern über die Profiteure des Geldlebens. Geldverleiher, Geldeintreiber.

Ich schlug schon einmal eine Art neue Rubrik – ebenfalls in loser Folge – vor: „Geld.Los“

Die zehn großen Inkasso-Insitute im Tun und Geschehen. Nicht im Portrait. Keine PR. Sondern ein verdecktes, investigatives Portrait, das Auskunft darüber gibt, wie man dort Auskunft gibt.

Andreas Maly sagt ja, dass die Inkasso-Institute in 50% der Fälle zu Lasten des Betriebenen falsch abrechnen. Man müsste weitere Strukturansätze finden, die man bei jedem Institut anwendet.

An meiner Tür war kürzlich ein Inkassant im Hausbesuch – und hinterließ eine Visitenkarte. Ich würde natürlich gerne wissen, was das für Leute sind. Was sind das für Leute, die bei Leuten Geld eintreiben?

Zehn Teile: Aber nicht Wirtschaftsjournalismus, sondern Sozialjournalismus!

Wie kann man das machen? Einfacher Trick: Indem man nicht Unternehmen in den Mittelpunkt stellt (wie das herkömmliche Zeitungen tun), sondern den Betroffenen, Gepfändeten, Schuldner.

Weitere Ansätze zur Verbesserung:

Vorbemerkung: Es ist ein leichtes, eine Zeitung mit 300.000 Auflage zu machen. Einige Ansätze.

3. Sportberichterstattung ausbauen. Will man (wollen wir) mehr Auflage, muss man auch über andere Themen berichten. Rapid und Austria. Aber anders, als in Großmedien. Etwa über Fangruppen. Etwa über Unterthemen wie rassistische Schlachtgesänge. Sicher: Man macht sich damit nicht nur beliebt beim Leser, schärft aber seinen Verstand – und ist mitten im Thema.

Andere Sportarten: Volleyball. Es gibt in Wien eine schwule Volleyballmannschaft. Das wäre ein Thema, das subkutan, unterirdisch das Sexuelle, Erotische des Sportes mittransportiert. Leser werden eine solche Geschichte mit Haut und Haaren fressen.

Endlich einmal ein Interview mit Hans Krankl. Das muss sein, auch wenn er Teamchef ist.

(Einen Überblick über Fussball-Wirtshausmannschaften in Wien. )

4. Ausbau der Berichterstattung zum Beziehungsleben. Beziehungsleben ist das, was im Privaten unter den Menschen passiert. Man kann die Auflage heben, wenn man diese Themen undogmatisch anfasst. Die Frage ist natürlich wieder wie? Es muss AUGUSTIN-like sein.

Fange wir beim untersten Ende an: Gewalt.

Ich würde mir eine 3-teilige Serie wünschen. Über den Aufbau von Serien und dem Überhandnehmen von Serien sage ich später noch etwas.

Teil 1: Gewalt gegen Kinder in Haushalten
Teil 2: Gewalt gegen Frauen in Haushalten
Teil 3: Gewalt gegen Männer in Haushalten (Stw: Xanthippen; auch dazu gibt’s neue Studien)

Jeder Teil der Serie ist in sich abgeschlossen. Wichtig: MEHRTEILIGE Serien dürfen NIE MONTHEMATISCH sein. Das heißt: Eine Serie muss alle Facetten des Themas ansprechen und zwar pro Serienteil in sich abgeschlossen. Sonst wird das als gestalterische Schwäche lesbar und man glaubt, der Autor ist mit dem Platz nicht ausgekommen und streckt das Ganze auf mehrere Teile.

Vorbild: W. Höllriegl. Er schrieb 1978 im Profil eine 3-teilige Serie über Prostitution. Hervorragend geschrieben, doch das ist nicht das Thema. Werfen wir den Blick auf die Gestaltung: Teil 1 – Geschichte der Prostitution seit der Antike. Teil 2 – Die Hure. Teil 3 – Der Freier.

5. Ausbau der Gerichtsberichterstattung. Da läuft man bei mir offene Türen ein. Warum wäre das wichtig? Zum einen zeigt sich in der Gerichtsdramaturgie vieles, wie der kollektive Staat mit dem Individuum umgeht. Da braucht man wenig Begleitsoziologie – die „grellsten Erfindungen sind Zitate“ würde Karl Kraus sagen.

Zudem ist „Kriminalität“ ein Quotenschlager. Das merkt man derzeit vor allem im Fernsehen, wo jeden Abend das Thema auf kreative Weise abgehandelt wird. Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht kriminell ist. Oder: Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht von Kriminalität betroffen ist. Mir wurde zum Beispiel seit 1998 das vierte Fahrrad vor meinem Haus gestohlen. Das letzte am 31. Mai. Kriminalität ist immer und überall. Sie schläft nicht und kann jeden betreffen. Es ist das Menschheitsthema schlechthin und interessiert die Leute. Das ist gut für Leute, die Zeitungen machen.

Die Themenbandbreite ist sehr groß, abendfüllend und hebt auf jeden Fall die Quote.

Ich empfehle auch kürzere Berichte aus dem Segment, denn es muss nicht immer der große Hintergrundartikel sein.

6. KULTURA: Ich bin natürlich für viel Kultur in einer Zeitung. Aber eine Zeitung, die nur Kultur bringt, ist bald eine „Kulturzeitung“. Und da brauchen wir von Auflagensteigerung nicht mehr reden!

Der AUGUSTIN soll Buchbesprechungen und Theaterkritiken bringen, aber nicht nur, sonst ist es nicht mehr der AUGUSTIN, sondern Morgen, NÖ. Kulturberichte, OÖ. Kulturbericht, Kolik, Kursiv und wie sie alle heißen.

Hauptproblempunkt, der zu bedenken ist: „Wer in Bewegung ist, liest nicht gerne den langen Kulturessay.“ Vertriebsachse „Kolportage“ weist auf Bewegung hin. Wer von einem Kolporteur kauft, ist in BEWEGUNG. Den Kulturessay liest man im Ohrensessel, in einem angenehm eingerichteten Arbeitsplatz, auf der Couch, nicht aber in der Straßenbahn oder im Zug. Der typische AUGUSTIN Leser kommt für mich aus dem unteren Mittelstand oder Mittelstand.

Denken wir an die Pendler, die nach NÖ hinausfahren und den Augustin am Bahnhof kaufen. Die wollen etwas lesen, das mit dem Leben und Lebensraum zu tun hat. Bedienen wir das!

Ich glaube, wer kritische Öffentlichkeit erzeugt, hat die Öffentlichkeit auf seiner Seite.

Man muss Themen nicht nur „machen“, sondern auch weiterverfolgen und beizeiten wieder aufgreifen!

Aktueller werden!

Frühes „Profil“ (70er Jahre) – Ich höre immer wieder: So kann man heute nicht mehr Journalismus machen. Die Zeiten habe sich geändert. Das ist Unsinn: Nicht die Zeiten haben sich geändert, sondern die Medien. Die Probleme der Menschen blieben gleich.

[Oswald – 7. Juni 2004, 19 Uhr 25]

Marcus J. Oswald (Ressort: Reminiszenzen, Konzepte)

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