Medien und Kritik – Das Online Magazin

Kronen Zeitung geht die Muffe – Sie verschenkt ihre Abendausgabe

Posted in Kurioses, Print by Pangloss on 20. Juni 2011

Seit einer Woche verschenkt die Kronen Zeitung vor U-Bahnstationen durch weibliche Verteiler mit Umhängetaschen die Abendausgabe vom folgenden Tag gratis. Damit versucht man in den Gratisabsatzmarkt einzudringen, der bisher in Wien von Heute und Österreich besetzt wird. (Foto: Abendausgabe 21. Juni 2011, gratis erhalten am 20. Juni 2011 bei Station Friedensbrücke; Bearbeitung/Repro: Oswald))

(Wien, im Juni 2011) Für Touristen ist die Aktion sicher nicht gedacht. Denn diesen ist die „Kronen Zeitung“ egal. Tatsache ist, dass seit einer Woche die Abendausgabe (Frühausgabe des folgenden Tages), die sonst bei den gelben Kolporteuren an Straßenkreuzungen und an U-Bahnabgängen um 1 Euro verkauft wird, von der „Kronen Zeitung“ verschenkt wird.

Man kann das nur so deuten, dass der „Kronen Zeitung“ die Muffe geht. Denn der Werbespruch, der auf den Umhängetaschen der meist blonden Damen steht, kommt sehr bekannt vor: „Die Krone von Morgen schon heute gratis.“ Der Werbespruch der halben Konkurrenzzeitung „Heute“ lautet bekanntlich: „Kein Morgen ohne Heute“. Die Rivalität wird nun gelebt. Bisher hieß es: „Heute“ gehört die U-Bahn, „Krone“ die Straße. Offenbar will die „Krone“ nun auch die Wiener U-Bahn erobern, die laut Geschäftsbericht 2010 mit fünf Linien durch 101 Stationen 534 Millionen Fahrgäste trug. Auf den Sitzbänken der U-Bahnzüge dominieren die Gratiszeitungen „Heute“ und „Österreich“. Weit und breit keine „Krone“, die im öffentlichen Raum den Anspruch zu verlieren droht, die Nummer 1 von Wienerwald unter den Tageszeitungen zu sein.

Großfamilie erweitern

Die „Kronen Zeitung“ hat 670.000 zahlende Tagesabonnenten. Das sind Leute, die einmal im Jahr 230 Euro zahlen und täglich die „Krone“ auf die Fußmatte bekommen. Das ist der harte Kern der Krone-Großfamilie. Ihr Geld ist für den Zeitungskonzern eine sichere Einnahme. Der Rest kommt aus dem Einzelverkauf (Kolportage, Trafik). Ein großer Teil macht die „Abendausgabe“ aus, die bereits um 18 Uhr bei den Kolporteuren zum Kauf aufliegt. Die Abendausgabe hat teilweise ein anderes Cover und andere Inhalte als die Tagesausgabe. Bei ihr ist um 13 Uhr 30 Redaktionsschluss, bei der anderen um 17 Uhr.

Kronen Zeitung seit einer Woche im Gratissegment aktiv

Neu ist, dass die „Kronen Zeitung“ nun ins Gratiszeitungssegment hinunter steigt und die Abendausgabe palettenweise verschenkt, wie das seit einer Woche an den Plätzen Karlsplatz (U-Bahnbereich), Volkstheater (U-Bahnbereich), aber auch Friedensbrücke ((U-Bahnbereich) der Fall ist. Auch der Aufdruck „Gratis“ fehlt nicht. Auf jeden Fall eine neue Entwicklung. Nun verschenken in Wien schon drei Zeitungen ihre Arbeit: Heute, Österreich und auch die Krone.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Kurioses)

Wolfgang Höllrigl wird Österreich verlassen und dann bei HEUTE dienen

Posted in Heute, Print by Pangloss on 8. Juni 2011

Sitzt seit 1. September 2006 als Spielführer (Kapitän) am Chronik-Ruder der Zeitung Österreich. Verhandelt derzeit einen Wechsel zur Zeitung Heute: Wolfgang Höllrigl, 57.

(Wien, im Juni 2011) Der Mann ist 57 Jahre alt, mit allen Wassern gewaschen und von allen Wassern geheilt. Er hat eigentlich nichts gelernt, ist seit seinem 20. Lebensjahr Vollblut-Reporter und mischte daher seit 1975 immer in (damals) interessanten Medien mit. Später, seit den frühen 80-er Jahren, an vorderster Front.

So ist das: Manche sind im Medienbereich geborene Hilfsarbeiter und bleiben es ein Leben lang, weil sie hilfsbereite Menschen sind. Andere sind die geborenen Vorarbeiter auf den Großbaustellen des Weltgeschehens. Wolfgang Höllrigl ist der geborene Polier. Seit dreißig Jahren „schupft“ er Medien, handelt sich stets gute Verträge aus, hat aber, obwohl Polier und Führungsspieler, nie aufgehört, selbst zu schreiben.

Das ist das Geradlinige an ihm, das vielen Journalisten heute fehlt. Die Schlimmsten im Mediengewerbe sind ja die „non-writing“-Führungspersonen. Das sind die, die man meist im Anzug (zumindest: Anzughose) sieht. Die sich kaum von einem Trader der Unicredit-Bank unterscheiden, die zu Medienkongressen fahren und dort mit am Nacken festgeklebten, hautfarbenen Mikros dem Publikum das Medienmachen erklären. Die die „Moral“ hochleben lassen – und im Kongresshotel mit der Assistentin schnackseln. Das sind die Schlimmsten, denn sie haben die Gabe andere zu täuschen, um ihren Mehrwert zu holen. Diese Leute reden über Journalismus, ohne in ihrer ganzen Karriere einen geraden Satz geschrieben zu haben. Auch nicht im Bewerbungsschreiben. Denn sie bewarben sich nicht. Vitamin B reichte.

Drei Jahrzehnte Schreibleistungen

Wolfgang Höllrigl ist derzeit noch Chronik-Chef der Zeitung „Österreich“. Er wird aber zur Zeitung „Heute“ wechseln. Derzeit „verhandelt“ er. Und er muss gut verhandeln. Er ist 57 Jahre alt. Das Phänomen seiner Leistung besteht in der langen Wegstrecke, die er zurückgelegt hat. Erinnert man sich an seine frühesten Leistungen zurück, waren das tatsächlich Schreibleistungen.

Seine frühen Artikel 1976 im „Profil“ gehören zum Aufregendsten, was je in Österreich geschrieben wurde. 1978 trat er, damals schon beim „Kurier“, unbeugsam eine Polizeiaffäre rund um den Fall Heinz Bachheimer los (der soll von der Polizei verschont worden sein und habe den Polizeifunk abgehört.) 1979 war er im Gründungsteam des WIENER (Monatsmagazin der GGK rund um Hans Schmid), das er in über zehn Jahren Chefredaktion zu einer Perle großstädtischen, unangepassten Recherchejournalismus machte. So manche Artikel zogen Klagen nach sich, was auch zeigte, dass man sich bemühte. Danach war er bei Schilling-Milliardär Kurt Falks „Ganze Woche“ engagiert und etwas später, um 1997, sollte er für Falks „Täglich Alles“ 12 Geschichten pro Monat schreiben, für die satte Gage von etwa 180.000 Schilling monatlich (kolportierte Summe). Danach wurde er rund fünf Jahre Chefredakteur des ORF-Fernsehmagazins „Vera“, der Nachfolger von Wolfgang Prinz. Ab 2005 war er im Projektteam rund um die Tageszeitung „Österreich“ dabei, die am 1. September 2006 startete. Der ehemalige Kettenraucher, der gesundheitlich fit ist, aber kaum mehr auf Festen zu sehen ist und leiser tritt, betreut das Herzstück der Tageszeitung: Die Chronik.

Seit dreißig Jahren im „Blood ’n‘ Crime“-Sektor

Jeder, der ihn kennt, fragt sich: Wie kann man dreißig Jahre lang im Sektor „Blut und Blech“, also im Mediensektor „Sex, Crime, Gewalt, Gericht“ arbeiten, ohne selbst daran zu Schaden zu nehmen? Wie schafft man es, so lange Zeit Schlagzeilen zu den abnormsten Ereignissen des Lebens zu produzieren? Die Antwort darauf ist: Professionalität. Diese Haltung schafft Distanz und Freude durch sprachliche Nähe.

Der Autor dieser Zeilen schrieb einmal über ihn: „Er ist ein „Geschichtendenker“. Er gehört zu einer Generation Journalisten, die eine Geschichte noch durchdenken, bevor sie den ersten Satz schreiben. Und wenn sie den ersten Satz geschrieben haben, kennen sie den letzten schon. Solche gibt es wenige.“

Erkennbarer Stil

Das Bauprinzip ist erkennbar. Man erkennt seinen Stil, ohne seinen Namen zu lesen nach drei Sätzen. Es sind etwas längere Sätze, etwas mehr färbende Eigenschaftswörter, kompaktere Absätze. Es ist der alte Nachrichtenmagazinstil der 70er-Jahre, den er nicht verlernt hat und der immer wieder durchscheint.

Auch wenn es in „Österreich“ war. Das Projekt „Österreich“ sollte ein neues Projekt werden und es erfüllte die Erwartungen nicht. Höllrigl war nun fünf Jahre dabei und das neue kommende Projekt in Wien ist die Zeitung „Heute“. „Heute“ gewinnt allmählich an Struktur und wird nach und nach eine richtige Zeitung. Aus der ehemaligen „U-Express“ des seligen Hans Dichand entsprungen, findet man dort Gefallen daran, dass man an Reichweite, Tagesleser, Zugreifer, Hineinschauer schon gut und gern 800.000 Personen täglich erreicht. Das war vor zwei Jahren noch nicht so. Mit diesem Potenzial wächst das Selbstvertrauen, dass die Richtung der Zeitung stimmt.

Rahmenbedingungen bei „Österreich“ wurden schlechter

Höllrigl ließ schon vor einem halben Jahr durchklingen, dass er bei „Österreich“ aufhören wolle. Entgegen der Berechnungen von Focus Marketing Research, die „Österreich“ hohe Umsatzzahlen attestiert, hat er den Eindruck, dass redaktionell gespart wird, was die Qualität der Arbeit drückt. 2010 verließen einige Journalisten „Österreich“ (etwa Florian Lems) und es wurde in Schlüssel-Ressorts nicht in adäquater Qualität nachbesetzt. Das „Chronik“-Ressort ist ein Schlüssel-Ressort: Es ist jener Teil, der das pralle Leben der Ungemütlichkeiten umfasst, nämlich das Exekutiv- und Justizgeschehen, die Verbrechensthematik in der ganzen Breite und es ist ein zentraler Bestandteil jeder Massenzeitung. Umfragen ergeben seit Jahrzehnten, dass das (nach dem Sport) der meistgelesene Teil einer Tageszeitung ist. In diesem Schlüssel-Ressort hat „Österreich“ den Instinkt verloren und gespart. Helmut Fellner ist ein Typ Herausgeber, der offen sagt, dass in seiner Zeitung nicht über Kindesmissbrauch und Vergewaltigung und entsprechende Justizfälle berichtet werden darf. Weil er es nicht will.

„Heute“ hingegen will aufrüsten. Eva Dichand sucht derzeit Mitarbeiter in den Bereichen „Kultur“, „Chronik“. Sie wird auch in den Bereichen „Politik“ ausbauen müssen, da Wien der Wasserkopf Österreichs mit dem meisten politischen Geschehen ist. Will man es Tag für Tag, Woche für Woche seriös und solide abdecken, braucht man Personal.

Qualität und Umfang von „Heute“ stiegen

Der Umfang der Zeitung „Heute“ wuchs in den letzten Monaten merklich an. Es wurde seitenstark. Bald wird es eine richtige Zeitung. Noch keine Londoner „Times“, aber vielleicht eine bessere, jüngere „Kronen Zeitung“. Erste Anzeichen gibt es und es braucht noch etwas Zeit.

Wolfgang Höllrigl ist bald 58 Jahre alt. Als Journalist wird er nie aufhören. Er ist einer, der mit 70 noch im Gerichtssaal sitzt. Einer, der darauf vertraut was er sieht und glaubt, dass der Satz von Matt Drudge richtig ist (ein Amerikaner), der einmal sagte, dass Journalisten nicht im Anzug spazieren gehen sollten, sondern „dahin gehen müssen, wo es stinkt.“ Auch wenn man Geruch in einer Zeitung nicht vermitteln kann. Den Leser interessiert, wo es stinkt und warum. Alles andere steht zwar auch in der Zeitung: Das nennt man aber Lobbying und PR.

Fehlt noch Heinz von Saanen für Ressort Wirtschaft

Im übrigen: Mit dem neuen Chefredakteur (Politik) Wolfgang Ainetter hat sich die Zeitung „Heute“ verbessert und versachlicht. Mit Wolfgang Höllrigl als Chronik-Leiter würde ein weiterer inhaltlicher Schub folgen. Dann müsste die Verlegerin Eva Dichand nur noch Heinz van Saanen als Leiter des auszubauenden Ressorts Wirtschaft engagieren und das Dream Team an erfahrenen Leitungskräften wäre perfekt. Das wären die Poliere auf der Hochbaustelle „Heute“. Die Arbeit machen ohnehin die Hilfsarbeiter.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Heute)

Brief an Eva Dichand von Marcus J. Oswald

Posted in Briefe, Hinaus by Pangloss on 25. Februar 2011

(Wien, im Februar 2011) Diese Tage schickte der Herausgeber dieser Seite wieder einmal Briefe aus. Es ging darum, ob man im Sinne der Ökonomie die laufenden Anwesenheiten im Landesgericht Wien nicht nutzen wolle. Im Sinne der Ökonomie wurde mit einem bodenlosen Dumping-Tarif angeboten, vier Mal in der Woche für die Zeitung „Heute“ Gerichtssaalberichte zu schreiben. Der Brief wurde am 20. Februar 2011 an die Herausgeberin der Wiener Tageszeitung Dr. Eva Dichand abgeschickt. (Update, 3. April 2011: Bis heute noch keine Antwort.)

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Heute / AHVV Verlag
Dr. Eva Dichand
Herausgeberin
Ö3-Haus
Heiligenstädter Lände 29
1190 Wien

Betrifft: Gerichtssaalberichte + Fotos

Sehr geehrte Frau Doktor!

Der Grund meines Briefes ist ganz einfach und unkompliziert wie pragmatisch. Ich sprach das in kurzen Gesprächen mit dem einen oder anderen Ihrer früheren oder aktuellen Mitarbeiter schon manchmal beiläufig an.

Ich bin in den letzten fünf Jahren (österreichweit, Schwerpunkt Wien) bei rund 300 Strafprozessen gewesen, kenne am Landesgericht Wien viele Leute, es ist übertrieben zu sagen „jeden“, aber ich kann mittlerweile nach einer so langen Zeit des Zuhörens und Beobachtens von Strafprozessen sagen, dass ich gut 150 Personen im Landesgericht (sagen wir Hälfte Anwälte und Hälfte Richter/Staatsanwälte) vom Gesicht her und mit vollem Namen kenne. Durch meine doch sehr zahlreiches Auftreten als Zuhörer, oft ganz allein im weiten Gerichtssaal, kennen auch mich viele.

Ich würde noch nicht sagen, dass ich zum „Strafgerichts-Inventar“ gehöre, dazu braucht es noch fünf weitere Jahre. Aber es ist genug Wissen da, dass ich mich blind und locker durch die Materien und Grauslichkeiten, die man zu Hören bekommt, navigieren kann.

Hätten wir in Österreich eine BILD-Zeitung, würde ich nun dorthin schreiben, weil es im Leben immer einen Zeitpunkt gibt, der gut ist. Man hat genug Erfahrung gesammelt, ich habe rund 7 Millionen Zeichen Text produziert, mich im Internet ausgetobt, viele allzu lange Abhandlungen zu Justiz/Justizpolitik/Strafprozessen und dergleichen geschrieben. Gehen wir davon aus, dass 2 Millionen Mist und Fehleinschätzung waren, Irrtum und Unsinn, den ich mir geleistet habe, kann ich für 5 Millionen Zeichen Text gerade stehen.

Kurz fassen

Es ist für mich nun die Zeit gekommen, dass ich mich wieder kürzer halte. Daher hätte ich Lust und Laune, mit meiner Landesgerichts-Insider-Kenntnis und abwesenden Scheu, bei Prozessen auch allein als Zuhörer zu sitzen, Berichte vom Strafgericht in der Länge (maximal) 1.000 Zeichen zu schreiben.

Ich bin in einer guten Woche bis zu vier Mal im Strafgericht. Ich fokussiere mich schon um 8 Uhr früh darauf, fahre mit dem Rad (ich fahre immer mit Rad, auch im Winter) hin, umgehängt eine Fototasche und einen Rucksack mit Schreibzeug, betrete um 8 Uhr 45 das Gericht und verlasse es meist erst gegen 11 Uhr 30 wieder. Die Themen liegen im Gericht, meist lasse ich mich überraschen oder entscheide spontan, in welchen der 33 Verhandlungssäle ich gehe.

Die spontane Entscheidung hat sich immer am Besten bewährt. Man kann das wenig planen. Die „aufgelegten“ Fälle der sogenannten Staranwälte (die „12 Zwerge“, also die „Top 12“ vom Grauen Haus) heißen meistens nichts. Um das einzuschätzen, muss man diese Anwälte kennen. Rudi-Mayer-Fälle sind meiste „Geständnis“-Fälle, dann werden alle 30 Zeugen weggeschickt, ohne dass sie aussagen. Tomanek-Fälle sind primitiv und wortkarg, er schnapst das Ergebnis im Vorfeld aus und sitzt die Zeit ab. Friis-Fälle waren kriminologisch hochspannend, bis zu seinem Psychiatrieaufenthalt. Seither ist er zum Vergessen. Christian Werner-Fälle sind uninteressant, ein eitler Pfau, der sich auch dann noch als Gewinner verkauft, wenn sein Mandant 12 von 15 (möglichen) Jahren Haft bekommt. Man muss bei den Strafverteidigern vorsichtig sein, bei den Pflichtverteidigern sowieso. Es gibt einige Strafverteidiger am aufsteigenden Ast, die wirklich etwas von der Kunst der Strafverteidigung verstehen. Doch das ist nicht das Thema dieses Briefes.

Ich sagte oben, dass ich Lust hätte, wieder mehr im knappen, gedrungenden Stil zu berichten. Keine 0815-Berichte, sondern Berichte, die sich die Anwälte einrahmen und in der Kanzlei aufhängen können. Also die umgelegte Kunst, auf wenig Platz viel zu sagen. So wie Jannée in seiner besten Zeit. Es ist letztlich egal, ob man über Society schreibt oder über das Strafgericht. Promis und Möchtergerns gibt es hier wie dort.

Wenn ich am Strafgericht bin, bin ich immer alleine da. Ich harre aus und halte die Stellung. „Österreich“ hat kein Personal, Manfred Seeh von der „Presse“ ist meist nur 30 Minuten im Gerichtssaal, raschelt mit irgendwelchen Zetteln, geht nach einer halben Stunde wieder und schreibt seine Spalte. Die „APA“ (Stefan Sonnweber) kommt zu einer Zeugenaussage und geht wieder. So sehen die Berichte aus. Sehr fragmentarisch. Leute von „News“, „Profil“ sind nie da. Roman David-Freishl vom „Standard“ selten. Florian Klenk im übrigen nie, obwohl er sich als der große „Justizjournalist“ stilisiert. Mag er sein. Jedoch „vom Schreibtisch“.

Ich halte es so (als früherer Theaterkritiker): Im Theater kann ich auch nicht zu spät kommen und früher gehen. Das konnte vielleicht Ikone Franz Endler (ehemals „Kurier“, verstorben) so tun. Er saß im „Volkstheater“, wo ich in den 90-er Jahren „nur“ in der achten Reihe die Freikarte hatte, sogar in einem Extrastuhl im zentralen Mittelgang des Parterre, sodass sein „Früher-Weggehen“ und „Kommen-Nachbelieben“ nicht auffliel. Ich hingegen kam immer zeitgerecht und blieb bis zur bittersten Neige. So mache ich es auch bei meinen Gerichtssaalbesuchen. Vom Eröffnungswort bis zum Schlußplädoyer. Es ist wie in der Kirche, wo es auch erst zum krönenden Abschluss das Essen gibt.

Der Vorschlag

Was kann ich vorschlagen? Wenig Konkretes, denn ich arbeite eher intuitiv. Das aber mit Nachdruck und konsequent. Vor allem: Konstant und gleichfömig.

Ich könnte mir vorstellen: Ich strecke im Landesgericht Wien, dem größten Strafgericht meine Fühler nach interessanten Fällen aus. Oft sind die „kleinen Causen“ die eigentlich lebensnahen, interessanten: Die Stalking-Fälle, die Missverständnisse, die Zumutungen, die Wirtshauspicksereien, die Racheakte mit plattgemachten Autoreifen, Vandalenakte und so weiter. Die „große Kriminalität“ mit dem großen „Masterplan“ gibt es nicht.
Auch bei den sogenannten „75-er-Geschichten“ (Mordvorwurf) muss man Bescheid wissen, wenn die abgeschwächte Form angeklagt ist und am Programmzettel steht: „15,75“. Nur der „Versuch“. Opfer hat überlebt, ging nicht über den Jordan. Oft eine Rauschgeschichte, in der Messer im Spiel waren. Oft: Komplett uninteressant. Wie gesagt: Die anderen Sachen, Seriendiebe, Jungdealer, Jugendkriminalität, KIPO (Kinderpornografie), diese Dinge, die Leser eine Massenzeitung moralisch aufstoßen, sind oft interessanter als Ehestreits, bei denen einer den anderen in den Bauch sticht.

Der Handel mit der Ware, den ich betreibe, ist die Suche nach der Moral hinter der Geschichte. Man muss sie suchen, kann als Gerichtsbeobachter aber nichts verändern. Man kommt zu einem Fall, weiß manchmal Anhaltspunkte aus Vorgesprächen, hört und sieht dann vier, fünf Stunden alle Betetiligten reden, es gibt ein Urteil, man geht wieder nach Hause und kann nichts verändern. Gerichtsberichterstattung ist illustrativ. Sie sollte aber nicht voyeuristisch oder plump sein. Dazu braucht es Erfahrung. Man darf sich weder mitreissen lassen, noch abstumpfen. Sie sollte einen wahren Kern der Geschichte, einen großen gemeinsamen Nenner erkennen, den jeder versteht.

Im Wesentlichen geht es beim Strafgericht um: Die menschliche Schwäche. Wir leben in Wien und wir sollten das „Wienerische“ nicht aus den Augen verlieren. Der Wiener geht mit der menschlichen Schwäche nicht brutal um, wenn der Beschuldigte etwas darlegen kann.

Die Justizberichterstattung der „Krone“ ist eigentlich schwach (gar schwächlich: Gabriela Gödel; viel besser: Peter Grotter, wir grüßen uns oft und reden am Gang; er ist ein sehr höflicher, korrekter Mensch). Auf dem engen Raum der Gerichtsseite der „Krone“ erkennt vor allem Grotter, dass man doch etwas erzählen kann. Ein kurze Duftnote geben, wer Wer ist, ob der Angeklagte gefährlich ist oder nicht. Zwischen den Zeilen lässt sich etwas in wenigen Worten vermitteln.

Ich will mich kurz halten. Was ich vorschlagen kann, falls es von Interesse ist: Berichte in Länge von 1.000 Zeichen. Also ein sehr kleines Format.

Da ich vier Mal in der Woche im Gericht bin, aber noch nicht zum Inventar gehöre, daher den Blick von Außen halte, wäre dieses möglich: 4 x 1.000 Zeichen. Alternativ 6 x 1.000 Zeichen (zwei zum Wegwerfen, weil sie thematisch ev. nicht passen oder nicht gefallen)

Meine Leistung: Knappe Überschrift, gute Einleitung, Fließtext. Alles knapp, aber exakt und inhaltlich korrekt. Nicht stumpf wie in der „Salzburger Nachrichten“, nicht oberflächlich wie in der „Wiener Zeitung. Mit „Name und Adresse“, um Brecht zu zitieren, konkret am Punkt, für ein Laienpublikum lesbar und von Interesse. Nicht über-, nicht unterfordernd. Die Gratwanderung also, die Boulevardjournalismus braucht.

Da ich immer eine Fotokamera im Gericht dabei habe, kann ich bei wesentlichen Fällen auch Fotos mitliefern (nur ein Foto). Bei Fotos gibt es am Strafgericht eine stille Übereinkunft in der familiären Berichterstatterszene:

a. Kein Foto: Bei Strafen unter 3 Jahren (oder Freisprüchen).
b. Foto mit Augendeckel: Bei höheren Strafen, so noch nicht rechtskräftig.
c. Vollfoto (sichtfrei): Bei hohen Strafen (15 Jahre, 20 Jahre, Lebenslang), wo man weiß, dass in der Instanz ganz sicher nichts „runtergeht“. Wo das Urteil also hoch bleibt.

Ich bin kein Paparazzi. Denn ich habe vor der Institution Strafgericht Respekt. Daher wüte ich nicht im Gerichtssaal, sondern mache das, was fotografisch im engen Spielraum geht. Das muss man immer einschätzen können: Welcher Richter ist da, welcher Angeklagter? Die Lichtsituation im Haus ist äußerst schwierig (alles Neon und Kunstlicht), dazu niedere Decken, die das Blitzlicht vervielfachen. Dazu hat man ständig bewegte Motive (Angeklagte, die schnellen Schrittes kommen oder abgeführt werden, also „in Bewegung“ sind). Fotografisch ist das äußerst schwierig. Zudem kommt hinzu, dass viele Unbeteiligte am Gang im Bild sind, die das nicht wollen. Und so weiter. Ich überlege schon seit Monaten nach idealen Lösungen. Es kommt aber immer auf den Augenblick an. Man kann am Strafgericht nicht sagen, man kann immer fotografieren.

Ich bin nun seit fünf Jahren dort, habe einige Freiheiten erreicht, ich kann es aber trotzdem nicht überreizen. Denn ich bin eben bis zu vier Mal in der Woche dort. Ich kann nicht die Anwälte wild abblitzen und danach sitze ich mit ihnen im Caféhaus des Gerichts beisammen. Das Thema Fotografieren im Gericht ist ein weites Feld.

Berichterstattet hingegen darf alles werden. Wort schlägt Bild bei Gericht. Es ist oft auch im Sinn der Anwälte und ich erfülle deren geschäftstüchtigen Wunsch dennoch oft nicht. Ich kenne diese „Ohrenflüsterer“, die sich medial positionieren wollen. Es geht immer um eine eigenständige, neutrale Position. Im Mittelpunkt steht der Fall und der Mensch, nicht der Anwalt, der um Klienten buhlt.

Also mein Vorschlag zusammenfassend:

Umfang: 4 – 6 Beiträge pro Woche zu je 1.000 Zeichen.

Kosten: 50 Euro pro Beitrag.

Ergänzung: Foto bei Bedarf zum Fall und wenn möglich, nur optional

Kosten: 40 Euro pro veröffentlichtes Bild (optional).

Keine Namensnennung, auch nicht mit Akronym. Beiträge nur ohne Namensnennung oder unter einem „Spitznamen“.

Lieferung: Per Email an einen Kontaktredakteur aus Ihrem Haus.

Kein Sachaufwand. (Vielleicht einmal später; ein besseres Kameraobjektiv, oder so)
In Summe kommt man nicht mehr als auf 800 – 900 Kosten für Sie im Monat.

Adel stirbt aus

Für mich ist das die Grenze, die interessant ist, da ich derzeit zwar in einer Art aristokratischem Nichtstun lebe.

In meinem Wohnbüro stehen Computer, Scanner, Bildschirm. Ich brauche nirgends einen Arbeitstisch. Ich weiß auch so, was zu tun ist. Vormittags bin ich ohnehin am Gericht, wo ich auch zu Mittag in der Kantine esse. Danach bin ich am Rechner und damit „am Damm“.

Falls Sie Interesse an Berichten in äußerst knapper Länge aus dem größten Strafgericht Österreichs (LG Wien) vom Insider haben wollen, lassen Sie es mich wissen.

Telefonisch bin ich schwer erreichbar, ich bin kein großer Telefonierer. Ich habe nur ein eher altes Handy. Man müsste sich hinarbeiten: Per Email (marcusjoswald@live.at) oder mit Brief. Ich bin nur an der Sache interessiert, nicht an Posten, nicht an Verdienst, nicht an Schnickschnack.

Ich habe für Treffen wenig Zeit: Ich hänge in meiner Arbeit tief verwickelt. Ich will mich nicht ablenken oder zerstreuen. Wie gesagt: An einem besseren CANON-Objektiv wäre ich schon einmal interessiert, es wäre nützlich. Das schrieb ich aber auch schon Herrn Mateschitz. (Als er damals die F1 gewann, schrieb ich ihm, dass ich Interesse an einer NIKON hätte. Und zwar an der Besten, weil man nur einmal lebt: D3X!) Man kann sich denken: Er schrieb nicht einmal zurück. So ist das.

Man kann nicht alles haben. Deswegen gehe ich fast täglich aufs Landesgericht. Zu meiner Medidation.

Mit freundlichen Grüßen

Marcus J. Oswald (Ressort: Briefe, Hinaus)

Nationalrat Erwin Hornek und Zeitung HEUTE haben sich nicht geeinigt

Posted in Heute, Medienrecht, Print by Pangloss on 28. Oktober 2010

Am Ende glühten seine Ohren feuerrot. Die Vergleichsgespräche mit der Zeitung HEUTE dauerten 67 Minuten. Dann wurde ergebnislos vertagt. Die Sache mit der Ehekrise und Berichten Ende 2009 ist noch nicht vorbei. (Foto: Oswald)

(LG Wien, am 28. Oktober 2010) Der Berichterstatter hatte heute Pech und dieses Pech will kurz geschildert sein, ehe es zum eigentlichen Bericht geht. Der Berichterstatter ist 20 Stunden wach, ehe er um 11 Uhr beim Saal 208 des Landesgerichtes Wien ankommt. Lange Wachzeiten rühren nicht von Vielweiberei, sondern von aktuell erhöhtem Arbeitsaufwand. Es ist so. Mit 20 Stunden in den Beinen ist man etwas müde, aber gelassen. Daher nimmt man das Folgende in einer erwartungslosen Gegenwärtigkeit und sehr gelassen hin.

Das erste was der Anwalt des ÖVP-Nationalrates Erwin Hornek, der Medienrechtsexperte Gottfried Korn beantragt, ist den Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit ist ohnehin klein. Ein Mann hoch, der Berichterstatter. Die Richterin ist neu. Am Landesgericht Wien tummeln sich derzeit eine Menge neue Richterinnen und Richter: Mag. Nicole Baczak ist brandneu. Sie ist gewillt die Mini-Öffentlichkeit auszuschließen und tut es. Natürlich ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ angesprochen. Fraglos gibt § 8 Abs 3 Mediengesetz diese Möglichkeit. Doch muss man es auch tun? (Sie muss, weil in einem Parallelverfahren Hornek gegen Österreich der OGH festgehalten hat, dass es „höchstpersönlicher Lebensbereich ist“. Daher muss sie sich – systemimmanent – daran halten.)

Rechte der Öffentlichkeit als Kontrollinstanz eingeschränkt

Festhalten muss man aber dürfen, dass Erwin Hornek seit zehn Jahren Bezirksparteiobmann der ÖVP im Bezirk Waidhofen an der Thaya ist. Es ist exakt auf den morgigen Tag (seit 29. Oktober 1999) elf Jahre Nationalrat im Hohen Haus und damit einer von 183 Repräsentanten Österreichs, die für viele sprechen und Gesetze machen. Alleine aus diesen Gründen ist eine besondere Frage, wie besonders integer ein Mandatar ist, wenn er nach dem Stufenbauprinzip der Gesellschaft „repräsentativ“ für eine große Wählergruppe aus seinem Wahlkreis im Parlament spricht und arbeitet.

Trotzdem folgt die junge Richterin Nicole Baczak dem Prinzip der Worte der Höchstinstanz, dass höchstpersönliche Lebensbereiche erörtert werden (Familienzwist und außereheliche Eskapaden), und diese schützenswert auch für einen ÖVP-Bonzen sind. Sie schließt die Öffentlichkeit aus. Sie hemmt damit die Kontrollinstanz der Öffentlichkeit (Watchdog) als hohes Gut einer offenen Wertediskussions-Gesellschaft. Das „Ausschließen“ geschieht viel zu oft am Landesgericht Wien, fast reflexhaft und das ist schade. Es sichert – im gegenständlichen Fall – die Macht derer ab, die vom Steuergeld bezahlt werden (Hornek ist seit elf Jahren im Nationalratssold, daneben Bürgermeister einer Marktgemeinde, daneben Bezirksparteiobmann, kommt also auf gut 15.000 Euro Bruttoverdienst aus Steuergeld) und lässt nichts darüber berichten, was nicht private Sache ist, sondern Prüfstein, ob ein solcher der Richtige ist, dass er mit öffentlichem Steuergeld aus Nationalratskassen und Parteikassen Berufspolitiker sein darf. Der Berichterstatter frägt die Richterin, wie er das immer tut, wenn ausgeschlossen wird: „Rufen Sie zum Urteil auf?“ Sie bejaht. Der Berichterstatter wartet dann eine Stunde und 7 Minuten geduldig und alleine auf der Holzbank am Gang. Warten gehört zum Prozedere beim Gerichtssaalbericht. Man nimmt es medidativ. Dann endet der Leerlauf, die Tür geht auf und alle huschen geschwind heraus und weg. Es wurde nicht aufgerufen. Zu berichten gibt es daher: nichts.

Der Schnäuzer ist ab

Worum es ging, war dies: Der 51-jährige Erwin Hornek ist umtriebig. Er ist Multifunktionär: Bürgermeister der Marktgemeinde Kautzen von 1990 bis 2010, Gemeindeparteiobmann der ÖVP Kautzen seit 1990, Bezirksparteiobmann der ÖVP Waidhofen an der Thaya seit 2000, Nationalrat seit 1999. Doch das sind viele und nicht deshalb berichtete die Tageszeitung „Heute“ über den Mann, der auf den Fotos der Parlamentswebseite Schnauzbartträger ist. Der Schnäuzer ist mittlerweile ab. Die Berichte, die rund um Sylvester 2009 die Öffentlichkeit erschütterten und sogar die Frauenhausbewegung als Hüterin der Opfer gegen Gewalt auf den Plan rief, drehten sich um anderes: Im Hause Hornek hänge der Haussegen schief, hieß es. Es war von drei Dingen die Rede. a. Ein Seitensprung des Multifunktionärs, den er angeblich nie bestritt. b. eine eingereichte Scheidung der Ehefrau wegen des Seitensprungs, die er nicht bestritt. c. Hiebe für die Ehefrau, weil sie die Scheidung einreichte, die er bestritt.

Große Aufregung um Sylvester 2009

Die allseitige Aufregung war groß. Nicht nur im christlichen Abendland Niederösterreich. Sondern auch im politischen Machtzentrum Wien. Kann es sein, dass ein Mandatar und Vorbild für die Gesellschaft gegen die Ehefrau losgeht? Es rotierten wilde Gerüchte. Eines hieß: Es gab Verletzungen. Eines hieß: Es gibt Anzeigen nach Körperverletzung gegen den Multifunktionär und Nationalrat. Dann folgten Erklärungen: Die Frau sei ausgerutscht und von selbst gegen einen Türstock gefallen. Dann der Neujahrsfriede: Ende gut, alles gut. Es gibt keine Strafverfolgung, da keine Häusliche Gewalt war. Es war ein Unfall. Die Strafanzeige wurde von der Staatsanwaltschaft Krems – nach Vorlage beim Justizministerium, immer, wenn ein Mandatar angeklagt werden soll – nach umfassender Prüfung eingestellt. Das ist der Ist-Stand. Kein Strafprozess. Die Kurve ist gekratzt.

Die Zeitung HEUTE war auf einen Vergleich aus, der Nationalrat, Bürgermeister und ÖVP-Multifunktionär will den Machtkampf und verweigert einen Vergleich. Er sieht sich im Recht, da die Strafanzeige gegen ihn eingestellt wurde. Interessanterweise hat man in Medien nie die Version der Ehefrau gelesen. That's Niederösterreich. Wo die NÖN im Landhaus gemacht wird und die prägende Landeshauptmannzeitung ist und es keine weitere überregionale Tageszeitung gibt, ist es simpel, Nebeninformationen gezielt zu unterdrücken, die ein Politikerleben gefährden könnten. Meinungsfreiheit a la Erwin Pröll sieht so aus: Wer politische Mitarbeiter der ÖVP anpatzt, wird geklagt. So bleibt die Version die letztgültige: Die Ehefrau ist gestolpert und von selbst gegen den Türstock gefallen. Im Landesgericht Wien gibt es keine Türstöcke, nur Glastüren, durch die der Landwirt und politische Abgeordnete zum Hohen Haus Erwin Hornek soeben geht. (Foto: Oswald)

Nun zum Medienteil: Berichte zu den Geschehnissen im Hause Hornek erschienen in „Heute“ und „Österreich“. Beide Zeitungen berichteten gleichermaßen offen und geradlinig und mit dem Tenor, dass solche Vorfälle unwürdig eines Multifunktionärs und Mandatars sind. Grundton der Berichte war – kurz umschrieben -, dass gerade ein Multifunktionär und Nationalrat eine besondere moralische Festigkeit braucht, damit er den Anforderungen gewachsen ist, die an ihn gestellt sind.

„Österreich“ verlor ein entsprechendes Medienverfahren und bis vor Kurzem war eine nachträgliche Mitteilung auf der Webseite zu lesen, die festhielt, dass das Strafverfahren gegen den Nationalratsabgeordneten Hornek eingestellt wurde. „Heute“ ist heute dran. Die Berichte waren ebenso geradlinig wie logisch: Doch man unterschätzte den politischen Gegenwind des ÖVP-Netzwerkes aus Niederösterreich, das sich keinen Bürgermeister und Parlamentarier herausschießen lassen will.

Die Eingreiftruppe im Landhaus

Dazu eine Episode, die ein enger Freund von Erwin Pröll dem Herausgeber dieses Journals einmal erzählte. Was ist der Grund, warum in Niederösterreich so gut wie nie ein Beamter (Polizeibeamter, Gemeindebeamter) wegen Vorkommnissen solcher Art belangt wird oder warum das nie an die Öffentlichkeit kommt? (Nebenbei: Niederösterreich hat im Jahr rund 3.600 Scheidungen.) Einfache Lösung: Erwin Pröll soll im Landhaus eine Art „rotes Telefon“ haben und eine eigene Abteilung, eine Art „rasche Eingreiftruppe“. Wird im weiten Land Niederösterreich bekannt, dass ein Politiker, Beamter oder Polizist in Verwicklungen privater Natur verstrickt ist, und sickert ein Polizeieinsatz oder eine mögliche Anzeige gegen einen Beamten durch, schickt noch am selben Abend Erwin Pröll seine Männer los und geht vor Ort. Dann wird vor Ort die Sache besprochen, unter Auschluss der Öffentlichkeit. Es dringt in Niederösterreich nie an die Öffentlichkeit, wenn Exzesse von Entscheidungsträgern einem engen Kreis im Landhaus bekannt werden. Es wird unter der Tuchent gehalten.

Das Unter-der-Tuchent-Halten hat diesmal nicht funktioniert. Nicht ganz. Doch Erwin Hornek hat zufällig den besten Medienanwalt Wiens. Gottfried Korn hielt Jahre lang an Universitäten Seminare zu Medienrecht (Institut für Publizistik und andere) und er war Jahre lang Hausanwalt der „Kronen Zeitung“. Erwin Hornek lässt nun überall die Öffentlichkeit ausschließen und tut so, als ob es um Privatleben geht und vergisst, dass ein Mandatar im Licht der Öffentlichkeit steht, weil er Repräsentant ist und im besonderen Schutz (Immunität), was auch besondere Pflicht nach sich zieht.

Pröllsches Netzwerk des Schweigens hielt

Insoweit hat das Erwin Pröllsche Netzwerk noch einmal gehalten. Bis in den OGH hinauf, wo man in der Entscheidung gegen „Österreich“ zementiert hat, dass die Exzesse des Mandatars öffentlich und im Detail nicht erörtet werden dürfen. Die Netzwerke hielten bis ins ÖVP gelenkte Justizministerium hinein, wo man die Anzeige gegen Erwin Hornek – nach gewissenhafter Prüfung – einstellen ließ. Das Pröllsche Machtnetzwerk: Reissfest. Das weiß auch Erwin Hornek. Er hat beim Hinaushuschen aus dem Saal feuerrote Ohren, aber er lächelt siegessicher. Er stimmt nach 67 Minuten Gespräch einem Vergleich mit der Zeitung „Heute“ nicht zu. Die Verhandlung wird vertagt. Möglicherweise einigt man sich außergerichtlich. Ohne Öffentlichkeit. Oder man macht einen weiteren Verhandlungstag und schließt wieder die Öffentlichkeit aus.

Gerichtsbarkeit wie im Mittelalter, wo es sich Mächtige richten konnten.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht, Print, Heute) – Saal 208, Ausschluss der Öffentlichkeit, daher kein inhaltlicher Bericht möglich, Verhandlung: 28. Oktober 2010, Wartezeit vor Saal 11 Uhr 00 – 12 Uhr 07, danach „kein Kommentar“.

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