Medien und Kritik – Das Online Magazin

Wolfgang Höllrigl wird Österreich verlassen und dann bei HEUTE dienen

Posted in Heute, Print by Pangloss on 8. Juni 2011

Sitzt seit 1. September 2006 als Spielführer (Kapitän) am Chronik-Ruder der Zeitung Österreich. Verhandelt derzeit einen Wechsel zur Zeitung Heute: Wolfgang Höllrigl, 57.

(Wien, im Juni 2011) Der Mann ist 57 Jahre alt, mit allen Wassern gewaschen und von allen Wassern geheilt. Er hat eigentlich nichts gelernt, ist seit seinem 20. Lebensjahr Vollblut-Reporter und mischte daher seit 1975 immer in (damals) interessanten Medien mit. Später, seit den frühen 80-er Jahren, an vorderster Front.

So ist das: Manche sind im Medienbereich geborene Hilfsarbeiter und bleiben es ein Leben lang, weil sie hilfsbereite Menschen sind. Andere sind die geborenen Vorarbeiter auf den Großbaustellen des Weltgeschehens. Wolfgang Höllrigl ist der geborene Polier. Seit dreißig Jahren „schupft“ er Medien, handelt sich stets gute Verträge aus, hat aber, obwohl Polier und Führungsspieler, nie aufgehört, selbst zu schreiben.

Das ist das Geradlinige an ihm, das vielen Journalisten heute fehlt. Die Schlimmsten im Mediengewerbe sind ja die „non-writing“-Führungspersonen. Das sind die, die man meist im Anzug (zumindest: Anzughose) sieht. Die sich kaum von einem Trader der Unicredit-Bank unterscheiden, die zu Medienkongressen fahren und dort mit am Nacken festgeklebten, hautfarbenen Mikros dem Publikum das Medienmachen erklären. Die die „Moral“ hochleben lassen – und im Kongresshotel mit der Assistentin schnackseln. Das sind die Schlimmsten, denn sie haben die Gabe andere zu täuschen, um ihren Mehrwert zu holen. Diese Leute reden über Journalismus, ohne in ihrer ganzen Karriere einen geraden Satz geschrieben zu haben. Auch nicht im Bewerbungsschreiben. Denn sie bewarben sich nicht. Vitamin B reichte.

Drei Jahrzehnte Schreibleistungen

Wolfgang Höllrigl ist derzeit noch Chronik-Chef der Zeitung „Österreich“. Er wird aber zur Zeitung „Heute“ wechseln. Derzeit „verhandelt“ er. Und er muss gut verhandeln. Er ist 57 Jahre alt. Das Phänomen seiner Leistung besteht in der langen Wegstrecke, die er zurückgelegt hat. Erinnert man sich an seine frühesten Leistungen zurück, waren das tatsächlich Schreibleistungen.

Seine frühen Artikel 1976 im „Profil“ gehören zum Aufregendsten, was je in Österreich geschrieben wurde. 1978 trat er, damals schon beim „Kurier“, unbeugsam eine Polizeiaffäre rund um den Fall Heinz Bachheimer los (der soll von der Polizei verschont worden sein und habe den Polizeifunk abgehört.) 1979 war er im Gründungsteam des WIENER (Monatsmagazin der GGK rund um Hans Schmid), das er in über zehn Jahren Chefredaktion zu einer Perle großstädtischen, unangepassten Recherchejournalismus machte. So manche Artikel zogen Klagen nach sich, was auch zeigte, dass man sich bemühte. Danach war er bei Schilling-Milliardär Kurt Falks „Ganze Woche“ engagiert und etwas später, um 1997, sollte er für Falks „Täglich Alles“ 12 Geschichten pro Monat schreiben, für die satte Gage von etwa 180.000 Schilling monatlich (kolportierte Summe). Danach wurde er rund fünf Jahre Chefredakteur des ORF-Fernsehmagazins „Vera“, der Nachfolger von Wolfgang Prinz. Ab 2005 war er im Projektteam rund um die Tageszeitung „Österreich“ dabei, die am 1. September 2006 startete. Der ehemalige Kettenraucher, der gesundheitlich fit ist, aber kaum mehr auf Festen zu sehen ist und leiser tritt, betreut das Herzstück der Tageszeitung: Die Chronik.

Seit dreißig Jahren im „Blood ’n‘ Crime“-Sektor

Jeder, der ihn kennt, fragt sich: Wie kann man dreißig Jahre lang im Sektor „Blut und Blech“, also im Mediensektor „Sex, Crime, Gewalt, Gericht“ arbeiten, ohne selbst daran zu Schaden zu nehmen? Wie schafft man es, so lange Zeit Schlagzeilen zu den abnormsten Ereignissen des Lebens zu produzieren? Die Antwort darauf ist: Professionalität. Diese Haltung schafft Distanz und Freude durch sprachliche Nähe.

Der Autor dieser Zeilen schrieb einmal über ihn: „Er ist ein „Geschichtendenker“. Er gehört zu einer Generation Journalisten, die eine Geschichte noch durchdenken, bevor sie den ersten Satz schreiben. Und wenn sie den ersten Satz geschrieben haben, kennen sie den letzten schon. Solche gibt es wenige.“

Erkennbarer Stil

Das Bauprinzip ist erkennbar. Man erkennt seinen Stil, ohne seinen Namen zu lesen nach drei Sätzen. Es sind etwas längere Sätze, etwas mehr färbende Eigenschaftswörter, kompaktere Absätze. Es ist der alte Nachrichtenmagazinstil der 70er-Jahre, den er nicht verlernt hat und der immer wieder durchscheint.

Auch wenn es in „Österreich“ war. Das Projekt „Österreich“ sollte ein neues Projekt werden und es erfüllte die Erwartungen nicht. Höllrigl war nun fünf Jahre dabei und das neue kommende Projekt in Wien ist die Zeitung „Heute“. „Heute“ gewinnt allmählich an Struktur und wird nach und nach eine richtige Zeitung. Aus der ehemaligen „U-Express“ des seligen Hans Dichand entsprungen, findet man dort Gefallen daran, dass man an Reichweite, Tagesleser, Zugreifer, Hineinschauer schon gut und gern 800.000 Personen täglich erreicht. Das war vor zwei Jahren noch nicht so. Mit diesem Potenzial wächst das Selbstvertrauen, dass die Richtung der Zeitung stimmt.

Rahmenbedingungen bei „Österreich“ wurden schlechter

Höllrigl ließ schon vor einem halben Jahr durchklingen, dass er bei „Österreich“ aufhören wolle. Entgegen der Berechnungen von Focus Marketing Research, die „Österreich“ hohe Umsatzzahlen attestiert, hat er den Eindruck, dass redaktionell gespart wird, was die Qualität der Arbeit drückt. 2010 verließen einige Journalisten „Österreich“ (etwa Florian Lems) und es wurde in Schlüssel-Ressorts nicht in adäquater Qualität nachbesetzt. Das „Chronik“-Ressort ist ein Schlüssel-Ressort: Es ist jener Teil, der das pralle Leben der Ungemütlichkeiten umfasst, nämlich das Exekutiv- und Justizgeschehen, die Verbrechensthematik in der ganzen Breite und es ist ein zentraler Bestandteil jeder Massenzeitung. Umfragen ergeben seit Jahrzehnten, dass das (nach dem Sport) der meistgelesene Teil einer Tageszeitung ist. In diesem Schlüssel-Ressort hat „Österreich“ den Instinkt verloren und gespart. Helmut Fellner ist ein Typ Herausgeber, der offen sagt, dass in seiner Zeitung nicht über Kindesmissbrauch und Vergewaltigung und entsprechende Justizfälle berichtet werden darf. Weil er es nicht will.

„Heute“ hingegen will aufrüsten. Eva Dichand sucht derzeit Mitarbeiter in den Bereichen „Kultur“, „Chronik“. Sie wird auch in den Bereichen „Politik“ ausbauen müssen, da Wien der Wasserkopf Österreichs mit dem meisten politischen Geschehen ist. Will man es Tag für Tag, Woche für Woche seriös und solide abdecken, braucht man Personal.

Qualität und Umfang von „Heute“ stiegen

Der Umfang der Zeitung „Heute“ wuchs in den letzten Monaten merklich an. Es wurde seitenstark. Bald wird es eine richtige Zeitung. Noch keine Londoner „Times“, aber vielleicht eine bessere, jüngere „Kronen Zeitung“. Erste Anzeichen gibt es und es braucht noch etwas Zeit.

Wolfgang Höllrigl ist bald 58 Jahre alt. Als Journalist wird er nie aufhören. Er ist einer, der mit 70 noch im Gerichtssaal sitzt. Einer, der darauf vertraut was er sieht und glaubt, dass der Satz von Matt Drudge richtig ist (ein Amerikaner), der einmal sagte, dass Journalisten nicht im Anzug spazieren gehen sollten, sondern „dahin gehen müssen, wo es stinkt.“ Auch wenn man Geruch in einer Zeitung nicht vermitteln kann. Den Leser interessiert, wo es stinkt und warum. Alles andere steht zwar auch in der Zeitung: Das nennt man aber Lobbying und PR.

Fehlt noch Heinz von Saanen für Ressort Wirtschaft

Im übrigen: Mit dem neuen Chefredakteur (Politik) Wolfgang Ainetter hat sich die Zeitung „Heute“ verbessert und versachlicht. Mit Wolfgang Höllrigl als Chronik-Leiter würde ein weiterer inhaltlicher Schub folgen. Dann müsste die Verlegerin Eva Dichand nur noch Heinz van Saanen als Leiter des auszubauenden Ressorts Wirtschaft engagieren und das Dream Team an erfahrenen Leitungskräften wäre perfekt. Das wären die Poliere auf der Hochbaustelle „Heute“. Die Arbeit machen ohnehin die Hilfsarbeiter.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Heute)

Brief an Eva Dichand von Marcus J. Oswald

Posted in Briefe, Hinaus by Pangloss on 25. Februar 2011

(Wien, im Februar 2011) Diese Tage schickte der Herausgeber dieser Seite wieder einmal Briefe aus. Es ging darum, ob man im Sinne der Ökonomie die laufenden Anwesenheiten im Landesgericht Wien nicht nutzen wolle. Im Sinne der Ökonomie wurde mit einem bodenlosen Dumping-Tarif angeboten, vier Mal in der Woche für die Zeitung „Heute“ Gerichtssaalberichte zu schreiben. Der Brief wurde am 20. Februar 2011 an die Herausgeberin der Wiener Tageszeitung Dr. Eva Dichand abgeschickt. (Update, 3. April 2011: Bis heute noch keine Antwort.)

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Heute / AHVV Verlag
Dr. Eva Dichand
Herausgeberin
Ö3-Haus
Heiligenstädter Lände 29
1190 Wien

Betrifft: Gerichtssaalberichte + Fotos

Sehr geehrte Frau Doktor!

Der Grund meines Briefes ist ganz einfach und unkompliziert wie pragmatisch. Ich sprach das in kurzen Gesprächen mit dem einen oder anderen Ihrer früheren oder aktuellen Mitarbeiter schon manchmal beiläufig an.

Ich bin in den letzten fünf Jahren (österreichweit, Schwerpunkt Wien) bei rund 300 Strafprozessen gewesen, kenne am Landesgericht Wien viele Leute, es ist übertrieben zu sagen „jeden“, aber ich kann mittlerweile nach einer so langen Zeit des Zuhörens und Beobachtens von Strafprozessen sagen, dass ich gut 150 Personen im Landesgericht (sagen wir Hälfte Anwälte und Hälfte Richter/Staatsanwälte) vom Gesicht her und mit vollem Namen kenne. Durch meine doch sehr zahlreiches Auftreten als Zuhörer, oft ganz allein im weiten Gerichtssaal, kennen auch mich viele.

Ich würde noch nicht sagen, dass ich zum „Strafgerichts-Inventar“ gehöre, dazu braucht es noch fünf weitere Jahre. Aber es ist genug Wissen da, dass ich mich blind und locker durch die Materien und Grauslichkeiten, die man zu Hören bekommt, navigieren kann.

Hätten wir in Österreich eine BILD-Zeitung, würde ich nun dorthin schreiben, weil es im Leben immer einen Zeitpunkt gibt, der gut ist. Man hat genug Erfahrung gesammelt, ich habe rund 7 Millionen Zeichen Text produziert, mich im Internet ausgetobt, viele allzu lange Abhandlungen zu Justiz/Justizpolitik/Strafprozessen und dergleichen geschrieben. Gehen wir davon aus, dass 2 Millionen Mist und Fehleinschätzung waren, Irrtum und Unsinn, den ich mir geleistet habe, kann ich für 5 Millionen Zeichen Text gerade stehen.

Kurz fassen

Es ist für mich nun die Zeit gekommen, dass ich mich wieder kürzer halte. Daher hätte ich Lust und Laune, mit meiner Landesgerichts-Insider-Kenntnis und abwesenden Scheu, bei Prozessen auch allein als Zuhörer zu sitzen, Berichte vom Strafgericht in der Länge (maximal) 1.000 Zeichen zu schreiben.

Ich bin in einer guten Woche bis zu vier Mal im Strafgericht. Ich fokussiere mich schon um 8 Uhr früh darauf, fahre mit dem Rad (ich fahre immer mit Rad, auch im Winter) hin, umgehängt eine Fototasche und einen Rucksack mit Schreibzeug, betrete um 8 Uhr 45 das Gericht und verlasse es meist erst gegen 11 Uhr 30 wieder. Die Themen liegen im Gericht, meist lasse ich mich überraschen oder entscheide spontan, in welchen der 33 Verhandlungssäle ich gehe.

Die spontane Entscheidung hat sich immer am Besten bewährt. Man kann das wenig planen. Die „aufgelegten“ Fälle der sogenannten Staranwälte (die „12 Zwerge“, also die „Top 12“ vom Grauen Haus) heißen meistens nichts. Um das einzuschätzen, muss man diese Anwälte kennen. Rudi-Mayer-Fälle sind meiste „Geständnis“-Fälle, dann werden alle 30 Zeugen weggeschickt, ohne dass sie aussagen. Tomanek-Fälle sind primitiv und wortkarg, er schnapst das Ergebnis im Vorfeld aus und sitzt die Zeit ab. Friis-Fälle waren kriminologisch hochspannend, bis zu seinem Psychiatrieaufenthalt. Seither ist er zum Vergessen. Christian Werner-Fälle sind uninteressant, ein eitler Pfau, der sich auch dann noch als Gewinner verkauft, wenn sein Mandant 12 von 15 (möglichen) Jahren Haft bekommt. Man muss bei den Strafverteidigern vorsichtig sein, bei den Pflichtverteidigern sowieso. Es gibt einige Strafverteidiger am aufsteigenden Ast, die wirklich etwas von der Kunst der Strafverteidigung verstehen. Doch das ist nicht das Thema dieses Briefes.

Ich sagte oben, dass ich Lust hätte, wieder mehr im knappen, gedrungenden Stil zu berichten. Keine 0815-Berichte, sondern Berichte, die sich die Anwälte einrahmen und in der Kanzlei aufhängen können. Also die umgelegte Kunst, auf wenig Platz viel zu sagen. So wie Jannée in seiner besten Zeit. Es ist letztlich egal, ob man über Society schreibt oder über das Strafgericht. Promis und Möchtergerns gibt es hier wie dort.

Wenn ich am Strafgericht bin, bin ich immer alleine da. Ich harre aus und halte die Stellung. „Österreich“ hat kein Personal, Manfred Seeh von der „Presse“ ist meist nur 30 Minuten im Gerichtssaal, raschelt mit irgendwelchen Zetteln, geht nach einer halben Stunde wieder und schreibt seine Spalte. Die „APA“ (Stefan Sonnweber) kommt zu einer Zeugenaussage und geht wieder. So sehen die Berichte aus. Sehr fragmentarisch. Leute von „News“, „Profil“ sind nie da. Roman David-Freishl vom „Standard“ selten. Florian Klenk im übrigen nie, obwohl er sich als der große „Justizjournalist“ stilisiert. Mag er sein. Jedoch „vom Schreibtisch“.

Ich halte es so (als früherer Theaterkritiker): Im Theater kann ich auch nicht zu spät kommen und früher gehen. Das konnte vielleicht Ikone Franz Endler (ehemals „Kurier“, verstorben) so tun. Er saß im „Volkstheater“, wo ich in den 90-er Jahren „nur“ in der achten Reihe die Freikarte hatte, sogar in einem Extrastuhl im zentralen Mittelgang des Parterre, sodass sein „Früher-Weggehen“ und „Kommen-Nachbelieben“ nicht auffliel. Ich hingegen kam immer zeitgerecht und blieb bis zur bittersten Neige. So mache ich es auch bei meinen Gerichtssaalbesuchen. Vom Eröffnungswort bis zum Schlußplädoyer. Es ist wie in der Kirche, wo es auch erst zum krönenden Abschluss das Essen gibt.

Der Vorschlag

Was kann ich vorschlagen? Wenig Konkretes, denn ich arbeite eher intuitiv. Das aber mit Nachdruck und konsequent. Vor allem: Konstant und gleichfömig.

Ich könnte mir vorstellen: Ich strecke im Landesgericht Wien, dem größten Strafgericht meine Fühler nach interessanten Fällen aus. Oft sind die „kleinen Causen“ die eigentlich lebensnahen, interessanten: Die Stalking-Fälle, die Missverständnisse, die Zumutungen, die Wirtshauspicksereien, die Racheakte mit plattgemachten Autoreifen, Vandalenakte und so weiter. Die „große Kriminalität“ mit dem großen „Masterplan“ gibt es nicht.
Auch bei den sogenannten „75-er-Geschichten“ (Mordvorwurf) muss man Bescheid wissen, wenn die abgeschwächte Form angeklagt ist und am Programmzettel steht: „15,75“. Nur der „Versuch“. Opfer hat überlebt, ging nicht über den Jordan. Oft eine Rauschgeschichte, in der Messer im Spiel waren. Oft: Komplett uninteressant. Wie gesagt: Die anderen Sachen, Seriendiebe, Jungdealer, Jugendkriminalität, KIPO (Kinderpornografie), diese Dinge, die Leser eine Massenzeitung moralisch aufstoßen, sind oft interessanter als Ehestreits, bei denen einer den anderen in den Bauch sticht.

Der Handel mit der Ware, den ich betreibe, ist die Suche nach der Moral hinter der Geschichte. Man muss sie suchen, kann als Gerichtsbeobachter aber nichts verändern. Man kommt zu einem Fall, weiß manchmal Anhaltspunkte aus Vorgesprächen, hört und sieht dann vier, fünf Stunden alle Betetiligten reden, es gibt ein Urteil, man geht wieder nach Hause und kann nichts verändern. Gerichtsberichterstattung ist illustrativ. Sie sollte aber nicht voyeuristisch oder plump sein. Dazu braucht es Erfahrung. Man darf sich weder mitreissen lassen, noch abstumpfen. Sie sollte einen wahren Kern der Geschichte, einen großen gemeinsamen Nenner erkennen, den jeder versteht.

Im Wesentlichen geht es beim Strafgericht um: Die menschliche Schwäche. Wir leben in Wien und wir sollten das „Wienerische“ nicht aus den Augen verlieren. Der Wiener geht mit der menschlichen Schwäche nicht brutal um, wenn der Beschuldigte etwas darlegen kann.

Die Justizberichterstattung der „Krone“ ist eigentlich schwach (gar schwächlich: Gabriela Gödel; viel besser: Peter Grotter, wir grüßen uns oft und reden am Gang; er ist ein sehr höflicher, korrekter Mensch). Auf dem engen Raum der Gerichtsseite der „Krone“ erkennt vor allem Grotter, dass man doch etwas erzählen kann. Ein kurze Duftnote geben, wer Wer ist, ob der Angeklagte gefährlich ist oder nicht. Zwischen den Zeilen lässt sich etwas in wenigen Worten vermitteln.

Ich will mich kurz halten. Was ich vorschlagen kann, falls es von Interesse ist: Berichte in Länge von 1.000 Zeichen. Also ein sehr kleines Format.

Da ich vier Mal in der Woche im Gericht bin, aber noch nicht zum Inventar gehöre, daher den Blick von Außen halte, wäre dieses möglich: 4 x 1.000 Zeichen. Alternativ 6 x 1.000 Zeichen (zwei zum Wegwerfen, weil sie thematisch ev. nicht passen oder nicht gefallen)

Meine Leistung: Knappe Überschrift, gute Einleitung, Fließtext. Alles knapp, aber exakt und inhaltlich korrekt. Nicht stumpf wie in der „Salzburger Nachrichten“, nicht oberflächlich wie in der „Wiener Zeitung. Mit „Name und Adresse“, um Brecht zu zitieren, konkret am Punkt, für ein Laienpublikum lesbar und von Interesse. Nicht über-, nicht unterfordernd. Die Gratwanderung also, die Boulevardjournalismus braucht.

Da ich immer eine Fotokamera im Gericht dabei habe, kann ich bei wesentlichen Fällen auch Fotos mitliefern (nur ein Foto). Bei Fotos gibt es am Strafgericht eine stille Übereinkunft in der familiären Berichterstatterszene:

a. Kein Foto: Bei Strafen unter 3 Jahren (oder Freisprüchen).
b. Foto mit Augendeckel: Bei höheren Strafen, so noch nicht rechtskräftig.
c. Vollfoto (sichtfrei): Bei hohen Strafen (15 Jahre, 20 Jahre, Lebenslang), wo man weiß, dass in der Instanz ganz sicher nichts „runtergeht“. Wo das Urteil also hoch bleibt.

Ich bin kein Paparazzi. Denn ich habe vor der Institution Strafgericht Respekt. Daher wüte ich nicht im Gerichtssaal, sondern mache das, was fotografisch im engen Spielraum geht. Das muss man immer einschätzen können: Welcher Richter ist da, welcher Angeklagter? Die Lichtsituation im Haus ist äußerst schwierig (alles Neon und Kunstlicht), dazu niedere Decken, die das Blitzlicht vervielfachen. Dazu hat man ständig bewegte Motive (Angeklagte, die schnellen Schrittes kommen oder abgeführt werden, also „in Bewegung“ sind). Fotografisch ist das äußerst schwierig. Zudem kommt hinzu, dass viele Unbeteiligte am Gang im Bild sind, die das nicht wollen. Und so weiter. Ich überlege schon seit Monaten nach idealen Lösungen. Es kommt aber immer auf den Augenblick an. Man kann am Strafgericht nicht sagen, man kann immer fotografieren.

Ich bin nun seit fünf Jahren dort, habe einige Freiheiten erreicht, ich kann es aber trotzdem nicht überreizen. Denn ich bin eben bis zu vier Mal in der Woche dort. Ich kann nicht die Anwälte wild abblitzen und danach sitze ich mit ihnen im Caféhaus des Gerichts beisammen. Das Thema Fotografieren im Gericht ist ein weites Feld.

Berichterstattet hingegen darf alles werden. Wort schlägt Bild bei Gericht. Es ist oft auch im Sinn der Anwälte und ich erfülle deren geschäftstüchtigen Wunsch dennoch oft nicht. Ich kenne diese „Ohrenflüsterer“, die sich medial positionieren wollen. Es geht immer um eine eigenständige, neutrale Position. Im Mittelpunkt steht der Fall und der Mensch, nicht der Anwalt, der um Klienten buhlt.

Also mein Vorschlag zusammenfassend:

Umfang: 4 – 6 Beiträge pro Woche zu je 1.000 Zeichen.

Kosten: 50 Euro pro Beitrag.

Ergänzung: Foto bei Bedarf zum Fall und wenn möglich, nur optional

Kosten: 40 Euro pro veröffentlichtes Bild (optional).

Keine Namensnennung, auch nicht mit Akronym. Beiträge nur ohne Namensnennung oder unter einem „Spitznamen“.

Lieferung: Per Email an einen Kontaktredakteur aus Ihrem Haus.

Kein Sachaufwand. (Vielleicht einmal später; ein besseres Kameraobjektiv, oder so)
In Summe kommt man nicht mehr als auf 800 – 900 Kosten für Sie im Monat.

Adel stirbt aus

Für mich ist das die Grenze, die interessant ist, da ich derzeit zwar in einer Art aristokratischem Nichtstun lebe.

In meinem Wohnbüro stehen Computer, Scanner, Bildschirm. Ich brauche nirgends einen Arbeitstisch. Ich weiß auch so, was zu tun ist. Vormittags bin ich ohnehin am Gericht, wo ich auch zu Mittag in der Kantine esse. Danach bin ich am Rechner und damit „am Damm“.

Falls Sie Interesse an Berichten in äußerst knapper Länge aus dem größten Strafgericht Österreichs (LG Wien) vom Insider haben wollen, lassen Sie es mich wissen.

Telefonisch bin ich schwer erreichbar, ich bin kein großer Telefonierer. Ich habe nur ein eher altes Handy. Man müsste sich hinarbeiten: Per Email (marcusjoswald@live.at) oder mit Brief. Ich bin nur an der Sache interessiert, nicht an Posten, nicht an Verdienst, nicht an Schnickschnack.

Ich habe für Treffen wenig Zeit: Ich hänge in meiner Arbeit tief verwickelt. Ich will mich nicht ablenken oder zerstreuen. Wie gesagt: An einem besseren CANON-Objektiv wäre ich schon einmal interessiert, es wäre nützlich. Das schrieb ich aber auch schon Herrn Mateschitz. (Als er damals die F1 gewann, schrieb ich ihm, dass ich Interesse an einer NIKON hätte. Und zwar an der Besten, weil man nur einmal lebt: D3X!) Man kann sich denken: Er schrieb nicht einmal zurück. So ist das.

Man kann nicht alles haben. Deswegen gehe ich fast täglich aufs Landesgericht. Zu meiner Medidation.

Mit freundlichen Grüßen

Marcus J. Oswald (Ressort: Briefe, Hinaus)

Knalleffekt – Kramars Klage gegen "HEUTE" abgewiesen – Aus Formalgründen

Posted in Heute, Kurzer Prozess by Pangloss on 29. Juni 2009

Hubert Kramar, 60, ist über den Ausgang des Verfahrens enttäuscht.
(Foto: Marcus J. Oswald am 29. Juni 2009 im Landesgericht Wien)

Der Chefredakteur der Wiener Gratiszeitung HEUTE (Auflage: 250.000) schrieb nach dem ersten Tag des Fritzl-Prozesses, Hubsi Kramar habe Pimmel, Pimmel geschrien. Er war persönlich nicht am kalten 16. März 2009 in Sankt Pölten vor Ort, hat sich das aber so erzählen lassen. (Fotoquelle: Tageszeitung HEUTE, 17. März 2009, S. 5. Source: Zeitschriftenarchiv Oswald 1090)

(LG Wien, am 29. Juni 2009) Der von Hubert „Hubsi“ Kramar angestrengte Medienprozess gegen die Wiener Tageszeitung „Heute“ verläuft ohne Medienbegleitung, da zur gleichen Zeit der Prozess gegen den Wiener „U-Bahn-Schubser“ Walter Werner in einem anderen Saal startet und die bescheidenen Wiener Medienressourcen im „3-er Saal“ des zweiten Stockes (203) bindet. Immerhin wurde im Vorfeld dieses Kriminalfalls einem Mann von der einfahrenden U-Bahn ein Zeh abgeschnitten. Das interessiert die Leser und Fernsehkonsumenten.

Im Vorfeld des Medienprozesses Kramar gegen Heute wurde einem Schauspieler von einer Wiener Boulevardzeitung die Ehre abgeschnitten. Das interessiert nur wenige.

Nur ein Zuhörer

Im Saal 311 sitzt – wie so oft – nur ein Zuhörer. Dieses Journal rechnete schon damit, dass die lange Anreise zum Gericht mit einem Beweisverfahren belohnt wird. Kann sich ein Medienjunki doch noch gut erinnern, wie in den englischen Fritzl-Wochen Medien und Politiker unter Drogen standen. Daran, dass Hubsi Kramar, der das Thema Fritzl als einziger Künstler direkt und konfrontativ anging, im Februar 2009 von der FPÖ via Presseaussendung mit politischen Angriffen als Theaterdirektor bedacht wurde. Und, dass im März 2009 dann die Tageszeitung „Heute“ Charakterangriffe gegen den Schauspieler startete. Die Angriffe der Zeitung sind in vier Ausgaben in den Archiven dieser Welt dokumentiert: 17. März 2009 (S. 5), 20. März 2009 (S. 9), 1. April 2009 und 6. April 2009.

Mediale Falschbehauptungen

Vor allem die harsche Bemerkung aus der Ferne, Hubsi Kramar habe „Pimmel, Pimmel“ am Vorplatz des Landesgerichtes St. Pölten im Rahmen seiner Performance geschrien, wurde eingeklagt. Denn er hat es nicht geschrien. Die gesamte Performance wurde mit einer Kamera aufgezeichnet. Nirgendwo ist dieser Ausspruch zu hören.

Von Kramars Anwalt Andreas Kleiber (aus der Kanzlei Markus Freund) wird daher der Wahrheitsbeweis angepeilt. Prozessziel ist, dass sich die Zeitung von der Behauptung „Pimmel, Pimmel“ distanziert und eine Gegendarstellung veröffentlicht. Allein, dazu kommt es nicht.

Blitzverhandlung

Das Verfahren unter dem Vorsitz der Medienrichterin Birgit Schneider, die den Akt von der vor einer Woche karenzierten Richterin Bettina Körber geerbt hat, dauert genau acht Minuten. Draußen wartet nur der Zeuge der Zeitung „Heute“, Journalist Robert Loy. „Heute“-Redakteurin Karin Strobl ist nicht gekommen. Hubsi Kramar sitzt im Saal. Kläger Hubsi Kramar hat die vier Zeitungsstücke (17.03., 20.03., 1.04., 6.04.) zum Klagsinhalt gemacht. Dazu wird ein weiterer Zeuge „zum Beweis für die Unwahrheit des Vorbringens“ beantragt: Peter Rosenauer.

Zeuge wird abgelehnt

Der Klagswerber hätte noch eine Menge Leute mehr als Zeugen beantragen können. Nämlich alle, die damals am ersten Prozesstag am Vorplatz des Landesgerichtes St. Pölten waren. Darunter auch der Herausgeber dieses Journals, Mag. Herwig Baumgartner, Diplomingenieur Richard Kaiser, Diplomingenieur Gerald Zeiner, Kurt Essmann und viele andere. Doch der Kläger belässt es bei Peter Rosenauer, der damals auch mit seiner Aktionsgruppe „Resistance for Peace“ vor Ort war.

Peter Rosenauer wäre im Pimmel-Verfahren als Zeuge für Hubsi Kramar sicher gerne gekommen. (Foto: Marcus J. Oswald)

Jedoch: Die Richterin, und damit nähert man sich schon dem Ende des achtminütigen Verfahrens, lehnt den Zeugen Peter Rosenauer zum „Beweis der Wahrheit“ ab. Auf die Zeugin Strobl wird seitens des Gerichtes verzichtet. Der Zeuge Robert Loy wird nach Hause geschickt. Dann beendet die Richterin diesen Prozess kurz und bündig: „Das Gegendarstellungsbegehren ist abzuweisen. Und zwar aus formalen Gründen.“

Punkt und Beistrich nicht eingehalten

Was sind die „formalen Gründe“? Die Richterin sagt: „Für ein Gegendarstellungsbegehren ist notwendig, so die ständige Rechtssprechung, dass der Text der Zeitung formgenau im Antrag formuliert wird.“

Richterin sucht Wimmerl am Pimmerl

Richterin Birgit Schneider listet sechs Punkte auf, in denen das Klagsbegehren von den Zeitungsausschnitten „divergiert“. Und zwar so, Richterin: „Einmal heißt es im Klagsantrag Pimmel, Pimmel!. [Pimmel, Beistrich, Pimmel, Rufzeichen, Punkt], das ist falsch. Im Zeitungstext heißt es Pimmel, Pimmel. [Pimmel, Beistrich, Pimmel, Punkt].“

Weiter, die Richterin: Einmal ist „Folgendes“ groß geschrieben, im Zeitungstext ist „folgendes“ klein geschrieben.

„Divergierende Schreibweise“

Sie nennt vier weitere Wörter, wo die Schreibweise im Klagsbegehren minimal vom Zeitungstext divergiert. Und da, so die Richterin, „die Instanz das sofort zurück schmeißt, ist die Klage auf Gegendarstellung abzuweisen.“

Die Kostennoten der Anwälte Andreas Kleiber und Michael Rami werden eingesammelt und das Verfahren ist geschlossen. Hubsi Kramar kommt während des Kurzprozesses nicht zu Wort. Klägeranwalt Kleiber nimmt „drei Tage Bedenkzeit“. Daher: Nicht rechtskräftig.

„Zum Falter gehen“

Hubsi Kramar ist nachher im Caféhaus empört. Er vermutet höhere Kräfte dahinter und eine politische Sache im Hintergrund. Er will nun eine Pressekonferenz organisieren und „zum Falter gehen“.

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Die Wiener Gratiszeitung HEUTE (Auflage: 250.000) schrieb nach dem vierten und letzten Tag des Fritzl-Prozesses, Hubsi Kramar habe Obszönitäten herumgeschrien. Ihm hätte Platzverbot gebührt. Auch dieses Textstück wurde wegen vermuteter falscher Tatsachenbehauptung eingeklagt. Es scheiterte an formalen Hürden. (Fotoquelle: Tageszeitung HEUTE, 20. März 2009, S. 9, in Höhe leicht komprimierte Version der Kolumne. Source: Zeitschriftenarchiv Oswald 1090)

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Rückschau auf den Rahmen des Prozesses und „Fall Fritzl“ – aus Sicht von „Heute“ (Tageszeitung, Wien):

Nach dem ersten Prozesstag im weltweit beachteten Fritzl Case war die Medienstimmung so glutheiß wie nie zuvor bei einem Gerichtsprozess.
(Foto: Heute, 17. März 2009. Source: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Noch am letzten Gerichtstag war die Stimmung so aufgeschaukelt, dass Bibelzitate und Bibelinterpretationen herhalten mussten. Der Fritzl-Prozess hatte die Funktion eines Blitzableiters und läßt vergessen, dass erst am 25. Juni am Landesgericht Wien ein Mann wegen Kinderpornografie vor Gericht saß und das Leben weitergeht. Lebenslang. Gut so! (Foto: Heute, 20. März 2009. Source: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

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Rekommandiert:
Knalleffekt – Kramars Klage gegen „Heute“ abgewiesen – Aus Formalgründen (29. Juni 2009)
Hubsi Kramar: „Habe nicht Pimmel, Pimmel geschrien!“ (28. Juni 2009)
Fritzl-Prozess – Erster Tag mit Medienskandal (16. März 2009)
Termin Medienverhandlung „Kramar gegen HEUTE“ (Link folgt)

Marcus J. Oswald (Ressort: Heute, Medienrecht, Gerichtssaal, Kurzer Prozess) – 29. Juni 2009, Saal 311, 9 Uhr 30 – 9 Uhr 38

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