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Sandlerzeitung Augustin aus Fälscherwerkstätte

Posted in Augustin, Kurioses, Print by Pangloss on 30. September 2011
Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

(Wien, im September 2011) Ganz so einfach ist es nicht, um von der wahren Begebenheit abzulenken, wie es die Augustin-Redaktion in einer weitschweifigen Sozialanalyse des slowakischen Neoliberalismus tut. Doch der Reihe nach.

Wie die „Niederösterreichische Nachrichten NÖN“ einen (nicht im Internet findbaren, aber mittlerweile von offizieller Seite bestätigten) Einsatz der Bezirkspolizei Baden/Wien am 26. September 2011 berichtete, gab es im unseligen Ort Ebreichsdorf die Festnahme eines slowakischen Romas. Dieser trat als Zeitungskolporteur für die Sozialzeitung „Augustin“ auf, jedoch mit einem plump gefälschten Ausweis. Im Zuge der Befragung ergab sich, dass nicht nur der Ausweis gefälscht war: Sondern auch die Zeitung.

Alles falsch: Lächeln, Ausweis und Zeitung

Szenenwechsel: Der Herausgeber dieses Journals war kürzlich an zwei Stellen. Einmal kaufte er einen „Augustin“. Es war vor einem „Spar“ in Wien und mit geschultem Blick fiel auf, dass der Ausweis an der nicht-deutsch sprechenden, slowakischen Verkäuferin merkwürdig gewachsen war. Er war nicht mehr im Scheckkartenformat mit Passbild und Unterschrift, wie man das bei den Verkäufern seines Vertrauens kennt, sondern der Ausweis an der Hüfte der Frau war drei Mal so lang und doppelt so breit. Der Herausgeber kaufte dennoch eine Zeitschrift, aber es war damals schon klar, dass es an dieser Verkaufsstelle das letzte Mal gewesen sein wird. Schließlich hat jeder seinen Augustin-Stammverkäufer und dort gibt es nicht die Schnellabfertigung, sondern auch das Gespräch. Auf ein konfliktbeladenes Gespräch mit der Frau vor dem „Spar“ wurde – mangels Deutschkenntnisse der Frau – verzichtet. Nach dem resignativen Motto: Man kann nicht die ganze Welt retten.

Der Herausgeber dieses Journals war dann dieser Tage im Wiener Museumsquartier. Es ist dort abends angenehm. Man hatte Lesestoff mit. Ein Buch über Julian Assange, eine Londoner „Times“. Und sogar eine „Heute“ zum Draufsitzen, damit man sich an der Liegebank die helle Hose, immerhin von „Joop“ (aber im Abverkauf), nicht schmutzig macht. Während man zwei Stunden dort gemütlich im Abendrot liegt, endlich das Spiegel-Buch „Weltmacht Wikileaks“ fertig liest und in gebrochenem Englisch in der Londoner Times herumstochert, kommen während dieser zwei Stunden, in denen man nichts anderes haben wollte als ein wenig seine „heilige Ruhe“, in Abständen IN SUMME vier Slowaken vorbei und wollen einem entweder den „Augustin“ andrehen, dann das „MO-Magazin“ und natürlich wird man von jedem, obwohl man schon drei Mal in seiner Lesekonzentration gestört wurde und sagte „habe schon gekauft“, um die obligate „Spende“ angeschnorrt. Dabei gab es beim Sitznachbarn ein interessantes Erlebnis: Der Mann, ein Künstler (DJ), schnorrt selbst Zigaretten, hat aber ein Herz. Als bei ihm der Slowake mit der rührseligen Geschichte a la „heute noch nichts gegessen“ an der Reihe ist und „bitte um eine kleine Spende – 50 Cent“, gibt ihm der Mödlinger DJ, offenbar kein Freund von 50 Cent, freundlich eine Spende: 1 Cent. Der Slowake wendet sich beleidigt ab. Hätte man ein sensibles Gehör, hätte man einen Schimpfkanon vernommen. Bei allen vier Slowaken waren drei Dinge falsch: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Sie gingen im Museumsquartier nämlich in Rudeln „nur“ mit dem „Augustin“. Nur einer hatte auch das „MO-Magazin“ von SOS-Mitmensch dabei.

Ebreichsdorfer Erkenntnisse

Wenn die Ebreichsdorfer Erkenntnisse stimmen, wurde offenbar – so sagt es der Polizeibericht – durch fünf Personen eine ganze Zeitung des „Augustin“ in der Slowakei gefälscht. Dabei kann es sich um Farbkopien handeln. Oder um den Vorgang, dass die Fälschung soweit ging, dass man das Layout gestohlen und auf einem slowakischen Computer nachgemacht hat. In Abstufung auch hier: Seite für Seite darin neu eingeben oder, einfacher, mit einer Raubkopie der Ausgabe am USB-Stick, die in der Slowakei nachgedruckt wird.

Das Ganze wird eine Plage. Der überwuzzelnde Schmäh, mit dem das Redaktionsteam des „Augustin“ das herunterspielen will, ist unverständlich. Es ist ein Problem, das nicht in Wien mit Einbettung solcher Personen in das Vertriebsnetz zu bekämpfen ist, sondern in der Volksschule und ganz am Anfang des biografischen Wegs. Der „Augustin“ will das Problem herunterspielen und man dreht in einer etwas verqueren Stellungnahme das Ergebnis, dass gefälschte „Augustin“-Zeitschriften in Umlauf sind, ins glatte Gegenteil! Man sagt: „Nur eine soziale Marke, die ein hohes Image besitzt, verlockt zu Übertretungen des Urheberrechts.“ Das stimmt schon. Grundsätzlich.

Schützwürdige Marken

Auf der anderen Seite lassen die „Hells Angels“ ihr Logo schützen, „Apple“ sowieso und auch der „Augustin“ hat seine Wortbildmarke unter Schutz gestellt. Es geht hier um den Grundsatz, der aus der Markenpiraterie bekannt ist: Man kann Missbrauch sozial erklären oder aber mit Argumenten der Rechtmäßigkeit. Man kann die Frage stellen wie weit man Markennachbau zulässt oder ab wann eine Marke durch den Nachbau durch Dilettanten Schaden nimmt. Der „Augustin“ stellt sich „vor die Roma“ und auf den Standpunkt, dass man geringen Prozentsatz zulässt, so er der Marke nicht schadet. Offenbar meint man beim „Augustin“, dass die Fälschung der Verkaufsausweise, ja sogar die Fälschung der gesamten Zeitung die Marke nicht schädigt. Dem muss man entschieden entgegenhalten, dass es das ganz sicher tut.

Der „Augustin“ will das Problem – nicht unähnlich zum „Global Player“ – offenbar durch Wegschauen lösen. Man reflektiert in der gekonnten Weise, die man nach mehr als 300 Ausgaben „Augustin“ im kleinen Finger hat, auf die sozialen Umstände in der Slowakei. Robert Sommer vom Herausgeberkomitee hat Recht, wenn er sagt: Es ist eine Schweinerei, dass „in fünf Städten im Herbst die Testphase einer sogenannten «E-Pay-Card» startet“. Sie betrifft 180.000 Sozialhilfeempfänger in der Slowakei. Das Sozialgeld wird darauf angewiesen und jede Behebung mit dem unbaren Zahlungsmittel wird registriert. Wenn einer nur Tschick kauft, wird ihm durch den „Big Brother“-Staat Slowakei die Stütze möglicherweise gekürzt. Der 5.5- Millionen-Einwohner-Staat will damit Sozialgeld-Missbrauch schärfer sanktionieren. Eine Schweinerei ersten Grades, keine Frage. Weitere Schweinerei ist, auch das führt der „Augustin“ richtigerweise in seinem politischen Statement zur Fälscheraffäre an: „Eine Alleinstehende bekommt 60,50 Euro pro Monat [Sozialhilfe], eine Familie mit zwei Kindern 157,60 Euro – bei einem landesweiten Durchschnittslohn von rund 750 Euro.“ Der Vergleich zu Österreich macht sicher: 744,03 Euro beträgt die Mindestsicherung in der Alpenrepublik. Pro Mann und Nase, was viele Pärchen dazu verführt, nicht der Verlockung einer Ehe nachzugeben, da das Sozialamt pro Mann/Frau und Nase zahlt, und zwei dann, selbst wenn sie in Lebensgemeinschaft leben (und mit den Adressen ein wenig tricksen), 1.488,06 Euro monatlich netto zum Leben haben. Wenn ein Kleinkind dabei ist, schnellt das sprunghaft nach oben. Plus Alt-Aliemente und so weiter.

Sozial- und Bildungsunterschiede

Der „Augustin“ sieht also mit Scharfsinn, dass in Österreich etwas zu holen ist, da die Sozialbudgets gut dimensioniert sind (allein Wien pro Jahr: 240.000.000 Euro). Das spricht sich bis Bratislava durch, nicht erst seit der Twin City Liner für 29 Euro eine Route in fünf Viertel Stunden über die Donau zurück legt. Die sozialen Unterschiede sind das eine.

Thilo Sarrazin würde freilich ein anderes Argument in die Waagschale werfen und dieses fällt beim Lesen der sozialutopistischen Editorials des „Augustin“ zunehmend durch. Es ist die Bildungsfrage. Sarrazin meinte kürzlich in einem erhellenden „Kurier“-Interview, dass es „Bildungsmöglichkeiten“ und „Bildungsfähigkeiten“ gibt. Die „Bildungsmöglichkeiten“ seien zu „50 – 80 % erblich festgelegt“, an den Stellschrauben der Bildungsfähigkeiten ist durch Fleiß, Ehrgeiz und Neugier etwas zu drehen.

Dogmen statt harte Empirie

Es ist bemerkenswert, dass der „Augustin“ seine Sicht auf die politische Lage stets nur dogmatisch-dokritinär entfalten will, auf das empirisch-deskriptive aber verzichtet. Dazu gehörte dann die Feststellung, dass das Bildungsniveau der Roma, die im Zeitungsvertrieb in Wien tätig sind, eine Mischung aus Bildungsdefizit und krimineller Energie, Aufstellen eigener Regeln, regem Missachten des Verbots nach gewerbsmäßigem Betteln ist, und nun sogar soweit geht, dass man Produktpiraterie bevorzugt, weil man mit den 1.25 Euro, die pro regulär verkauftem „Augustin“ möglich sind, den Rand nicht voll bekommt. Laut Angaben der Polizei in Ebreichsdorf, beträgt der Einkauf des gefälschten „Augustin“ nämlich nur 10 Cent, womit sich die „Gewinnspanne“ auf sagenhafte 2.40 Euro erhöhe.

Das Herausgeberkomitee des „Augustin“ will nicht eingreifen. Man ist schlau. Man weiß genauso gut wie jeder, dass es eine Bewegung „von Unten“ braucht. Wie kommen 350 reguläre „Augustin“-Verkäufer dazu, das Heft mit 50% Verkaufserlös anzupreisen, wenn es eine kleine Gruppe von schwarzen Schafen mit 95% Gewinn versucht? Man nennt das in der Unterschicht: Kameradendiebstahl. Kameradendiebstahl wird in der Unterschicht durch selbstregulierende Maßnahmen gelöst. Ächtung ist eines, Hinausdrängen der Gruppe, die ihn begeht, das andere. Insoweit haben sich die Roma als soziale Gruppe mit ihrer Fälschungsaktion am Meisten selbst geschadet.

Eingriff in fremde Urheberrechte (§ 91 UrhG)

Ob das Herausgeber-Komitee eine Urheberrechtsanklage (die eine Privatanklage nach Eingriff, § 91 UrhG wäre) macht, hält man noch offen. Man wird es wohl nicht tun, weil man einem Nackterten nichts nehmen kann. Was aber kommen wird, ist die Selbstregulierung im Gewässer der Augustin-Kolportage: Bei Roma wird niemand mehr kaufen. Weil zu oft drei Dinge falsch sind: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Man hat sich in Wien selbst das Wasser abgegraben.

Marcus J. Oswald (Ressort: Kurioses, Print, Augustin)

Videos zu „Augustin“

Posted in Video by Pangloss on 30. Juli 2011

(Wien, im Juni 2011) Die sozial engagierte Zeitung „Augustin“ wurde in Wien im Oktober 1995 gegründet. Seither erschienen 300 unterschiedliche Ausgaben. 2011 hat der Trägerverein „Sand und Zeit“ 14 Angestellte und nimmt im Monat 60.000 Euro durch den Straßenverkauf ein. Weitere 60.000 Euro verteilen sich auf die rund 400 Verkäufer. Auf „You Tube“ (Motto: „Broadcast Yourself“) gibt es einige Videos, die zum Anlass des 15-jährigen Jubiläums erstellt wurden. Einige Filme haben noch sehr wenige Zugriffszahlen, was man ändern sollte [sämtliche Zahlen in eckigen Klammern zum Status 30. Juli 2011]:

Film von Universität Wien / Institut für Publizistik [91 Zugriffe]

Film von Augustin TV / Teil 1 Interview mit Gründer Robert Sommer [224 Zugriffe]

Film von Augustin TV / Teil 2 Interview mit Verkäufern und Lesern [199 Zugriffe]

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Am 22. Dezember 2005 begann das „Augustin TV“ als weitere Schiene zum Zeitungsprojekt. Seither gab es 60 Sendungen, die im lokalen Wiener Kabel TV auf „okto“ ausgestrahlt wurden. Auch dieser You Tube-Beitrag hat noch zu wenige Aufrufe.

Kurzfilm zu 5 Jahre Augustin TV / Eigenproduktion Augustin TV [109 Zugriffe]

Film zu 15 Jahre Projekt Augustin / Eigenproduktion Augustin TV [304 Zugriffe]

Marcus J. Oswald (Ressort: Video)

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