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Eine Redaktionssitzung im „AUGUSTIN“ (2004)

Posted in Konzepte, Reminiszenzen by Pangloss on 23. September 2010

Alte Aufzeichnungen: Juni 2004. (Foto: Archiv Oswald 1090)

(Wien, im September 2010) Der Herausgeber dieses Journals kramt gelegentlich in alten Kisten und findet Schriftstücke. Dieser Tage fiel ihm eines aus dem Juni 2004 in die Hände. Es ist ein vorbereitendes Papier für eine Redaktionssitzung. Diese Sitzung fand in der Phorusgasse 5 im 4. Wiener Bezirk in den Räumlichkeiten des Uhudla Verlages statt.

Festzuhalten ist, dass der Herausgeber dieser Seite in den Jahren 2003 und 2004 nie vom Augustin-Chef Robert Sommer zu einer Redaktionssitzung eingeladen wurde. Wohl wurden dort vom Herausgeber der späteren „Blaulicht“-Journale doppelte und dreifache Druckseiten veröffentlicht. Doch zu einer Redaktionssitzung wurde er nie eingeladen.

Am 8. Juni 2004 fand wieder eine Redaktionssitzung des „Augustin“ in der Phorusgasse 5 statt. Das erfuhr der Herausgeber dieser Seite über Umwege per Email. Jemand schickte ihm ein Email (es war seine Lebensgefährtin), dass am 8. Juni 2004 ab 19 Uhr eine solche Sitzung ist. Wie immer war ein Gast geladen, der eine halbe Stunde vor versammelter Runde (zirka 30 Leute) eine „externe Blattkritik“ durchführt. Im gegenständlichen Fall war das am 8. Juni 2004 der Kolumnist Erwin Riess, der die „Stadtausfahrten“, eine Serie über Topoi in Wien, schrieb. Riess ging Seite für Seite der letzten Nummer durch und bezog Anmerkungen auf Beiträge und gab Ausblick, ob man das verstärken oder erneuern sollte.

Nach der „Blattkritik“ war offene Diskussion. Der Vertriebschef Hennefeld berichtete positive und seit Jahren stabile Absatzzahlen bei rund 36.000 Verkauf pro Ausgabe (alle zwei Wochen)

Blattchef Robert Sommer, der kein großer Diskutant, sondern ein stiller Analytiker ist, sprach während der ganzen Veranstaltung fast nichts. Er saß am Zipfel des langen Tisches, umringt von vielen Leuten. Er hörte großteils zu. Nur einmal, als die Blattkritik von Erwin Riess am Ende des Vortrages nach der Konsequenz seiner Analyse fragte, also nach der Umsetzung, da sagte Robert Sommer, fast unhörbar, aber deutlich: „Der Augustin kann schreiben, was er will, er verkauft immer 36.000 jede Woche.“ Riess war enttäuscht. Seine „Blattkritik“ erachtete er damit als sinnlos, da ohnehin nichts verändert wird. Kolumnist blieb er trotzdem und seine „Stadtausfahrten“ erschienen noch lange (bis 2006), ehe die Teile als Buch herauskamen und die Serie abgeschlossen war.

Der Herausgeber dieser Seite hatte sich damals eingeschleust. Er war nicht eingeladen, setzte sich aber dazu. Bis dato Juni 2004 waren gut sieben, acht Artikel, meist Doppelseiter erschienen. Er erachtete es als ein Grundrecht auch mitreden zu können, wie das Blatt gestaltet wird. 2003 und 2004 bestand eine enge Liebe zum „Augustin“, die leider von den „Augustin“-Machern nicht entsprechend erwidert wurde und Ende 2004, aber schon wenige Monate nach dieser einzigen, je besuchten mehrstündigen Redaktionssitzung, erlosch.

Jahre später begegnete er Robert Sommer, es war Frühjahr 2009, in der U-Bahn-Station Spittelau in der Mittelstation bei den Geschäften. Sommer erkannte Oswald nicht, dieser ihn schon. Sommer ging auf Oswald zu und fragte ihn: „Können Sie 20 Euro wechseln?“ Sommer brauchte einen Fahrschein und der VOR-Automat nahm nur 10-Euro Scheine. Wie gesagt: Oswald erkannte Sommer und er sagte: „Nein.“ Dieser drehte sich weg und ging weiter.

Damals, 2004, wäre es eine Freundschaft geworden. Kurz vor der Redaktionssitzung am 8. Juni 2004 entwarf Oswald ein spontanes Papier mit Vorschlägen, was man in die Zeitschrift „Augustin“ einbringen könnte. Tatsächlich konnte er ein paar Dinge am nächsten Tag in einer Wortmeldung vortragen. Vorweg: Es wurde nichts umgesetzt. Die ideelle Zusammenarbeit endete ein paar Monate später für immer.

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AUGUSTIN

(Vorschläge für Redaktionssitzung, 8. Juni 2004, verfasst 7. Juni 2004, 19 Uhr 25)

Seit ich den AUGUSTIN kenne, weiß ich, dass hier Journalismus neu erfunden wird. Damit das so bleibt, muss man immer neue Erfindungen nachschießen, da man sonst rasch konventionell wird.

Hier einige Vorschläge. Heute unter der Dusche ist mir eine Idee eingefallen, die ich sofort festgehalten habe.

1. Begräbnisberichterstattung. Das ist etwas, was es in Österreich nicht gibt. Wien ist aber die Stadt der Nekrophilie und der Schenen Leichen. Man könnte die Rubrik „Sterben“ nennen (in Antagonie zu „Tun und Lassen“).

Manche Zeitungen haben die „Totentafel“. Aber das ist nur Statistik. Was man machen könnte – in loser Folge – fremde Begräbnisse besuchen und über die Dramaturgie schreiben. Schon Girtler sagte zum Begräbnis des Bernhard Wesely 1985, dass es symbolträchtig sei, dass man ihm Spielkarten und ein Hufeisen mit ins Grab warf. Beim Begräbnis des Josef Krista, das war 1970, spielte man den „Zapfenstreich“ aus „Verdammt in alle Ewigkeit“. (Beides waren Unterweltler, Anm.). Gemeint ist bei uns: Zeige mir das Begräbnis und ich sage Dir, wer du warst.

Form: Reportageform. Der Leser muss den Weihrauch riechen, die Musik hören, die Gesichter sehen. Die Ansprachen, das Zermoniell. Es muss berichtet werden wie von einer Theaterpremiere.

Analogie: Monarchische Begräbnisse. Die wollen wir nicht beschreiben, sondern ganz gewöhnliche Begräbnisse.

Analogie II: Lily Brett, eine US-Autorin, lebte davon, in der „New York Post“ Nachrufe zu schreiben. Daneben schrieb sie Kurzgeschichten, die heute große Verbreitung erfahren.

2. Geldberichtserstattung. Aber nicht so wie im „Wirtschaftsblatt“ oder im „Trend“, Zeitschriften, die davon ausgehen, dass alle Geld haben. Sondern über die Profiteure des Geldlebens. Geldverleiher, Geldeintreiber.

Ich schlug schon einmal eine Art neue Rubrik – ebenfalls in loser Folge – vor: „Geld.Los“

Die zehn großen Inkasso-Insitute im Tun und Geschehen. Nicht im Portrait. Keine PR. Sondern ein verdecktes, investigatives Portrait, das Auskunft darüber gibt, wie man dort Auskunft gibt.

Andreas Maly sagt ja, dass die Inkasso-Institute in 50% der Fälle zu Lasten des Betriebenen falsch abrechnen. Man müsste weitere Strukturansätze finden, die man bei jedem Institut anwendet.

An meiner Tür war kürzlich ein Inkassant im Hausbesuch – und hinterließ eine Visitenkarte. Ich würde natürlich gerne wissen, was das für Leute sind. Was sind das für Leute, die bei Leuten Geld eintreiben?

Zehn Teile: Aber nicht Wirtschaftsjournalismus, sondern Sozialjournalismus!

Wie kann man das machen? Einfacher Trick: Indem man nicht Unternehmen in den Mittelpunkt stellt (wie das herkömmliche Zeitungen tun), sondern den Betroffenen, Gepfändeten, Schuldner.

Weitere Ansätze zur Verbesserung:

Vorbemerkung: Es ist ein leichtes, eine Zeitung mit 300.000 Auflage zu machen. Einige Ansätze.

3. Sportberichterstattung ausbauen. Will man (wollen wir) mehr Auflage, muss man auch über andere Themen berichten. Rapid und Austria. Aber anders, als in Großmedien. Etwa über Fangruppen. Etwa über Unterthemen wie rassistische Schlachtgesänge. Sicher: Man macht sich damit nicht nur beliebt beim Leser, schärft aber seinen Verstand – und ist mitten im Thema.

Andere Sportarten: Volleyball. Es gibt in Wien eine schwule Volleyballmannschaft. Das wäre ein Thema, das subkutan, unterirdisch das Sexuelle, Erotische des Sportes mittransportiert. Leser werden eine solche Geschichte mit Haut und Haaren fressen.

Endlich einmal ein Interview mit Hans Krankl. Das muss sein, auch wenn er Teamchef ist.

(Einen Überblick über Fussball-Wirtshausmannschaften in Wien. )

4. Ausbau der Berichterstattung zum Beziehungsleben. Beziehungsleben ist das, was im Privaten unter den Menschen passiert. Man kann die Auflage heben, wenn man diese Themen undogmatisch anfasst. Die Frage ist natürlich wieder wie? Es muss AUGUSTIN-like sein.

Fange wir beim untersten Ende an: Gewalt.

Ich würde mir eine 3-teilige Serie wünschen. Über den Aufbau von Serien und dem Überhandnehmen von Serien sage ich später noch etwas.

Teil 1: Gewalt gegen Kinder in Haushalten
Teil 2: Gewalt gegen Frauen in Haushalten
Teil 3: Gewalt gegen Männer in Haushalten (Stw: Xanthippen; auch dazu gibt’s neue Studien)

Jeder Teil der Serie ist in sich abgeschlossen. Wichtig: MEHRTEILIGE Serien dürfen NIE MONTHEMATISCH sein. Das heißt: Eine Serie muss alle Facetten des Themas ansprechen und zwar pro Serienteil in sich abgeschlossen. Sonst wird das als gestalterische Schwäche lesbar und man glaubt, der Autor ist mit dem Platz nicht ausgekommen und streckt das Ganze auf mehrere Teile.

Vorbild: W. Höllriegl. Er schrieb 1978 im Profil eine 3-teilige Serie über Prostitution. Hervorragend geschrieben, doch das ist nicht das Thema. Werfen wir den Blick auf die Gestaltung: Teil 1 – Geschichte der Prostitution seit der Antike. Teil 2 – Die Hure. Teil 3 – Der Freier.

5. Ausbau der Gerichtsberichterstattung. Da läuft man bei mir offene Türen ein. Warum wäre das wichtig? Zum einen zeigt sich in der Gerichtsdramaturgie vieles, wie der kollektive Staat mit dem Individuum umgeht. Da braucht man wenig Begleitsoziologie – die „grellsten Erfindungen sind Zitate“ würde Karl Kraus sagen.

Zudem ist „Kriminalität“ ein Quotenschlager. Das merkt man derzeit vor allem im Fernsehen, wo jeden Abend das Thema auf kreative Weise abgehandelt wird. Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht kriminell ist. Oder: Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht von Kriminalität betroffen ist. Mir wurde zum Beispiel seit 1998 das vierte Fahrrad vor meinem Haus gestohlen. Das letzte am 31. Mai. Kriminalität ist immer und überall. Sie schläft nicht und kann jeden betreffen. Es ist das Menschheitsthema schlechthin und interessiert die Leute. Das ist gut für Leute, die Zeitungen machen.

Die Themenbandbreite ist sehr groß, abendfüllend und hebt auf jeden Fall die Quote.

Ich empfehle auch kürzere Berichte aus dem Segment, denn es muss nicht immer der große Hintergrundartikel sein.

6. KULTURA: Ich bin natürlich für viel Kultur in einer Zeitung. Aber eine Zeitung, die nur Kultur bringt, ist bald eine „Kulturzeitung“. Und da brauchen wir von Auflagensteigerung nicht mehr reden!

Der AUGUSTIN soll Buchbesprechungen und Theaterkritiken bringen, aber nicht nur, sonst ist es nicht mehr der AUGUSTIN, sondern Morgen, NÖ. Kulturberichte, OÖ. Kulturbericht, Kolik, Kursiv und wie sie alle heißen.

Hauptproblempunkt, der zu bedenken ist: „Wer in Bewegung ist, liest nicht gerne den langen Kulturessay.“ Vertriebsachse „Kolportage“ weist auf Bewegung hin. Wer von einem Kolporteur kauft, ist in BEWEGUNG. Den Kulturessay liest man im Ohrensessel, in einem angenehm eingerichteten Arbeitsplatz, auf der Couch, nicht aber in der Straßenbahn oder im Zug. Der typische AUGUSTIN Leser kommt für mich aus dem unteren Mittelstand oder Mittelstand.

Denken wir an die Pendler, die nach NÖ hinausfahren und den Augustin am Bahnhof kaufen. Die wollen etwas lesen, das mit dem Leben und Lebensraum zu tun hat. Bedienen wir das!

Ich glaube, wer kritische Öffentlichkeit erzeugt, hat die Öffentlichkeit auf seiner Seite.

Man muss Themen nicht nur „machen“, sondern auch weiterverfolgen und beizeiten wieder aufgreifen!

Aktueller werden!

Frühes „Profil“ (70er Jahre) – Ich höre immer wieder: So kann man heute nicht mehr Journalismus machen. Die Zeiten habe sich geändert. Das ist Unsinn: Nicht die Zeiten haben sich geändert, sondern die Medien. Die Probleme der Menschen blieben gleich.

[Oswald – 7. Juni 2004, 19 Uhr 25]

Marcus J. Oswald (Ressort: Reminiszenzen, Konzepte)

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