Medien und Kritik – Das Online Magazin

Krone Bunt seit zwanzig Jahren – Vor allem PR-Plattform

Posted in Kronen Zeitung, Print by Pangloss on 2. Mai 2011

(Wien, im Mai 2011) Vor zwanzig Jahren erschien die erste Ausgabe von „Krone Bunt“. Der illustrierte Mantel der Kronen Zeitung am Sonntag erschien seither 1.040 Mal an ebenso vielen Sonntagen. Die Erfindung von Hans Dichand war sicher zum Teil ein Angebot für den Leser, der auf diese Weise eine Art Wochenendfeuilleton bekommt, wie das die anderen Zeitungen auch haben. Andererseits war es kühles Kalkül. Die Hochglanzseite am besten Verbreitungstag der „Kronen Zeitung“ ist: Ein Mordsgeschäft mit der Werbung.

Der Bua als Chefredakteur

Erster und bis heute tätiger Chefredakteur ist Christoph Dichand, der mit dieser Extrazeitung über Jahre eingeschult wurde. Der Krone-Chef Hans Dichand setzte den Buam in die bunte Beilage ein, wo er sich Sporen verdienen sollte. Etwas später wurde er zum Gehalt von 23.000 Euro im Monat in direkter Erbfolge als Gesamtchef der Kronen Zeitung eingesetzt, wobei Christoph Dichand die „Krone Bunt“ noch mitmacht. Es ist eine eher koordinative Aufgabe, da die Beiträge großteils ohnehin von bezahlten Kolumnisten kommen, die auf Halde schreiben und zeitunabhängig Texte liefern. Das eigene Fotoarchiv, Mauritius, Buenos Dias, Corbis und Getty tun das Ihre zum hohen Bildanteil dazu. Daher hat die Krone Bunt bis heute keine eigene Redaktion, ja nicht einmal eine Telefonnummer.

Themenmischmasch ohne Zentrum

Die Krone Bunt ist ein Mischmasch an Themen und will ganz Österreich, alle sozialen Schichten und Interessen abdecken. Das Zusatzblatt ist nicht durchlesbar, aber manchmal schön anzuschauen, das muss man neidlos anerkennen. Warum es nicht durchlesbar ist? Die Themenbreite ist zu groß, die Auswahl beliebig. Die endlosen Serien über diverseste Habsburger-Könige und ihre Wehwehchen interessieren nur Rentner und Nostalgiker. Psychologie-Beiträge, die bestenfalls zum Partytratsch reichen, eine „Liebeskolumne“ von Gerti Senger, die nie aufhört aus der psychotherapeutischen Ordination zu plaudern. Evangelische Pfarrerinnen haben ebenso eine (wenigstens lesbare) Kolumne wie die katholische Fraktion in Person des Weihbischofs von Wien mit einem sehr unlesbaren und im wahrsten Wortsinn „gebetsmühlenhaften“ Sermon. Roland Girtler löste den verstorbenen Günther Nenning ab und tut ihm gleich, indem er über Wald und Wiesen schreibt und kein Mensch weiß, warum er gerade dieses Thema an diesem Sonntag bringt. Neuerdings gibt auch Stronach in „Franks Welt“ Einblick, die kurz zusammengefasst das zum Ausdruck bringt: Wer will, der kann.

Der Sonntags-Mantel ist ein brilliantenbesetzter. Dabei legt man offiziell doch so großen Wert auf die Trennung von Berichterstattung und PR. Peter Korrak, der Fotograf, einst Haus- und Hoffotograf von Hans Dichand und Werner Faymann erzählte dem Autor dieser Zeilen einmal 2009 dieses: Er machte 95 Titelseitenfotos für die „Krone Bunt“ und war in den 90er Jahren der Lieblingsfotograf von Hans Dichand. Pro Bild zahlte Dichand 2.000 bis 3.000 Euro, es gab für die in Szene gesetzten Aufnahmen ein Modell, einen Beleuchtungsassistenten und den Fotografen bezahlt. Am Ende waren die Fotos so gut, dass es 2002 sogar eine Vernissage mit den 75 besten Korrak-Fotos gab, an der auch Dichand persönlich teilnahm. Doch 2003 wurde Peter Korrak gekündigt.

Fotograf Peter Korrak hinausgeworfen

Er hatte einen Tourismusort im Ausland zu fotografieren und er verhandelte das Hotel für die Übernachtung direkt aus. Im Gespräch mit der Hotelkette wollte er ein gutes Fünf-Stern-Zimmer und sagte dem Hotel im Gegenzug eine gute bildliche Repräsentation in der Krone Bunt zu. Davon bekam Hans Dichand jedoch Wind und er war entrüstet. Dafür habe man die Anzeigenabteilung, einem Fotografen stehe nicht zu Nebenarrangements zu treffen. Korrak wurde entlassen. Er verdiente damals 10.000 bis 11.000 Euro im Monat, hatte das beste Equipement und machte reihenweise für die „Kronen Zeitung“ monatlich Fotos. Darunter auch die 95 Titelseiten für die Sonntagsmantel. Danach rasselte sein Verdienst gegen Null. Heute weiß er zu erzählen, dass für Fotografen der Markt tot ist. „profil“ zahlt 100 Euro pro Bild. Korrak macht nun einfallsreihe Sonderreihen (kürzlich war seine Ausstellung im „Kunsthistorischen Museum“ mit Politikerportraits) und nimmt auch für 150 Euro Kleinaufträge für die Nikon-Vollformatkamera an, um nicht aus der Übung zu kommen.

Blickt man heute in die „Krone Bunt“ (sagen wir Ausgabe 30. Mai 2010) finden sich neben drei allzu flüssig geschriebenen „Tourismusreportagen“ (eine über den Vierwaldstädtersee in der Schweiz, eine zu Wagram in Niederösterreich und eine über Kreta in Griechenland) in Summe 26 Werbeinserate in 4-Color von Reisebüros. Dafür dürfen die Journalisten nach wie vor auf Kosten des Hauses (entweder Krone oder das Reisebüro) dorthin reisen, die Tage genießen: Die Kohle für 26 Inserate nimmt der Chef. Gelegentlich kauft er aus dem Hamburger „Stern“ eine besonders gute Reportage einfach an und kleistert den Seitenrand mit Inseraten zu.

Krone Bunt treibt es manchmal zu bunt – § 26 MedienG verletzt

Der Sonntagsmantel „Krone Bunt“ ist voller Geld. Doch manchmal treibt man es zu bunt. Am 19. September 2010, kurz vor der Wien Wahl 2010 wollte man den Leser mit positiven Nachrichten aus Wien einkochen. Im Marmelade-Glas auf 32 Seiten: Berichte zu Vorhaben in Wien mit dem Titel „Eine Stadt zum Verlieben“. Darin stellten sich zwölf große Unternehmen vor. Die Texte kamen aus den PR-Abteilungen der Unternehmen und die „Krone Bunt“ kassierte für den Abdruck Länge mal Breite. Die Rede war von 30.000 Euro pro Seite! Macht ein Nettoinkasso für Hans Dichands Zeitung von 960.000 Euro. Vermittelt haben unter anderem Lobbying-Agenturen wie „Change Communication“ von Wolfgang Rosam und Dietmar Ecker.

Hinterher bestritten alle Seiten, dass Geld geflossen sei. Obwohl die Unternehmen folgender Persönlichkeiten prächtig dargestellt wurden: Generaldirektor Harald Nograsek (Verkehrsbüro, S. 2-3), Vorstandsdirektor Herbert Kaufmann (Flughafen Wien, S. 4-5), Vorstandsdirektoren Peter Malanik und Andreas Bierwirth (AUA, S. 6-7), Vorstandsvorsitzender Wolfgang Hesoun (Siemens Austria, S. 8-9), Generaldirektor Günter Geyer (Vienna Insurance Group, S. 10-11), Vorstandsvorsitzender Frank Hensel (REWE International, S. 12-13), Generaldirektor Hannes Ametsreitner (Telekom Austria, S. 14-15), Vorstandsvorsitzender Andreas Treichl (Erste Bank, S. 16-17), Generaldirektor Franz Kosyna (Donau Versicherung, S. 18-19), Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Strauß (Porr AG, S. 20-21), Genraldirektor Robert Lasshofer (Wiener Städtische Versicherung, S. 22-23), Entrepreneur Rene Benko (Signa Holding, S. 24-25), Mercer-Studie „Lebenswertes Wien“ (S. 26-27), SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl im Interview (Text und Fotos von Presseinformationsdienst der Stadt Wien – PID S. 28-31), „Lobende Stimmen zu Wien“ (12 Persönlichkeiten der Wirtschaft im Zitat, S. 32). Es blieb Kritik: Die Markierung § 26 MedienG (entgeltliche Einschaltung) fehlte. Der so genannte PR Ethik-Rat rügte, da das Advertorial nicht gekennzeichnet war und dem Leser verkauft wurde, es sei ein redaktioneller Beitrag über 32 Seiten. Auswirkung hatte das für die „Kronen Zeitung“ keine. Anzeige oder Privatanklage wurde keine gemacht. Der Staub legte sich wieder. Lobbyist Wolfgang Rosam regte sich kurz auf, dass er in den Dreck gezogen wird: Er habe nur seine Arbeit gemacht und seine Kunden in die Kronen Zeitung gebracht. Die Kronen Zeitung/WAZ regte sich gar nicht, daher auch nicht auf. Sie kassierte. Die großteils börsenotierten oder stadtnahen Unternehmen zahlten brav. Auch wenn sie hinterher dementierten.

Hauptsache Geldesel am Sonntag

Die „Krone Bunt“ ist tatsächlich der Geldesel der „Kronen Zeitung“ geworden. Der Spielraum in der bunt ummantelten Beilage ist größer als im Tageszeitungsteil, in dem die Ressorts reglementiert sind. Dominieren im Tageszeitungsteil die teuren Kleinanzeigen, die man mit dem Mikroskop lesen muss, fährt der Sonntagsteil halb- und ganzseitige Werbeflächen auf, die bis zu 50.000 Euro pro Seite kosten. Am Sonntag, wenn andere zur Kirche gehen oder bei Mutter im Bett liegen, macht die „Krone“ das wirklich große Geld.

Insoweit war die Erfindung der „Krone Bunt“ im Herbst 1990 ökonomisch für die „Kronen Zeitung“ schön. Am 28. April 1991 erschien die erste Ausgabe, die bis heute von anderen Zeitungen ansatzweise kopiert (Kleine Zeitung, Neues Volksblatt, Österreich), aber in der ökonomischen Intensität nie erreicht wurde. Inhaltlich brachte sie wenig Neues. Außer alle Jahre vor Weihnachten die Tierredakteurin Entenfellner am Cover der eigenen Zeitung.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Kronen Zeitung)

Kronen Zeitung beginnt neue Anti-Atom-Kampagne 2011

Posted in Kronen Zeitung, Print by Pangloss on 4. April 2011

Als Journalist versuchte ich die demokratische Grundstimmung stets zu verstärken. Nie ging es mir dabei um Macht. Das warf man mir zwar oft vor, und ich erwiderte dann: ‚Lieber streichle ich unseren Hund daheim, als Macht auszuüben.‘ Mich auf der Bühne des Lebens zu spreizen, ist nicht meine Art. (…)
Was hat zum Beispiel den besonders populären Bundeskanzler Kreisky seinerzeit dazu veranlasst, das Atomkraftwerk Zwentendorf gegen den Willen der Mehrheit durchsetzen zu wollen? Er meinte wohl, das Gewicht seiner Persönlichkeit werde bestimmend genug sein, den Volksentscheid für sich und damit für den Bau des Atomkraftwerks ausgehen zu lassen. Was hat den Bürgermeister Felix Slavik dazu bewogen, sich gegen die Wiener zu stellen, als sie die Öffnung des Sternwarteparks verlangten? (…)
Und dann Hainburg: Wie konnte der ÖGB annehmen, dass er sich gegen den so stark spürbar gewordenen Willen der Österreicher, das Land vor Zerstörungen der Umwelt zu bewahren, durchsetzen werde?“
(Hans Dichand, Im Vorhof der Macht, S. 13, 14 und 15)

„Zähigkeit: Für den Normaljournalisten ist das ja gar nicht erlaubt. Für ihn gilt: ‚Darüber haben wir schon einmal geschrieben, darüber können wir nicht noch einmal schreiben, wir müssen aktuell sein.‘ – Die Aktualität der Krone ist hingegen ganz umgekehrt: Immer dran bleiben, bis wir gewonnen haben. Die Hainburger Au ist jetzt der Nationalpark Donau Auen, international anerkannt und geschützt; die Semmeringbahn ist jetzt Weltkultur-Erbe der UNESCO. Kurz: Es lebe der Kampagnenjournalismus der Krone. Viele Kampagnen der Krone mündeten in Volksbegehren oder Volksabstimmungen, wobei dann die Krone nachmals kräftig nachschob. Manche erreichten weit mehr als eine Million Unterschriften. Volksabstimmung gegen Atomkraftwerk Zwentendorf, 1978, 1. 6 Millionen Nein-Stimmen; Volksabstimmung über den EU-Betrittt, 1994, 3.1 Millionen Ja-Stimmen; Volksbegehren gegen Atomkraftwerk Temelin, 2002, 915.000 Unterschriften. Ich bin stolz auf solchen Populismus. Das ist journalistische Arbeit für Österreich. Das nenn ich Edel-Populismus.“
(Günther Nenning, Eine Krone Bitte, S. 52 und 53)

Obwohl das Euratom-Volksbegehren soeben gescheitert ist, beginnt die Kronen Zeitung nun eine eigene Kampagne. (Foto: Aufkleber, 4. April 2011)

(Wien, im April 2011) Der Kampagnen-Journalismus gehört zur größten Tageszeitung Österreichs „Kronen Zeitung“ wie der Gesang zum Heurigen vergangener Tage. Der breit aufgestellte Kampagnen-Journalismus in der großen Boulevard-Zeitung entstand in den siebziger Jahren, als man Strömungen der Gesellschaft aufgriff und vertiefte. Das Wesen der Kampagne liegt in der Redundanz und Wiederholung, bei leichter Variation der Kernthese. Auf jeden Fall darf die Kampagne nicht von politischen Verbänden ausgehen, sondern sie muss aus der Angst der Bevölkerung Nahrung beziehen.

Kampagnen nur mit Themen aus Bevölkerung

Klein-Kampagnen scheiterten in der Kronen Zeitung immer wieder. So ist kaum jemandem der Inhalt des „Bauernmanifests“ noch bekannt. Diese „Krone“-Kampagne ging von politischen Strukturen aus und scheiterte, weil die Bevölkerung achtungsvoll weiß, dass Bauern nur fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber ohnehin überdurchschnittlich stark – etwa im Parlament – repräsentiert sind.

Anders bei Themen wie Atomdrohung, Gendrohung oder EU. Hier hatte die „Kronen Zeitung“ eine führende Rolle und die entsprechenden Begehren vom Volk wurden ein Erfolg.

Von allen 34 Volksbegehren, die es bisher in Österreich gab, schnitt das Euratom als zweitschlechtestes ab. (Tafel: Volksbegehren, Source: Bürgermeisterzeitung 2011_03)

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Dieser Tage endete das „Euratom“-Volksbegehren und es wurde das zweitschlechteste aller 34 Volksbegehren. Es ging von einer Aktionsgruppe von Oberösterreich aus, die aus der Anti-Temelin-Bewegung kommt und es erreichte nur 98.698 gültige Eintragungen. Damit wurde die Schallmauer von 100.000 hauchdünn verfehlt. Das Anliegen, aus dem EU-Atomvertrag auszusteigen, muss daher nicht im Parlament behandelt werden.

Euratom-Volksbegehren gescheitert: Nur 98.698 Unterschriften

Gute Ergebnisse wurden in Vorarlberg (4,77%), Oberösterreich (2,08%), Niederösterreich (1,44%) und Salzburg (3,09%) erreicht. Die Organisatoren Roland Egger und Gabriele Schweiger sehen eine neue Anti-Atom-Bewegung trotz des knappen Ergebnisses. Umweltminister Nikolaus Berlakovich würdigt das Anliegen, erwähnt aber, dass laut Verfassungsdienst ein Ausstieg aus dem Euratom-Programm zugleich ein Ausstieg aus der EU bedeute. Das Volksbegehren habe von Beginn an mit populistischen Argumenten für den Atom-Ausstieg (zugleich EU-Ausstieg) geworben, kritisiert ein anderer „Anti-Atom-Berater“ mit Namen Radko Pavlovec. Es sei daher zurecht bei der Bevölkerung nicht angekommen. Das Volksbegehren nahm die Hürde für die Behandlung im Parlament nicht.

Doch nun beginnt die „Kronen Zeitung“ eine neue Kampagne.

Am 15. März 2011 bringt die Kronen Zeitung eine 13 Seiten lange Bildreportage aus Japan und deutet auf der Titelseite den Start einer neuen Kampagne an. (Foto: Kronen Zeitung, 15 März 2011; Source: Titelseitenarchiv Oswald 1090)


Die Kronen Zeitung will die Sicherheitsprüfung aller Atomkraftwerke, vor allem der überalterten, unterstützen und vergleicht Österreich nun mit einem gallischen Dorf. (Foto: Kronen Zeitung, 15. März 2011, S 11; Source: Archiv Oswald 1090)

Weil das Euratom-Volksbegehren scheiterte, das vermutlich zu früh kam, nämlich vor japanischen Beben, setzt die „Kronen Zeitung“ nun, wohl zum richtigen Zeitpunkt, nämlich nach dem japanischen Beben, eine Kampagne in Start.

Sicherheits-Chek als Forderung

Es geht nicht um den Totalausstieg aus der Atomkraft, weil das rechtlich mit dem EU-Austritt verbunden wäre, sondern es geht um einen zwingenden „Sicherheits-Check“ für alle AKWs. Mit dieser Forderung bezeichnet sich die „Krone“ nun als „Anti-Atom-Gallier Europas“. Doch geht es nur um den Sicherheitscheck?

In der Petition, die von „Global 2000“ begonnen wurde, aber die „Kronen Zeitung“ als Medienpartner hat, gibt es drei Punkte: 1. Abschalten der Risiko-Meiler. 2. Langfristiger Ausstieg aus Atom-Energie, Wechsel auf Öko-Energie. 3. Euratom-Geld nur für Sicherheitschecks und Abwracken.

„Global 2000“ Mann Klaus Kastenhofer grenzt demnach die Petition auf Machbares und Schwerpunkte ein. „Im Kampf gegen die Atomgefahr an unseren Grenzen liegt die Priorität auf den überalterten AKWs in Deutschland und deren überstürzter Laufzeitverlängerung.“

In langer Tradition - seit Zwentendorf - ist die Kronen Zeitung beim Thema Atom aktiv. Nun will man im April 2011 die Stimmung erheben. (Foto: Aufkleber Rückseite, 4. April 2011)

Die „Kronen Zeitung“ macht sich nun für dieses Thema stark. Man machte auch beim „Euratom“-Volksbegehren mit, aber nicht federführend und daher scheiterte es auch. Durch die zu enge Verknüpfung Euratom-Ausstieg und EU-Ausstieg machten eben nicht mehr Unterstützer mit. Die „Krone“ versucht nun mit konkreteren Anliegen zu punkten. Die Abziehbilder und Postkarten liegen in allen Trafiken stapelweise auf. Die Webseite zur Petition ist auf der http://www.krone.at etwas versteckt. Man findet sie de facto nicht. Es gibt auch keinen Banner oder Hinweis.

Um die Folgekosten in der japanischen Region abzudecken, braucht die Kraftwerkskonzern Tepko nun einen Kredit in Höhe von 17 Milliarden Euro. Das wird von Experten nur als Anzahlung für die Entschädigung der Umweltschäden gesehen. Grundsätzlich sind alle Kraftwerksbetreiber unterversichert. (Foto: Handelsblatt, 24. März 2011, Source: Archiv Oswald 1090)

Dass Atomkraft das Gegenteil von billig ist, erklärt das „Handelsblatt“ in einem Leitartikel vom 25. März 2011. Unter dem Titel „Die wahren Kosten der Kernkraft“ resümiert das nicht unbedingt Industrie feindlich eingestellte Blatt aus Düsseldorf, dass die Kosten für Atomkraft nur im Normalbetrieb günstig seien. Bei jedem Unfall „explodieren“ diese dann.

Handelsblatt: Japanischer Kraftwerksbetreiber braucht Kredit

So braucht der japanische Kraftwerksbetreiber aktuell, so das „Handelsblatt“, einen Kredit in der Höhe von 17,4 Milliarden Euro. „Nach den Erfahrungen mit der Atomkatastrophe in Tschernobyl (235 Milliarden Dollar Schaden) dürfte diese Summe nur eine Anzahlung sein.“ Da das keine Versicherung trägt, sind Atomkraftwerke nicht rückversichert. Daher zahlt die Zeche bei einem Unfall immer der Steuerzahler und nie der Kraftwerksbetreiber.

Eine deutsche Studie wird zitiert, die davon ausgeht, dass im Fall eines Atomunfalls in Deutschland Schäden bis zu 5 Billionen Euro entstehen können, was das doppelte des deutschen BIP sei. Deutschland sei dann mit einem Unfall pleite. „Es geht um ganz kleine Wahrscheinlichkeiten, die aber zu riesigen ökonomischen Kosten führen“, wird ein Experte der Uni Kiel zitiert. Bei einer angenommenen Schadenssumme von 5 Billionen wäre die jährliche Versicherungsrate 287 Milliarden Euro. Damit wäre Atomstrom, der bisher 20 Euro pro Megawatt kostet (Gas und Kohlestrom: 40 Euro pro Megawatt) schlagartig unleistbar. Leistbar ist er nur, weil die Unternehmen nicht vollversichert sind.

Deutsche Atomkraftwerke sind alle untersichert

Die Versicherung deckt nur einen kleinen Anteil bei Schäden ab, man spricht von Unterversicherung. In Deutschland gibt es eine „Kernreaktor-Versicherungsgesellschaft“, die Haftpflicht bis zu 256 Millionen Euro deckt. Übersteigende Schäden zahlen in einer Abmachung die Kraftwerksbetreiber bis zu 2.2 Milliarden Euro. Danach haften die Unternehmen (RWE und andere) mit ihrem Gesamtvermögen und ist dies aufgebraucht, kommt der Steuerzahler an die Reihe.

Insoweit ist der Tanz mit dem billigen Atomstrom ein Drahtseilakt ohne Netz. Man balanciert und gaukelt Sicherheit vor. Der Strom soll sauber sein und billig. Das gelingt so lange, ehe ein Unfall großer Dimension passiert. Dann kracht eine Region zusammen und vielleicht eine ganze Volkswirtschaft. Es geht eine große Gefahr von den Atommeilern aus. Vor allem, seit die Erdbebengefahr in manchen Regionen der Welt zunimmt.

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Verwendete Quellen:
Hans Dichand: Im Vorhof der Macht. Wien, Ibera & Molden Verlag 1996.
Günther Nenning: Eine Krone bitte. Wien, Molden Verlag 2003.
Kronen Zeitung, 15. März 2011 – Im Zeitschriftenhandel um 1 Euro zu beziehen.
Bürgermeister Zeitung März 2011 – Nur im Jahresabo zu 155 Euro pro Jahr zu beziehen.
Handelsblatt, 24. März 2011 – Im Zeitschriftenhandel um 2,90 Euro zu beziehen.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Kronen Zeitung)

Nationalrat Erwin Hornek und Zeitung HEUTE haben sich nicht geeinigt

Posted in Heute, Medienrecht, Print by Pangloss on 28. Oktober 2010

Am Ende glühten seine Ohren feuerrot. Die Vergleichsgespräche mit der Zeitung HEUTE dauerten 67 Minuten. Dann wurde ergebnislos vertagt. Die Sache mit der Ehekrise und Berichten Ende 2009 ist noch nicht vorbei. (Foto: Oswald)

(LG Wien, am 28. Oktober 2010) Der Berichterstatter hatte heute Pech und dieses Pech will kurz geschildert sein, ehe es zum eigentlichen Bericht geht. Der Berichterstatter ist 20 Stunden wach, ehe er um 11 Uhr beim Saal 208 des Landesgerichtes Wien ankommt. Lange Wachzeiten rühren nicht von Vielweiberei, sondern von aktuell erhöhtem Arbeitsaufwand. Es ist so. Mit 20 Stunden in den Beinen ist man etwas müde, aber gelassen. Daher nimmt man das Folgende in einer erwartungslosen Gegenwärtigkeit und sehr gelassen hin.

Das erste was der Anwalt des ÖVP-Nationalrates Erwin Hornek, der Medienrechtsexperte Gottfried Korn beantragt, ist den Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit ist ohnehin klein. Ein Mann hoch, der Berichterstatter. Die Richterin ist neu. Am Landesgericht Wien tummeln sich derzeit eine Menge neue Richterinnen und Richter: Mag. Nicole Baczak ist brandneu. Sie ist gewillt die Mini-Öffentlichkeit auszuschließen und tut es. Natürlich ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ angesprochen. Fraglos gibt § 8 Abs 3 Mediengesetz diese Möglichkeit. Doch muss man es auch tun? (Sie muss, weil in einem Parallelverfahren Hornek gegen Österreich der OGH festgehalten hat, dass es „höchstpersönlicher Lebensbereich ist“. Daher muss sie sich – systemimmanent – daran halten.)

Rechte der Öffentlichkeit als Kontrollinstanz eingeschränkt

Festhalten muss man aber dürfen, dass Erwin Hornek seit zehn Jahren Bezirksparteiobmann der ÖVP im Bezirk Waidhofen an der Thaya ist. Es ist exakt auf den morgigen Tag (seit 29. Oktober 1999) elf Jahre Nationalrat im Hohen Haus und damit einer von 183 Repräsentanten Österreichs, die für viele sprechen und Gesetze machen. Alleine aus diesen Gründen ist eine besondere Frage, wie besonders integer ein Mandatar ist, wenn er nach dem Stufenbauprinzip der Gesellschaft „repräsentativ“ für eine große Wählergruppe aus seinem Wahlkreis im Parlament spricht und arbeitet.

Trotzdem folgt die junge Richterin Nicole Baczak dem Prinzip der Worte der Höchstinstanz, dass höchstpersönliche Lebensbereiche erörtert werden (Familienzwist und außereheliche Eskapaden), und diese schützenswert auch für einen ÖVP-Bonzen sind. Sie schließt die Öffentlichkeit aus. Sie hemmt damit die Kontrollinstanz der Öffentlichkeit (Watchdog) als hohes Gut einer offenen Wertediskussions-Gesellschaft. Das „Ausschließen“ geschieht viel zu oft am Landesgericht Wien, fast reflexhaft und das ist schade. Es sichert – im gegenständlichen Fall – die Macht derer ab, die vom Steuergeld bezahlt werden (Hornek ist seit elf Jahren im Nationalratssold, daneben Bürgermeister einer Marktgemeinde, daneben Bezirksparteiobmann, kommt also auf gut 15.000 Euro Bruttoverdienst aus Steuergeld) und lässt nichts darüber berichten, was nicht private Sache ist, sondern Prüfstein, ob ein solcher der Richtige ist, dass er mit öffentlichem Steuergeld aus Nationalratskassen und Parteikassen Berufspolitiker sein darf. Der Berichterstatter frägt die Richterin, wie er das immer tut, wenn ausgeschlossen wird: „Rufen Sie zum Urteil auf?“ Sie bejaht. Der Berichterstatter wartet dann eine Stunde und 7 Minuten geduldig und alleine auf der Holzbank am Gang. Warten gehört zum Prozedere beim Gerichtssaalbericht. Man nimmt es medidativ. Dann endet der Leerlauf, die Tür geht auf und alle huschen geschwind heraus und weg. Es wurde nicht aufgerufen. Zu berichten gibt es daher: nichts.

Der Schnäuzer ist ab

Worum es ging, war dies: Der 51-jährige Erwin Hornek ist umtriebig. Er ist Multifunktionär: Bürgermeister der Marktgemeinde Kautzen von 1990 bis 2010, Gemeindeparteiobmann der ÖVP Kautzen seit 1990, Bezirksparteiobmann der ÖVP Waidhofen an der Thaya seit 2000, Nationalrat seit 1999. Doch das sind viele und nicht deshalb berichtete die Tageszeitung „Heute“ über den Mann, der auf den Fotos der Parlamentswebseite Schnauzbartträger ist. Der Schnäuzer ist mittlerweile ab. Die Berichte, die rund um Sylvester 2009 die Öffentlichkeit erschütterten und sogar die Frauenhausbewegung als Hüterin der Opfer gegen Gewalt auf den Plan rief, drehten sich um anderes: Im Hause Hornek hänge der Haussegen schief, hieß es. Es war von drei Dingen die Rede. a. Ein Seitensprung des Multifunktionärs, den er angeblich nie bestritt. b. eine eingereichte Scheidung der Ehefrau wegen des Seitensprungs, die er nicht bestritt. c. Hiebe für die Ehefrau, weil sie die Scheidung einreichte, die er bestritt.

Große Aufregung um Sylvester 2009

Die allseitige Aufregung war groß. Nicht nur im christlichen Abendland Niederösterreich. Sondern auch im politischen Machtzentrum Wien. Kann es sein, dass ein Mandatar und Vorbild für die Gesellschaft gegen die Ehefrau losgeht? Es rotierten wilde Gerüchte. Eines hieß: Es gab Verletzungen. Eines hieß: Es gibt Anzeigen nach Körperverletzung gegen den Multifunktionär und Nationalrat. Dann folgten Erklärungen: Die Frau sei ausgerutscht und von selbst gegen einen Türstock gefallen. Dann der Neujahrsfriede: Ende gut, alles gut. Es gibt keine Strafverfolgung, da keine Häusliche Gewalt war. Es war ein Unfall. Die Strafanzeige wurde von der Staatsanwaltschaft Krems – nach Vorlage beim Justizministerium, immer, wenn ein Mandatar angeklagt werden soll – nach umfassender Prüfung eingestellt. Das ist der Ist-Stand. Kein Strafprozess. Die Kurve ist gekratzt.

Die Zeitung HEUTE war auf einen Vergleich aus, der Nationalrat, Bürgermeister und ÖVP-Multifunktionär will den Machtkampf und verweigert einen Vergleich. Er sieht sich im Recht, da die Strafanzeige gegen ihn eingestellt wurde. Interessanterweise hat man in Medien nie die Version der Ehefrau gelesen. That's Niederösterreich. Wo die NÖN im Landhaus gemacht wird und die prägende Landeshauptmannzeitung ist und es keine weitere überregionale Tageszeitung gibt, ist es simpel, Nebeninformationen gezielt zu unterdrücken, die ein Politikerleben gefährden könnten. Meinungsfreiheit a la Erwin Pröll sieht so aus: Wer politische Mitarbeiter der ÖVP anpatzt, wird geklagt. So bleibt die Version die letztgültige: Die Ehefrau ist gestolpert und von selbst gegen den Türstock gefallen. Im Landesgericht Wien gibt es keine Türstöcke, nur Glastüren, durch die der Landwirt und politische Abgeordnete zum Hohen Haus Erwin Hornek soeben geht. (Foto: Oswald)

Nun zum Medienteil: Berichte zu den Geschehnissen im Hause Hornek erschienen in „Heute“ und „Österreich“. Beide Zeitungen berichteten gleichermaßen offen und geradlinig und mit dem Tenor, dass solche Vorfälle unwürdig eines Multifunktionärs und Mandatars sind. Grundton der Berichte war – kurz umschrieben -, dass gerade ein Multifunktionär und Nationalrat eine besondere moralische Festigkeit braucht, damit er den Anforderungen gewachsen ist, die an ihn gestellt sind.

„Österreich“ verlor ein entsprechendes Medienverfahren und bis vor Kurzem war eine nachträgliche Mitteilung auf der Webseite zu lesen, die festhielt, dass das Strafverfahren gegen den Nationalratsabgeordneten Hornek eingestellt wurde. „Heute“ ist heute dran. Die Berichte waren ebenso geradlinig wie logisch: Doch man unterschätzte den politischen Gegenwind des ÖVP-Netzwerkes aus Niederösterreich, das sich keinen Bürgermeister und Parlamentarier herausschießen lassen will.

Die Eingreiftruppe im Landhaus

Dazu eine Episode, die ein enger Freund von Erwin Pröll dem Herausgeber dieses Journals einmal erzählte. Was ist der Grund, warum in Niederösterreich so gut wie nie ein Beamter (Polizeibeamter, Gemeindebeamter) wegen Vorkommnissen solcher Art belangt wird oder warum das nie an die Öffentlichkeit kommt? (Nebenbei: Niederösterreich hat im Jahr rund 3.600 Scheidungen.) Einfache Lösung: Erwin Pröll soll im Landhaus eine Art „rotes Telefon“ haben und eine eigene Abteilung, eine Art „rasche Eingreiftruppe“. Wird im weiten Land Niederösterreich bekannt, dass ein Politiker, Beamter oder Polizist in Verwicklungen privater Natur verstrickt ist, und sickert ein Polizeieinsatz oder eine mögliche Anzeige gegen einen Beamten durch, schickt noch am selben Abend Erwin Pröll seine Männer los und geht vor Ort. Dann wird vor Ort die Sache besprochen, unter Auschluss der Öffentlichkeit. Es dringt in Niederösterreich nie an die Öffentlichkeit, wenn Exzesse von Entscheidungsträgern einem engen Kreis im Landhaus bekannt werden. Es wird unter der Tuchent gehalten.

Das Unter-der-Tuchent-Halten hat diesmal nicht funktioniert. Nicht ganz. Doch Erwin Hornek hat zufällig den besten Medienanwalt Wiens. Gottfried Korn hielt Jahre lang an Universitäten Seminare zu Medienrecht (Institut für Publizistik und andere) und er war Jahre lang Hausanwalt der „Kronen Zeitung“. Erwin Hornek lässt nun überall die Öffentlichkeit ausschließen und tut so, als ob es um Privatleben geht und vergisst, dass ein Mandatar im Licht der Öffentlichkeit steht, weil er Repräsentant ist und im besonderen Schutz (Immunität), was auch besondere Pflicht nach sich zieht.

Pröllsches Netzwerk des Schweigens hielt

Insoweit hat das Erwin Pröllsche Netzwerk noch einmal gehalten. Bis in den OGH hinauf, wo man in der Entscheidung gegen „Österreich“ zementiert hat, dass die Exzesse des Mandatars öffentlich und im Detail nicht erörtet werden dürfen. Die Netzwerke hielten bis ins ÖVP gelenkte Justizministerium hinein, wo man die Anzeige gegen Erwin Hornek – nach gewissenhafter Prüfung – einstellen ließ. Das Pröllsche Machtnetzwerk: Reissfest. Das weiß auch Erwin Hornek. Er hat beim Hinaushuschen aus dem Saal feuerrote Ohren, aber er lächelt siegessicher. Er stimmt nach 67 Minuten Gespräch einem Vergleich mit der Zeitung „Heute“ nicht zu. Die Verhandlung wird vertagt. Möglicherweise einigt man sich außergerichtlich. Ohne Öffentlichkeit. Oder man macht einen weiteren Verhandlungstag und schließt wieder die Öffentlichkeit aus.

Gerichtsbarkeit wie im Mittelalter, wo es sich Mächtige richten konnten.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht, Print, Heute) – Saal 208, Ausschluss der Öffentlichkeit, daher kein inhaltlicher Bericht möglich, Verhandlung: 28. Oktober 2010, Wartezeit vor Saal 11 Uhr 00 – 12 Uhr 07, danach „kein Kommentar“.

„Kurier“ lässt Niki Lauda politisieren – Ticketsteuer

Posted in Kurier, Print by Pangloss on 26. Oktober 2010

Niki Lauda ist der Prototyp eines Unpolitischen: Wenn es ans eigene Geschäft geht, werden wir politisch. Sonst nicht. Damit verkörpert er den Typ Menschen, der immer beliebter wurde, der sagt: Hauptsache ist, dass es mir gut geht. (Screen: Kurier, 26. Oktober 2010)

(Wien, am 26. Oktober 2010) Es ist immer wieder interessant, mit welchen Themen Prominente in die Medien kommen. In der Nationalfeiertag-Ausgabe des „Kurier“ ist es Niki Lauda, der sich zur „Ticketsteuer“ äußern darf.

Der Raiffeisen-Konzern, zu dem der Kurier gehört, fährt derzeit alle möglichen Medien auf, um gegen neue Steuern im Industriebereich anzugreifen. Im „Profil“ von Mitte Oktober durfte gar der General der Raiffeisen-Zentralbank in seinem eigenen Medium auf mehreren Interview-Seiten gegen die „Banken-Steuer“ angreifen. Der Titel des Interviews lautete „Gauner gibt es überall“. Nur eben nicht in der Raika, will der Bankgeneral dem Leser sagen, daher bräuchte es keine neuen Steuern, die ohnehin, läßt er dem geneigten Leser wissen, „an die Kunden weitergegeben werden“. Na sicher.

Und nun Niki. Niki Lauda ist einer, der lieber „im Stillen verdient“, als sich für das Gemeinwesen engagiert. Das Medienfachmagazin „Extradienst“ errechnete zu Jahresbeginn 2010 in einer Werbewert-Analyse, dass Niki Lauda der Österreicher mit dem größten Werbewert ist. Seine Person und Name seien 20 Millionen Euro schwer. Wo Niki draufsteht, ist auch was drin.

Selbstvermarkter Lauda

Im „Kurier“ haut der „Airliner“ nun wieder einmal seine Sprüche raus. Der „Airliner“ (oder Ex-Rennfahrer oder Sportkommentator oder Oerlikon-Werbeträger?) sagt in einem ganzseitigen Zeitungsinterview, im Sinne der industrienahen Raiffeisen-Zeitung, dass die neue, von der SPÖ beschlossene „Flugticketsteuer“ ein „unsozialer Wahnsinn“ sei. Im Interview fragt ihn die von der Raiffeisenbank bezahlte Zeitungsfrau Andrea Hodoschek: „Sie haben sich bei politischen Themen bisher nicht exponiert.“ Und nimmt ihm die nächste Antwort aus dem Mund: Denn Niki Lauda lässt sich nun für die Industriellenvereinigung in einer Plattform aufstellen. Daher weht der Wind!

Doch erstens stimmt nicht, dass sich Niki Lauda nie politisch engagiert hat: Er saß vor etwa acht Jahren einmal im Aufsichtsrat der staatlichen ÖBB. Dort schmiss er aber sehr bald wieder hin, weil er sah, dass nicht alles nach seiner Pfeife tanzt und es in staatsnahen Betrieben, die von Steuergeld leben, eben auch politischen Einfluss gibt.

Von der Höhe wirkt das (politische) Gelände flach

Zweitens: Lauda ist das österreichische Musterbeispiel, wie man durch neoliberale Ideen weit und hoch kommen kann. Er tat immer das, was ihm gefiel, gab es Widerstand, stieg er aus. Das war beim Rennfahren so, das war bei seiner Ehe so, das war bei seiner ersten Airline so, das war bei der ÖBB so. Er hat übersteigertes Geltungsbedürfnis.

Politik ist nichts für Leute, die das Gemeinwohl nur aus der Wirtschaft heraus definieren. Womit man zur „Ticketsteuer“ kommen muss. Diese ist keine Massensteuer, sondern eine Detailsteuer. Sie betrifft nicht alle Österreicher (wie die Mehrwertssteuer), sondern nur solche, die in ein Flugzeug steigen. Nun sei der Leser einmal aufgerufen nachzudenken, wann er das letzte Mal in ein Flugzeug gestiegen ist? Der Autor dieser Zeilen geht voran: Er flog im Oktober und November 2001 drei Mal nach Berlin und wieder nach Wien zurück. Seither nicht mehr.

Ticketsteuer kommt erst, keine Konsumbefragungen vorhanden

Hätte es die „Ticketsteuer“ damals schon gegeben, hätte der Flug (mit Lufthansa!) eine Tour um acht Euro mehr gekostet. Die Ticketsteuer, wie sie der Bundeskanzler Faymann und sein Finanzminister Pröll entwickelt haben, beträgt acht Euro für Flüge innerhalb Europas. Pro Fluggast acht Euro mehr! Für Flüge außerhalb Europas 32 Euro (etwa wie im „Kurier“ zitiert: Ägypten). Gültig war das Steuergesetz 2001, als der Herausgeber das letzte Mal flog (und seither panische Flugangst hat!), noch nicht: Es gilt ab 1. April 2011.

Was sagt Lauda im Interview dazu? „Unsozial“. Gut, gebongt. Lauda sitzt am Geld wie Dagobert Duck. Aber wie begründet er das? Er malt unsägliche Untergangswelten auf die Zeitungsseite des „Kurier“: Erstens werde die „Ticketsteuer“ nicht 60 Millionen Euro in die Staatskassen spülen, sondern: „Wahrscheinlich werden es nur 40 Millionen Euro“, so Lauda. Woher weiß er das? Schätzungen. Und Lauda: „Dieser Betrag ist ein Witz fürs Budget.“ Ein Witz fürs Budget? 60 Millionen Euro sind in alter Währung: 825 Millionen ATS, also fast eine Milliarde. Das ist das gesamte Kulturbudget von Oberösterreich innerhalb eines Kalenderjahres. Nur zur Information des Nikolaus Lauda, der über den Wolken lebt.

Lauda haut einen polarisierenden Bierzeltsager nach dem anderen raus

Er meint also, und darf das mit hässlicher Kapitalistenlarve im „Kurier“ auch offen sagen: Die Ticketsteuer ist „unsozialer Wahnsinn“. 60 Millionen werden es nicht, nur 40. Dieser Betrag ist sowieso „ein Witz für das Budget“. Und außerdem: Es werde ein Passagierrückgang kommen. Er habe mit „Fly Niki“ für 2011 mit vier Millionen Reisewütigen geplant. „Vermutlich werden es um 100.000 Passagiere weniger“, vertraut er dem „Kurier“ an. Der das auch unwidersprochen druckt! „Das sind zehn Millionen Euro Umsatz weniger“, orakelt Lauda. Ebenfalls unwidersprochen im „Kurier“, wo man den Kontakt zu Basis offenbar komplett verloren hat.

Wegen acht Euro Ticketsteuer sollen allen Ernstes 100.000 Personen nicht mehr in Niki Laudas Flugzeuge steigen wollen? „Ein Witz“ – um ihn zu ziteren. Ein Leser solle diesem Journal einen einzigen Menschen zeigen, der wegen acht Euro Mehrkosten nicht mehr innerhalb Europas in das Flugzeug steigt. Also: Reine Panikmache und Selbstdarstellung des Herrn Lauda. Doch der „Kurier“, die „Familienzeitung“, setzt nach und findet den Notausstieg: Die Familie. Ein Familienflug nach Ägypten (außerhalb Europa neue Steuer: 32 Euro) koste die Familie nun 140 Euro mehr. Unakzeptabel sei das, diese Mehrbelastung. Der „Kurier“ ist damit auf Flughöhe mit der Industriellenvereinigung angekommen.

Kaum eine vierköpfige Familie fliegt auf Urlaub

Dazu ist zu sagen: Wer auf Urlaub fliegt, legt ein Budget von bis zu 2.000 Euro zur Seite. Wer in Kauf nimmt, dass ein Flugticket 700 Euro kostet, nimmt zu Urlaubszeiten auch in Kauf, dass es nun 732 Euro kostet. Geschäftsreisenden ist der Kostenfaktor sowieso egal, denn es zahlt sowieso die Firma.

Im übrigen wurde auch in Deutschland die Ticketsteuer eingeführt und auch dort lobbyieren fleißig Industrielle der Luftfahrtsbranche gegen die Steuer. Auch dort wird nur schwarz gemalt. Kaffeesudleser (Zukunftsstudien) rechnen „wegen der Ticketsteuer“ gar mit 6,6 Millionen (!) Flugreisen weniger pro Jahr. Die Lobbyisten leisten in den Wirtschaftszeitungen ganze Arbeit.

Kein Passagier fliegt wegen vier Red Bull-Dosen nicht

Die Wahrheit wird sein: KEIN EINZIGER Luftfahrtspassagier bleibt wegen acht Euro Mehrkosten zur Hause. Und wenn er von Europa hinausfliegt, ist der Aufschlag von 32 Euro ebenso egal. Er unternimmt die Reise. Das werden Studien belegen. Die es dann hoffentlich 2012 geben wird.

Nur der „Kurier“ bleibt felsenfest dabei: In einem Extra-Kommentar nennt Raiffeisen-Journalistin Andrea Hodoschek das Gesetz „Schildbürger-Streich“. Gebongt. Wie begründet sie das? Das Gesetz sei „sozial nicht ausgewogen“, es treffe „Familien“. (Die einmal im Jahr wegfliegen, Anm. Autor). Es fehle „Verteilungsgerechtigkeit“.

Spekulationsobjekt

Es sei ferner „wirtschaftlich ein Nonsens“. Dazu folgendes: Feststellbar ist, dass Bierzeltvokabel immer öfter in Zeitungsglossen dann einfließen, wenn man ein Ziel druckvoll durchdrücken will. Der „Nonsens“ wird von Andrea Hodoschek so begründet, dass „Passagierzahlen ausbleiben“ werden. Dazu ist zu sagen, dass das nicht erwiesen ist. Es sind Glaskugel-Spekulationen, da das Bundesgesetz erst am 1. April 2011 in Kraft tritt und man das genau erst am 31. Dezember 2011 sagen kann. Nochmal: Wegen läppischen acht Euro Preis-Aufschlags (vier Dosen Red Bull im Tankstellenshop) bleibt kein einziger Passagier am Boden.

Die Panikmache wird durch den „Kurier“ noch im Extra-Kommentar dadurch unterstützt, dass Andrea Hodoschek behauptet, dass die Ticketsteuer keinen „ökologischen Lenkungseffekt“ habe. Denn, jetzt wird es ganz bunt: „Wer nicht mehr fliegen kann oder will, fährt vermutlich eher mit dem Auto, vielleicht mit der Bahn. Die Umweltkosten des Straßenverkehrs sind immer noch ungleich höher als jene der von den Umweltschützern ständig gescholtenen Luftfahrt. Auch die Bahn ist in puncto Umwelt pro Passagier teurer.“

Märchentante

Einziger Schluss: Es wird Zeit, dass der „Kurier“ die Wirtschaftsredakteurin Andrea Hodoschek hochkant hinauswirft. Zum einen behauptet sie stock und steif, dass Passagiere wegen acht Euro „Ticketsteuer“ pro Flugkarte nicht mehr fliegen wollen – obwohl es keine Studie gibt, da das Gesetz erst kommt und man nicht in die Zukunft schauen kann. Dann behauptet sie im Kausalschluss, dass diese Nicht-Passagiere nun Auto oder gar mit der Bahn fahren. Dann behauptet sie allen Ernstes, dass die Bahn stinkiger sei als das Flugzeug.

Die Qualität des österreichischen Journalismus liegt in Händen Solcher, die mit Argumenten ringen, weil sie von einer Bank bezahlt werden, die Lobbying für Industrielle machen will. Es ist schade, dass sich Andrea Hodoschek für diesen Unfug einspannen lässt. Denken dürfte nicht ihre Stärke sein.

Aber so ist das, wenn man vom Charisma der Selbstvermarkter und Promis (Niki Lauda) beeindruckt ist und all jene Grundsätze der kritischen Wachsamkeit über Bord wirft, die da lauten: Unerschrocken auch gegenüber den Mächtigen und in Augenhöhe mit dem skeptischen Leser. Sowohl im Interview wie im Extra-Kommentar hat sich die Journalistin Andrea Hodoschek in Augenhöhe mit den Mächtigen begeben und verkauft dem Leser ein Märchen.

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Kurier-Redakeurin Andrea Hodoschek schreibt einen ungenießbaren Brei nonkausaler Kausalitäten, vergleicht Apfel mit Birnen und ist dem Glanz des Charismaktiers Lauda erlegen. Mit der Qualität des heimischen Journalismus ist es eben nicht besser bestellt. Sie wird deswegen nicht gekündigt, weil Industriefreundlichkeiten ganz im Sinne der Raiffeisenbank sind, die als Anteilseigner des Kurier die Gehälter zahlt. Es gilt: Wes' Hand mich füttert, des Lied sing ich. (Screen: Kurier, 26. Oktober 2010, S. 9)

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update, 8. August 2011:

Die Ticketsteuer ist seit 1. April 2011 Gesetz und wird eingehoben. Sie soll bleiben und nicht abgeschafft, aber auch nicht ausgeweitet werden, etwa um den Frachtverkehr. Ebenso sollen keine Klasenbesteuerungen eingeführt werden (Differenzierung nach Business Class und Economy Class). Es bleibt alles beim Alten. Denn: Im 1. Halbjahr, das ein Rumpfjahr war, also bis 1. August 2011, wurde, so das Finanzministerium durch die Ticketsteuer bisher „434 Millionen Euro“ eingenommen, wie die Linzer ÖVP-Parteizeitung „Neues Volksblatt“ am 8. August 2011 (Seite 14) berichtet. Das ist weit entfernt von den von Lauda im Interview mit dem „Kurier“ spöttisch behaupteten „maximal 40 Millionen Euro“ und kein „Witz für das Budget“. Bis Jahresende 2011 rechnet das Finanzministerium mit Einnahmen durch die „Ticketsteuer“ in der Gesamthöhe von 940 Millionen Euro, die in die Sanierung des Staatshaushaltes fließen. (mjo)

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Kurier)

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