Medien und Kritik – Das Online Magazin

Österreich die teuerste Tageszeitung Österreichs

Posted in Oesterreich, Print by Pangloss on 11. Juli 2011

(Wien, im Juli 2011) Der selbsternannte Zeitungszar in der Donaumetropole Wien, Wolfgang Fellner, hat nicht nur einen wahren Familienclan in seinem Medienunternehmen „Österreich“ installiert, das auf Pump und mit einem Raiffeisen-Kredit 2006 eröffnet wurde: Neben ihm als Herausgeber, seiner Frau als Chefredakteurin der Madonna-Beilage, seinem Bruder als Finanzverwalter und seinem 26-jährigen Sohn als „Mitglied der Chefredaktion“. Blut ist in diesem Unternehmen dicker als Wasser. Was nie gut für objektive Belange und Arbeitssituationen ist.

Blut dicker als Wasser

In Unternehmen, in denen zu viele Verwandtschaftsbande herrschen, Vetternwirtschaft über Verstand regiert, kommt am Ende nur heraus, dass sich einige die Säcke vollstopfen und andere mit dem Kollektivvertrag abgespeist werden. Zeitungsmachen wie es Wolfgang Fellner sieht, unterscheidet sich nicht viel vom Regime in Libyen, in dem sich acht Familienangehörige ein ganzes Land aufgeteilt haben. Der Unterschied ist: Wolfgang Fellner hat nur vier Kinder, mit Frau und Bruder ist man zu Siebt. Sein Sohn mit Namen Nikolaus darf neuklug in der Fachzeitung „Der Österreichische Journalist“ denn auch schon auf Saif (al-Gaddafi) machen, und, gerade einmal medien- und lebensunerfahrene 26 Jährchen alt, aber mit Passfoto und Unterzeile „CR 0e.24.at, Mitglied der Chefredaktion“ sagen: „Unser Ziel ist es, dass wir die Krone vom Thorn stoßen und zur größten Tageszeitung Österreichs werden.“ (DÖJ, 5-6/2011, S. 38)

Ein Ziel hat man mit der Zeitung „Österreich“ indessen schon erreicht. Man hat das zweifelhafte Ergebnis erreicht, die teuerste Tageszeitung zu verkaufen, die es in österreichischen Kiosken gibt.

Samstag „Österreich“ – 34 Schilling 50

Seit 2. Juli 2011 kostet die Samstag-Ausgabe von „Österreich“ 2 Euro 50. Ab diesem Samstag erhält man „Österreich“ nicht mehr wahlweise „ohne Madonna“ oder „mit Madonna“, sondern nur mehr „mit Madonna“. Kurz-Kommentar des Trafikanten, der diese traurige Nachricht macht: „Österreich gibt es ab heute nur mehr mit Madonna. Um 2 Euro 50.“ Kunde: „Das ist aber schon viel. In alter Währung sind das 34 Schillung 50.“ Trafikant nickt mit Nachsatz: „Für dieses Käseblattl.“

34 Schilling 50. Damit ist „Österreich“ die mit Abstand teuerste Zeitung aus österreichischer Produktion. Im Vergleich die anderen Tageszeitungen am Samstag:

  • Kronen Zeitung (Samstag, 2. Juli 2011) – 1 Euro
  • Neues Volksblatt (Samstag, 2. Juli 2011) – 1 Euro
  • Kurier (Samstag, 2. Juli 2011) – 1,20 Euro
  • Oberösterreichische Nachrichten (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 1,60 Euro
  • Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 1 Euro
  • Salzburger Nachrichten (Samstag, 2. Juli 2011) – 1,80 Euro
  • Kleine Zeitung (Samstag, 2. Juli 2011) – 1,20 Euro
  • Wirtschaftsblatt (Freitag/Samstag, 1./2. Juli 2011) – 2,00 Euro
  • Die Presse (Samstag, 2. Juli 2011) – 2,00 Euro
  • Der Standard (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 2,00 Euro

Vergleiche mit ausländischen Zeitungen, die der Autor ebenso täglich bezieht:

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (Samstag, 2. Juli 2011) – 3,10 Euro
  • Neue Zürcher Zeitung (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 2,60 Euro
  • Handelsblatt (Freitag/Samstag, 1./2. Juli 2011) – 2,90 Euro
  • The Times (Freitag, 1. Juli 2011) – 4,80 Euro

Bei Auslandzeitungen gibt es krasse Unterschiede zum Preis am Herstellungsort, der durch Shippinggebühren (Flugpost) zustande kommt. Bei deutschen Zeitungen macht es sich wenig bemerkbar. FAZ kostet in Deutschland 2,20 Euro, in Österreich 3,10. Handelsblatt kostet im Herstellerland 2,30, in Österreich 2,90. Die NZZ ist gnädig und gibt keinen Aufschlag: Die beinahe älteste Zeitung der Welt (gegründet 1780) kostet im österreichischen Ausland 2,60 Euro. Jedoch ist es Bankgeheimnis, was sie in der Schweiz kostet. Die Schweiz hat den Schweizer Franken. Den größten Preissprung hat die „Times“, die laut Ansicht des Autors beste Zeitung der Welt. Diese Zeitung hat Klasse und ihren Preis: 1 Pfund kostet sie in England, 4,80 Euro täglich in Österreich. Im Archiv dieser Webseite stehen mittlerweile zwei komplette Jahrgänge Dokumentation des Tagesgeschehens im britischen Empire. 4 Euro 80 sind allerdings in alter Währung: 66 Schilling für eine Tageszeitung! Aber: Was für eine. Vor deren Berichten geht man manchmal in die Knie, weil sie so umfassend gedacht und gut geschrieben sind. Es zahlt sich aus, zu investieren. Notiz am Rande: Der Autor dieser Zeilen versuchte lange, in Wien die „New York Times“ zu beziehen und er bekam von beiden Zeitungsauslieferern, die in der Alpenrepublik den Markt zerteilen (Valora und Morawa), die Information, dass es leider unmöglich ist, die „NY Times“ in Papierausgabe in Österreich zu kaufen, da sie nicht nach Österreich ausliefert. Dann eben nicht.

Eitelkeit

Zurück zu Fellner: Er sieht sich im narzisstischen Selbstbild als ungemein wichtiger Zeitungsmann und Herausgeber. Liest man jedoch seine schwammigen Glossen, stillosen Herausgeberbriefe, hingefetzten Banalitäten, das Mittagspausengeschreibsel, verblasst der Wille zur Vorstellung, dass er ein großer Zeitungsmann ist. Es fehlt an vielem: Bildung, Gelassenheit und kühle Einschätzungsgabe. Er will seit Jahren in die Speichen der Innenpolitik im kleinen Land Österreich greifen. Dazu schreibt er die Kolumnen „Das sagt Österreich“, meint damit ganz Österreich (das ist seit fünf Jahren der running gag, dass Zeitungsname gleich Land sei) und er meint am Ende doch nur sich selbst. „Das sagt Wolfgang Fellner“ müsste die Kolumne heißen. Doch da Wolfgang Fellner nur eine Person ist, Einzahl und Punkt, macht er eine Über- und Mehrzahl draus, den großen Kreis, den majestätischen Plural.

Imitation

Er imitiert damit sein Vorbild. Franz Schuh schrieb zu Hans Dichand vorwurfsvoll, dass der mit der „Kronen Zeitung“ eine „Scheinverantwortlichkeit für eine ganze Nation“ suggeriere. Dabei weiß man: Je tiefer die Felgen gelegt, umso lauter die Motoren. Oder mit dem 90-jährigen Staberl, ein Freund radikaler Erkenntnisse: „Wer’s nicht im Hirn hat, hat’s unter der Motorhaube.“ Feiner gesagt, mit Erich Kästner: „Man soll nicht so tief sinken, um aus dem Kakao, durch den man zieht, auch noch zu trinken.“

Wolfgang Fellner sieht sich als Freigeist ohne Eintrittskarte in die Geisteswelt. Wer überall freien Eintritt hat, hat noch nicht das Recht, zu allem zu sprechen, so er sich vorher nicht ausreichend mit Materien befasst hat. Die „Scheinverantwortlichkeit für eine ganze Nation der Kronen Zeitung“, die Franz Schuh einst an Hans Dichand kritisiert hat, lässt sich nach fünf Jahren „Österreich“ auf Wolfgang Fellner umlegen. Er fühlt sich aus einem nicht näher definierten Antrieb zu allem und gegen alles berufen. Er ist ein Mann, der nie im Parlament zum Zuhören saß, aber er schreibt über das Parlament. Er ist ein Mann, der nie im Gericht zum Zuhören saß (und der auch die Abläufe bei Gericht überhaupt nicht kennt), aber er schreibt kommentierend über Justiz. Er ist ein Mann, der nie im Fussballstadion zum Zuschauen sitzt, aber er schreibt über Fussball. So forderte er kürzlich in seinen versprühten Weisheiten „Das sagt Österreich“ (präziser: „Das sagt Wolfgang Fellner“), dass Rapid Wien den Fan-Sektor „Block West“ handstreichartig auflösen müsse, damit Fussball ein „Familiensport“ werde. Fellners fortgesetzte Tag- und Nachträume.

Fehlende Substanz

Seine Kommentare zu politischen Themen zeigen nahezu täglich, dass er wenig Ahnung hat, worüber er schreibt. Er schreibt dennoch darüber, obwohl er es so tut, dass ihn niemand anstellen würde. Müsste er sich bewerben, würde jeder sagen: Zu wenig Qualität. Da er eigene Medien betreibt, muss er sich nicht bewerben.

Dafür legt er den satten Preis fest. Die Zeitung „Österreich“ kostet nun am Samstag 2 Euro 50 oder 34 Schilling 50. Denkt man zurück: Was hätte man vor zwanzig Jahren um 34 Schilling 50 an einem Samstag alles gekauft? Ganz sicher nicht eine Zeitung eines Mannes, der im Jahr rund 1.5 Millionen Euro in großteils verlorene Prozesse nach Unlauterem Wettbewerb und Medienrecht mit teilweise desaströsen Ersatzsummen verliert – was kein Qualitätsstandard ist.

Sein neuer Geschäftsführer Oliver Voigt darf viele Phrasen dreschen. Wie in der Fachzeitung „Der Österreichische Journalist“ (DÖJ, 5-6/2011, S. 64ff.), wo er davon spricht: „Wir haben das Glück des Tüchtigen.“ Voigt darf schon wieder ein nichtssagendes Interview geben, hört sich nach wie vor gern reden und meint, alle Welt mit seinen Mannheimer Weisheiten einwickeln zu können. Mit keinem Wort erwähnt er übrigens, dass seine Zeitung am Samstag in Österreich das teuerste Tageszeitungsprodukt ist, das verkauft wird. Schlechte Nachrichten passen eben nicht in die Fellnersche PR-Mühle.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Österreich)

Am 31. Jänner 2010 verließ Zeitung „Österreich“ seriösen Boden

Posted in Oesterreich by Pangloss on 31. Januar 2010

Am 31. Jänner 2010 gab die Zeitung Österreich tiefen Einblick in ihre Seele: Die Kleininserenten.
(Foto: Zeitung Österreich, 31. Jänner 2010, S. 38; Archiv Blaulicht und Graulicht-Verbund)

(Wien, am 31. Jänner 2010) Der Herausgeber stand am letzten Tag des Jänners 2010 pünktlich wie die Eisenbahn um 6 Uhr 30 auf, suchte die Brieftasche, fand sie nicht, öffnete mit einem Dosenöffner die Spardose, entnahm von unten 15 Euro, bog die Spardose unten wieder zu, die nun aussieht wie eine geöffnete Fischdose und ging in den „Billa“, der am Franz Josef Bahnhof um 6 Uhr öffnet.

Er kaufte zwei Kilo Äpfel im Sack (sehr günstig – nur 1,49!), eine Kinderjause im Säckchen bestehend aus zwei Pikantwurstgurkerlsemmeln mit einem Pfirsicheistee (2,19), 10 ja! Natürlich Eier (3,49), einen Schoko-Milchtraum von Schärdinger (1,69) sowie zwei Fleischlaiberlsemmeln (3,72). Gesamtkosten: 12,58 Euro.

Das Budget war nun dermaßen erschöpft, dass es nicht mehr möglich war, im Schutze der Dunkelheit an den Zeitungsständen Münzen in die Mäuler der „Stummen Verkäufer“ zu werfen.

Gratis Lesen

Somit mussten die Zeitungen gratis entnommen werden. Wie das öfter am Sonntag geschieht und – zwangsneurotischer Spleen -, immer doppelt. Sodass am Sonntag ein dicker Packen, also zwei Ausgaben der „Österreich“, zwei der „Kronen Zeitung“, zwei des „Kurier“, zwei der „Presse“, zwei des „Standard“, zwei der „Wiener Zeitung“ am Tisch liegen. (Heute kam, außerhalb des üblichen, zwangsneurotischen Weges, eine „Kleine Zeitung – Sonntag“ dazu, die ein Zeitungszusteller im Korb liegen gelassen hatte.)

Jede Zeitung glaubt natürlich, sie hat die Welt erfunden. Jede Zeitung glaubt, sie ist die Beste. Darf sie.

Turmbau

Die Diskussion, welche Zeitung die Beste oder die Schlechteste ist, interessiert nur Insider. Als der Herausgeber 13 Jahre alt war, begann er mit dem Zeitungssammeln und schon damals hatte er in seinem Kinderzimmer einen babylonischen Turm der Stimmen und Meinungen bis unter die Decke gebaut. Er hatte so viele Zeitungen, das der Turm bis unter die Deckenlampe reichte. Als der Turm umzustürzten drohte, baute der 13-Jährige einen zweiten Turm, der den ersten stützte. So war das. Die Twin Towers von Manhatten übten immer schon eine Faszination aus.

2006 gründete Wolfgang Fellner die Tageszeitung Österreich. Als er 13 war baute er vermutlich auch Zeitungstürme im Zimmer und lenkte eine Schülerzeitung. Später den Rennbahn Express. Dann in Wien News, Format, TV-Media, E-Media und später Woman. 2006, nachdem die Magazine verkauft waren, gründete er „Österreich“. Ihm finanzierte diese Gründung die Raiffeisenbank, die Zeitung entstand auf Pump. Damals kritisierte dieses Journal, dass er nur Lehrlinge einstellte, frische, unerfahrene, durch ihn leicht lenkbare Jungjournalisten, die gerade aus der Fachhochschule kommen. Einige „Alte Hasen“ nahm er von den Magazinen mit. Andere Gereifte warb er an, die nicht lange blieben. Manche gingen nach dem ersten Jahr, weil die Dominanz des Herausgebers Fellner keinen Raum zur Entfaltung gab. Und sein Qualitätsmuster deutlich tiefer steht, als es Leute hatten, die er mit dem Geld von Raiffeisen lockte.

Österreich vulgär

Nun, am 31. Jänner 2010, wirft er alle Ziele über Bord. Ursprungsziele waren, eine Zeitung zu machen, die Österreich eine Identität gibt. Die Innenpolitik wie Chronik breiten Raum gibt und die ein modernes Layout und eine junge, zukunftsorientierte Leserschaft hat. Und nun das. Im Jänner 2010 begannen die Kleininserate.
Kleininserate können, wie in der Stadtzeitung „Falter“, den Charakter der Leserschaft widerspiegeln. Sollten die Kleininserate in der Zeitung „Österreich“ die Seele der Zeitung spiegeln, muss man sich wundern.

Kleininserate – Blick in die Seele der Leser

Was wird offeriert? „Autoankauf“, „Autobarankauf“, „Bargeld sofort“, “Autobelehnung”, „Topverdienst für Barmädchen“, „Begleitungen“. Unter der Rubrik „Beratung“ (!): „Starwahrsagerin“, „Soforthellsehen“, „Handlesen“, „Wahrsagerin“. Unter „Clubmassagen“ bietet „Sabrina Superservice“, zeigt sich eine 23-jährige Russin im Spiegel, in der falschen Rubrik „Fitness/Gesundheit“, bietet eine Telefonnummer für „Zärtlichrelax“. Was das ist, wissen alle, die es wissen.

Unter „Escortservice“ bietet sich „gayescort.at“ an, endlich in der Rubrik „Kontakte“: Ein „Blasmäuschen besucht“ (mit Bild). Eine „Neue“ bietet „dominant pur“, ferner gehen eine Slowakin und eine Wienerin ihre Zweckgemeinschaft in einer „Privatwohnung“ ein. Wofür? Für good, old intercourse. Außerehelich. Versteht sich.

Eine „Karin“ sagt: „Ich bin Hausfrau, alleinstehend und suche Männer für Sex. Habe kein Geldinteresse, bin mobil.“ Man fragt sich ja immer, wie diese „Karin“ (nome de guerre) dann das vierzeilige Inserat finanziert (57 Euro)? Des Rätsels Lösung, das wissen Insider wie der Herausgeber von Gatten solcher Frauen: Es ist Telefonbetrug, denn die Nummer ist eine verdeckte Mehrwertnummer und Ziel ist es ausschließlich, Männer möglichst lange am Telefon zu halten. Zu Treffen kommt es in der Regel NIE. Es geht nur ums Telefonieren. Weitere wie eine „Jutta“ und eine „Jeniffer“ bieten im Ressort “Kontakte” das gleiche Modell des Andockens und Abzockens an.

Ein Schwuler bietet im Ressort „Kontakt“ eine „Gaynaturmassage“ an, eine 45-jährige „Eva“ aus Niederösterreich „tolles ohne Service“, jedoch: „Nur mit Termin.“ So ist es. So soll es sein. Immer schön warten. Jeder kommt dran. Um „69 Euro“ bietet eine Telefonnummer den „Stundenhit“, wer es billiger haben will wird mit
„Omasentspannung“ um 25 Euro günstig bedient.

Sexinserate, Kredithaie

Die Zeitung „Österreich“ bietet diese Inserate an. Sex-Inserate sind vor allem im letzten Jahr von der „Kronen Zeitung“ offensiv forciert worden. Dass man auch „Kredithaien“ großen Raum für eine bezahlte Schaltung bietet, erzeugt Kopfschütteln. Ein Inserent am Westbahnhof bietet “Sofortkredit”. Ein anderer „Kreditgarantie“ und „Bargeld noch heute“, sowie „Zusatzkredite“, „bürgenfrei“. Mit „Sofortkredit“, „rasch und bürgenfrei“ wirbt eine andere Firma.

Dann kommt noch ein „Stellenangebot“. Wie könnte es anders sein: „Servicekraft (Bar) gesucht! Tag/Nacht/Wochenenddienst“. Danach die obligaten „Telefonsex“-Inserate: Von „Heute noch Sex“ bis „Fremdgehline“ über „Seitensprung“, „Bumsen wir“ bis „Hausfrau geil“ in allen Farben und Variationen. Schlusspunkt der Inserate in “Österreich”: „Blitz-Autobelehnung“. Womit die Balkanisierung der Wiener Wirtschaft offensiv beworben wird.

Erkenntnis und Fazit: Wolfgang Fellner warf alle Prinzipien über Bord. Wohl macht er mit dieser Seite Kleininserate vielleicht 3.000 Euro pro Tag. Doch die Art der Inserierenden wirft einen langen Schatten auf die Leserschaft von „Österreich“. Er wollte eine Zeitung machen, die eine Kreuzung aus „Süddeutscher, Stern und USA Today“ ist. Mit dieser Art von Kleinisneraten geht das nicht mehr. Da er nun den Weg eingeschlagen hat, alles abzugrasen, was zahlungswillig ist, ist mit Jänner 2010 das Ende der Phase einer Qualitätszeitung besiegelt. Qualitätszeitung war „Österreich“ ohnehin nie. Weil die Schlagzeile zu stark dominiert. Doch wer den unersiösen Inseraten der Schattenwirtschaft einmal Tür und Tor öffnet, wird eine Trash-Zeitung und nicht mehr ernstzunehmen sein.

[Beitrag entstand nach 14 Uhr, denn um 8 Uhr 30 standen drei Polizisten in der Wohnung des Herausgebers und nahmen ihn zu einer 3,5-stündigen Einvernahme mit. Ende: 12 Uhr 00. Jedoch: Alles in Ordnung!]

Marcus J. Oswald (Ressort: Österreich)

Letztes großes Tabu zu Jörg Haider ist gebrochen

Posted in Oesterreich, Print by Pangloss on 9. Oktober 2009

(Wien, am 9. Oktober 2009) Jetzt ist es amtlich. Das letzte große Tabu ist gebrochen. Es wird sicher ein Gesprächsthema rund um die heute beginnenden, dreitägigen Feierlichkeiten zum vor einem Jahr verstorbenen Landeshauptmann von Kärnten werden.

Hans Dichands Kronen Zeitung bringt am 9. Oktober 2009 weder auf der Titelseite noch im Blattinneren etwas zum Thema. (Foto: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Eva Dichands Heute bringt am 9. Oktober 2009 weder auf der Titelseite noch im Blattinneren etwas zum Thema. (Foto: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Der Kurier aus dem Hause Mediaprint, an der Hans Dichand beteiligt ist, bringt am 9. Oktober 2009 weder auf der Titelseite noch im Blattinneren etwas zum Thema. (Foto: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Wolfgang Fellners Wiener Tageszeitung Österreich eröffnet das Thema. (Foto: Österreich, 9. Oktober 2009. Quelle: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Der Informationsfluss lief über Deutschland. In Österreich herrschte unter heimischen Zeitungsredakteuren die Abmachung, dass man das Intimleben eines Politikers nicht angreift. So hielt man es auch bei Jörg Haider. Dieser glänzte über die Jahre immer wieder damit, dass er zu seinen Assistenten, junge, attraktive Männer machte, die auch Auslandsreisen mit ihm unternahmen. Es war auch bekannt, dass er in Kärntner Lokalen gerne gesehener Gast war. Zudem wirkte er immer, auch im Alter, erfrischend jung, obwohl er sich nie mit jungen Frauen umgab, wie das andere Politiker anderer Länder gern tun.

Die Anlage zur Homosexualität (genauer: Bisexualität) passt zu jemandem, der sich auch politisch variabel hielt. Es ist nichts Schlimmes, daher ist die Veröffentlichung weniger bedenkenswert als deren sklavische Verheimlichung. Die Sexualität des Menschen ist frei wählbar. Wie eine politische Partei. Das Wahlgeheimnis ist nun gebrochen.

Lebensgefährte suchte deutsche Öffentlichkeit

In der Veröffentlichung in „Österreich“, die sich auf die „Bild“-Zeitung beruft, wird der Kärntner Rene N., 31, zitiert, der in der deutschen Zeitung (Auflage: 3 Millionen) sein Schweigen jetzt beendet. Man habe sich vor acht Jahren bei einem Fest in Villach kennengelernt. Er war kein politischer Mitarbeiter, sondern teilte ab damals das private Leben mit Jörg Haider in dessen Klagenfurter Stadtwohnung.

„Österreich“-Herausgeber Wolfgang Fellner sagt in einem Extra-Kommentar zum Thema, man solle Jörg Haider als Politiker in Erinnerung behalten. Mit seinen „wahren Worten“ der Kritik an den Großparteien, dem Filz und dem Proporz. „Sein Privatleben ruhe in Frieden…“, schließt Fellner seinen Kommentar. Das könnte man – weniger wohlwollend – als publizistische Doppelbödigkeit interpretieren. Denn man geht als einzige österreichische Zeitung mit dem Geheimnis heraus.

„Ein bisschen bi schadet nie!“

Auf lange Sicht war es aber der richtige Schritt: Da es ehrlicherweise keine authentische Erinnerung an jemanden mit doppeltem Boden gibt. In der Wiener Bevölkerung wird die Enthüllung ohnehin gelassen aufgenommen. „Haider war nicht homosexuell“, wischen Anhänger Unterstellungen vom Tisch. „Er war bisexuell. Er hatte Frau und Kinder. Und wie heißt es? Ein bisschen bi schadet nie!“ Thema erledigt.

+++

Link extern: Bild-Zeitung – Ein Jahr nach Unfalltod packt sein Geliebter aus. (9. Oktober 2009)

Link intern folgt: Politiker Jörg Haider verstarb am 11. Oktober 2008 (Rückschau auf 13 „profil“-Cover)

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Österreich)

Zeitung "Österreich" veröffentlicht Medienurteil zu Josef Branis

Posted in Internet, Medienrecht, Oesterreich by Pangloss on 4. September 2009

Zeitung Österreich zeigt Urteil auf ihrer Webseite. (Foto: screenshot - 40909)

(Wien, im September 2009) Spricht man mit erfahrenen Medienrechtlern (nicht nur mit Michael Rami), wird einem gesagt: „Früher war NEWS eine Goldgrube. Ganz davor Täglich ALLES. Heute ist es ÖSTERREICH.“ Das waren in der Vergangenheit und sind heute jene österreichischen Zeitungen, die die meisten „Fehler“ begehen. Fehler ziehen Medienklagen nach sich und Medienklagen Urteilsveröffentlichungen.

Im Fall Branis wurden drei Medien geklagt, zwei Mal „Österreich“, einmal die „NÖN“ (Niederösterreichische Nachrichten). „Die Klagen macht Rami“, sagte schon im Jänner 2009 der Advokat Werner Tomanek und Rami machte sie. Über Rami wird viel geredet, es wird auch gesagt, dass seine Kanzlei in den 1990er Jahren das „Medienrecht erst zum Erblühen gebracht und entwickelt hat“. Sagen Anwälte, die selbst einmal im Medienrecht tätig waren und damit ist es aus der Fachecke auch richtig.

Interdependenzen

Täglich ALLES revolutionierte das Pressewesen, wurde aber eingestellt. NEWS kommt heute nur mehr gelegentlich zu Medienprozessehren. Der Dampf ist heraussen. Gleichzeitig, each cause has its effekt, wurde die Zeitschrift vernachlässigbar. Medienrechtsprozesse und offensive Mediengangart bilden das, was man „Interdependenz“ nennt: Ein sich gegenseitig bedingender Zusammenhang. Wer hoch hinaus will, macht sich Feinde. Wer ein Budget auf der Seite hat, kann es sich leisten. Wer es jahreweise einplant, bekommt sicher keine unruhigen Nächte und lässt einige Anwälte „mitleben“. Somit ist der größte Gönner der Medienanwälte derzeit Wolfgang Fellner, der sich um einen Prozess mehr oder weniger kein graues Haar mehr wachsen lässt. Der Budgetposten der Zeitung „Österreich“ für „Medienklagen“ soll pro Jahr 1.5 Millionen Euro betragen (womit man 35 Redakteure finanzieren könnte).

Seit 21. August 2009 hängt die Urteilsveröffentlichung im Fall Josef „Pepe“ Branis im Netz auf der Webseite der Tageszeitung „Österreich“ (oe24.at). Obwohl die Chefität von „Österreich“ den Herausgeber dieses Journals als „unzuverlässig“ einstuft, fand der die Urteilsveröffentlichung sehr zuverlässig. Hier ist sie. Im Text klingt das so:

Im Namen der Republik

Urteilsveröffentlichung im Entschädigungsverfahren 93 Hv 139/08d des Landesgericht für Strafsachen Wien. Über Antrag von Josef Branis veröffentlichen wir nachstehendes Urteil.

Durch die auf der Internet-Website http://www.oe24.at ab 3.7.2008 unter der Überschrift „Brief eines Sonderlings: Tiefer Hass bis in den Tod“ erfolgte Veröffentlichung, in der behauptet wurde, Josef Branis hätte „in blinder Wut“ zwei seiner Geschwister und deren Ehepartner „erschossen“ und damit „die einzigen Menschen getötet“, die noch zu ihm gestanden wären, Josef Branis sei „zu den Tatorten“ gefahren, um einen „blutigen Schlusstrich“ zu ziehen, nachdem sich ein „Geschwisterstreit entzündet“ hätte, der auf so „abscheuliche Weise mit vier Leichen enden sollte“, und Josef Branis sei durch eine aberwitzige Logik getrieben worden, „nicht sich selbst zu richten“, sondern „fast die ganze Familie auszulöschen“, wobei Parallelen zu einem „fünffachen Axtmörder“ gezogen wurden, der „ebenfalls seine Familie ermordet hatte“, wurde in Bezug auf Josef Branis die Unschuldsvermutung verletzt, indem dieser der Verbrechen des Mordes überführt und schuldig hingestellt bzw. als Täter dieser strafbaren Handlungen bezeichnet wurde.

Für die dadurch erlittene Kränkung wurde die Media Digital GmbH als Medieninhaberin gemäß § 7b Abs 1 MedienG zur Zahlung einer Entschädigung an Josef Branis und zur Urteilsveröffentlichung verurteilt.

Landesgericht für Strafsachen Wien, am 6.3.2009″

+++

Großansicht: Webseite www.oe24.at – (ab) 21. August 2009 („Österreich“, Herausgeber: Wolfgang Fellner)

[Fundstelle http://www.oe24.at; Funddatum: 4. September 2009; dokumentiert hiermit dauerhaft]

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht, Internet, Österreich)

%d Bloggern gefällt das: