Medien und Kritik – Das Online Magazin

Wolfgang Höllrigl wird Österreich verlassen und dann bei HEUTE dienen

Posted in Heute, Print by Pangloss on 8. Juni 2011

Sitzt seit 1. September 2006 als Spielführer (Kapitän) am Chronik-Ruder der Zeitung Österreich. Verhandelt derzeit einen Wechsel zur Zeitung Heute: Wolfgang Höllrigl, 57.

(Wien, im Juni 2011) Der Mann ist 57 Jahre alt, mit allen Wassern gewaschen und von allen Wassern geheilt. Er hat eigentlich nichts gelernt, ist seit seinem 20. Lebensjahr Vollblut-Reporter und mischte daher seit 1975 immer in (damals) interessanten Medien mit. Später, seit den frühen 80-er Jahren, an vorderster Front.

So ist das: Manche sind im Medienbereich geborene Hilfsarbeiter und bleiben es ein Leben lang, weil sie hilfsbereite Menschen sind. Andere sind die geborenen Vorarbeiter auf den Großbaustellen des Weltgeschehens. Wolfgang Höllrigl ist der geborene Polier. Seit dreißig Jahren „schupft“ er Medien, handelt sich stets gute Verträge aus, hat aber, obwohl Polier und Führungsspieler, nie aufgehört, selbst zu schreiben.

Das ist das Geradlinige an ihm, das vielen Journalisten heute fehlt. Die Schlimmsten im Mediengewerbe sind ja die „non-writing“-Führungspersonen. Das sind die, die man meist im Anzug (zumindest: Anzughose) sieht. Die sich kaum von einem Trader der Unicredit-Bank unterscheiden, die zu Medienkongressen fahren und dort mit am Nacken festgeklebten, hautfarbenen Mikros dem Publikum das Medienmachen erklären. Die die „Moral“ hochleben lassen – und im Kongresshotel mit der Assistentin schnackseln. Das sind die Schlimmsten, denn sie haben die Gabe andere zu täuschen, um ihren Mehrwert zu holen. Diese Leute reden über Journalismus, ohne in ihrer ganzen Karriere einen geraden Satz geschrieben zu haben. Auch nicht im Bewerbungsschreiben. Denn sie bewarben sich nicht. Vitamin B reichte.

Drei Jahrzehnte Schreibleistungen

Wolfgang Höllrigl ist derzeit noch Chronik-Chef der Zeitung „Österreich“. Er wird aber zur Zeitung „Heute“ wechseln. Derzeit „verhandelt“ er. Und er muss gut verhandeln. Er ist 57 Jahre alt. Das Phänomen seiner Leistung besteht in der langen Wegstrecke, die er zurückgelegt hat. Erinnert man sich an seine frühesten Leistungen zurück, waren das tatsächlich Schreibleistungen.

Seine frühen Artikel 1976 im „Profil“ gehören zum Aufregendsten, was je in Österreich geschrieben wurde. 1978 trat er, damals schon beim „Kurier“, unbeugsam eine Polizeiaffäre rund um den Fall Heinz Bachheimer los (der soll von der Polizei verschont worden sein und habe den Polizeifunk abgehört.) 1979 war er im Gründungsteam des WIENER (Monatsmagazin der GGK rund um Hans Schmid), das er in über zehn Jahren Chefredaktion zu einer Perle großstädtischen, unangepassten Recherchejournalismus machte. So manche Artikel zogen Klagen nach sich, was auch zeigte, dass man sich bemühte. Danach war er bei Schilling-Milliardär Kurt Falks „Ganze Woche“ engagiert und etwas später, um 1997, sollte er für Falks „Täglich Alles“ 12 Geschichten pro Monat schreiben, für die satte Gage von etwa 180.000 Schilling monatlich (kolportierte Summe). Danach wurde er rund fünf Jahre Chefredakteur des ORF-Fernsehmagazins „Vera“, der Nachfolger von Wolfgang Prinz. Ab 2005 war er im Projektteam rund um die Tageszeitung „Österreich“ dabei, die am 1. September 2006 startete. Der ehemalige Kettenraucher, der gesundheitlich fit ist, aber kaum mehr auf Festen zu sehen ist und leiser tritt, betreut das Herzstück der Tageszeitung: Die Chronik.

Seit dreißig Jahren im „Blood ’n‘ Crime“-Sektor

Jeder, der ihn kennt, fragt sich: Wie kann man dreißig Jahre lang im Sektor „Blut und Blech“, also im Mediensektor „Sex, Crime, Gewalt, Gericht“ arbeiten, ohne selbst daran zu Schaden zu nehmen? Wie schafft man es, so lange Zeit Schlagzeilen zu den abnormsten Ereignissen des Lebens zu produzieren? Die Antwort darauf ist: Professionalität. Diese Haltung schafft Distanz und Freude durch sprachliche Nähe.

Der Autor dieser Zeilen schrieb einmal über ihn: „Er ist ein „Geschichtendenker“. Er gehört zu einer Generation Journalisten, die eine Geschichte noch durchdenken, bevor sie den ersten Satz schreiben. Und wenn sie den ersten Satz geschrieben haben, kennen sie den letzten schon. Solche gibt es wenige.“

Erkennbarer Stil

Das Bauprinzip ist erkennbar. Man erkennt seinen Stil, ohne seinen Namen zu lesen nach drei Sätzen. Es sind etwas längere Sätze, etwas mehr färbende Eigenschaftswörter, kompaktere Absätze. Es ist der alte Nachrichtenmagazinstil der 70er-Jahre, den er nicht verlernt hat und der immer wieder durchscheint.

Auch wenn es in „Österreich“ war. Das Projekt „Österreich“ sollte ein neues Projekt werden und es erfüllte die Erwartungen nicht. Höllrigl war nun fünf Jahre dabei und das neue kommende Projekt in Wien ist die Zeitung „Heute“. „Heute“ gewinnt allmählich an Struktur und wird nach und nach eine richtige Zeitung. Aus der ehemaligen „U-Express“ des seligen Hans Dichand entsprungen, findet man dort Gefallen daran, dass man an Reichweite, Tagesleser, Zugreifer, Hineinschauer schon gut und gern 800.000 Personen täglich erreicht. Das war vor zwei Jahren noch nicht so. Mit diesem Potenzial wächst das Selbstvertrauen, dass die Richtung der Zeitung stimmt.

Rahmenbedingungen bei „Österreich“ wurden schlechter

Höllrigl ließ schon vor einem halben Jahr durchklingen, dass er bei „Österreich“ aufhören wolle. Entgegen der Berechnungen von Focus Marketing Research, die „Österreich“ hohe Umsatzzahlen attestiert, hat er den Eindruck, dass redaktionell gespart wird, was die Qualität der Arbeit drückt. 2010 verließen einige Journalisten „Österreich“ (etwa Florian Lems) und es wurde in Schlüssel-Ressorts nicht in adäquater Qualität nachbesetzt. Das „Chronik“-Ressort ist ein Schlüssel-Ressort: Es ist jener Teil, der das pralle Leben der Ungemütlichkeiten umfasst, nämlich das Exekutiv- und Justizgeschehen, die Verbrechensthematik in der ganzen Breite und es ist ein zentraler Bestandteil jeder Massenzeitung. Umfragen ergeben seit Jahrzehnten, dass das (nach dem Sport) der meistgelesene Teil einer Tageszeitung ist. In diesem Schlüssel-Ressort hat „Österreich“ den Instinkt verloren und gespart. Helmut Fellner ist ein Typ Herausgeber, der offen sagt, dass in seiner Zeitung nicht über Kindesmissbrauch und Vergewaltigung und entsprechende Justizfälle berichtet werden darf. Weil er es nicht will.

„Heute“ hingegen will aufrüsten. Eva Dichand sucht derzeit Mitarbeiter in den Bereichen „Kultur“, „Chronik“. Sie wird auch in den Bereichen „Politik“ ausbauen müssen, da Wien der Wasserkopf Österreichs mit dem meisten politischen Geschehen ist. Will man es Tag für Tag, Woche für Woche seriös und solide abdecken, braucht man Personal.

Qualität und Umfang von „Heute“ stiegen

Der Umfang der Zeitung „Heute“ wuchs in den letzten Monaten merklich an. Es wurde seitenstark. Bald wird es eine richtige Zeitung. Noch keine Londoner „Times“, aber vielleicht eine bessere, jüngere „Kronen Zeitung“. Erste Anzeichen gibt es und es braucht noch etwas Zeit.

Wolfgang Höllrigl ist bald 58 Jahre alt. Als Journalist wird er nie aufhören. Er ist einer, der mit 70 noch im Gerichtssaal sitzt. Einer, der darauf vertraut was er sieht und glaubt, dass der Satz von Matt Drudge richtig ist (ein Amerikaner), der einmal sagte, dass Journalisten nicht im Anzug spazieren gehen sollten, sondern „dahin gehen müssen, wo es stinkt.“ Auch wenn man Geruch in einer Zeitung nicht vermitteln kann. Den Leser interessiert, wo es stinkt und warum. Alles andere steht zwar auch in der Zeitung: Das nennt man aber Lobbying und PR.

Fehlt noch Heinz von Saanen für Ressort Wirtschaft

Im übrigen: Mit dem neuen Chefredakteur (Politik) Wolfgang Ainetter hat sich die Zeitung „Heute“ verbessert und versachlicht. Mit Wolfgang Höllrigl als Chronik-Leiter würde ein weiterer inhaltlicher Schub folgen. Dann müsste die Verlegerin Eva Dichand nur noch Heinz van Saanen als Leiter des auszubauenden Ressorts Wirtschaft engagieren und das Dream Team an erfahrenen Leitungskräften wäre perfekt. Das wären die Poliere auf der Hochbaustelle „Heute“. Die Arbeit machen ohnehin die Hilfsarbeiter.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Heute)

Nationalrat Erwin Hornek und Zeitung HEUTE haben sich nicht geeinigt

Posted in Heute, Medienrecht, Print by Pangloss on 28. Oktober 2010

Am Ende glühten seine Ohren feuerrot. Die Vergleichsgespräche mit der Zeitung HEUTE dauerten 67 Minuten. Dann wurde ergebnislos vertagt. Die Sache mit der Ehekrise und Berichten Ende 2009 ist noch nicht vorbei. (Foto: Oswald)

(LG Wien, am 28. Oktober 2010) Der Berichterstatter hatte heute Pech und dieses Pech will kurz geschildert sein, ehe es zum eigentlichen Bericht geht. Der Berichterstatter ist 20 Stunden wach, ehe er um 11 Uhr beim Saal 208 des Landesgerichtes Wien ankommt. Lange Wachzeiten rühren nicht von Vielweiberei, sondern von aktuell erhöhtem Arbeitsaufwand. Es ist so. Mit 20 Stunden in den Beinen ist man etwas müde, aber gelassen. Daher nimmt man das Folgende in einer erwartungslosen Gegenwärtigkeit und sehr gelassen hin.

Das erste was der Anwalt des ÖVP-Nationalrates Erwin Hornek, der Medienrechtsexperte Gottfried Korn beantragt, ist den Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit ist ohnehin klein. Ein Mann hoch, der Berichterstatter. Die Richterin ist neu. Am Landesgericht Wien tummeln sich derzeit eine Menge neue Richterinnen und Richter: Mag. Nicole Baczak ist brandneu. Sie ist gewillt die Mini-Öffentlichkeit auszuschließen und tut es. Natürlich ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ angesprochen. Fraglos gibt § 8 Abs 3 Mediengesetz diese Möglichkeit. Doch muss man es auch tun? (Sie muss, weil in einem Parallelverfahren Hornek gegen Österreich der OGH festgehalten hat, dass es „höchstpersönlicher Lebensbereich ist“. Daher muss sie sich – systemimmanent – daran halten.)

Rechte der Öffentlichkeit als Kontrollinstanz eingeschränkt

Festhalten muss man aber dürfen, dass Erwin Hornek seit zehn Jahren Bezirksparteiobmann der ÖVP im Bezirk Waidhofen an der Thaya ist. Es ist exakt auf den morgigen Tag (seit 29. Oktober 1999) elf Jahre Nationalrat im Hohen Haus und damit einer von 183 Repräsentanten Österreichs, die für viele sprechen und Gesetze machen. Alleine aus diesen Gründen ist eine besondere Frage, wie besonders integer ein Mandatar ist, wenn er nach dem Stufenbauprinzip der Gesellschaft „repräsentativ“ für eine große Wählergruppe aus seinem Wahlkreis im Parlament spricht und arbeitet.

Trotzdem folgt die junge Richterin Nicole Baczak dem Prinzip der Worte der Höchstinstanz, dass höchstpersönliche Lebensbereiche erörtert werden (Familienzwist und außereheliche Eskapaden), und diese schützenswert auch für einen ÖVP-Bonzen sind. Sie schließt die Öffentlichkeit aus. Sie hemmt damit die Kontrollinstanz der Öffentlichkeit (Watchdog) als hohes Gut einer offenen Wertediskussions-Gesellschaft. Das „Ausschließen“ geschieht viel zu oft am Landesgericht Wien, fast reflexhaft und das ist schade. Es sichert – im gegenständlichen Fall – die Macht derer ab, die vom Steuergeld bezahlt werden (Hornek ist seit elf Jahren im Nationalratssold, daneben Bürgermeister einer Marktgemeinde, daneben Bezirksparteiobmann, kommt also auf gut 15.000 Euro Bruttoverdienst aus Steuergeld) und lässt nichts darüber berichten, was nicht private Sache ist, sondern Prüfstein, ob ein solcher der Richtige ist, dass er mit öffentlichem Steuergeld aus Nationalratskassen und Parteikassen Berufspolitiker sein darf. Der Berichterstatter frägt die Richterin, wie er das immer tut, wenn ausgeschlossen wird: „Rufen Sie zum Urteil auf?“ Sie bejaht. Der Berichterstatter wartet dann eine Stunde und 7 Minuten geduldig und alleine auf der Holzbank am Gang. Warten gehört zum Prozedere beim Gerichtssaalbericht. Man nimmt es medidativ. Dann endet der Leerlauf, die Tür geht auf und alle huschen geschwind heraus und weg. Es wurde nicht aufgerufen. Zu berichten gibt es daher: nichts.

Der Schnäuzer ist ab

Worum es ging, war dies: Der 51-jährige Erwin Hornek ist umtriebig. Er ist Multifunktionär: Bürgermeister der Marktgemeinde Kautzen von 1990 bis 2010, Gemeindeparteiobmann der ÖVP Kautzen seit 1990, Bezirksparteiobmann der ÖVP Waidhofen an der Thaya seit 2000, Nationalrat seit 1999. Doch das sind viele und nicht deshalb berichtete die Tageszeitung „Heute“ über den Mann, der auf den Fotos der Parlamentswebseite Schnauzbartträger ist. Der Schnäuzer ist mittlerweile ab. Die Berichte, die rund um Sylvester 2009 die Öffentlichkeit erschütterten und sogar die Frauenhausbewegung als Hüterin der Opfer gegen Gewalt auf den Plan rief, drehten sich um anderes: Im Hause Hornek hänge der Haussegen schief, hieß es. Es war von drei Dingen die Rede. a. Ein Seitensprung des Multifunktionärs, den er angeblich nie bestritt. b. eine eingereichte Scheidung der Ehefrau wegen des Seitensprungs, die er nicht bestritt. c. Hiebe für die Ehefrau, weil sie die Scheidung einreichte, die er bestritt.

Große Aufregung um Sylvester 2009

Die allseitige Aufregung war groß. Nicht nur im christlichen Abendland Niederösterreich. Sondern auch im politischen Machtzentrum Wien. Kann es sein, dass ein Mandatar und Vorbild für die Gesellschaft gegen die Ehefrau losgeht? Es rotierten wilde Gerüchte. Eines hieß: Es gab Verletzungen. Eines hieß: Es gibt Anzeigen nach Körperverletzung gegen den Multifunktionär und Nationalrat. Dann folgten Erklärungen: Die Frau sei ausgerutscht und von selbst gegen einen Türstock gefallen. Dann der Neujahrsfriede: Ende gut, alles gut. Es gibt keine Strafverfolgung, da keine Häusliche Gewalt war. Es war ein Unfall. Die Strafanzeige wurde von der Staatsanwaltschaft Krems – nach Vorlage beim Justizministerium, immer, wenn ein Mandatar angeklagt werden soll – nach umfassender Prüfung eingestellt. Das ist der Ist-Stand. Kein Strafprozess. Die Kurve ist gekratzt.

Die Zeitung HEUTE war auf einen Vergleich aus, der Nationalrat, Bürgermeister und ÖVP-Multifunktionär will den Machtkampf und verweigert einen Vergleich. Er sieht sich im Recht, da die Strafanzeige gegen ihn eingestellt wurde. Interessanterweise hat man in Medien nie die Version der Ehefrau gelesen. That's Niederösterreich. Wo die NÖN im Landhaus gemacht wird und die prägende Landeshauptmannzeitung ist und es keine weitere überregionale Tageszeitung gibt, ist es simpel, Nebeninformationen gezielt zu unterdrücken, die ein Politikerleben gefährden könnten. Meinungsfreiheit a la Erwin Pröll sieht so aus: Wer politische Mitarbeiter der ÖVP anpatzt, wird geklagt. So bleibt die Version die letztgültige: Die Ehefrau ist gestolpert und von selbst gegen den Türstock gefallen. Im Landesgericht Wien gibt es keine Türstöcke, nur Glastüren, durch die der Landwirt und politische Abgeordnete zum Hohen Haus Erwin Hornek soeben geht. (Foto: Oswald)

Nun zum Medienteil: Berichte zu den Geschehnissen im Hause Hornek erschienen in „Heute“ und „Österreich“. Beide Zeitungen berichteten gleichermaßen offen und geradlinig und mit dem Tenor, dass solche Vorfälle unwürdig eines Multifunktionärs und Mandatars sind. Grundton der Berichte war – kurz umschrieben -, dass gerade ein Multifunktionär und Nationalrat eine besondere moralische Festigkeit braucht, damit er den Anforderungen gewachsen ist, die an ihn gestellt sind.

„Österreich“ verlor ein entsprechendes Medienverfahren und bis vor Kurzem war eine nachträgliche Mitteilung auf der Webseite zu lesen, die festhielt, dass das Strafverfahren gegen den Nationalratsabgeordneten Hornek eingestellt wurde. „Heute“ ist heute dran. Die Berichte waren ebenso geradlinig wie logisch: Doch man unterschätzte den politischen Gegenwind des ÖVP-Netzwerkes aus Niederösterreich, das sich keinen Bürgermeister und Parlamentarier herausschießen lassen will.

Die Eingreiftruppe im Landhaus

Dazu eine Episode, die ein enger Freund von Erwin Pröll dem Herausgeber dieses Journals einmal erzählte. Was ist der Grund, warum in Niederösterreich so gut wie nie ein Beamter (Polizeibeamter, Gemeindebeamter) wegen Vorkommnissen solcher Art belangt wird oder warum das nie an die Öffentlichkeit kommt? (Nebenbei: Niederösterreich hat im Jahr rund 3.600 Scheidungen.) Einfache Lösung: Erwin Pröll soll im Landhaus eine Art „rotes Telefon“ haben und eine eigene Abteilung, eine Art „rasche Eingreiftruppe“. Wird im weiten Land Niederösterreich bekannt, dass ein Politiker, Beamter oder Polizist in Verwicklungen privater Natur verstrickt ist, und sickert ein Polizeieinsatz oder eine mögliche Anzeige gegen einen Beamten durch, schickt noch am selben Abend Erwin Pröll seine Männer los und geht vor Ort. Dann wird vor Ort die Sache besprochen, unter Auschluss der Öffentlichkeit. Es dringt in Niederösterreich nie an die Öffentlichkeit, wenn Exzesse von Entscheidungsträgern einem engen Kreis im Landhaus bekannt werden. Es wird unter der Tuchent gehalten.

Das Unter-der-Tuchent-Halten hat diesmal nicht funktioniert. Nicht ganz. Doch Erwin Hornek hat zufällig den besten Medienanwalt Wiens. Gottfried Korn hielt Jahre lang an Universitäten Seminare zu Medienrecht (Institut für Publizistik und andere) und er war Jahre lang Hausanwalt der „Kronen Zeitung“. Erwin Hornek lässt nun überall die Öffentlichkeit ausschließen und tut so, als ob es um Privatleben geht und vergisst, dass ein Mandatar im Licht der Öffentlichkeit steht, weil er Repräsentant ist und im besonderen Schutz (Immunität), was auch besondere Pflicht nach sich zieht.

Pröllsches Netzwerk des Schweigens hielt

Insoweit hat das Erwin Pröllsche Netzwerk noch einmal gehalten. Bis in den OGH hinauf, wo man in der Entscheidung gegen „Österreich“ zementiert hat, dass die Exzesse des Mandatars öffentlich und im Detail nicht erörtet werden dürfen. Die Netzwerke hielten bis ins ÖVP gelenkte Justizministerium hinein, wo man die Anzeige gegen Erwin Hornek – nach gewissenhafter Prüfung – einstellen ließ. Das Pröllsche Machtnetzwerk: Reissfest. Das weiß auch Erwin Hornek. Er hat beim Hinaushuschen aus dem Saal feuerrote Ohren, aber er lächelt siegessicher. Er stimmt nach 67 Minuten Gespräch einem Vergleich mit der Zeitung „Heute“ nicht zu. Die Verhandlung wird vertagt. Möglicherweise einigt man sich außergerichtlich. Ohne Öffentlichkeit. Oder man macht einen weiteren Verhandlungstag und schließt wieder die Öffentlichkeit aus.

Gerichtsbarkeit wie im Mittelalter, wo es sich Mächtige richten konnten.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht, Print, Heute) – Saal 208, Ausschluss der Öffentlichkeit, daher kein inhaltlicher Bericht möglich, Verhandlung: 28. Oktober 2010, Wartezeit vor Saal 11 Uhr 00 – 12 Uhr 07, danach „kein Kommentar“.

Tageszeitung HEUTE – Gegendarstellung für Andreas Unterberger

Posted in Heute, Medienrecht by Pangloss on 6. Januar 2010

Gericht sagt: Andreas Unterberger hat keine neuen Abonnenten als Geschenk versprochen.
(Fotoquelle: Tageszeitung Heute, 4. Jänner 2010, S. 4)

(Wien, im Jänner 2010) Die Wiener Tageszeitung „Heute“ hat einen Medienprozess verloren, in dem ein kleiner Beitrag eingeklagt wurde. Darin wurde behauptet, dass der Chefredakteur Andreas Unterberger zum Antritt in der staatlichen „Wiener Zeitung“ die traditionell an Abonnenten schwache Tageszeitung aufrichten und ihr „5.000“ neue Stammleser bringen wollte. Das behauptete die Tageszeitung „Heute“, die keine Abonnenten, sondern hunderttausende Gratisleser hat.

Doch diese Behauptung war unwahr. Der Chefredakteur der „Wiener Zeitung“, der am 8. Oktober 2009 aus der Leitungsfunktion der einzigen staatlichen Zeitung Österreichs entlassen wurde, klagte gegen die Kleinnotiz in „Heute“ vom 28. September 2009 (Seite 6) und bekam Recht. Da die Zeitung „Heute“ nicht beweisen konnte, dass Andreas Unterberger tatsächlich „5.000“ neue Abonnenten versprochen hatte, musste sie eine Gegendarstellung veröffentlichen. Darin wird nun festgehalten, dass der konservative Zeitungsmann tatsächlich „bei seinem Antritt“ am 1. Mai 2005 keine neuen Abonnenten versprochen hat.

Lebensferne Gerichtsbarkeit

Merkwürdige Gerichtsbarkeit. Da der Autor der „Heute“-Zeilen nicht wie ein Detektiv beweisen konnte, etwa mit verstecktem Tonband, dass Unterberger tatsächlich „gesagt“ hat, dass er neue Abonnenten bringt, ging der Prozess den Bach hinunter. Michael Rami verlor. Es ist schon merkwürdig, was Medienrichter an Beweisbarkeit verlangen. Denn selbstverständlich will ein Neuer in einer großen Zeitung einiges und vieles neu machen und dazu gehört auch, dass er verspricht, neue Leser zu gewinnen. Wäre das nicht so, bräuchte es keinen neuen Besen. Doch Unterberger klagte dagegen, denn es kam heraus, dass nach vier Jahren seiner Chefredaktion keine neuen Abonnenten dazu kamen. Diese Kausalität wollte die Zeitung „Heute“ herstellen, nämlich, dass er etwas versprochen und nicht gehalten habe. Unterberger durchbrach die Kausalkette, indem er festhielt, dass er gar nichts versprochen habe und daher auch nichts gebrochen haben könne. Er klagte die Behauptung ein (er wollte Abonnenten gewinnen), weil er seine Leistung nicht an Verkaufszahlen, sondern an Inhalten gemessen sehen will. „Ich habe über die Entwicklung der Verkaufszahlen überhaupt keine Aussagen gemacht“, so der Ex-Chef der „Wiener Zeitung“.

Silver Ager Andreas Unterberger entdeckte das Internet.

Posting-Gigant Unterberger

Heute verkauft er auch nichts. Das ist nicht falsch. Er lebt gut von seinem Vertragsrest (Abfertigung) nach seiner vorzeitigen Entlassung durch Bundeskanzler Werner Faymann und betreibt einen Blog, der im Monat rund 30.000 Seitenzugriffe verbucht. Das scheint ihm viel. Es ist mittelviel, aber nicht die Welt. Der 61-Jährige will es ausbauen und hält engen Kontakt mit seinen Stammlesern. Er ist der „Posting-Domteur“ im Internet. 279 Postings unter einem Beitrag ist unzweifelhaft bemerkenswert.

Beispiel: Beitrag aus Andreas Unterbergers Tagebuch – Thema Werner Faymann (plus 279 Postings!)

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht, Heute)

Knalleffekt – Kramars Klage gegen "HEUTE" abgewiesen – Aus Formalgründen

Posted in Heute, Kurzer Prozess by Pangloss on 29. Juni 2009

Hubert Kramar, 60, ist über den Ausgang des Verfahrens enttäuscht.
(Foto: Marcus J. Oswald am 29. Juni 2009 im Landesgericht Wien)

Der Chefredakteur der Wiener Gratiszeitung HEUTE (Auflage: 250.000) schrieb nach dem ersten Tag des Fritzl-Prozesses, Hubsi Kramar habe Pimmel, Pimmel geschrien. Er war persönlich nicht am kalten 16. März 2009 in Sankt Pölten vor Ort, hat sich das aber so erzählen lassen. (Fotoquelle: Tageszeitung HEUTE, 17. März 2009, S. 5. Source: Zeitschriftenarchiv Oswald 1090)

(LG Wien, am 29. Juni 2009) Der von Hubert „Hubsi“ Kramar angestrengte Medienprozess gegen die Wiener Tageszeitung „Heute“ verläuft ohne Medienbegleitung, da zur gleichen Zeit der Prozess gegen den Wiener „U-Bahn-Schubser“ Walter Werner in einem anderen Saal startet und die bescheidenen Wiener Medienressourcen im „3-er Saal“ des zweiten Stockes (203) bindet. Immerhin wurde im Vorfeld dieses Kriminalfalls einem Mann von der einfahrenden U-Bahn ein Zeh abgeschnitten. Das interessiert die Leser und Fernsehkonsumenten.

Im Vorfeld des Medienprozesses Kramar gegen Heute wurde einem Schauspieler von einer Wiener Boulevardzeitung die Ehre abgeschnitten. Das interessiert nur wenige.

Nur ein Zuhörer

Im Saal 311 sitzt – wie so oft – nur ein Zuhörer. Dieses Journal rechnete schon damit, dass die lange Anreise zum Gericht mit einem Beweisverfahren belohnt wird. Kann sich ein Medienjunki doch noch gut erinnern, wie in den englischen Fritzl-Wochen Medien und Politiker unter Drogen standen. Daran, dass Hubsi Kramar, der das Thema Fritzl als einziger Künstler direkt und konfrontativ anging, im Februar 2009 von der FPÖ via Presseaussendung mit politischen Angriffen als Theaterdirektor bedacht wurde. Und, dass im März 2009 dann die Tageszeitung „Heute“ Charakterangriffe gegen den Schauspieler startete. Die Angriffe der Zeitung sind in vier Ausgaben in den Archiven dieser Welt dokumentiert: 17. März 2009 (S. 5), 20. März 2009 (S. 9), 1. April 2009 und 6. April 2009.

Mediale Falschbehauptungen

Vor allem die harsche Bemerkung aus der Ferne, Hubsi Kramar habe „Pimmel, Pimmel“ am Vorplatz des Landesgerichtes St. Pölten im Rahmen seiner Performance geschrien, wurde eingeklagt. Denn er hat es nicht geschrien. Die gesamte Performance wurde mit einer Kamera aufgezeichnet. Nirgendwo ist dieser Ausspruch zu hören.

Von Kramars Anwalt Andreas Kleiber (aus der Kanzlei Markus Freund) wird daher der Wahrheitsbeweis angepeilt. Prozessziel ist, dass sich die Zeitung von der Behauptung „Pimmel, Pimmel“ distanziert und eine Gegendarstellung veröffentlicht. Allein, dazu kommt es nicht.

Blitzverhandlung

Das Verfahren unter dem Vorsitz der Medienrichterin Birgit Schneider, die den Akt von der vor einer Woche karenzierten Richterin Bettina Körber geerbt hat, dauert genau acht Minuten. Draußen wartet nur der Zeuge der Zeitung „Heute“, Journalist Robert Loy. „Heute“-Redakteurin Karin Strobl ist nicht gekommen. Hubsi Kramar sitzt im Saal. Kläger Hubsi Kramar hat die vier Zeitungsstücke (17.03., 20.03., 1.04., 6.04.) zum Klagsinhalt gemacht. Dazu wird ein weiterer Zeuge „zum Beweis für die Unwahrheit des Vorbringens“ beantragt: Peter Rosenauer.

Zeuge wird abgelehnt

Der Klagswerber hätte noch eine Menge Leute mehr als Zeugen beantragen können. Nämlich alle, die damals am ersten Prozesstag am Vorplatz des Landesgerichtes St. Pölten waren. Darunter auch der Herausgeber dieses Journals, Mag. Herwig Baumgartner, Diplomingenieur Richard Kaiser, Diplomingenieur Gerald Zeiner, Kurt Essmann und viele andere. Doch der Kläger belässt es bei Peter Rosenauer, der damals auch mit seiner Aktionsgruppe „Resistance for Peace“ vor Ort war.

Peter Rosenauer wäre im Pimmel-Verfahren als Zeuge für Hubsi Kramar sicher gerne gekommen. (Foto: Marcus J. Oswald)

Jedoch: Die Richterin, und damit nähert man sich schon dem Ende des achtminütigen Verfahrens, lehnt den Zeugen Peter Rosenauer zum „Beweis der Wahrheit“ ab. Auf die Zeugin Strobl wird seitens des Gerichtes verzichtet. Der Zeuge Robert Loy wird nach Hause geschickt. Dann beendet die Richterin diesen Prozess kurz und bündig: „Das Gegendarstellungsbegehren ist abzuweisen. Und zwar aus formalen Gründen.“

Punkt und Beistrich nicht eingehalten

Was sind die „formalen Gründe“? Die Richterin sagt: „Für ein Gegendarstellungsbegehren ist notwendig, so die ständige Rechtssprechung, dass der Text der Zeitung formgenau im Antrag formuliert wird.“

Richterin sucht Wimmerl am Pimmerl

Richterin Birgit Schneider listet sechs Punkte auf, in denen das Klagsbegehren von den Zeitungsausschnitten „divergiert“. Und zwar so, Richterin: „Einmal heißt es im Klagsantrag Pimmel, Pimmel!. [Pimmel, Beistrich, Pimmel, Rufzeichen, Punkt], das ist falsch. Im Zeitungstext heißt es Pimmel, Pimmel. [Pimmel, Beistrich, Pimmel, Punkt].“

Weiter, die Richterin: Einmal ist „Folgendes“ groß geschrieben, im Zeitungstext ist „folgendes“ klein geschrieben.

„Divergierende Schreibweise“

Sie nennt vier weitere Wörter, wo die Schreibweise im Klagsbegehren minimal vom Zeitungstext divergiert. Und da, so die Richterin, „die Instanz das sofort zurück schmeißt, ist die Klage auf Gegendarstellung abzuweisen.“

Die Kostennoten der Anwälte Andreas Kleiber und Michael Rami werden eingesammelt und das Verfahren ist geschlossen. Hubsi Kramar kommt während des Kurzprozesses nicht zu Wort. Klägeranwalt Kleiber nimmt „drei Tage Bedenkzeit“. Daher: Nicht rechtskräftig.

„Zum Falter gehen“

Hubsi Kramar ist nachher im Caféhaus empört. Er vermutet höhere Kräfte dahinter und eine politische Sache im Hintergrund. Er will nun eine Pressekonferenz organisieren und „zum Falter gehen“.

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Die Wiener Gratiszeitung HEUTE (Auflage: 250.000) schrieb nach dem vierten und letzten Tag des Fritzl-Prozesses, Hubsi Kramar habe Obszönitäten herumgeschrien. Ihm hätte Platzverbot gebührt. Auch dieses Textstück wurde wegen vermuteter falscher Tatsachenbehauptung eingeklagt. Es scheiterte an formalen Hürden. (Fotoquelle: Tageszeitung HEUTE, 20. März 2009, S. 9, in Höhe leicht komprimierte Version der Kolumne. Source: Zeitschriftenarchiv Oswald 1090)

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Rückschau auf den Rahmen des Prozesses und „Fall Fritzl“ – aus Sicht von „Heute“ (Tageszeitung, Wien):

Nach dem ersten Prozesstag im weltweit beachteten Fritzl Case war die Medienstimmung so glutheiß wie nie zuvor bei einem Gerichtsprozess.
(Foto: Heute, 17. März 2009. Source: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

Noch am letzten Gerichtstag war die Stimmung so aufgeschaukelt, dass Bibelzitate und Bibelinterpretationen herhalten mussten. Der Fritzl-Prozess hatte die Funktion eines Blitzableiters und läßt vergessen, dass erst am 25. Juni am Landesgericht Wien ein Mann wegen Kinderpornografie vor Gericht saß und das Leben weitergeht. Lebenslang. Gut so! (Foto: Heute, 20. März 2009. Source: Titelseitenarchiv Oswald 1090)

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Rekommandiert:
Knalleffekt – Kramars Klage gegen „Heute“ abgewiesen – Aus Formalgründen (29. Juni 2009)
Hubsi Kramar: „Habe nicht Pimmel, Pimmel geschrien!“ (28. Juni 2009)
Fritzl-Prozess – Erster Tag mit Medienskandal (16. März 2009)
Termin Medienverhandlung „Kramar gegen HEUTE“ (Link folgt)

Marcus J. Oswald (Ressort: Heute, Medienrecht, Gerichtssaal, Kurzer Prozess) – 29. Juni 2009, Saal 311, 9 Uhr 30 – 9 Uhr 38

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