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Moderne Sklavenhaltung in Online-Redaktion der "Presse"

Posted in Die Presse by Pangloss on 27. März 2009

Michael Fleischhacker und die moderne Sklavenhaltung:
Die Presse will abheben und sucht Bodenpersonal zum Schmutzaufwischen in der Online-Redaktion. (Foto: Die Presse)

(Wien, im März 2009) Am 16. März 2009, am Tag nach Erscheinen der ersten Nummer der „Sonntagsausgabe“ der Tageszeitung „Die Presse“ (15. März 2009), sagt der CEO des Styria-Verlages zur APA: „Ein zweistelliger Millionenbetrag wird in die Neuerscheinung investiert.“ Ein zweistelliger Euro-Millionenbetrag, versteht sich.

Chefredakteur Michael Fleischhacker, ein Steirer, steht voll dahinter. Er sagt: „Am Freitag, Samstag und Sonntag kann man mit einer Zeitung noch gutes Geld verdienen.“ Die Botschaft soll zeigen: Das Geld sitzt locker.

Auf großem Fuß

Knausriger gibt man sich bei der Online-Redaktion der Zeitung. Der Internetauftritt der „Presse“ wirkt durch das Multichannel-System großspurig. Viele Threads, viel Implementiertes aus der Zeitung. Wenig Eigensprachliches, Eigensinniges, Eigenbildliches. Die Tradition der österrreichischen Online-Redaktionen (Ausnahme: „Standard“, der die Eigenwilligkeit des Webs erkannte) ist, dass man die Zeitung spiegelt.

Die Presse - Großer Horizont, kleiner Lohn. (Wortbildmarke: Die Presse)

Bald kommt der Sommer. Daher sucht „Die Presse“ per Inserat Verstärkung für die Online-Redaktion. Wenn die Angestellten am Sandstrand liegen, sollen „freie Mitarbeiter für die Bereiche Wirtschaft, Politik und Kultur“ die Webseite am Laufen halten. Sagt die Annonce. Link: Freie Mitarbeit. Das wäre nicht weiter interessant, denn die „Presse“ interessiert Wenige wirklich.

„Sonst noch was?“

Interessant ist das Job-Profil für die Mitarbeit auf der vernachlässigbaren Webseite: „Hochschulstudium oder Ausbildung an einer Fachhochschule; gutes Allgemeinwissen; sattelfest in Rechtschreibung; Belastbarkeit, Teamfähigkeit, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit.“ Solche „soft skills“ würden Beratern des AMS die Bemerkung entlocken: „Sonst noch was?“

Softies mit soft skills

Ja, sonst noch was? Die „Presse“ träumt: Man will Akademiker, noch dazu teamfähige (ohne eigene Flausen im Kopf), belastbare (ohne Familie oder Kinder), kreative (mit hunderten Ideen) und kommunikationsfähige (die den ganzen Tag palavern).

Altersdiskriminierendes Inserat

Das „Presse“-Inserat ist nebenbei altersdiskriminierend. Denn „jung“ sollen die Bewerber sein. „Alte“ sind ausgeschlossen. Die Jungen sollen das sein, wie der Archiv-Chef des ORF Peter Dusek dem Herausgeber dieses Journals immer Journalismus definierte: „Der gute Journalist muss eine Kombination aus Emotionalität und Rationalität sein. Du musst ein emotionaler Rationalist sein“, sagte Dusek gern zu Oswald, den er bei jedem Treffen scherzhaft als den „belesensten Journalisten Österreichs“ bezeichnete. Schön und gut.

Marcus J. Oswald und Peter Dusek (ORF).
Am 7. April 2005 am Küniglberg.

Zurück zum luftschnappenden Inserat der „Presse“. Da niemand für Luft arbeitet, stellt sich die Frage: Was zahlt die „Presse“ den akademischen Wunderbegabungen dafür, dass sie für die Online-Redaktion der großspurigen Website arbeiten? Man staune: Lohn, für den keine polnische Putzfrau den Besen anrührte: 500 Euro brutto! Nach Abzug aller Nebengebühren exakt das Geringsfügigkeitsmaß der letztklassigen Dinge am Arbeitsmarkt: 350 Euro netto.

Zweistellige Euro-Millionen in Altpapierprojekt „Sonntagszeitung“

Für das Altpapierprojekt „Die Presse Sonntagszeitung“ investierte der Grazer Zeitungsverlag „Styria“ einen zweistelligen Euro-Millionenbetrag. Womit eine alte jüdische Weisheit des Kaufmannes zum Tragen kommt: „Verdienen kann man heute nur mehr im Einkauf, nicht im Verkauf.“ Die „Presse“ kauft sich also für die Monate Juli, August und September 2009 moderne Online-Sklaven für 500 Euro (!) brutto ein. Und tut so, als wäre man ein modernes Unternehmen. Leute, die sich für 500 Euro brutto einen Monat den Rücken ruinieren, zehn Stunden am Tag die Nachrichtenlage sichten, mehrsprachig, umschreiben, kanalisieren, sind selbst Schuld.

Österreich nicht Indien

Michael Fleischhacker und seine Männer in der „Presse“ verwechseln offenbar den Medienstandort Österreich mit Indien. Selbst dort setzt sich niemand für das Medienhaus Styria um 500 Euro brutto hin.

Umsatz der „Presse“ (Jänner und Februar 2009) – 5,65 Mio Euro!

Laut Angaben der Zeitung „Österreich“ vom 26. März 2009 (S.25) hat die Tageszeitung „Die Presse“ in den Monaten Jänner und Februar 2009 einen Werbeumsatz durch Inserate in der Höhe von 5,65 Millionen Euro erwirtschaftet. Das freut die Geschäftsführung, die sich schöne Gehälter genehmigt.

Hochschulabgänger für 500 Euro brutto im Monat

Die Größe, Online-Redakteuren mit Hochschulabschluss (!) in den Sommermonaten einen ordentlichen Lohn zu zahlen, hat die „Styria“ nicht. Die Jungjournalisten, die auf den Praktikum-Schmäh der „Presse“ hineinfallen und sich bis 3. April 2009 bewerben, können einem Leid tun.

Als alter Hase kann der B&G-Herausgeber den Jungen den Rat geben: Finger weg! Prinzip im Mediengeschäft ist: Wer einmal für Almosen arbeitet, wird von den Almosen nie mehr weg kommen. Da Österreich keine reale Mediengewerkschaft hat, muss sich jeder auf die eigenen Beine stellen. Das läuft sicher nicht in einer „Online-Redaktion“, die 500 Euro brutto pro Monat zahlt und mit der Karotte vor der Nase zum Mundhalten verpflichtet.

„Schmutzige Deals“

Am Besten lässt man Michael Fleischhacker, Chefredakteur, das Schlusswort: „Wir lernen: Das Problem ist in Österreich nie die Tatsache eines schmutzigen Deals an sich. Die Frage ist immer nur, ob ein schmutziger Deal mit den richtigen Leuten gemacht wird. Der logische Schluss daraus: Wahre Unabhängigkeit zeigt sich in Österreich in der Bereitschaft, mit allen schmutzige Deals zu machen“, so der „Presse“-Leitartikler am 2. September 2006.

Einfach schön gesprochen, meint dieses Journal.

Marcus J. Oswald (Ressort: Die Presse)

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