Medien und Kritik – Das Online Magazin

Zwei Konkurse im Medienbereich

Posted in Medienalltag by Pangloss on 15. September 2011

(Wien, im September 2011) Im Medienbereich gibt es zwei aktuelle Konkurse. Einer betrifft eine Zeitschrift, einer ein aufgeblasenes Webmedienprojekt.

Der Print und Publishing Verlag in der Rotenmühlgasse 11 (1129 Wien) ging im August 2011 in Konkurs. Die Zeitschrift gibt es seit 1989. Es sieht sich als „Magazin für Medientechnologie, Druck, Weiterverarbeitung, Papier, Sign & Werbetechnik sowie Business, Finanz und Management im Bereich digitaler und gedruckter Kommunikation“. Der lange Titel war immer ein wenig das Problem der Zeitschrift, die der Autor dieser Zeilen seit 1997 bezieht und daher kennt. Damals war der Autor dieser Zeilen ein Jahr erfolgreich Anzeigenleiter (Umsatzplus zum Vorjahr : 16 %) in der Konkurrenzzeitschrift „austropack“ und die Aufgabe bestand auch darin, Konkurrenzwahrnehmung zu betreiben. Im Sektor „Verpackungszeitschriften“ gab es in Österreich damals nur „Austropack“ als Platzhirsch, „Print und Publishing“ sowie „Kompack“. Das konkurrierende „Umweltmagazin“, das auch im Bereich „Verpacken, Fördern, Lagern“ fischte, wurde vom „Austropack“-Verlag sicherheitshalber aufgekauft. Aus Deutschland gab es noch die Zeitschrift „Creativ Verpacken“, die, für ein Industriefachmagazin sehr gut gemacht und geschrieben war, aber für den österreichischen Firmen-, Hersteller- und Vertreter-, daher Anzeigenmarkt keine direkte Konkurrenz war. Ebenso keine Konkurrenz war das deutsche Flaggschiff der Verpackungsbranche, „Neue Verpackung“. Der österreichische Markt der Verpackungs- und Lagerindustrie „wog“ damals – vom Autor dieser Zeilen ausgezählt – 999 Firmen (Hersteller und Generalvertreter), womit für ein Industriefachblatt pro Jahr durchaus etwas vom Marketingbudget abfiel, was zum Überleben reichte. Das war Stand 1997.

2011: Der „Austropack“-Verlag ist mittlerweile ein erfolgreicher Kleinverlag mit eifriger „Katalogproduktion“ für die Reed Messen und eigenen Zeitschriften. Der langjährige Redaktionsleiter Manfred Meixner, der wohl langsamste Burgenländer, hat sich jedoch 2010 mit einem eigenen Konkurrenzprodukt „Pack & Log“ abgespalten – und gleich den langjährigen Anzeigenleiter von „Austropack“ mitgenommen. Die Wiener Zeitschrift „Kompack“ hat aufgegeben. Die deutschen Blätter „Creativ verpacken“ und „Neue Verpackung“ leben noch. Diese Hefte sind im engen Markt der Verpackung, Förder- und Lagertechnik tätig und haben sich in diesen Nischen mit Fachinformation gut eingerichtet. „Print und Publishing“ am optisch höheren Pass zu den Themen wie Verpackungsdruck, Veredelung, digitale Techniken für Etikettierung und Barcodesysteme und ähnlichem schwamm in diesem Feld tapfer mit, ging aber tiefer in die Druckereitechnik und auf deren Maschinen (Heidelberg, MAN ua.) ein. Mit diesem Konzept ging man nun 2011 in Konkurs.

Textschwach

Das Heft stach stets durch aufwändige Titelseitenwahl hervor. Man brachte mit individuellen Papiersorten zum Ausdruck, was die Papierbranche und die Druckbranche leisten kann und ging mit Beispiel voran. Titelseiten im 6-color-System (Spezialfarben wie Gold und Silber) waren keine Seltenheit, gestochen scharf gedruckt, reflektierend, spiegelnd, alle Stückeln spielend. Im Heftinneren offenbarte sich jedoch die Schwäche der Industriefachpresse generell. Non-Autoren schreiben über Technik. Sie sind so fasziniert vom Gegenstand, der Technik, den Maschinen, dass sie ganz vergessen, das Thema schriftlich so darzustellen, dass man es „lesen kann“. Teilweise las man in der „P&P“ abgefunselte Presseaussendungen Technik verliebter Pressestellen von Mayr Melnhof oder Duropack, die seitenlang die Vorzüge der neuen Hartkartonagen in Röhrenform referierten oder Vertropack, die mit Liebe zum Detail Verschlussringe von Glasverbundgeweben (zu deutsch: Stöpsel für Flaschen) beschrieben. Die offenbar nicht geschulten „Redakteure“ der P&P malten das deckungsgleich ins Heft, und vergaßen, dass man das nicht lesen kann. Textlich blieb die „Print und Publishing“ streckenweise schwach, nimmt man einige Ausnahmen des ständigen Kolumnisten, der persönliche Erfahrung und schreiberische Farbe ins Heft brachte.

Das Konkursverfahren läuft seit 19. August 2011 unter der Zahl 6 S 111/11g am Handelsgericht Wien.

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Was haben die Burschen von Webfreetv.com AG in den 2000er-Jahren für einen Staub aufgewirbelt. Eine alte Medienweisheit sagt jedoch, dass es nicht reicht Staub aufzuwirbeln. Man muss auch Spuren hinterlassen. Das Internet wollte man revolutionieren. Prominente Finanziers stiegen an Bord.

Mike Lielacher

Die Gründer holten bald nach dem Start den „Wagnisfinanzierer“ Mike Lielacher in die Firma. Lielacher war dabei, weil er überall dabei ist, wenn es ihm taugt. Er wollte den Web-TV-Sender groß machen. Mitte der 2000-er sah er aber, dass das so einfach nicht läuft und er setzte den ehemaligen Organisator des „Abfangjäger-Volksbegehrens“ Rudolf Fußi als Vorstand ein. Doch auch dann blieben die Versprechungen und PR-Aussendungen größer als der Wert der Zeilen. 2010 wollte Lielacher den „Sender“ zurückhaben und es entstand ein Machtkampf mit dem Ergebnis, dass webfreetv.com am 1. November 2010 von der Wiener Börse genommen wurde. Der „Streit bei Webfreetv.com“, wie es das Fachmagazin „Extradienst“ in einem entsprechenden Artikel nennt, gipfelte im September 2010 in wechselseitige Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Wien. Zum Zeitpunkt lenkte bereits ein Jahr lang Alexander Vogel das Unternehmen, das 390.000 Euro Umsatz machte (lt. Extradienst).

Seither wird gegen vormalige und aktuelle Akteure wie Vorstände und Aufsichtsräte der „Aktiengesellschaft“ wegen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen, Betrug und betrügerischer Krida erhoben. Ergebnis:

Das Unternehmen, das in 7000 Eisenstadt in der Thomas Edisonstraße 2 und in 1050 in der Margaretenstraße 166 situiert war, einst hochfliegende Pläne hatte, aber in elf Jahren nie einen Gewinn schreiben konnte, soll 2.2 Millionen Euro Schulden haben.

Am 18. August 2011 wurde über das Unternehmen unter der Zahl 28 S 100/11a am Handelsgericht Wien der Konkurs eröffnet.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

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Fred Vavrousek jugendlich in Pension

Posted in Medienalltag by Pangloss on 18. Juni 2011

Der mächtigste Kommunikator der Stadt Wien ging am 15. Juni 2011 in Pension: Professor Hofrat Fred Vavrousek, 61. Er schuf in den letzten 30 Jahren ein weitverzweigtes Medienreich im Namen diverser Bürgermeister, in dem die Sonne nie untergeht. Vavrousek behielt sich auf berlusconische Weise seine Jugend. Denn das einzige Foto, das die Stadt Wien von ihm hergibt und das seit Jahren in allen Broschüren zirkuliert, ist 15 (!) Jahre alt. (Foto: PID)

(Wien, im Juni 2011) 61 Jahre alt, Professor, Hofrat, zuletzt Bereichsleiter, also in allerhöchster Gehaltsstufe im Beamtenschema angekommen: Fred Vavrousek geht Mitte Juni in Pension. Der Gründer und jahrzehntelange Leiter des schlagkräftigsten Stadtmarketing- und Stadtpressekonzepts in ganz Österreich, kurz PID (Presseinformationsdienst der Stadt Wien), legt am 15. Juni 2011 alle Ämter zurück.

Integrierte Pressearbeit – PR by Em-Petting

Integriertes Stadtmarketing und integrative Stadtpressearbeit machen andere Städte auch. Innsbruck, Salzburg, Graz, Linz, Wels. Doch keine Stadt und kein Pressedienst hatte solche Möglichkeiten und hat solche Medienmacht entwickelt wie der PID. Ist die Stadt Wien ein Konzern mit 67.000 Verwaltungsbeamten, hält sich die Stadt Wien eine „Wien Holding“, die knapp drei Milliarden Euro Umsatz macht, beträgt das Wien Budget rund 12 Milliarden Euro pro Jahr, so bleibt unter dem Strich, dass der Leiter der Pressekommunikation der Stadt Wien mit seinem PID (Magistratsabteilung 53) durchschnittlich stets ein halbes Prozent vom Jahresbudget der Stadt bekam. Auf ungefähr 60 Millionen Euro schätzt man die Mittel, die der Presseinformationsdienst mit seinen 120 Mitarbeitern jährlich zum Einsatz bringen konnte. Dazu kommen langfristige Verträge mit dem Bohmann-Verlag (aktuell Achtjahresvertrag, seit 2008, 117 Mio Euro schwer) für die Inlandsfachkommunikation und eine Kooperation mit dem Compress Verlag (aktuell Zehnjahresvertrag, seit 2008, 146 Mio Euro) für die Auslandsfachkommunikation.

Fred Vavrousek erlebte viele Bürgermeister: Leopold Gratz, Helmut Zilk, Michael Häupl. Alle drei in Wien hochbeliebt und darum bemüht, Pressearbeit dafür einzusetzen, eigene Fehler gar nicht aufkommen zu lassen. Der zweite in dieser Reihe war selbst Medienmann und Einmannshow. Michael Häupl regiert seit 16 Jahren und unter ihm blühte der Abteilungsleiter der Magistratsabteilung 53 auf. Häupl lehrte, dass man mit Medien regiert. Unter dem aktuellen Landespatron und Bürgermeister geschahen mediale Kunstschüsse. Die Webseite www.wien.at hat pro Tag rund 1 Million Zugriffe. Erstellt wurde sie durch das Team des PID.

Fred Vavrousek diente bereits unter Bürgermeister Leopold Gratz, der von 1973-1984 Oberhaupt von Wien war, in der Rathauskorrespondenz und leitete ab 1983 den PID. (Foto: Cover Profil 6/1975, 5. Februar 1975)

Unter dem Medienfachmann und Bürgermeister Helmut Zilk, der von 1984 bis 1994 Oberhaupt war, lenkte Fred Vavrousek die Magistratsabteilung 53 und damit den gesamten Presseinformationsdienst. (Foto: 24 Stunden für Wien, Ausgabe 65/87, Archiv Oswald 1090)

Unter dem aktuellen Bürgermeister Michael Häupl, der von 1994 bis 2011 die Donaumetropole regiert, hatte Fred Vavrousek eine besonders lange Leine und viele Freiheiten, die er zu nutzen verstand. Er modernisierte die Stadtkommunikation zu einem zeitgemäßen Apparat und Konzern aus Verlagen, Werbe- und Eventagenturen, Webseiten, Aussendungsdiensten, Filmproduktionen und einem verschlungenen Netzwerk an Pressearbeitern, die nur eine Aufgabe haben: Dem Ersten Mann und seinem Team die Mauer zu machen. (Foto: Marcus J. Oswald, 1. Mai 2010)

Lebenslagen-Magazine

Doch es begann früher. Fred Vavrousek erfand in den letzten 16 Jahren eine Fülle von „Lebenslagen-Magazinen“. Sinn dieser Magazine die „Welt und Stadt“, „Leben und Freude“, „Kinder und Co“, „Katz und Hund“, „City und Life“, „Wohl und Befinden“, „Forschen und Entdecken“ heißen, jeweils vier Mal im Jahr erscheinen und auf wirklich jedem Amt aufliegen, ist es „die Bevölkerung in ihren jeweiligen Lebenslagen abzuholen“. Das ist ein gewagtes Konzept, das beinhart durchgezogen wird. So gibt es eben aus der Feder des PID diese Jugendmagazine, Kindermagazine, Tiermagazine, Seniorenmagazine, Migrantenmagazine, Gesundheitsmagazine, Wissenschaftsmagazine.

Daneben ist der PID mit saisonalen wien.at-Zeitschriften präsent, über die Wiener Linien mit dem VOR-Magazin bis hin zum ECHO-Verlag, der Häupls Reden als Buchform herausbringt, und der mit dem Bezirksblatt, dem Wohin-Magazin, dem Nightline-Magazin oder Wien Live auch eigene Zeitschriften verlegt. All diese Medien machen anderen Medien am freien Markt direkte Konkurrenz und treten mit noch mehr Hochglanz und noch mehr Seitenumfang auf. Deshalb nennt man den PID auch Medienwalze: Weil er über den ECHO-Verlag entweder Medien aufkauft und erneuert oder eigene Medien entwickelt, die ähnlich sind. Und dann gibt es einen alten PID-Grundsatz: Seid Ihr nicht für uns, inserieren wir. Dafür wird das Geld eingesetzt. Ein neues Inseraten-Transparenzgesetz ist derzeit im Parlament zur Begutachtung. Bisher ging man davon aus, dass der PID pro Jahr zwischen 15 und 20 Mio Euro alleine in die Beilagen der „Kronen Zeitung“ rund um stadtnahe Kommunikation (hauptsächlich Wohnbau) fließen lässt. Auch „Heute“ und „Österreich“ schneiden nicht schlecht ab.

Sein Satz: „Wien ist anders“

Daher war Fred Vavrousek ein beliebter Mann. Er war der Mann an der Wiener Medienorgel und der Mann mit dem Geld. Schon Frank Stronach sagte: „Wer das Geld hat, bestimmt die Regeln.“ Mag man noch so kritisch einer Partei gegenüber gestimmt sein. Wenn jemand mit 300.000 Euro kommt und eine Jahresserie zu Baumaßnahmen der Stadt Wien schalten will, gibt jede Zeitschrift auf. So entsteht eine große Duftwolke, die sagt: Die Stadt Wien funktioniert. Oder, um den Leitspruch von Fred Vavrousek zu sagen – der Satz als Werbespruch: „Wien ist anders.“

Vavrousek erfand nicht nur die Printmedienwelt in Wien neu. 2002 galt es ein Konzept in Auftrag zu geben, dass Wien einen Platz im Kabelfernsehen braucht. Eine Studie für einen „Offenen Kanal Wien“ wurde ausgeschrieben. Es dauerte dann noch drei Jahre bis zur Umsetzung. Seit Ende 2005 gibt es den Sendekanal: Er heißt heute OKTO. Gegründet als Verein mit Trägergesellschaft setzte die Stadt jedoch dann SPÖ-Vertrauensleute in das Leitungsgremium. Oder solche, die zwar mit Fernsehen nichts zu tun haben (Armin Thurnher vom „Falter“), von denen man aber sicher sein konnte, dass sie der Stadt Wien treu ergeben sind, da auch ihre Zeitungen gute Inseratenaufträge erhalten (der Falter bilanziert seit Jahren positiv.)

Innen- und Außenkommunikation, weltweit

Viele Projekte setzte Vavrousek von der Idee in die Realität um. Das „Wiener Rathaus-Klassik-Festival“ ist das Ballermann für Ö1-Hörer. Der „Wiener Silvesterpfad“ wurde von ihm entwickelt. Er gilt als größtes Innenstadtfest des Jahres. Die Medienfamilie „wien.at“ und die große Webseite waren seine Kernprojekte.

Im Frühjahr 2008 trat er vom PID zurück und wurde Bereichsleiter für Fernsehen. Der PID zieht auch seither die Fäden der „Mediensprecher der Stadträte“ sowie der „Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Magistratsabteilungen“. Dazu kommt die Koordination der Innenfachkommunikation mit dem Bohmann-Verlag, der zahlreiche Spezialmagazine zu Tourismus, Abfallwirtschaft, Forschungsstandort, Bauwirtschaft mit Wien-Bezug herstellt. Und die weit interessantere „außenpolitische Arbeit“ über den Compress-Verlag in Osteuropa von Warschau, Sofia, Bukarest bis Moskau, wo sich Wien auf Messen und Kulturwochen repräsentiert und unter anderem durch 20 Ballveranstaltungen in diesen Ländern zeigt. All das ist: Stadt- und Standortmarketing, Öffentlichkeitsarbeit, Public Relations und Lobbying wie man in Wien sagt – „vom Feinsten“.

Alte Schule

Von Feinsten waren noch einige Dinge: Sein Haarschnitt, seine Schuhe. Beides tadellos von alter Schule. Mit 32 Jahren wurde Fred Vavrousek 1983 Leiter des PID. Als er im Frühjahr 2008 mit 57 Jahren die operative Arbeit im PID zurücklegte und „Bereichsleiter“ wurde, war er bereits fünf Jahre Hofrat. Zum Professor wurde der Nicht-Akademiker ebenso bereits ernannt. Ein Schönheitsfehler bestand noch. Er war noch nicht in der letzten Gehaltsstufe. Daher schuf man für ihn vor zwei Jahren eine neue Tätigkeit: Er wurde „Bereichsleiter“ für regionale Fernsehentwicklung. Das traf zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Projekt „Grätzel TV“ (Bezirksfernsehen) steckt in den Kinderschuhen. Der ECHO-Verlag soll das seit Jahren voranbringen, doch viel gelingt nicht. Man wollte schon vor Jahren die Webseite wien.at multimedialer, audiovisueller und konvergenter machen. Fred Vavrousek wurde 2009 zum „Bereichsleiter“ für Regionalfernsehentwicklung, ein Posten als Frühstücksdirektor, der für ihn geschaffen wurde. Der Meister der integrativen Stadtkommunikation war endgültig in der letzten Gehaltsstufe (9) angekommen. Der würdevolle Abschied stand bevor.

Am 15. Juni 2011 machte er Ernst und verabschiedete sich in die Pension. Jugendlich wirkt er am Foto, das die Stadt Wien zum Abschluss ausgesandt hat. Man kennt das von der „Kronen Zeitung“, die ein Foto ihres Leibstandartisten Richard Nimmerrichter aka „Staberl“ nur alle 15 Jahre ausgetauscht hat, um keine Irritationen bei den Lesern aufkommen zu lassen und dem Alter schelmisch einen Streich zu spielen.

Der PID spielte den Medien einen letzten Streich: Das Fred Vavrousek-Foto ist 15 Jahre alt. So will und soll man den mächtigsten Öffentlichkeitsarbeiter, der Wien in den letzten dreißig Jahren medial prägte, in Erinnerung behalten.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

Die Welt ist Bühne und der ORF erhebt seine Blutwerte – Public Value 2010

Posted in Medienalltag by Pangloss on 31. Mai 2011

Mit einem 192 Seiten dicken Qualitätsbericht legt der ORF seine Leistungen eines Jahres offen. (Foto: Umschlag, Source Dokumentationsarchiv Oswald 1090/DAO)

(Wien, im Mai 2011) Etwas „mit Herzblut machen“ ist die Umschreibung, dass man für seine Arbeit mehr als nur Blut herzugeben bereit ist. Blut aus der Herzkammer, wo jeder Tropfen fehlt, wenn er nicht da ist. Die Umschreibung „blutleer“ sein heißt nicht zwingend, dass man tot ist. Aber leblos, lustlos, knieschwach, ohne Funken und Feuer. Wenn ein Mensch sein „Blutbild“ macht, tut er das zweifelnd, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er will prüfen, was fehlt oder falsch läuft. Ist es das schlechte LDL-Cholesterin, das die Gefäße schädigt? Oder fehlt das gute HDL-Cholesterin, das das Herz schützt? Was ist es? Woran krankt es?

Der ORF machte wieder sein Unternehmens-Blutbild und das Bulletin heißt „Public Value-Bericht 2010/2011“. Dieser Tage (30. Mai 2011) wurde er vorgestellt. Der Generalintendant war da, hielt ein Referat im Radio-Kulturhaus. Stellvertretend für das Heer der Mitarbeiter sprachen Michael Kerbler mit Hornbrille von Ö1, Wolfgang Wagner von der Politik-TV-Redaktion, Katharina Schenk von der Abteilung „Fiction“ und Fernsehspiel, Gewerkschafter Fritz Wendl vom Redakteursausschuss und Ina Zwerger von Ö1-Radiokolleg. Natürlich war auch da: Klaus Unterberger, der Leiter der Abteilung Public Value, eine Art Medienforschungsabteilung im Medienhaus ORF. Als am Ende alle Referate und Statements um sind, wird um Fragen ersucht. Die Einladung erfolgt ohne Echo. Keine Fragen. Der Direktor Alexander Wrabetz hält sein Abschlussstatement und verabschiedet die Journalisten. Genau in einem Monat beginnt die Ausschreibefrist für die Wahl des neuen Direktors (30. Juni 2011).

„Ein Zyniker ist ein Mensch,…

Wenn ein Großunternehmen einen Leistungsbericht eines Jahres macht, tut es das aus drei Gründen. Erstens: Weil es gut aussieht. Der Bericht ist eine lückenlose Dokumentation der diversen Programmabteilungen und ihre Tätigkeit eines Jahres. Ein Bericht zum Sammeln und Aufheben. Zweitens: Man macht einen solchen Bericht, weil man wissen will, ob man in einem Jahr etwas vergessen hat. Das kommt einem Qualitätsbericht über die reine Deskriptionsebene näher. Grund könnte dann sein: Man will im nächsten Jahr Korrekturen anbringen und Dinge noch besser machen.

Drittens und das führt ORF-General Wrabetz als alleinigen Grund an: „Man muss sich der öffentlichen Debatte stellen wie nie zuvor.“ Er meint damit: Es gibt einen „natürlichen Antagonismus zwischen privaten Sendern und öffentlich-rechtlichen.“ Daher gründete man vor drei Jahren eine „Public Value Task Force“ mit dem Ziel jährlich einen „Public Value Bericht“ zu veröffentlichen. Herausgekommen ist ein Buch.

192 Seiten dick, ausnehmend schön gestaltet. Im Vorjahr erhielt man bei einer europaweiten Ausschreibung den zweiten Platz in der Kür der besten Geschäftsberichte. Der Rechenschaftsbericht heißt heuer: „Wert über Gebühr.“ Die Botschaft: doppeldeutig. Der ORF ist durch Steuern gebührenfinanziert, beschäftigt Luxusgeschöpfe im journalistischen Bereich, die wirklich gut und solide verdienen, die keine finanziellen Sorgen haben und die in einem Großunternehmen aufgefangen sind. Während viele Journalisten in Wien ihre Miete nicht zahlen können, können ORF-Mitarbeiter in diesem Punkt nicht klagen. Die zweite Seite der Botschaft will sagen: Für das Geld bekommt man „über Gebühr“ einen Wert.

…der von allem den Preis kennt,…

General Wrabetz erklärt den Begriff „Public Value“ so: „Es ist ein individueller Wert für den Bürger und für Österreich.“ Die dritte Ebene „ist der Unternehmenswert“, also die Einnahmen aus lukrierter Werbung und Sponsoring. Die Werte richten sich laut Wrabetz also nach drei Richtungen aus: Individuum, Land und Betrieb. Weitergedacht und logisch: Es gibt Sendungen, die für das Individuum und fürs Land gut wären, die der ORF aber nicht macht, weil sie betriebswirtschaftlich unlogisch sind (etwa zu teure Champions League etc). Doch das Betriebliche ist beim ORF weniger die Kernfrage: Man erhielt kürzlich eine Finanzspritze durch das Parlament in der Höhe von 150 Mio Euro, weil es sich nicht ausging. Daher baut die Argumentation der Programmpolitik weiterhin konsequent auf der Vorfrage: Was ist für das Individuum und fürs Land gut? Dann wird eine Sendung gemacht.

General Wrabetz weiß und sagt das auch: „Programme müssen auch gesehen und gehört werden.“ Und er sagt klarerweise den Schlüsselsatz dazu: „Es kommt auf die Mitarbeiter an.“ Das ist überall so. Womit man zum Eingang zurückkommt: Warum macht man ein Blutbild? Fühlt die Herzkammer der Generaldirektion, dass etwas nicht stimmt? Im vergangenen Jahr verließen einige Programmgestalter den ORF und gingen zu Servus TV des Herrn Mateschitz. Es war sicher nicht das Gehalt, das dort gut ist. Sondern die Möglichkeiten, die anders sein sollen. Denn obwohl die Quoten beim ORF nach wie vor gut sind, kann sein, dass sich der Österreich-Mythos des Senders abgewetzt hat. Verschiedenste Aufträge, Kulturauftrag, Bildungsauftrag, Neutralitätsauftrag, Unabhängigkeitsauftrag schleppt der ORF wie einen Rucksack mit sich herum. Es jedem Recht machen zu müssen, bedeutet am Ende zwar die Erfüllung des alten Satzes von Goethe „Wer vieles bringt, wird manchen etwas bringen“, begibt sich aber auch in die Gefahr der Positionslosigkeit.

Freilich sehen die klassischen ORF-Mitarbeiter die Positionslosigkeit am Nullmeridian genau als die gewünschte Position, die es möglich macht, als staatsnahes Fernsehen weiterhin die nötigen staatlichen Förderungen zu erhalten. Voraussetzung dafür ist, nicht anzuecken. Erst mit dieser Förderung wird auch die Forschungsabteilung bezahlt. Die Orchideenabteilung mit dem starken Archiv erstellt nun die jährliche Statistik und Rückschau.

…, aber von nichts den Wert.“ (Oscar Wilde)

Dessen Chef, der Mann mit dem vollen Haarwuchs Klaus Unterberger, sieht im jährlichen Unternehmensbericht eine „beharrliche Initiative der Qualitätssicherung“. Einzigartig sei das und nur bei „Channel 4“ oder der „ARD“ zu finden. „Wir legen den Finger in Wunden“, sagt er und „ich glaube, dass wir noch nie so transparent waren.“ Der „Elchtest“ findet jedoch im Programm statt.

Auch die anderen referieren aus ihrer Sicht des Medienmachens. Es ist bei ORF-Veranstaltungen immer ein besonderes Selbstbewusstsein vorhanden, das fast störend wirkt. ORF-Mitarbeiter meinen immer, anwesenden Journalisten ex cathedra Journalismus erklären zu müssen. Man wundert sich immer wieder für wie bekloppt man Journalisten anderer Medienstellen oder auch solche, die wie Sauerteig in die Gesellschaft wirken (etwa Blogs), hält, wenn man sich erklären lassen muss, was die reine Lehre ist. Ohne hier jemandem persönlich nahe treten zu wollen: Es stört.

Reine Lehren

Denn die reine Lehre ist nur für öffentlich-rechtliche Journalisten interessant und nicht für den Rest übertragbar. Vor allem haben andere Medienstellen nicht die Budgets, über die der ORF verfügt. Daher wirkt es immer wieder befremdlich, wenn ORF-Redakteure ihre Arbeit erklären und ihre Vorstellungen davon. Es kommt immer so rüber, wie wenn Imperialisten in Afrika den Eingeborenen die Welt erklären. Deren Probleme sind oft nicht die der anderen. Verkürzt gesagt: Es gibt eben nicht nur ORF.at, sondern eine breite Palette von Webseiten, die interessant sind. Es gibt auch nicht bloß österreichisches Fernsehen, sondern eine breite Angebotspalette darüber hinaus. Und fortgesetzt.

Dennoch referieren anläßlich der Buchvorstellung „Public Value 2010/2011“ Fachressorts aus dem Nähkästchen. Katharina Schnell darf berichten, dass sie die „fiktionale Abteilung“ leitet und diese durchaus real plant. Man will weg von „TV-Stereotypen“ und „Unterhaltung mit Haltung“ machen. Als bestes Beispiel erwähnt sie „Soko Kitzbühel“. Ina Zwerger ist für das Ö1-Radio-Kolleg zuständig und für sie ist das „Ideal der Bildung die Zweckfreiheit“. Das ist nebenbei der Satz des Tages: Das Ideal der Bildung ist die Zweckfreiheit. Zweites Nebenbei: Leisten kann sich das aber nicht jeder, der in Medien macht. (Das sagt sie nicht dazu, da sie sich ihrer privilegierten Stellung offenbar nicht bewußt ist.) „Wir wollen eine zweckfreie Zone sein“, sagt sie über ihr „Radio-Kolleg“, das nur drei Themen pro Woche behandelt. „Wir bieten Qualitätsjournalismus“, sagt sie ferner und verwendet dieses Reizwort gerne, dessen Definition aber umstritten ist. Sie sagt ferner über ihre Radiosendung: „Wir wollen Tiefgang und Komplextät vermitteln“ und „keine Tagesaktualität“. Die Sendungen planen die Macher zwei Monate voraus. Und dann fällt noch das Wort „Biodiversität“, ein Wort das keiner wirklich kennt, das einerseits in der Biologie Anwendung findet (Vielfalt der Arten), aber auch in der Migrationsdebatte (Vielfalt der Ethnien) und nun auch in der Radiodebatte aus dem Mund von Radioverantwortlicher Ina Zwerger (Vielfalt der Themen). Nebenbei: Die UNO hat 2010 zum „Internationalen Jahr der Biodiversität“ festgelegt.

Die leitenden ORF-Mitarbeiter Michael Kerbler (Ö1 Im Gespräch), Wolfgang Wagner (TV Information) und Ina Zwerger (Ö1 Radio-Kolleg) erzählen von ihrer Arbeit. (Foto: Oswald)

Nicht über Biodiversität redet sich der bullige Karl Wendl heiser, sondern um den Fall Strache und Am Schauplatz. Er referiert minutenlang die OGH-Entscheidungen rund um die „Heil Hitler“-Affäre, um in den Satz zu gipfeln: „Nur Medien, die sich dem Qualitätsjournalismus verpflichten, dürfen die Rechtssicherheit erwarten.“ Wolfgang Wagner von der ZIB-Information darf zum Thema ausführen, warum in Vorwahlzeiten Parteien unterschiedlich lange im Fernsehen vorkommen und Michael Kerbler, ein Mann von Bildung und mit eleganter Hornbrille, darf den Satz sagen: „Meine Sendung „Im Gespräch“ ist kein Interview, sondern Entschleunigung pur.“ Man dürfe keine großen Erwartungen an ein Gespräch haben, die Sendung sei schon gelungen, „wenn zwei Personen ins Gespräch kommen.“ Diese Erwartungshaltung ist bescheiden, vor allem künstlerisch angelegt.

Zufriedene Mitarbeiter ohne Lebenssorgen

Die Mitarbeiter sind zufrieden mit dem Arbeitsklima im ORF, das viele schöne Sendungen mit Langmut erzeugt. Zum Ende sagt Direktor Wrabetz seine Schlussworte: „130 Mitarbeiter berichten mit Begeisterung über das Haus.“ Der Bericht sei „ein guter Weg, die journalistische Qualität entsprechend darzustellen.“ Denn: „Es gibt viele Orientierungsfragen in der Gesellschaft.“ Und daher: „Was wir tun, ist Gutes für die Gerechtigkeit im Land.“

Gutes für die Gerechtigkeit im Land. Was für Sätze. Die hauen einem um. Wenn man solche Sätze aus dem Mund von Medienmachern hört, meint man sich in einer Vollversammlung der UNO. Allzeit bereit und für alle Fragen offen. Nicht zu speziell, um niemanden zu verprellen. Besser generell, damit auch das Pensionistenheim am Drücker bleibt. Das Budget ist vorhanden, es betrug im Vorjahr rund 800 Mio Euro, um das extrem technikgestützte Arbeiten zu ermöglichen.

Was steht nun in diesem Bericht? Viele Worte. Viele Grafiken. Am Übersichtlichsten sind die Datenblätter. Aus diesen gehen Zahlen hervor, von denen hier einige genannt werden.

orf.at

Datenblatt Seite 13: orf.at ist zweifelsfrei die quotengrößte Webseite Österreichs. 39 Mio Visits im Monat (+10 % zu 2009) von 4,7 Mio Unique Clients (+ 13% zu 2009). 257 Mio Page Impressions pro Monat (+ 3% zu 2009), davon 95% auf orf.at Seiten mit redaktionellem Content. Diese Zahlen sind enorm. Die Daten in Beitragsmengen:

All das zusammen macht: 206.678 veröffentlichte Beiträge im Jahr 2010 auf orf.at und ihren Subseiten. Speziell auf der Seite news.orf.at gliedert es sich so: 9.053 publizierte Beiträge in 3.412 Themengruppen (2009: 9.227 in 3.525), 19.705 Nachrichtenmeldungen (2009: 16.300) und 3.504 ergänzende audiovisuelle Elemente (2009: 2.800).

Geisterfahrer, Rat auf Draht

Datenblatt Seite 23: Der ORF verbreitete im Radio im Jahr 2009 immerhin 390 Geisterfahrermeldungen, im Jahr 2010 aber 402. Die Webseite für Jugendliche „Rat auf Draht“ verzeichnete im Jänner 2010 17.328 telefonische Anfragen, im September 14.113 und im Dezember 11.631. Die Schwerpunktthemen waren „Persönliche Probleme“ (34%), Sexualität (21%), „allgemeine Fragen“ (14%) und „Familie“ (12%).

Gehörlose, Blinde, Mildtätigkeit

Datenblatt Seite 51: Der ORF startete im September 2010 eine Gehörlosen-Offensive und untertitelte von September bis Dezember 2010 zusätzlich zum Standardprogramm in diesen vier Monaten weitere 545 Sendungen oder 390 TV-Stunden. In Summe sind mit Stand Dezember 2010 im ORF 47,8% aller Sendungen untertitelt. ORF macht auch Fernsehen für Blinde: 291 Audiodeskriptionen wurden zu Informationssendungen gemacht und 173 Audiodeskriptionen zu Spielfilmen, die nun „Hörfilme“ sind. Spendenaufrufe von Hilfsorganisationen (mit Spendengütesiegel) stellt der ORF kostenlos ins Programm. Im Jahr 2010 waren 271 Spots von Hilfsorganisationen im Fernsehen zu sehen und 2.882 Spots im Radio zu hören.

Es ist im übrigen nicht der erste „Public Value Bericht“ des ORF, sondern der dritte. Doch auch vorher erschienen immer Bücher zum ORF, die eine Art Bestandsaufnahme waren.

Zu Beginn der Ära Gerhard Zeiler, der im Oktober 1994 antrat, wurden die Almanache des ORF immer dicker. Dieser aus dem Jänner 1996, der das Jahr 1995 reflektiert, ist immerhin 456 Seiten dick und lässt kaum ein Detail aus. (Foto: Umschlag Almanach 1995, Source: Dokumentationsarchiv Oswald 1090/DAO)

2001 ließ der ehemalige Generalintendant Franz Ferdinand Wolf ein 256 Seiten Buch folgen, das sich mit 25 Jahren ORF beschäftigt. Ebenso eine Leistungsschau. (Foto: Umschlag, Source: Dokumentationsarchiv Oswald 1090/DAO)

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

Straßenzeitung The Global Player versinkt im Chaos

Posted in Medienalltag by Pangloss on 22. Mai 2011

Hat mit seiner Zeitschrift The Global Player (vormals Die Bunte Zeitung) einen schweren Stand. Er ist zu wenig Mahner für seine eigenen Roma-Vertriebsleute, die die Zeitung mit sehr qualitativen Inhalten sehr unqualifiziert vertreiben: Dr. Di-Tutu Bukasa. (Foto: Oswald)

(Wien, im Mai 2011) Es ist so einfach, das Zeitungmachen. Man stellt einen Tisch auf, ein paar Stühle, ein paar Leute mit Ideen. Man tippt die Ideen in einen Computer, lässt sie Drucken und bringt sie in den Vertrieb. Fertig ist die Zeitung. Doch ganz so einfach ist es nicht. Das beste Beispiel ist die Zeitschrift mit dem Minderheitenprogramm „The Global Player“, die nicht immer so hieß und in Wien erscheint. Sie droht zu scheitern, obwohl sie schon seit zehn Jahren existiert. Schuld ist der Außenauftritt.

In der Drogenfrage hat man richtigerweise eine andere Meinung als die Oppositionsparteien wie FPÖ. Ausgabe September 2004. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Kürzliches Erlebnis im Park des Alten AKH Wien. Der Autor dieser Zeilen sitzt auf einer Bank am Vormittag. Es ist Frühlingssonne. Sein Gesprächspartner sitzt neben ihm und man führt eine Debatte. Während die Sonnenstrahlen zu Mittag eine gute Wärme erzeugen, kommen eine Gruppe Roma von rechts des Weges. Von der Weite an den Umhängetaschen zu erkennen sind sie Straßenkolporteure. Sie bleiben an jeder Parkbank stehen. Sie kommen einzeln, aber gemeinsam. Jeder hat eine Zeitung „The Global Player“ in der Hand. Doch auch anderes. Der erste Verkäufer will zusätzlich Rosen losschlagen. Die zweite auch Rosen, die dritte einen bunten Blumenstrauß, der vierte ein Buch eines unbekannten Autors. Die weiteren nur die Zeitschrift „The Global Player“. Keiner kauft.

Vorbild „Augustin“ – Methode Straßenkolportage

Die Straßenkolportage in Wien bestimmen an genehmigten Standplätzen der Straßenkreuzungen indische, pakistanische oder ältere türkische Verkäufer in gelben Jacken. Am Rücken und auf der Brust steht: Kronen Zeitung. Diese Verkäufer der Abendzeitungen sind legitimiert und bilden das starke Rückgrat des Einzelverkaufs von „Kronen Zeitung“ und „Kurier“. Die „Kronen Zeitung“ ist eine Boulevardzeitung. Da sie auch in Kiosken und Supermärkten verkauft wird, ist es keine richtige Boulevardzeitung. Daher gründete sich 1995 aus einer Gruppe von Sozialarbeitern der „Augustin“ und nannte sich im Übertitel „Die erste österreichische Boulevardzeitung“, da sie exklusiv nur im Straßenverkauf erhältlich ist. Der Verkäufer wird anteilig mit 50% am Einzelpreis belohnt.

Dominante Stellung von „Augustin“ auf Straße seit 15 Jahren

Den Straßenverkauf unter den alternativen Zeitungen in Wien dominiert seit 15 Jahren die Zeitschrift „Augustin“. Man baute ein Raster an Verkaufsstellen und einen Pool von über 300 Verkäufern auf. Der „Augustin“ hat mittlerweile die dritte Generation an Straßenverkäufern. Die erste, früheste Generation waren Wiener Originale und Unterstandslose, die bei der Gründung ab der ersten Stunde dabei waren und etwa fünf Jahre dabei blieben. Einige dieser Verkäufer gibt es heute noch, andere, die in den Lokalen im vierten bis achten Bezirk bekannt waren, starben jedoch an ihren Krankheiten, die mit frühreren Lokalbesuchen zu tun hatten. In der zweiten „Generation“ kamen Schwarzafrikaner zum Zug, die sich ihre Verkaufsplätze und Position erarbeiteten. Viele Leute kauften an guten U-Bahnstationen bei ihnen jede zweite Woche und führten Unterhaltungen. In der dritten Generation kamen Personen aus dem ehemaligen „Ostblock“ zum Zug, Ungarn, Polen, Tschechen, Bulgaren, Rumänen. In den letzten fünf Jahren wuchs diese Verkäufergruppe. Die erste „Generation“ der Wiener schwand, mit ihr das Anfangsthema Obdachlosigkeit. Die zweite blieb stabil, mit ihr das Thema Migration und Asyl. Die dritte Gruppe wuchs, mit ihr das Thema Osterweiterung. Daneben gab es eine Weile „Schwarzverkäufer“, die weggeworfene Ausgaben noch einmal verkauften. Diese Gruppe blieb immer klein. Der Straßenverkauf, wie ihn der „Augustin“ betreibt, ist mit Ausweis streng geprüft. Die registrierten Verkäufer beziehen die Zeitschriften aus dem Vertriebsbüro auf Kommission und hinterher ihre Provision.

„Bunte Zeitung“ mit zu großer Auflage

Die Zeitschrift „Die Bunte Zeitung“ wurde etwas zeitversetzt zum „Augustin“ gegründet und erlangte nie dessen Bekanntheit oder Akzeptanz. Das „Medium für Würde, Gerechtigkeit und Demokratie“ wurde in der Rotenlöwengasse gegründet, wo es heute noch in einem besenkammergroßen Büro situiert ist. Es erscheint derzeit in einer Auflage ähnlich dem Augustin: 40.000 (vergleiche: Augustin 36.000/Status: 05-2009 abfallend 32.000/Status: 05-2011).

Diskussion über Gesellschaftsfragen steht in der Bunte Zeitung obenauf. Links im Bild Blattmacher Di-Tutu Bukasa mit Baskenmütze bei einer solchen in Ausgabe Juni 2002. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Von Beginn war der Kernpunkt des Misserfolgs der Vertrieb. Man legte zu Beginn das Medium dem „Augustin“ zwar nicht bei, aber den Kolporteuren in die Hand. Der Augustin-Verkäufer sollte auch die „Bunte Zeitung“ verkaufen. Es war als Kooperation gedacht. Doch das klappte nicht. Die Leute kauften den Augustin, nicht aber die „Bunte Zeitung“. Daher wurde das Experiment wieder beendet. Der schlechte Vertrieb blieb bis heute das Kernproblem der „Bunten Zeitung“. Er existiert nicht, Bukasa und seine Leute können ihn nicht so aufbauen, dass die Zeitschrift ins Laufen kommt.

Lebensmittelpunkt vieler Verkäufer fehlt

Das Büro der „Bunten Zeitung“ (heute: „The Global Player“) übersiedelte vor einem Jahr. Nicht so protzig wie der „Augustin“ vor drei Jahren in der Reinsprechtsdorferstraße in ein Büro mit riesigen Apple-Computern. Aber immerhin: Von einer Tür zur nächsten. Bestand bisher ein kleines Lokal in der Rotenlöwengasse 12 auf Tür 1, erweiterte sich die Fläche um das Nachbarlokal. Dort sitzen unter Tags Schwarzafrikaner in der schwülen Hitze bei offener Tür an der Gasse und dort stehen manchmal größere Gruppen von Roma an, um Zeitungen zu holen. Mit diesen gehen sie dann durch Parks von Wien und preisen das Produkt an. Doch das funktioniert nicht, zumindest nicht so wie sie es machen. Die Roma werden nicht selten und in der Praxis nicht zu unrecht während des Zeitungsverkaufs mit Betteln in Verbindung gebracht. Es stellte sich zudem heraus, dass sie das Printprodukt „The Global Player“ eher als Vorwand einsetzen, um „auch anderes“ zu verkaufen oder „nur eine Spende“ verlangen.

Eine frühe Ausgabe aus Mai 2003: Internationale Themen beherrschten die Zeitschrift. In der Frühzeit hatte man eine Vertriebspartnerschaft mit dem Augustin, die aber endete. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Das sieht mittlerweile auch der „Augustin“ kritisch in einem Artikel in der Ausgabe 298 vom 18. Mai 2011 (Seite 14) unter dem Titel „Die Falle Lebensmittelpunkt“. Die Analyse fasst einen „Ideentag der deutschen Straßenzeitungen“ zusammen, der im Gasthaus „Adria Wien“ am Donaukanal im Mai Spielregeln von Straßenzeitungen und deren Akzeptanz diskutierte. Der Artikel beginnt mit dem Satz „Wie macht man sich als Zeitungsverkäufer unbeliebt?“ und mündet in die Erkenntnis, dass Straßenzeitungen eine „soziale Integration“ zwischen Verkäufer und Käufer herstellen wollen. Das verlangt jedoch einen „Lebensmittelpunkt des Straßenverkäufers“, damit es ein Gespräch gibt. Es wurde bei der Diskussion auch festgestellt, dass viele Roma-Verkäufer die soziale Integration in Wien gar nicht suchen und daher auch kein Gespräch zustande kommt. Es entsteht das Gefühl beim potentziellen Zeitungskäufer, dass er abkassiert werden soll.

Diversity-Management war damals, 2006 neu. Heute setzt es die MA 17 in Wien mit Integrationsmanagement täglich um. In der Ausgabe Jänner 2006 interviewte man die Frauenstadträtin Wehsely für die Zeitschrift. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Die Zeitschrift „The Global Player“ hat derzeit mehrere Strafverfügungen wegen „aggressivem Zeitungsverkauf“ gegen sich laufen. Allerdings nur in der Gesamthöhe von 100 Euro. Der Begriff „aggressiver Zeitungsverkauf“ leitet sich von „aggressivem Betteln“ ab, das in Wien und anderen österreichischen Städten verboten ist. In deutschen Städten, doch auch in Linz ist Roma-Angehörigen das Zeitungsverkaufen untersagt (dort etwa: Straßenzeitung „Kupfermuckn“), weil die Verkäufer es auch dort mit Betteln vermischen. Die Ablehnung gegen diesen Verkaufsstil schlägt sich auch bei „Global Player“ im mageren Verkauf nieder. Es wird meist zusätzlich zur Zeitung noch eine „Spende“ als Zuwaage erwartet. Wenn man den Kauf der Zeitschrift ablehnt, wird nur eine Spende begehrt. Alles in allem fühlt sich der Käufer ausgenutzt und abgegrast. Der soziale Kontakt zum Verkäufer ist nicht gegeben. Das ist unter anderem auch die Conclusio am „Ideentag Straßenzeitungen“.

Delikt „aggressiver Zeitungsverkauf“

Erklären will man sich das damit, dass Roma-Verkäufer in Rudeln auftreten und die soziale Bindung eher im Clan und untereinander stattfindet und nicht – wie beim Augustin-Verkäufer – zum Kunden hin ausgerichtet ist. Der Kunde wird nur „scheinfreundlich“ behandelt, manchmal, wenn er keine Zeitung kauft und nichts „spendet“ auf rumänisch verflucht. Damit entsteht keine Kundenbeziehung. Mehrheitlich verkaufen die Zeitschrift „The Global Player“ derzeit Roma an Ecken von Supermärkten. Die Art des Verkaufs wird als Betteln aufgefasst und nicht selten von der Polizei geahndet.

Die Zeitschrift „The Global Player“ wird ihre Vertriebsprobleme durch Wegschauen nicht überwinden können. Denn die Akzeptanz von organisiertem Betteln ist in Wien schlecht. Auch Betteln in Verbindung mit Zeitung in der Hand erhöht den Zuspruch nicht, da spürbar wird, dass die Zeitung nur Vorwand für anderes ist.

Neubenennung durch Klagsandrohung durch deutsche „Bunte“ Anfang 2010

Neben Strafverfügungen gegen Kolporteure und wenig akzeptierte Verkäufer hat die Zeitschrift weitere Probleme. Ein schwerer Schlag war die Umstellung des Titels und damit die komplette Neubenennung. Von 2000 bis 2010 hieß die Zeitung „Bunte Zeitung“, kurz „Die Bunten“. Das bezog sich auf den harten Kern der afroamerikanischen Community in Wien und Österreich, die man thematisierte und die auch im Vertrieb mitarbeitete. Daneben erledigte der Verein „Die Bunten“, der „für gesellschaftliche Biodiversität“ steht, diverse Asylanträge für Mitarbeiter im Umfeld der Zeitung und machte angewandte Sozialarbeit. Der Name des Vereins fand in der Zeitschrift „Die Bunte Zeitung“ Ausdruck. Doch dann wurde der Titel geändert und anglisiert. Warum?

Im vierten Quartal 2009 erschien die vorletzte Nummer von Die Bunte Zeitung. Der Rechtsstreit mit der deutschen Illustrierten Bunte drohte gefährlich zu werden. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Die deutsche Illustrierte „Bunte“ drohte eine saftige Klage gegen die Wiener Migrantenzeitschrift an. „Um uns einen Prozess mit der deutschen Zeitschrift zu ersparen, ist die bisherige Bunte Zeitung in „The Global Player“ umgetauft worden“, berichtet Zeitungschef Di-Tutu Bukasa in der ersten Ausgabe März-Mai 2010 vom neuen Vorhaben im Editorial. Zugleich schraubte Bukasa die Auflage von 20.000 (Oktober-Dezember 2009, vorletztes Heft unter Namen „Bunte Zeitung“) nun auf 40.000 pro Ausgabe hoch.

Das Projekt „The Global Player“ steht mehr denn je auf unsicheren Beinen. Der neue Blatttitel ist schwach, beliebig, austauschbar, für eine Minderheitenzeitschrift etwas zu großspurig. Gleichzeitig geht mit diesem Titel noch mehr die soziale Verankerung in Wien verloren, was beim Verkauf durchschlägt. Beim „Augustin“ ist klar: Der liebe Augustin war ein Wiener Original, auf das Bezug genommen wird. Unter „Die Bunten“ konnte man sich noch etwas vorstellen: Es geht um Afrikaner und Minderheitenrechte. Beim Titel „The Global Player“ schwindet die Assoziationsmöglichkeit zum Zeitungsinhalt gegen Null.

Im März 2010 gab es keine Bunte Zeitung mehr. Sie benannte sich um und heißt nun The Global Player. (Foto: Archiv Oswald 1090)

Dazu kommt das schlechte Vertriebsnetz mit unzuverlässigen Kolporteuren, die lieber um Geld betteln als eine Zeitschrift zu repräsentieren. Insoweit muss Di-Tutu Bukasa, der in seinem nun im Quartal erscheinenden Heft (früher Zweimonatstakt) auch viele Kommentare und Analysen zum Fremdenrecht schreibt, Überlegungen anstellen wie er das Zeitungsprojekt retten will und wie er den Imageschaden durch Außenposten im Vertrieb, die machen, was sie wollen, vom guten inhaltlichen Zeitungsprojekt, in dem viele namhafte Gastschreiber in Deutsch und Englisch veröffentlichen (Klaus Werner-Lobo; Botschafter aus Schwellenländern; Greenpeace-Kampagnen-Planer; streitbare Kulturwissenschafter), wieder abwenden will.

Cultural Gap

Wenn man schon – vom Layout und internationalen Themenzugang betrachtet – eine Art Wiener Ausgabe des TIME Magazine sein will, darf man nicht Kolporteure einsetzen, denen man sofort anmerkt, dass sie nicht Lesen und Schreiben können. Das nennt man in der Kultursoziologie „cultural gap“ (Wissenskluft). Den inneren Widerspruch zwischem hohem Anspruch beim Blattinhalt und dem niederen Qualitätsanspruch bei seinen Außenvertrieblern aus der Roma-Kultur muss Blattmacher Di-Tutu Bukasa lösen.

Sonst wird sein Zeitungsprojekt irgendwann an Erfolglosigkeit sterben.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

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