Medien und Kritik – Das Online Magazin

Graumedium Wikipedia feiert heute 10 Jahre – Treffen in Wien

Posted in Wikipedia by Pangloss on 15. Januar 2011

(Wien, im Jänner 2011) Heute, 15. Jänner 2011, feiert die Webseite „Wikipedia“ zehnten Geburtstag. Dazu sind auf der ganzen Welt 454 Veranstaltungen am Kalender. Eine findet in Wien statt. Im Gasthaus Hopfenstange, in der Apollogasse/Ecke Kaiserstraße in 1070 Wien treffen sich Wikipedianer zum Austausch. Folgende Autoren haben sich angesagt:

Wirtshaustreffen in Wien: Wikipedia-Autoren, die den zehnten Geburtstag ihrer Webseite feiern. (Foto: Wikipedia)

Gründer Jimmy Wales wird nicht dabei sein. Er gibt zum Anlass des runden Geburtstages ausgewählten Zeitungen ein Interview und hat auch eine Videobotschaft verfasst.

Indien und China rufen

Der 44-jährige, ehemalige Börsenmakler und heutige Chef des Graumediums Wikipedia, bedankte sich kürzlich artig für den letztjährigen Spendenrekord. Acht Millionen Dollar waren angestrebt, 16 Millionen Dollar wurden es. Damit dürfte die Seite für das ganze Jahr gut gesichert sein.

Wie Zeitungen zu entnehmen ist, macht die Wikimedia Foundation 2011 einen Schritt nach Indien und eröffnet dort ein Büro. Damit nähert man sich immer mehr China, wo Jimmy Wales den großen Hoffnungsmarkt sieht. Wikipedia soll sich noch mehr auf Regionalsprachen ausrichten. Schon bisher erscheint das Medium in 260 Sprachen. Erst durch neue Märkte ist neues Klickwachstum möglich und daher wird schon bald eine Steigerung von bisher 400 Millionen Klicks pro Tag auf eine Milliarde angestrebt. Mit dem bisherigen Zuspruch ist Wikipedia die fünftgrößte Webseite der Welt.

Jimmy Wales schuf nur ein Graumedium – Tarnkappenautoren verstecken sich

Jimmy Wales war immer ein Finanzmakler und er wird es auch bleiben. Er war nie Journalist, nie ein Schreiber. Er managt ein Medium. Dieses Medium ist bei Lesern anerkannt, sonst nicht. Es ist in Österreich im universitären Rahmen streng verboten, Wikipedia in einer wissenschaftlichen Arbeit zu zitieren. Vollkommen zurecht. Denn Wikipedia gilt als „Graumedium“. Ein Graumedium hat zwar ein Impressum, also den Hinweis, dass es existiert und kein Fake ist. Doch die Autoren sind hinter den Beiträgen nicht erkennbar.

Mit Wikipedia wurde viel Schindluder getrieben. So haben in den USA Aktivisten der demokratischen Partei Einträge zu Parlamentsabgeordneten geschönt dargestellt. Die Republikaner und ihre Think Tanks taten das bei ihren Abgeordneten. Da der Wikipedia-Beitrag stets anonym und ohne Autorenzeichnung erscheint, ist bei solchen Beispielen dem Missbrauch mit Ideologie Tür und Tor geöffnet.

Wikipedia bleibt außerhalb von Wissenschaftlichkeit

Wikipedia würde erst an Qualität gewinnen, wenn man die Autoren offen nennt. Da dies unterbleibt, hat man die letzte Meile, die „wissenschaftliche Akzeptanz“ verspielt. Status heute: Das Graumedium „Wikipedia“ darf nicht in Diplomarbeiten, Dissertationen, Habilitationen und anderen wissenschaftlichen Werken verwendet werden. Da Transparenz der Grundsatz von guter Wissenschaft ist und nicht schnelles Abrufen von Inhalten, zu denen man nicht weiß, wer sie geschrieben hat.

Das Thema Transparenz führt kurz zu Wikileaks. Jimmy Wales gönnt sich mit Julian Assange offene Feindschaft. Der Wikipedia-Chef hält von Wikileaks gar nichts. Das sagt er in Medien immer wieder und diese Aussage ist pikant, da die hohe Schule der Wissenschaft von Wikipedia gar nichts hält. Somit haben beide Medien mit dem Makel zu leben: Ihre Quellen dürfen nicht verwendet werden. Wikipedia nicht innerhalb der scientific community. Wikileaks nicht innerhalb den USA.

Wikipedia-Mainstream – Blogs dürfen nicht zitiert werden

Wikipedia, das wissen nur wenige, hat merkwürdige Zitierregeln. „Blogs“ dürfen kategorisch nicht zitiert werden und in Fußnoten aufscheinen. Als „Buchautor“ gilt erst jemand, der „mehr als vier Bücher verfasst“ hat und davon darf kein einziges in einem Eigenverlag erscheinen. Erst dann darf ein Namensportrait angelegt werden. Der Katalog der Auschließungen ist bürokratisch, ellenlang und verleidet so manchem die Mitarbeit bei Wikipedia für immer.

Kurzum: Wikipedia wird stark überschätzt. Jedes privat geführte Archiv ist fundierter. Zugleich: Wikipedia ist wichtig als Einstiegshilfe in manches Thema. Doch man muss Wikipedia kritisch und gegen den Strich lesen können. Man muss auf die Fußnoten achten, sie einschätzen können und Medienkompetenz zeigen. Zahlreiche Fußnoten zitieren nur in Medien, die auf „Oberflächenberichterstattung“ spezialisiert sind, wie orf.at. Tiefer gehende Fach-Blogs dürfen nicht zitiert werden, das verbietet die Richtlinie („Blogs sind keine Quellen für Wikipedia“). Damit gibt man Bekenntnis zum konsequenten Mainstream und zur Oberfläche ab, was besonders bei den Österreich-Themen auffällt. Man hat manchmal den Eindruck, dass die Autoren banaler sein wollen als der ORF und jede Schärfung des Themas vermeiden wollen. Dadurch geht Tiefeninformation verloren.

Edit Wars um Punkt und Beistrich

Manche Beiträge werden bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben und verwässert. Das hat damit zu tun, dass sogenannte „Edit-Wars“ entstehen. Die zahllosen Überarbeitungen an einem Beitrag erzeugen bald einen komplett neuen Sinn. Selbst für WP-Gelegenheitsautoren wie den Herausgeber dieser Seite ist dann nicht mehr erkennbar, wer das bestimmt. Vielfach sind die Ableitungen einfach falsch.

Rund 100 Autoren aus Österreich gibt es, die – mehr oder weniger – ein Mal im Monat einen Beitrag edieren oder verbessern. 15-20 sind Hardcore-User, die täglich ins Interface der Seite einsteigen und schreiben. Im gesamten deutschsprachigen Raum sind rund 20.000 Personen mit Autorenrechten ausgestattet, weiß der Obmann des Vereins Wikimedia Österreich, Kurt Kulac. Generell ist diese Tendenz jedoch rückläufig.

2011 – Hoch dem Ehrenamt

Das Jahr 2011 ist das UNO-Jahr des Ehrenamtes. Zumindest damit korreliert der zehnte Geburtstag von Wikipedia. Denn Honorar sehen die Ehrenamtlichen bei Wikipedia nie. Angeblich gehen alle Spenden (16 Millionen Dollar) in Serverleistung drauf. Wer’s glaubt, wird selig. Dennoch: Ad multos annos!

Marcus J. Oswald (Ressort: Wikipedia)

Advertisements

Jimmy Wales hat 6 Millionen Dollar eingenommen – er dankt

Posted in Internet, Wikipedia by Pangloss on 4. Januar 2009

Jimmy Wales kann später einmal sagen, dass er bei der Entdeckung der Neuen Welt auf der Santa Maria dabei war. (Foto: Pixel y Dixel pour la wikipedia)

(Globus, im Jänner 2009) Jimmy Wales hat einen Spendenaufruf für die Webseite „Wikipedia.org“ gemacht und viele sind gefolgt. 125.000 gaben etwas und sechs Millionen Dollar kamen in den Hut. Vier Millionen von Donatoren und zwei weitere von Großmäzenen. Damit sei die Online-Enzyklopedie bis Juni 2009 finanziell sicher.

Wird man in späteren Jahren einmal bewerten, wer die wirklich großen Seefahrer und Entdecker, die Kartografen des Wissens im internautischen Raum waren, wird Jimmy Wales einer derer sein, die auf der Santa Maria den Neuen Kontinent entdeckten. Andere mit ihm: Tim Berners-Lee, der HTML erfand. Marc Andreessen, der Netscape schuf. Auf den Begleitschiffen Nina und Pinta Steve Jobs von Apple, Bill Gates von Microsoft, Linus Torvalds von Linux und die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page sowie David Filo und Jerry Yang, die Yahoo entwickelten.

Sie waren alle kleine Buben, die gern mit dem Computer spielten, sich schlecht kleideten, nicht wirklich aufregend aussahen. Sie wurden die Architekten der Neuzeit. Ihre Ideen inspirierten Millionen User.

Jimmy Wales bedankt sich, dass ihm und allen, die es nutzen, die Vision von einem globalen offenen Buch finanziert wird.

Wikipedia ist kein Blog, kein Chatroom, keine staatliche Nachrichtenagentur, kein Think Tank, der Strategien erstellt, sondern eine weltweit verstreute Redaktion aus Freiwilligen, die ein wertfreies Lexikon schreiben wollen.

Freiwilligenheer

Diese Idee zu haben ist genial, großmütig und größenwahnsinnig. Sie in zahlreichen Landessprachen umzusetzen, übersteigt die Fähigkeit eines Einzelnen. Dennoch funktioniert es. Denn wie bei allen kreativen Fortschritten der Welt, stehen nicht Mammon und Profit im Vordergrund, sondern die inspirierende Kraft des weltumspannenden Einfalls. Es ist eine Aufbruchsstimmung wie damals, als die beiden Franzosen D‘ Alembert und Diderot mit ihrer Enzyklopedie begannen.

Natürlich gibt es alles schon: Die Encyclopedia Britannia, den Brockhaus, den Bertelsmann. Früher das Meyer Konversationslexikon. Um Konversation geht es auch heute noch, denn Grundlage ist die Information, auf deren Basis man tratscht. Den Stoff, über den geredet wird, ins Internet zu heben, ist die Vision von Wikipedia.

Kommunikationszentrale ist finanziert

Jimmy Wales verwendet die Spenden also für die 23 Mitarbeiter in der Wikimedia-Foundation (Stiftung), die er von 2003-2006 leitete, für Datensicherheit, Serverfarm, Technik, Workshops und Veranstaltungen.

Das andere Projekt dürfte nicht so gut laufen: Die Suchmaschine Wikia Search. Die Maschine sollte nicht mit Algorithmen wie Google Treffer besorgen, sondern von Menschenhand geführt werden. Am 19. Februar 2007 klang das gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ euphorisch: Von „hoher Qualität“ der Suchergebnisse war die Rede. „Werbung“ soll die Suchmaschine finanzieren. 40 Mitarbeiter und Entwickler werden von „Wagnisfinanzierern“ mit „vier Millionen Dollar“ bezahlt. Das war vor zwei Jahren. Üblicherweise ist im Internetgeschäft bei einer Firma dieser Größe dieser Betrag nach zwei Jahren verbraucht. Das Ergebnis ist dürftig.

Zweitprojekt Suchmaschine

Die Webcommunity scheint beim gewinnorientiert ausgerichteten Projekt Suchmaschine nicht so begeistert mitzuziehen und kostenlos mitzuarbeiten. Denn hier will eine Firma durch Werbeschaltungen mit Content, der von Freiwilligen stammt, Geld machen. Auch konnte Jimmy Wales nie ganz erklären, warum er parallel zur Wikimedia Foundation (=Wikipedia) 2004 den Kommerzbetrieb Wikia aus dem Boden stampfte, der sogar andere Start Ups (wie 2006 in New York) aufkaufte.

Wikipedia hingegen, das Original, ist werbefrei. Es schwebt, zumindest lautet so die Turnschuh-Philosophie nach Außen, im kommerzfreien Raum. Hier funktioniert die Motivation der weltweiten Schreibkräfte, da nicht Profit, sondern ein gewisses nostalgisch-altmodisches, humanistisch-philantrophisches Interesse an der pädagogischen Belehrung aller Weltbürger im Zentrum steht.

Jimmy Wales ist ein Entdeckungsreisender auf der Santa Maria. Man sollte es bei diesem Image belassen.

Und besser nicht erwähnen, dass der 42-Jährige (geboren in Alabama) Finanzwissenschaften studiert hat und in seinem vorigen Leben als Händler an der Terminbörse von Chicago gearbeitet hat. Solche Leute sind nämlich derzeit nicht sehr beliebt.

Marcus J. Oswald (Ressort: Internet, Wikipedia)

%d Bloggern gefällt das: