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Brief an Eva Dichand von Marcus J. Oswald

Posted in Briefe, Hinaus by Pangloss on 25. Februar 2011

(Wien, im Februar 2011) Diese Tage schickte der Herausgeber dieser Seite wieder einmal Briefe aus. Es ging darum, ob man im Sinne der Ökonomie die laufenden Anwesenheiten im Landesgericht Wien nicht nutzen wolle. Im Sinne der Ökonomie wurde mit einem bodenlosen Dumping-Tarif angeboten, vier Mal in der Woche für die Zeitung „Heute“ Gerichtssaalberichte zu schreiben. Der Brief wurde am 20. Februar 2011 an die Herausgeberin der Wiener Tageszeitung Dr. Eva Dichand abgeschickt. (Update, 3. April 2011: Bis heute noch keine Antwort.)

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Heute / AHVV Verlag
Dr. Eva Dichand
Herausgeberin
Ö3-Haus
Heiligenstädter Lände 29
1190 Wien

Betrifft: Gerichtssaalberichte + Fotos

Sehr geehrte Frau Doktor!

Der Grund meines Briefes ist ganz einfach und unkompliziert wie pragmatisch. Ich sprach das in kurzen Gesprächen mit dem einen oder anderen Ihrer früheren oder aktuellen Mitarbeiter schon manchmal beiläufig an.

Ich bin in den letzten fünf Jahren (österreichweit, Schwerpunkt Wien) bei rund 300 Strafprozessen gewesen, kenne am Landesgericht Wien viele Leute, es ist übertrieben zu sagen „jeden“, aber ich kann mittlerweile nach einer so langen Zeit des Zuhörens und Beobachtens von Strafprozessen sagen, dass ich gut 150 Personen im Landesgericht (sagen wir Hälfte Anwälte und Hälfte Richter/Staatsanwälte) vom Gesicht her und mit vollem Namen kenne. Durch meine doch sehr zahlreiches Auftreten als Zuhörer, oft ganz allein im weiten Gerichtssaal, kennen auch mich viele.

Ich würde noch nicht sagen, dass ich zum „Strafgerichts-Inventar“ gehöre, dazu braucht es noch fünf weitere Jahre. Aber es ist genug Wissen da, dass ich mich blind und locker durch die Materien und Grauslichkeiten, die man zu Hören bekommt, navigieren kann.

Hätten wir in Österreich eine BILD-Zeitung, würde ich nun dorthin schreiben, weil es im Leben immer einen Zeitpunkt gibt, der gut ist. Man hat genug Erfahrung gesammelt, ich habe rund 7 Millionen Zeichen Text produziert, mich im Internet ausgetobt, viele allzu lange Abhandlungen zu Justiz/Justizpolitik/Strafprozessen und dergleichen geschrieben. Gehen wir davon aus, dass 2 Millionen Mist und Fehleinschätzung waren, Irrtum und Unsinn, den ich mir geleistet habe, kann ich für 5 Millionen Zeichen Text gerade stehen.

Kurz fassen

Es ist für mich nun die Zeit gekommen, dass ich mich wieder kürzer halte. Daher hätte ich Lust und Laune, mit meiner Landesgerichts-Insider-Kenntnis und abwesenden Scheu, bei Prozessen auch allein als Zuhörer zu sitzen, Berichte vom Strafgericht in der Länge (maximal) 1.000 Zeichen zu schreiben.

Ich bin in einer guten Woche bis zu vier Mal im Strafgericht. Ich fokussiere mich schon um 8 Uhr früh darauf, fahre mit dem Rad (ich fahre immer mit Rad, auch im Winter) hin, umgehängt eine Fototasche und einen Rucksack mit Schreibzeug, betrete um 8 Uhr 45 das Gericht und verlasse es meist erst gegen 11 Uhr 30 wieder. Die Themen liegen im Gericht, meist lasse ich mich überraschen oder entscheide spontan, in welchen der 33 Verhandlungssäle ich gehe.

Die spontane Entscheidung hat sich immer am Besten bewährt. Man kann das wenig planen. Die „aufgelegten“ Fälle der sogenannten Staranwälte (die „12 Zwerge“, also die „Top 12“ vom Grauen Haus) heißen meistens nichts. Um das einzuschätzen, muss man diese Anwälte kennen. Rudi-Mayer-Fälle sind meiste „Geständnis“-Fälle, dann werden alle 30 Zeugen weggeschickt, ohne dass sie aussagen. Tomanek-Fälle sind primitiv und wortkarg, er schnapst das Ergebnis im Vorfeld aus und sitzt die Zeit ab. Friis-Fälle waren kriminologisch hochspannend, bis zu seinem Psychiatrieaufenthalt. Seither ist er zum Vergessen. Christian Werner-Fälle sind uninteressant, ein eitler Pfau, der sich auch dann noch als Gewinner verkauft, wenn sein Mandant 12 von 15 (möglichen) Jahren Haft bekommt. Man muss bei den Strafverteidigern vorsichtig sein, bei den Pflichtverteidigern sowieso. Es gibt einige Strafverteidiger am aufsteigenden Ast, die wirklich etwas von der Kunst der Strafverteidigung verstehen. Doch das ist nicht das Thema dieses Briefes.

Ich sagte oben, dass ich Lust hätte, wieder mehr im knappen, gedrungenden Stil zu berichten. Keine 0815-Berichte, sondern Berichte, die sich die Anwälte einrahmen und in der Kanzlei aufhängen können. Also die umgelegte Kunst, auf wenig Platz viel zu sagen. So wie Jannée in seiner besten Zeit. Es ist letztlich egal, ob man über Society schreibt oder über das Strafgericht. Promis und Möchtergerns gibt es hier wie dort.

Wenn ich am Strafgericht bin, bin ich immer alleine da. Ich harre aus und halte die Stellung. „Österreich“ hat kein Personal, Manfred Seeh von der „Presse“ ist meist nur 30 Minuten im Gerichtssaal, raschelt mit irgendwelchen Zetteln, geht nach einer halben Stunde wieder und schreibt seine Spalte. Die „APA“ (Stefan Sonnweber) kommt zu einer Zeugenaussage und geht wieder. So sehen die Berichte aus. Sehr fragmentarisch. Leute von „News“, „Profil“ sind nie da. Roman David-Freishl vom „Standard“ selten. Florian Klenk im übrigen nie, obwohl er sich als der große „Justizjournalist“ stilisiert. Mag er sein. Jedoch „vom Schreibtisch“.

Ich halte es so (als früherer Theaterkritiker): Im Theater kann ich auch nicht zu spät kommen und früher gehen. Das konnte vielleicht Ikone Franz Endler (ehemals „Kurier“, verstorben) so tun. Er saß im „Volkstheater“, wo ich in den 90-er Jahren „nur“ in der achten Reihe die Freikarte hatte, sogar in einem Extrastuhl im zentralen Mittelgang des Parterre, sodass sein „Früher-Weggehen“ und „Kommen-Nachbelieben“ nicht auffliel. Ich hingegen kam immer zeitgerecht und blieb bis zur bittersten Neige. So mache ich es auch bei meinen Gerichtssaalbesuchen. Vom Eröffnungswort bis zum Schlußplädoyer. Es ist wie in der Kirche, wo es auch erst zum krönenden Abschluss das Essen gibt.

Der Vorschlag

Was kann ich vorschlagen? Wenig Konkretes, denn ich arbeite eher intuitiv. Das aber mit Nachdruck und konsequent. Vor allem: Konstant und gleichfömig.

Ich könnte mir vorstellen: Ich strecke im Landesgericht Wien, dem größten Strafgericht meine Fühler nach interessanten Fällen aus. Oft sind die „kleinen Causen“ die eigentlich lebensnahen, interessanten: Die Stalking-Fälle, die Missverständnisse, die Zumutungen, die Wirtshauspicksereien, die Racheakte mit plattgemachten Autoreifen, Vandalenakte und so weiter. Die „große Kriminalität“ mit dem großen „Masterplan“ gibt es nicht.
Auch bei den sogenannten „75-er-Geschichten“ (Mordvorwurf) muss man Bescheid wissen, wenn die abgeschwächte Form angeklagt ist und am Programmzettel steht: „15,75“. Nur der „Versuch“. Opfer hat überlebt, ging nicht über den Jordan. Oft eine Rauschgeschichte, in der Messer im Spiel waren. Oft: Komplett uninteressant. Wie gesagt: Die anderen Sachen, Seriendiebe, Jungdealer, Jugendkriminalität, KIPO (Kinderpornografie), diese Dinge, die Leser eine Massenzeitung moralisch aufstoßen, sind oft interessanter als Ehestreits, bei denen einer den anderen in den Bauch sticht.

Der Handel mit der Ware, den ich betreibe, ist die Suche nach der Moral hinter der Geschichte. Man muss sie suchen, kann als Gerichtsbeobachter aber nichts verändern. Man kommt zu einem Fall, weiß manchmal Anhaltspunkte aus Vorgesprächen, hört und sieht dann vier, fünf Stunden alle Betetiligten reden, es gibt ein Urteil, man geht wieder nach Hause und kann nichts verändern. Gerichtsberichterstattung ist illustrativ. Sie sollte aber nicht voyeuristisch oder plump sein. Dazu braucht es Erfahrung. Man darf sich weder mitreissen lassen, noch abstumpfen. Sie sollte einen wahren Kern der Geschichte, einen großen gemeinsamen Nenner erkennen, den jeder versteht.

Im Wesentlichen geht es beim Strafgericht um: Die menschliche Schwäche. Wir leben in Wien und wir sollten das „Wienerische“ nicht aus den Augen verlieren. Der Wiener geht mit der menschlichen Schwäche nicht brutal um, wenn der Beschuldigte etwas darlegen kann.

Die Justizberichterstattung der „Krone“ ist eigentlich schwach (gar schwächlich: Gabriela Gödel; viel besser: Peter Grotter, wir grüßen uns oft und reden am Gang; er ist ein sehr höflicher, korrekter Mensch). Auf dem engen Raum der Gerichtsseite der „Krone“ erkennt vor allem Grotter, dass man doch etwas erzählen kann. Ein kurze Duftnote geben, wer Wer ist, ob der Angeklagte gefährlich ist oder nicht. Zwischen den Zeilen lässt sich etwas in wenigen Worten vermitteln.

Ich will mich kurz halten. Was ich vorschlagen kann, falls es von Interesse ist: Berichte in Länge von 1.000 Zeichen. Also ein sehr kleines Format.

Da ich vier Mal in der Woche im Gericht bin, aber noch nicht zum Inventar gehöre, daher den Blick von Außen halte, wäre dieses möglich: 4 x 1.000 Zeichen. Alternativ 6 x 1.000 Zeichen (zwei zum Wegwerfen, weil sie thematisch ev. nicht passen oder nicht gefallen)

Meine Leistung: Knappe Überschrift, gute Einleitung, Fließtext. Alles knapp, aber exakt und inhaltlich korrekt. Nicht stumpf wie in der „Salzburger Nachrichten“, nicht oberflächlich wie in der „Wiener Zeitung. Mit „Name und Adresse“, um Brecht zu zitieren, konkret am Punkt, für ein Laienpublikum lesbar und von Interesse. Nicht über-, nicht unterfordernd. Die Gratwanderung also, die Boulevardjournalismus braucht.

Da ich immer eine Fotokamera im Gericht dabei habe, kann ich bei wesentlichen Fällen auch Fotos mitliefern (nur ein Foto). Bei Fotos gibt es am Strafgericht eine stille Übereinkunft in der familiären Berichterstatterszene:

a. Kein Foto: Bei Strafen unter 3 Jahren (oder Freisprüchen).
b. Foto mit Augendeckel: Bei höheren Strafen, so noch nicht rechtskräftig.
c. Vollfoto (sichtfrei): Bei hohen Strafen (15 Jahre, 20 Jahre, Lebenslang), wo man weiß, dass in der Instanz ganz sicher nichts „runtergeht“. Wo das Urteil also hoch bleibt.

Ich bin kein Paparazzi. Denn ich habe vor der Institution Strafgericht Respekt. Daher wüte ich nicht im Gerichtssaal, sondern mache das, was fotografisch im engen Spielraum geht. Das muss man immer einschätzen können: Welcher Richter ist da, welcher Angeklagter? Die Lichtsituation im Haus ist äußerst schwierig (alles Neon und Kunstlicht), dazu niedere Decken, die das Blitzlicht vervielfachen. Dazu hat man ständig bewegte Motive (Angeklagte, die schnellen Schrittes kommen oder abgeführt werden, also „in Bewegung“ sind). Fotografisch ist das äußerst schwierig. Zudem kommt hinzu, dass viele Unbeteiligte am Gang im Bild sind, die das nicht wollen. Und so weiter. Ich überlege schon seit Monaten nach idealen Lösungen. Es kommt aber immer auf den Augenblick an. Man kann am Strafgericht nicht sagen, man kann immer fotografieren.

Ich bin nun seit fünf Jahren dort, habe einige Freiheiten erreicht, ich kann es aber trotzdem nicht überreizen. Denn ich bin eben bis zu vier Mal in der Woche dort. Ich kann nicht die Anwälte wild abblitzen und danach sitze ich mit ihnen im Caféhaus des Gerichts beisammen. Das Thema Fotografieren im Gericht ist ein weites Feld.

Berichterstattet hingegen darf alles werden. Wort schlägt Bild bei Gericht. Es ist oft auch im Sinn der Anwälte und ich erfülle deren geschäftstüchtigen Wunsch dennoch oft nicht. Ich kenne diese „Ohrenflüsterer“, die sich medial positionieren wollen. Es geht immer um eine eigenständige, neutrale Position. Im Mittelpunkt steht der Fall und der Mensch, nicht der Anwalt, der um Klienten buhlt.

Also mein Vorschlag zusammenfassend:

Umfang: 4 – 6 Beiträge pro Woche zu je 1.000 Zeichen.

Kosten: 50 Euro pro Beitrag.

Ergänzung: Foto bei Bedarf zum Fall und wenn möglich, nur optional

Kosten: 40 Euro pro veröffentlichtes Bild (optional).

Keine Namensnennung, auch nicht mit Akronym. Beiträge nur ohne Namensnennung oder unter einem „Spitznamen“.

Lieferung: Per Email an einen Kontaktredakteur aus Ihrem Haus.

Kein Sachaufwand. (Vielleicht einmal später; ein besseres Kameraobjektiv, oder so)
In Summe kommt man nicht mehr als auf 800 – 900 Kosten für Sie im Monat.

Adel stirbt aus

Für mich ist das die Grenze, die interessant ist, da ich derzeit zwar in einer Art aristokratischem Nichtstun lebe.

In meinem Wohnbüro stehen Computer, Scanner, Bildschirm. Ich brauche nirgends einen Arbeitstisch. Ich weiß auch so, was zu tun ist. Vormittags bin ich ohnehin am Gericht, wo ich auch zu Mittag in der Kantine esse. Danach bin ich am Rechner und damit „am Damm“.

Falls Sie Interesse an Berichten in äußerst knapper Länge aus dem größten Strafgericht Österreichs (LG Wien) vom Insider haben wollen, lassen Sie es mich wissen.

Telefonisch bin ich schwer erreichbar, ich bin kein großer Telefonierer. Ich habe nur ein eher altes Handy. Man müsste sich hinarbeiten: Per Email (marcusjoswald@live.at) oder mit Brief. Ich bin nur an der Sache interessiert, nicht an Posten, nicht an Verdienst, nicht an Schnickschnack.

Ich habe für Treffen wenig Zeit: Ich hänge in meiner Arbeit tief verwickelt. Ich will mich nicht ablenken oder zerstreuen. Wie gesagt: An einem besseren CANON-Objektiv wäre ich schon einmal interessiert, es wäre nützlich. Das schrieb ich aber auch schon Herrn Mateschitz. (Als er damals die F1 gewann, schrieb ich ihm, dass ich Interesse an einer NIKON hätte. Und zwar an der Besten, weil man nur einmal lebt: D3X!) Man kann sich denken: Er schrieb nicht einmal zurück. So ist das.

Man kann nicht alles haben. Deswegen gehe ich fast täglich aufs Landesgericht. Zu meiner Medidation.

Mit freundlichen Grüßen

Marcus J. Oswald (Ressort: Briefe, Hinaus)

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