Medien und Kritik – Das Online Magazin

5000 Stunden ORF-Hörfunkinformation im Internet – Journale.at

Posted in Archive, Hoerfunk, ORF by Pangloss on 8. November 2010

Heiter bis wolkig war das politische Klima in Österreich bis 1989. Freude kommt auf, dass man die Themen im Internet Revue passieren lassen kann. (Foto: Mediathek)

(Wien, im November 2010) Wer weiß, was am 19. Oktober 1988 war, bekommt den Preis. Es war dieses: Am 19. Oktober startete die Tageszeitung „Der Standard“ mit der ersten Nummer. Am 19. Oktober 1988 kam in Österreich eine neue 20-Schilling-Banknote. Am 19. Oktober 1988 beschlossen die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP einen Untersuchungsausschuss zum Fall „Lucona“.

Unter normalen Umständen kann man das nicht auswendig wissen. Daher gibt es Archive. Ein sehr ordentliches Archiv ist das im Internet öffentliche Hörfunk-Archiv des ORF. Es heißt schlicht „Journale“ und bietet 5.000 Stunden Sendezeit der Magazine „Mittagsjournal“, „Abendjournal“ und „Journal Panorama“.

Rund 60.000 Einzelbeiträge aus den Jahren 1967 bis 1989 sind in einem Archivprojekt des ORF online gestellt und sie bieten viel Wissenswertes aus einer Zeit, in der der ORF tatsächlich das Leitmedium Österreichs war.

Geschichte ist Brückenkopf in Gegenwart

Viele Dinge kann man durch einfaches Anklicken noch einmal hören: Mondlandung in den 60er Jahren (21. Juli 1969), aktuelle Meldungen zum Einsturz der Wiener Reichsbrücke (1. August 1976), Diskussionen um Fristenlösung und Reform des Familienrechts Mitte der 70er Jahre (30. Juni 1977), Kirchschläger zu den Sümpfen und sauren Wiesen (20. März 1985), aktuelle Meldungen zu Tschernobyl (29. April 1986) und Berliner Mauer (10. November 1989) sowie viele Berichte und Diskussionen zu Themen wie Zwentendorf, Strafrechtsreform, UNO-City, AKH-Skandal, Hainburg, Noricum-Affäre, Lucona und dem Thema Waldheim.

Jedes Mittagsjournal dauert exakt eine Stunde, ebenso das Abendjournal. Sie sind bis heute werbefrei. Am Server liegen demnach 5.000 Sendungen frei zum Nachhören. Zu sagen, dass Internet nicht zur Demokratisierung des Wissens um politische Geschichte und Zusammenhänge der Gegenwart beiträge, ist widerlegt.

Freilich: Das zeitgeschichtliche Projekt endet 1989 und es harrt der Fortsetzung. Als Zeitgeschichte bezeichnet man Ereignisse, die mehr als 20 Jahre zurückliegen. Daher soll man mit dem Fortschreiten der Zeit die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Archivprojekts um ein weiteres Jahrzehnt (bis 1999) nicht fahren lassen.

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Im Web: 5.000 HörfunkjournaleLink

Mittagsjournal vom 19. Oktober 1988 (Dauer: 1 Stunde) – Direktlink

Marcus J. Oswald (Ressort: Archive, Hörfunk, ORF)

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Nitrofilmarchiv Laxenburg eröffnet

Posted in Archive, Kinofilm by Pangloss on 27. September 2010

Das Nitrofimarchiv Laxenburg ist aus Holz. (Foto: Filmarchiv Austria)

(Wien, im September 2010) Es begann klein und es ist etwas geworden. Vor zwanzig Jahren war das Filmarchiv Austria noch unter der Führung von Walter Fritz und wer einmal neben ihm im Kino in der Rauhensteingasse saß, weiß, dass er den Flachmann in der Sakkotasche eingesteckt hatte. Daneben schrieb er jedoch zahlreiche Standardwerke zur Geschichte des Kinos (Kino in Österreich in drei Bänden) und pflegte den Stummfilm bei Filmfestivals vorzustellen (mit Klavierbgeleitung). Doch das Filmarchiv entwickelte sich nicht weiter.

Zäsur 1996

Mittlerweile wurde das Büro Rauhensteingasse geschlossen, das Filmarchiv sitzt zur Gänze im Augarten. Als Ernst Kieninger Mitte der 90er Jahre die wissenschaftliche Leitung des Archivs übernahm, waren die Budgets niedrig und die infrastrukturellen Bedingungen gleichbleibend schlecht. Es dauerte einige Jahre, bis auch im Ministerium (Kultur, Wissenschaft) der frische Wind spürbar wurde. Nun, 2010 ist das Filmarchiv mit größeren Budgets ausgestattet und mit modernsten Möglichkeiten gesegnet, um der alten Ware Herr zu werden. Diese alten Stücke befinden sich jedoch nicht in Wien, sondern in Laxenburg vor Wien.

Bildgeschichte Österreichs

Das Filmarchiv Austria verwaltet nicht mehr und nicht weniger als das audiovisuelle Erbe Österreichs. Dazu braucht es Geld und Räumlichkeiten. 2004 war der erste Startschuss für ein großes Kompetenzzentrum: Damals eröffnete das zentrale Sicherheitsfilmdepot in Laxenburg, das zugleich die digitale Filmrestaurierung vorantrieb. Wien wurde damit Vorreiter in ganz Europa.

Nun am 27. September 2009 wird der Neustart der Archivkultur in Laxenburg gesetzt: An diesem Tag eröffnet das „Nitrofilmarchiv“. Dazu wurde ein Gebäude im japanischen Stil errichtet. Es ist ein Massivholzbau, der der alten Kultur japanischer Filmarchivierung nachempfunden ist. Dort hat man trotz schwieriger klimatischer Bedingungen Nitrofilme in Holzboxen gelagert. Wie durch ein Wunder haben diese Filme bis heute an Qualität nichts verloren. Daher empfand man den Bau des Nitrofilmarchiv Laxenburg einer Holzbox nach. Modern ist die Stromtechnik mittels Solarenergie: Am Dach befinden sich fotovoltaische Anlagen, die Energie gewinnen.

Wertvollste Bestände

Im Nitrofilmarchiv Laxenburg sind die wertvollsten Bestände österreichischer Zeitgeschichte eingelagert. Etwa die Originalberichte zur Befreiung Österreichs, die Unterzeichnung des Staatsvertrages sowie tausende Spielfilme der 1950er Jahre. Ferner finden sich Nachlässe im Depot (Schenkung Pyrker, Schenkung Leutner), aber auch das weltweit größte Laufbildarchiv zur Donaumonarchie, das als Basisarchiv zur Geschichte Mitteleuropas gesehen wird.

In Zahlen umfasst das Laxenburg-Archiv aktuell: 30.000 Rollen Nitrofilm in einer Gesamtlänge von 6 Millionen Meter. Das entspricht der Länge des Nils – oder eben 2.400 Kinofilme. Dieser Nitrofilmbestand macht am Gesamtbestand des Filmarchiv Austria rund 10 Prozent aus (Gesamtbestand: rund 250.000 Filme).

Leicht brennbar und verfallend

Das Hauptproblem ist das alte Material: Nitrofilm ist leicht brennbar, chemisch instabil und unterliegt Zersetzungsprozessen. Durch schlechte Lagerung zerfällt der Film irgendwann in braunes Pulver. Das weiß man schon länger und daher errichtete man 1968 in Laxenburg einen Nitrofilmbunker. Doch 2005 entsprach der Bunker nicht mehr modernen Bedingungen. Zudem waren die Regale überfüllt. Das Archiv platzte aus allen Nähten, da aus internationalen Archiven österreichische Produkte zurückgekauft werden (Repatriierung). 2005 begannen die Planungen für einen modernen neuen Nitrofilmbunker in Laxenburg.

Das Archiv bietet 70.000 Filmrollen Platz. (Foto: Filmarchiv Austria)

Mit Unterstützung des Kulturministeriums und des Landes Niederösterreich entstanden die Pläne für den Raumbedarf von 70.000 Filmrollen. Nach ausführlichen Studien weltweiter Filmarchivgebäude kam man nach Japan und stellte fest, dass dort Nitrofilme aus 1910 in einfachen Holzboxen bis heute unbeschadet überlebten. Daraus schloss man, dass Holz Schadstoffe, die bei der Nitrofilm-Alterung anfallen, am Besten abwehrt und feuchtigkeits- und klimapuffernd wirkt.

Massiv-Holzbau

Man entschloss sich für einen Holzbau. Das ist weltweit einzigartig. Es folgten ausführliche Studien zu Bauphysik, Wärmetechnik und Brandschutzsicherheit. Es stellte sich heraus, dass bei einem Holzhaus die Dämm- und Brennschutzwerte besser sind als bei einem Stahl-Beton-Bau und außerdem fällt die Baufeuchte fast komplett weg. Somit entstand der Plan für das erste Vollholz-Filmarchiv der Welt. Es ist auch ein Passivhaus, da der Wand- und Deckenaufbau hohe Speichermassen mit großen Trägheitswerten bildet. Das ist wichtig für ein Filmarchiv, da garantiert sein muss, dass auch bei Stromausfall gleichbleibend kühle Temperaturen gehalten werden können (etwa im Hochsommer). Der entsprechende Test wurde im Sommer 2010 bestanden.

Auch sonst spielt die Technik eine große Rolle. Die Beleuchtungskörper sind explosionssicher, wodurch ein Kurzschluss verhindert wird. Die Raumluft beträgt 3-4 Grad Celsius bei 40 Prozent stabiler Luftfeuchte, wobei zwei getrennte Systemkreise die Temperatur und Feuchtigkeit kontrollieren. Einmal am Tag wird die Luft gewechselt. Der Strom kommt komplett aus der Fotovoltaik am Dach. Die Architekten nennen den Archivbunker ein „Nullemissionshaus“. Der Stromverbauch liegt trotz anspruchsvoller Klimaanlage unter dem Bedarf eines Einfamilienhauses. Dafür gab es 2009 den „Österreichischen Solarpreis“.

Am 28. September 2010 wird das Haus feierlich eröffnet.

Das Archiv wird am 28. September 2010 eröffnet. (Foto: Einladung)

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Die Eckdaten:

Idee und Projektleitung: Mag. Ernst Kieniniger (Leiter Filmarchiv Austria)
Planung: Atelier Jordan (Ing. Ernst Michael Jordan, Thomas Wimmer – Sankt Valentin)
Bauphysik: TU Graz (Univ. Prof. DDr. Peter Kautsch)
Haustechnik: GMI Architekten (DIng. Micharl Berger, Ding. Elisabeth Brandstetter – Wien/Liechtenstein)
Holzbau: Thoma Holz (Goldegg/Salzburg)
und zahlreiche weitere Handwerksbetriebe.
Bauweise: Holzmassiv
Nutzfläche: 250 Quadratmeter
Kosten: 750.000 Euro
Lagerraum für: 70.000 Filmdosen
Bauzeit: 10/2007 – 08/2010
Subventioniert durch: BM Unterricht/Kunst und Kultur; NÖ Kulturamt
Finanzierungspartner: FFG Forschungsförderungsgesellschaft BM Verkehr/Innovationen und Technologie; BM Land und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft; VDFS – Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden; FAF – Fachverband der Film- und Musikindustrie; Marktgemeinde Laxemburg.

Marcus J. Oswald (Ressort: Archive, Kinofilm)

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