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Tiroler Tageszeitung geht vor – Posten nur mehr unter Klarnamen

Posted in Internet by Pangloss on 29. August 2011

Möglicherweise steht das Ohr ab, liegt das Haar schief und auch die Nase ist nicht ganz symmetrisch. Doch: Es hilft keine Sonnenbrille, keine Tarnjacke, kein Hut, kein Regenschirm und keine Maskerade. Wer im Internet schreibt, tut das als Mensch, nicht als Rollenträger oder Comicfigur. (Foto: Selbstfotografie)

(Wien, im August 2011) Die gute Nachricht im August kommt aus Tirol von der „Tiroler Tageszeitung“. In einer Aussendung vom 25. August 2011 erklärt man zum einen, dass man die Webseite der Zeitung nun „Tiroler Tageszeitung Online“ nennt, um besser erkennbar zu sein. Doch die eigentliche Sensation verbirgt sich im zweiten Absatz des Aussendungstextes. Besser erkennbar gemacht werden soll nun auch der User, der auf dem Portal www.tt.com postet.

„Die Registrierung unter Klarnamen soll zur Versachlichung beitragen und für alle Teilnehmer eine Diskussion auf Augenhöhe ermöglichen“, sagt der Marketingleiter des Zeitungskonzerns Moser Holding Bernhard Greil. Und der Konzernvorstand Hermann Petz konkretisiert: „Wir beschäftigen uns laufend und intensiv mit dem Thema Transparenz für Online-Medien. Von dieser Maßnahme erwarten wir uns eine Steigerung der Qualität von Postings. Damit nimmt die Tiroler Tageszeitung bei dem viel diskutierten Thema der Anonymität von Online-Kommentaren eine Vorreiterrolle ein.“

Das ist eine sehr gute Einstellung und eine alte Forderung, die der Autor dieser Zeilen bereits im Jahr 2000 erhoben hat. Schön, dass sie 11 Jahre später (!) von der ersten Tageszeitung erfüllt wird.

Herr Oswald erhob bereits im Jahr 2000 die Forderung, dass jeder nur unter seinem Klarnamen schreiben sollte, gab aber zu bedenken, dass das nicht geschieht, wenn es sich um politische und gesellschaftspolitische Themen handelt. Herr Oswald hielt sich seit 2000 nur an seinem Namen, weil er sonst keinen hat und schreibt seit 11 Jahren nur unter seinem Klarnamen. (Foto: Posting auf derstandard.at am 24. Februar 2000)

Bereits am 24. Februar 2000 erhob der Herausgeber dieser Seite die Forderung nach Aufhebung der Anonymität im Internet. Grund war damals, dass durch die sogenannte „schwarzblaue Wende“ in Österreich es in den einschlägigen Foren der Webportale orf.at und derstandard.at, aber auch diepresse.com und wienerzeitung.at zu einem erhöhten Postingaufkommen und einer erhöhten Radikalisierung der Fronten kam. Vor allem, wenn es sich um politische und gesellschaftspolitische Aussagen handelt, ist es kontraproduktiv, wenn sich die Redner hinter einer Faschingsmaske verstecken. Jeder darf und jeder solle eine politische Meinung haben und diese äußern. Es entwickelte sich aber eine Unfairness, die vor allem durch die Maskerade entsteht.

Es ist weitaus verantwortungsvoller und schwieriger, herausfordernder und komplexer, politische Debatten im Internet zu führen, wenn man es unter dem Klarnamen tut, weil die Klarheit nicht nur im Namen, sondern auch im Stil und im argumentum stärker sein muss, wenn man mit „dem Gesicht“ hinter dem Geschriebenen steht.

Klosprüche etablierten sich

Leider etablierten sich vor allem am Beginn des ersten Jahrzehnts die Klosprüche in den Onlineformen, noch lange bevor es die Erfindung der Pinnwand bei Facebook gab. Politische Relevanz erzeugt sich jedoch nicht durch Klosprüche, sondern durch zusammenhängende Gedanken, die auf 1.500 Zeichen aufbereitet und offenbart werden.

Seit einem Jahrzehnt gibt es den „Richtungsstreit“ in der Webwelt zwischen anonym und offen. Ein Streit, der eigentlich keiner sein sollte. Wer ein Buch schreibt, tut dies mit Namen. Wer einen Leserbrief an ein Magazin schickt, tut dies mit Namen. Nur in Foren meinen die Damen und Herren Schreiberlinge mit dunkler Sonnenbrille vorgehen zu können. Die Agrumente gegen die Offenheit des Klarnamens sind allesamt an den Haaren herbeigezogen. Es hat sich eine Bequemlichkeit eingeschliffen. Weil es immer so war, soll sich nichts ändern dürfen. Am Lustigsten sind diejenigen, die in Staatsbetrieben oder als Beamte arbeiten. Sie argumentieren immer, dass sie dann von Postings ausgeschlossen wären, weil der Dienstgeber das nicht toleriert. Das ist so nicht richtig. Klar formulierte und klar durchdachte, mit Qualität und Stil geschriebene Postings toleriert jeder Dienstgeber.

Nichtssagende Furze

Was nicht tolerierbar ist, aber derzeit toleriert wird, sind hingefetzte Aggressionsschübe, nichtssagende Furze, die verschriftlicht sind. Das toleriert man nur, weil es anonym geschieht und es hat das Internet weitgehend devastiert. Der Flurschaden von Agitatoren und Propagandisten, Ausrufern der ewig gleichen Sülze und von Leuten, die sachlich nichts zu sagen haben, weil sie nie ein Buch zur Hand genommen haben, um ihr Schein- und Halbwissen abzugleichen, ist unermesslich. Man kann viele Foren nicht mehr lesen, weil sie verdorben sind.

Der orf.at hat mit seiner neuen Richtlinie (siehe Seite 8) seit 1. Oktober 2010 unter den Berichten aus den Bundesländern (maximal 80 Beiträge je Bundesland und Woche) die Postings komplett geschlossen und untersagt. Das lokale Angebot oesterreich.orf.at besteht seit 1999, also seit 12 Jahren. Ab 1999 war „Anonymposten“ unter jedem Verkehrsunfall im hintersten Tirol möglich. Mit 1. Oktober 2010 war damit Schluss. Die so genannten „Österreich“-Foren am größten Portal Österreichs wurden aufgelöst und in das Reservat debatte.orf.at verlagert, wo Anonymposten weiterhin möglich ist. Jedoch nur zu begrenzten und vorgegeben Themen. Mit einem Schlag verlor der „Orf“ tausende User, die in Scharen zu „Der Standard“ oder „Die Presse“ abwanderten. Dort können sie weiterhin machen, was sie wollen. „Der Standard“ hat seit Jahren pro Tag rund 11.000 Postings am Server, die letzten bekanntgegebenen Zahlen von heuer sind sogar 15.000 pro Tag. Das Programm „Forumat“ siebt automatisch ordinäre Begriffe aus und verhindert eine Freischaltung des Geschreibsels. Doch vieles gelangt an die Öffentlichkeit.

„Der Standard“ sieht im Anonymposten Auflagengewinn

Im „Standard“ weigert man sich die Anonymisierung der Poster zu erzwingen und wendet das verlogene Argument an, dass „sonst niemand den eigenen Firmenchef kritisieren kann“. Als ginge es um irgendwelche Chefs oder Bosse. In Wahrheit sollte der „Standard“ zugeben: Die Frequenz auf der Webseite ließe schlagartig nach und damit die Werbewirksamkeit (unique client Zählungen) für die Wirtschaft. „Der Standard“ macht also mit der Anonymität im Internet ein prächtiges Geschäft (3.1 Mio Euro Umsatz von derstandard.at im Jahr 2009) und macht keinerlei Anstalten, eine kulturelle Umkehr mitzutragen. Dass gerade der „Standard“ die Rolle der Anonymität so stark vertritt, überrascht, sitzen doch dort die Hard-Core-Feministen, die sich schon ins Höschen machen, wenn sie nur zwei „rufunterdrückte“ Anrufe bekommen und zur Stalking-Anzeige schreiten und dies auch laut propagieren. Aber, wenn es ums Geschäft mit der Auflage und den Clickraten geht, ist alles Recht: Dann ist Anonymität natürlich gut.

Sie ist nicht gut. Das weiß nun als erste die „Tiroler Tageszeitung“. Selbst wenn die TT in Restösterreich nicht zu den Leitmedien gehört und vielleicht nicht hohe Lesestärke im medieninteressierten Publikum hat, ist der Schritt weg von der Anonymität hochsympathisch. Es ist eine Notwehrreaktion. Das Internet geht sonst im Dreck und Müll der Multinickträger, Meinungsmessies und halbkriminellen Heckenschützen unter.

Tiroler Tageszeitung schafft Anonymposten ab.

Die Lernphase des Internets ist vorbei. Das Web ist nun gut und gern 15 Jahre alt. Die großen Portale sind mehr als ein Jahrzehnt am Markt. Die Anonymität und Gerüchtebörse hat niemandem etwas gebracht. Das Web wäre ein klares Medium und der Trend geht dahin, dass der Dialog und Diskurs, die qualifizierte Analyse nun mit Klarnamen stattfindet.

Rutschenleger „Facebook“ für Kulturwandel

„Facebook“ hat dazu im Übrigen einen hohen Anteil beigesteuert. Dort registrieren sich zwar sicher 20 % nicht unter ihrem richtigen Namen, aber immerhin 80 % tun es. Aus dieser dann doch verbreiteten Kultur des Echtnamens wird es bald auch in den Foren als abgestanden und fehlgeleitet gelten, wenn man unter irgendeinem Fantasienick schreibt. Es wird unmodern werden. Die „Tiroler Tageszeitung“ setzt dazu den richtigen Schritt. Man erwartet sich – als Vorbild gelten Technikwebseiten – tatsächlich bessere Wortmeldungen der Leser.

Marcus J. Oswald (Ressort: Internet)

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