Medien und Kritik – Das Online Magazin

Österreich die teuerste Tageszeitung Österreichs

Posted in Oesterreich, Print by Pangloss on 11. Juli 2011

(Wien, im Juli 2011) Der selbsternannte Zeitungszar in der Donaumetropole Wien, Wolfgang Fellner, hat nicht nur einen wahren Familienclan in seinem Medienunternehmen „Österreich“ installiert, das auf Pump und mit einem Raiffeisen-Kredit 2006 eröffnet wurde: Neben ihm als Herausgeber, seiner Frau als Chefredakteurin der Madonna-Beilage, seinem Bruder als Finanzverwalter und seinem 26-jährigen Sohn als „Mitglied der Chefredaktion“. Blut ist in diesem Unternehmen dicker als Wasser. Was nie gut für objektive Belange und Arbeitssituationen ist.

Blut dicker als Wasser

In Unternehmen, in denen zu viele Verwandtschaftsbande herrschen, Vetternwirtschaft über Verstand regiert, kommt am Ende nur heraus, dass sich einige die Säcke vollstopfen und andere mit dem Kollektivvertrag abgespeist werden. Zeitungsmachen wie es Wolfgang Fellner sieht, unterscheidet sich nicht viel vom Regime in Libyen, in dem sich acht Familienangehörige ein ganzes Land aufgeteilt haben. Der Unterschied ist: Wolfgang Fellner hat nur vier Kinder, mit Frau und Bruder ist man zu Siebt. Sein Sohn mit Namen Nikolaus darf neuklug in der Fachzeitung „Der Österreichische Journalist“ denn auch schon auf Saif (al-Gaddafi) machen, und, gerade einmal medien- und lebensunerfahrene 26 Jährchen alt, aber mit Passfoto und Unterzeile „CR 0e.24.at, Mitglied der Chefredaktion“ sagen: „Unser Ziel ist es, dass wir die Krone vom Thorn stoßen und zur größten Tageszeitung Österreichs werden.“ (DÖJ, 5-6/2011, S. 38)

Ein Ziel hat man mit der Zeitung „Österreich“ indessen schon erreicht. Man hat das zweifelhafte Ergebnis erreicht, die teuerste Tageszeitung zu verkaufen, die es in österreichischen Kiosken gibt.

Samstag „Österreich“ – 34 Schilling 50

Seit 2. Juli 2011 kostet die Samstag-Ausgabe von „Österreich“ 2 Euro 50. Ab diesem Samstag erhält man „Österreich“ nicht mehr wahlweise „ohne Madonna“ oder „mit Madonna“, sondern nur mehr „mit Madonna“. Kurz-Kommentar des Trafikanten, der diese traurige Nachricht macht: „Österreich gibt es ab heute nur mehr mit Madonna. Um 2 Euro 50.“ Kunde: „Das ist aber schon viel. In alter Währung sind das 34 Schillung 50.“ Trafikant nickt mit Nachsatz: „Für dieses Käseblattl.“

34 Schilling 50. Damit ist „Österreich“ die mit Abstand teuerste Zeitung aus österreichischer Produktion. Im Vergleich die anderen Tageszeitungen am Samstag:

  • Kronen Zeitung (Samstag, 2. Juli 2011) – 1 Euro
  • Neues Volksblatt (Samstag, 2. Juli 2011) – 1 Euro
  • Kurier (Samstag, 2. Juli 2011) – 1,20 Euro
  • Oberösterreichische Nachrichten (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 1,60 Euro
  • Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 1 Euro
  • Salzburger Nachrichten (Samstag, 2. Juli 2011) – 1,80 Euro
  • Kleine Zeitung (Samstag, 2. Juli 2011) – 1,20 Euro
  • Wirtschaftsblatt (Freitag/Samstag, 1./2. Juli 2011) – 2,00 Euro
  • Die Presse (Samstag, 2. Juli 2011) – 2,00 Euro
  • Der Standard (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 2,00 Euro

Vergleiche mit ausländischen Zeitungen, die der Autor ebenso täglich bezieht:

  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (Samstag, 2. Juli 2011) – 3,10 Euro
  • Neue Zürcher Zeitung (Samstag/Sonntag, 2./3. Juli 2011) – 2,60 Euro
  • Handelsblatt (Freitag/Samstag, 1./2. Juli 2011) – 2,90 Euro
  • The Times (Freitag, 1. Juli 2011) – 4,80 Euro

Bei Auslandzeitungen gibt es krasse Unterschiede zum Preis am Herstellungsort, der durch Shippinggebühren (Flugpost) zustande kommt. Bei deutschen Zeitungen macht es sich wenig bemerkbar. FAZ kostet in Deutschland 2,20 Euro, in Österreich 3,10. Handelsblatt kostet im Herstellerland 2,30, in Österreich 2,90. Die NZZ ist gnädig und gibt keinen Aufschlag: Die beinahe älteste Zeitung der Welt (gegründet 1780) kostet im österreichischen Ausland 2,60 Euro. Jedoch ist es Bankgeheimnis, was sie in der Schweiz kostet. Die Schweiz hat den Schweizer Franken. Den größten Preissprung hat die „Times“, die laut Ansicht des Autors beste Zeitung der Welt. Diese Zeitung hat Klasse und ihren Preis: 1 Pfund kostet sie in England, 4,80 Euro täglich in Österreich. Im Archiv dieser Webseite stehen mittlerweile zwei komplette Jahrgänge Dokumentation des Tagesgeschehens im britischen Empire. 4 Euro 80 sind allerdings in alter Währung: 66 Schilling für eine Tageszeitung! Aber: Was für eine. Vor deren Berichten geht man manchmal in die Knie, weil sie so umfassend gedacht und gut geschrieben sind. Es zahlt sich aus, zu investieren. Notiz am Rande: Der Autor dieser Zeilen versuchte lange, in Wien die „New York Times“ zu beziehen und er bekam von beiden Zeitungsauslieferern, die in der Alpenrepublik den Markt zerteilen (Valora und Morawa), die Information, dass es leider unmöglich ist, die „NY Times“ in Papierausgabe in Österreich zu kaufen, da sie nicht nach Österreich ausliefert. Dann eben nicht.

Eitelkeit

Zurück zu Fellner: Er sieht sich im narzisstischen Selbstbild als ungemein wichtiger Zeitungsmann und Herausgeber. Liest man jedoch seine schwammigen Glossen, stillosen Herausgeberbriefe, hingefetzten Banalitäten, das Mittagspausengeschreibsel, verblasst der Wille zur Vorstellung, dass er ein großer Zeitungsmann ist. Es fehlt an vielem: Bildung, Gelassenheit und kühle Einschätzungsgabe. Er will seit Jahren in die Speichen der Innenpolitik im kleinen Land Österreich greifen. Dazu schreibt er die Kolumnen „Das sagt Österreich“, meint damit ganz Österreich (das ist seit fünf Jahren der running gag, dass Zeitungsname gleich Land sei) und er meint am Ende doch nur sich selbst. „Das sagt Wolfgang Fellner“ müsste die Kolumne heißen. Doch da Wolfgang Fellner nur eine Person ist, Einzahl und Punkt, macht er eine Über- und Mehrzahl draus, den großen Kreis, den majestätischen Plural.

Imitation

Er imitiert damit sein Vorbild. Franz Schuh schrieb zu Hans Dichand vorwurfsvoll, dass der mit der „Kronen Zeitung“ eine „Scheinverantwortlichkeit für eine ganze Nation“ suggeriere. Dabei weiß man: Je tiefer die Felgen gelegt, umso lauter die Motoren. Oder mit dem 90-jährigen Staberl, ein Freund radikaler Erkenntnisse: „Wer’s nicht im Hirn hat, hat’s unter der Motorhaube.“ Feiner gesagt, mit Erich Kästner: „Man soll nicht so tief sinken, um aus dem Kakao, durch den man zieht, auch noch zu trinken.“

Wolfgang Fellner sieht sich als Freigeist ohne Eintrittskarte in die Geisteswelt. Wer überall freien Eintritt hat, hat noch nicht das Recht, zu allem zu sprechen, so er sich vorher nicht ausreichend mit Materien befasst hat. Die „Scheinverantwortlichkeit für eine ganze Nation der Kronen Zeitung“, die Franz Schuh einst an Hans Dichand kritisiert hat, lässt sich nach fünf Jahren „Österreich“ auf Wolfgang Fellner umlegen. Er fühlt sich aus einem nicht näher definierten Antrieb zu allem und gegen alles berufen. Er ist ein Mann, der nie im Parlament zum Zuhören saß, aber er schreibt über das Parlament. Er ist ein Mann, der nie im Gericht zum Zuhören saß (und der auch die Abläufe bei Gericht überhaupt nicht kennt), aber er schreibt kommentierend über Justiz. Er ist ein Mann, der nie im Fussballstadion zum Zuschauen sitzt, aber er schreibt über Fussball. So forderte er kürzlich in seinen versprühten Weisheiten „Das sagt Österreich“ (präziser: „Das sagt Wolfgang Fellner“), dass Rapid Wien den Fan-Sektor „Block West“ handstreichartig auflösen müsse, damit Fussball ein „Familiensport“ werde. Fellners fortgesetzte Tag- und Nachträume.

Fehlende Substanz

Seine Kommentare zu politischen Themen zeigen nahezu täglich, dass er wenig Ahnung hat, worüber er schreibt. Er schreibt dennoch darüber, obwohl er es so tut, dass ihn niemand anstellen würde. Müsste er sich bewerben, würde jeder sagen: Zu wenig Qualität. Da er eigene Medien betreibt, muss er sich nicht bewerben.

Dafür legt er den satten Preis fest. Die Zeitung „Österreich“ kostet nun am Samstag 2 Euro 50 oder 34 Schilling 50. Denkt man zurück: Was hätte man vor zwanzig Jahren um 34 Schilling 50 an einem Samstag alles gekauft? Ganz sicher nicht eine Zeitung eines Mannes, der im Jahr rund 1.5 Millionen Euro in großteils verlorene Prozesse nach Unlauterem Wettbewerb und Medienrecht mit teilweise desaströsen Ersatzsummen verliert – was kein Qualitätsstandard ist.

Sein neuer Geschäftsführer Oliver Voigt darf viele Phrasen dreschen. Wie in der Fachzeitung „Der Österreichische Journalist“ (DÖJ, 5-6/2011, S. 64ff.), wo er davon spricht: „Wir haben das Glück des Tüchtigen.“ Voigt darf schon wieder ein nichtssagendes Interview geben, hört sich nach wie vor gern reden und meint, alle Welt mit seinen Mannheimer Weisheiten einwickeln zu können. Mit keinem Wort erwähnt er übrigens, dass seine Zeitung am Samstag in Österreich das teuerste Tageszeitungsprodukt ist, das verkauft wird. Schlechte Nachrichten passen eben nicht in die Fellnersche PR-Mühle.

Marcus J. Oswald (Ressort: Print, Österreich)

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: