Medien und Kritik – Das Online Magazin

Fred Vavrousek jugendlich in Pension

Posted in Medienalltag by Pangloss on 18. Juni 2011

Der mächtigste Kommunikator der Stadt Wien ging am 15. Juni 2011 in Pension: Professor Hofrat Fred Vavrousek, 61. Er schuf in den letzten 30 Jahren ein weitverzweigtes Medienreich im Namen diverser Bürgermeister, in dem die Sonne nie untergeht. Vavrousek behielt sich auf berlusconische Weise seine Jugend. Denn das einzige Foto, das die Stadt Wien von ihm hergibt und das seit Jahren in allen Broschüren zirkuliert, ist 15 (!) Jahre alt. (Foto: PID)

(Wien, im Juni 2011) 61 Jahre alt, Professor, Hofrat, zuletzt Bereichsleiter, also in allerhöchster Gehaltsstufe im Beamtenschema angekommen: Fred Vavrousek geht Mitte Juni in Pension. Der Gründer und jahrzehntelange Leiter des schlagkräftigsten Stadtmarketing- und Stadtpressekonzepts in ganz Österreich, kurz PID (Presseinformationsdienst der Stadt Wien), legt am 15. Juni 2011 alle Ämter zurück.

Integrierte Pressearbeit – PR by Em-Petting

Integriertes Stadtmarketing und integrative Stadtpressearbeit machen andere Städte auch. Innsbruck, Salzburg, Graz, Linz, Wels. Doch keine Stadt und kein Pressedienst hatte solche Möglichkeiten und hat solche Medienmacht entwickelt wie der PID. Ist die Stadt Wien ein Konzern mit 67.000 Verwaltungsbeamten, hält sich die Stadt Wien eine „Wien Holding“, die knapp drei Milliarden Euro Umsatz macht, beträgt das Wien Budget rund 12 Milliarden Euro pro Jahr, so bleibt unter dem Strich, dass der Leiter der Pressekommunikation der Stadt Wien mit seinem PID (Magistratsabteilung 53) durchschnittlich stets ein halbes Prozent vom Jahresbudget der Stadt bekam. Auf ungefähr 60 Millionen Euro schätzt man die Mittel, die der Presseinformationsdienst mit seinen 120 Mitarbeitern jährlich zum Einsatz bringen konnte. Dazu kommen langfristige Verträge mit dem Bohmann-Verlag (aktuell Achtjahresvertrag, seit 2008, 117 Mio Euro schwer) für die Inlandsfachkommunikation und eine Kooperation mit dem Compress Verlag (aktuell Zehnjahresvertrag, seit 2008, 146 Mio Euro) für die Auslandsfachkommunikation.

Fred Vavrousek erlebte viele Bürgermeister: Leopold Gratz, Helmut Zilk, Michael Häupl. Alle drei in Wien hochbeliebt und darum bemüht, Pressearbeit dafür einzusetzen, eigene Fehler gar nicht aufkommen zu lassen. Der zweite in dieser Reihe war selbst Medienmann und Einmannshow. Michael Häupl regiert seit 16 Jahren und unter ihm blühte der Abteilungsleiter der Magistratsabteilung 53 auf. Häupl lehrte, dass man mit Medien regiert. Unter dem aktuellen Landespatron und Bürgermeister geschahen mediale Kunstschüsse. Die Webseite www.wien.at hat pro Tag rund 1 Million Zugriffe. Erstellt wurde sie durch das Team des PID.

Fred Vavrousek diente bereits unter Bürgermeister Leopold Gratz, der von 1973-1984 Oberhaupt von Wien war, in der Rathauskorrespondenz und leitete ab 1983 den PID. (Foto: Cover Profil 6/1975, 5. Februar 1975)

Unter dem Medienfachmann und Bürgermeister Helmut Zilk, der von 1984 bis 1994 Oberhaupt war, lenkte Fred Vavrousek die Magistratsabteilung 53 und damit den gesamten Presseinformationsdienst. (Foto: 24 Stunden für Wien, Ausgabe 65/87, Archiv Oswald 1090)

Unter dem aktuellen Bürgermeister Michael Häupl, der von 1994 bis 2011 die Donaumetropole regiert, hatte Fred Vavrousek eine besonders lange Leine und viele Freiheiten, die er zu nutzen verstand. Er modernisierte die Stadtkommunikation zu einem zeitgemäßen Apparat und Konzern aus Verlagen, Werbe- und Eventagenturen, Webseiten, Aussendungsdiensten, Filmproduktionen und einem verschlungenen Netzwerk an Pressearbeitern, die nur eine Aufgabe haben: Dem Ersten Mann und seinem Team die Mauer zu machen. (Foto: Marcus J. Oswald, 1. Mai 2010)

Lebenslagen-Magazine

Doch es begann früher. Fred Vavrousek erfand in den letzten 16 Jahren eine Fülle von „Lebenslagen-Magazinen“. Sinn dieser Magazine die „Welt und Stadt“, „Leben und Freude“, „Kinder und Co“, „Katz und Hund“, „City und Life“, „Wohl und Befinden“, „Forschen und Entdecken“ heißen, jeweils vier Mal im Jahr erscheinen und auf wirklich jedem Amt aufliegen, ist es „die Bevölkerung in ihren jeweiligen Lebenslagen abzuholen“. Das ist ein gewagtes Konzept, das beinhart durchgezogen wird. So gibt es eben aus der Feder des PID diese Jugendmagazine, Kindermagazine, Tiermagazine, Seniorenmagazine, Migrantenmagazine, Gesundheitsmagazine, Wissenschaftsmagazine.

Daneben ist der PID mit saisonalen wien.at-Zeitschriften präsent, über die Wiener Linien mit dem VOR-Magazin bis hin zum ECHO-Verlag, der Häupls Reden als Buchform herausbringt, und der mit dem Bezirksblatt, dem Wohin-Magazin, dem Nightline-Magazin oder Wien Live auch eigene Zeitschriften verlegt. All diese Medien machen anderen Medien am freien Markt direkte Konkurrenz und treten mit noch mehr Hochglanz und noch mehr Seitenumfang auf. Deshalb nennt man den PID auch Medienwalze: Weil er über den ECHO-Verlag entweder Medien aufkauft und erneuert oder eigene Medien entwickelt, die ähnlich sind. Und dann gibt es einen alten PID-Grundsatz: Seid Ihr nicht für uns, inserieren wir. Dafür wird das Geld eingesetzt. Ein neues Inseraten-Transparenzgesetz ist derzeit im Parlament zur Begutachtung. Bisher ging man davon aus, dass der PID pro Jahr zwischen 15 und 20 Mio Euro alleine in die Beilagen der „Kronen Zeitung“ rund um stadtnahe Kommunikation (hauptsächlich Wohnbau) fließen lässt. Auch „Heute“ und „Österreich“ schneiden nicht schlecht ab.

Sein Satz: „Wien ist anders“

Daher war Fred Vavrousek ein beliebter Mann. Er war der Mann an der Wiener Medienorgel und der Mann mit dem Geld. Schon Frank Stronach sagte: „Wer das Geld hat, bestimmt die Regeln.“ Mag man noch so kritisch einer Partei gegenüber gestimmt sein. Wenn jemand mit 300.000 Euro kommt und eine Jahresserie zu Baumaßnahmen der Stadt Wien schalten will, gibt jede Zeitschrift auf. So entsteht eine große Duftwolke, die sagt: Die Stadt Wien funktioniert. Oder, um den Leitspruch von Fred Vavrousek zu sagen – der Satz als Werbespruch: „Wien ist anders.“

Vavrousek erfand nicht nur die Printmedienwelt in Wien neu. 2002 galt es ein Konzept in Auftrag zu geben, dass Wien einen Platz im Kabelfernsehen braucht. Eine Studie für einen „Offenen Kanal Wien“ wurde ausgeschrieben. Es dauerte dann noch drei Jahre bis zur Umsetzung. Seit Ende 2005 gibt es den Sendekanal: Er heißt heute OKTO. Gegründet als Verein mit Trägergesellschaft setzte die Stadt jedoch dann SPÖ-Vertrauensleute in das Leitungsgremium. Oder solche, die zwar mit Fernsehen nichts zu tun haben (Armin Thurnher vom „Falter“), von denen man aber sicher sein konnte, dass sie der Stadt Wien treu ergeben sind, da auch ihre Zeitungen gute Inseratenaufträge erhalten (der Falter bilanziert seit Jahren positiv.)

Innen- und Außenkommunikation, weltweit

Viele Projekte setzte Vavrousek von der Idee in die Realität um. Das „Wiener Rathaus-Klassik-Festival“ ist das Ballermann für Ö1-Hörer. Der „Wiener Silvesterpfad“ wurde von ihm entwickelt. Er gilt als größtes Innenstadtfest des Jahres. Die Medienfamilie „wien.at“ und die große Webseite waren seine Kernprojekte.

Im Frühjahr 2008 trat er vom PID zurück und wurde Bereichsleiter für Fernsehen. Der PID zieht auch seither die Fäden der „Mediensprecher der Stadträte“ sowie der „Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Magistratsabteilungen“. Dazu kommt die Koordination der Innenfachkommunikation mit dem Bohmann-Verlag, der zahlreiche Spezialmagazine zu Tourismus, Abfallwirtschaft, Forschungsstandort, Bauwirtschaft mit Wien-Bezug herstellt. Und die weit interessantere „außenpolitische Arbeit“ über den Compress-Verlag in Osteuropa von Warschau, Sofia, Bukarest bis Moskau, wo sich Wien auf Messen und Kulturwochen repräsentiert und unter anderem durch 20 Ballveranstaltungen in diesen Ländern zeigt. All das ist: Stadt- und Standortmarketing, Öffentlichkeitsarbeit, Public Relations und Lobbying wie man in Wien sagt – „vom Feinsten“.

Alte Schule

Von Feinsten waren noch einige Dinge: Sein Haarschnitt, seine Schuhe. Beides tadellos von alter Schule. Mit 32 Jahren wurde Fred Vavrousek 1983 Leiter des PID. Als er im Frühjahr 2008 mit 57 Jahren die operative Arbeit im PID zurücklegte und „Bereichsleiter“ wurde, war er bereits fünf Jahre Hofrat. Zum Professor wurde der Nicht-Akademiker ebenso bereits ernannt. Ein Schönheitsfehler bestand noch. Er war noch nicht in der letzten Gehaltsstufe. Daher schuf man für ihn vor zwei Jahren eine neue Tätigkeit: Er wurde „Bereichsleiter“ für regionale Fernsehentwicklung. Das traf zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Projekt „Grätzel TV“ (Bezirksfernsehen) steckt in den Kinderschuhen. Der ECHO-Verlag soll das seit Jahren voranbringen, doch viel gelingt nicht. Man wollte schon vor Jahren die Webseite wien.at multimedialer, audiovisueller und konvergenter machen. Fred Vavrousek wurde 2009 zum „Bereichsleiter“ für Regionalfernsehentwicklung, ein Posten als Frühstücksdirektor, der für ihn geschaffen wurde. Der Meister der integrativen Stadtkommunikation war endgültig in der letzten Gehaltsstufe (9) angekommen. Der würdevolle Abschied stand bevor.

Am 15. Juni 2011 machte er Ernst und verabschiedete sich in die Pension. Jugendlich wirkt er am Foto, das die Stadt Wien zum Abschluss ausgesandt hat. Man kennt das von der „Kronen Zeitung“, die ein Foto ihres Leibstandartisten Richard Nimmerrichter aka „Staberl“ nur alle 15 Jahre ausgetauscht hat, um keine Irritationen bei den Lesern aufkommen zu lassen und dem Alter schelmisch einen Streich zu spielen.

Der PID spielte den Medien einen letzten Streich: Das Fred Vavrousek-Foto ist 15 Jahre alt. So will und soll man den mächtigsten Öffentlichkeitsarbeiter, der Wien in den letzten dreißig Jahren medial prägte, in Erinnerung behalten.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

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