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Die Welt ist Bühne und der ORF erhebt seine Blutwerte – Public Value 2010

Posted in Medienalltag by Pangloss on 31. Mai 2011

Mit einem 192 Seiten dicken Qualitätsbericht legt der ORF seine Leistungen eines Jahres offen. (Foto: Umschlag, Source Dokumentationsarchiv Oswald 1090/DAO)

(Wien, im Mai 2011) Etwas „mit Herzblut machen“ ist die Umschreibung, dass man für seine Arbeit mehr als nur Blut herzugeben bereit ist. Blut aus der Herzkammer, wo jeder Tropfen fehlt, wenn er nicht da ist. Die Umschreibung „blutleer“ sein heißt nicht zwingend, dass man tot ist. Aber leblos, lustlos, knieschwach, ohne Funken und Feuer. Wenn ein Mensch sein „Blutbild“ macht, tut er das zweifelnd, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er will prüfen, was fehlt oder falsch läuft. Ist es das schlechte LDL-Cholesterin, das die Gefäße schädigt? Oder fehlt das gute HDL-Cholesterin, das das Herz schützt? Was ist es? Woran krankt es?

Der ORF machte wieder sein Unternehmens-Blutbild und das Bulletin heißt „Public Value-Bericht 2010/2011“. Dieser Tage (30. Mai 2011) wurde er vorgestellt. Der Generalintendant war da, hielt ein Referat im Radio-Kulturhaus. Stellvertretend für das Heer der Mitarbeiter sprachen Michael Kerbler mit Hornbrille von Ö1, Wolfgang Wagner von der Politik-TV-Redaktion, Katharina Schenk von der Abteilung „Fiction“ und Fernsehspiel, Gewerkschafter Fritz Wendl vom Redakteursausschuss und Ina Zwerger von Ö1-Radiokolleg. Natürlich war auch da: Klaus Unterberger, der Leiter der Abteilung Public Value, eine Art Medienforschungsabteilung im Medienhaus ORF. Als am Ende alle Referate und Statements um sind, wird um Fragen ersucht. Die Einladung erfolgt ohne Echo. Keine Fragen. Der Direktor Alexander Wrabetz hält sein Abschlussstatement und verabschiedet die Journalisten. Genau in einem Monat beginnt die Ausschreibefrist für die Wahl des neuen Direktors (30. Juni 2011).

„Ein Zyniker ist ein Mensch,…

Wenn ein Großunternehmen einen Leistungsbericht eines Jahres macht, tut es das aus drei Gründen. Erstens: Weil es gut aussieht. Der Bericht ist eine lückenlose Dokumentation der diversen Programmabteilungen und ihre Tätigkeit eines Jahres. Ein Bericht zum Sammeln und Aufheben. Zweitens: Man macht einen solchen Bericht, weil man wissen will, ob man in einem Jahr etwas vergessen hat. Das kommt einem Qualitätsbericht über die reine Deskriptionsebene näher. Grund könnte dann sein: Man will im nächsten Jahr Korrekturen anbringen und Dinge noch besser machen.

Drittens und das führt ORF-General Wrabetz als alleinigen Grund an: „Man muss sich der öffentlichen Debatte stellen wie nie zuvor.“ Er meint damit: Es gibt einen „natürlichen Antagonismus zwischen privaten Sendern und öffentlich-rechtlichen.“ Daher gründete man vor drei Jahren eine „Public Value Task Force“ mit dem Ziel jährlich einen „Public Value Bericht“ zu veröffentlichen. Herausgekommen ist ein Buch.

192 Seiten dick, ausnehmend schön gestaltet. Im Vorjahr erhielt man bei einer europaweiten Ausschreibung den zweiten Platz in der Kür der besten Geschäftsberichte. Der Rechenschaftsbericht heißt heuer: „Wert über Gebühr.“ Die Botschaft: doppeldeutig. Der ORF ist durch Steuern gebührenfinanziert, beschäftigt Luxusgeschöpfe im journalistischen Bereich, die wirklich gut und solide verdienen, die keine finanziellen Sorgen haben und die in einem Großunternehmen aufgefangen sind. Während viele Journalisten in Wien ihre Miete nicht zahlen können, können ORF-Mitarbeiter in diesem Punkt nicht klagen. Die zweite Seite der Botschaft will sagen: Für das Geld bekommt man „über Gebühr“ einen Wert.

…der von allem den Preis kennt,…

General Wrabetz erklärt den Begriff „Public Value“ so: „Es ist ein individueller Wert für den Bürger und für Österreich.“ Die dritte Ebene „ist der Unternehmenswert“, also die Einnahmen aus lukrierter Werbung und Sponsoring. Die Werte richten sich laut Wrabetz also nach drei Richtungen aus: Individuum, Land und Betrieb. Weitergedacht und logisch: Es gibt Sendungen, die für das Individuum und fürs Land gut wären, die der ORF aber nicht macht, weil sie betriebswirtschaftlich unlogisch sind (etwa zu teure Champions League etc). Doch das Betriebliche ist beim ORF weniger die Kernfrage: Man erhielt kürzlich eine Finanzspritze durch das Parlament in der Höhe von 150 Mio Euro, weil es sich nicht ausging. Daher baut die Argumentation der Programmpolitik weiterhin konsequent auf der Vorfrage: Was ist für das Individuum und fürs Land gut? Dann wird eine Sendung gemacht.

General Wrabetz weiß und sagt das auch: „Programme müssen auch gesehen und gehört werden.“ Und er sagt klarerweise den Schlüsselsatz dazu: „Es kommt auf die Mitarbeiter an.“ Das ist überall so. Womit man zum Eingang zurückkommt: Warum macht man ein Blutbild? Fühlt die Herzkammer der Generaldirektion, dass etwas nicht stimmt? Im vergangenen Jahr verließen einige Programmgestalter den ORF und gingen zu Servus TV des Herrn Mateschitz. Es war sicher nicht das Gehalt, das dort gut ist. Sondern die Möglichkeiten, die anders sein sollen. Denn obwohl die Quoten beim ORF nach wie vor gut sind, kann sein, dass sich der Österreich-Mythos des Senders abgewetzt hat. Verschiedenste Aufträge, Kulturauftrag, Bildungsauftrag, Neutralitätsauftrag, Unabhängigkeitsauftrag schleppt der ORF wie einen Rucksack mit sich herum. Es jedem Recht machen zu müssen, bedeutet am Ende zwar die Erfüllung des alten Satzes von Goethe „Wer vieles bringt, wird manchen etwas bringen“, begibt sich aber auch in die Gefahr der Positionslosigkeit.

Freilich sehen die klassischen ORF-Mitarbeiter die Positionslosigkeit am Nullmeridian genau als die gewünschte Position, die es möglich macht, als staatsnahes Fernsehen weiterhin die nötigen staatlichen Förderungen zu erhalten. Voraussetzung dafür ist, nicht anzuecken. Erst mit dieser Förderung wird auch die Forschungsabteilung bezahlt. Die Orchideenabteilung mit dem starken Archiv erstellt nun die jährliche Statistik und Rückschau.

…, aber von nichts den Wert.“ (Oscar Wilde)

Dessen Chef, der Mann mit dem vollen Haarwuchs Klaus Unterberger, sieht im jährlichen Unternehmensbericht eine „beharrliche Initiative der Qualitätssicherung“. Einzigartig sei das und nur bei „Channel 4“ oder der „ARD“ zu finden. „Wir legen den Finger in Wunden“, sagt er und „ich glaube, dass wir noch nie so transparent waren.“ Der „Elchtest“ findet jedoch im Programm statt.

Auch die anderen referieren aus ihrer Sicht des Medienmachens. Es ist bei ORF-Veranstaltungen immer ein besonderes Selbstbewusstsein vorhanden, das fast störend wirkt. ORF-Mitarbeiter meinen immer, anwesenden Journalisten ex cathedra Journalismus erklären zu müssen. Man wundert sich immer wieder für wie bekloppt man Journalisten anderer Medienstellen oder auch solche, die wie Sauerteig in die Gesellschaft wirken (etwa Blogs), hält, wenn man sich erklären lassen muss, was die reine Lehre ist. Ohne hier jemandem persönlich nahe treten zu wollen: Es stört.

Reine Lehren

Denn die reine Lehre ist nur für öffentlich-rechtliche Journalisten interessant und nicht für den Rest übertragbar. Vor allem haben andere Medienstellen nicht die Budgets, über die der ORF verfügt. Daher wirkt es immer wieder befremdlich, wenn ORF-Redakteure ihre Arbeit erklären und ihre Vorstellungen davon. Es kommt immer so rüber, wie wenn Imperialisten in Afrika den Eingeborenen die Welt erklären. Deren Probleme sind oft nicht die der anderen. Verkürzt gesagt: Es gibt eben nicht nur ORF.at, sondern eine breite Palette von Webseiten, die interessant sind. Es gibt auch nicht bloß österreichisches Fernsehen, sondern eine breite Angebotspalette darüber hinaus. Und fortgesetzt.

Dennoch referieren anläßlich der Buchvorstellung „Public Value 2010/2011“ Fachressorts aus dem Nähkästchen. Katharina Schnell darf berichten, dass sie die „fiktionale Abteilung“ leitet und diese durchaus real plant. Man will weg von „TV-Stereotypen“ und „Unterhaltung mit Haltung“ machen. Als bestes Beispiel erwähnt sie „Soko Kitzbühel“. Ina Zwerger ist für das Ö1-Radio-Kolleg zuständig und für sie ist das „Ideal der Bildung die Zweckfreiheit“. Das ist nebenbei der Satz des Tages: Das Ideal der Bildung ist die Zweckfreiheit. Zweites Nebenbei: Leisten kann sich das aber nicht jeder, der in Medien macht. (Das sagt sie nicht dazu, da sie sich ihrer privilegierten Stellung offenbar nicht bewußt ist.) „Wir wollen eine zweckfreie Zone sein“, sagt sie über ihr „Radio-Kolleg“, das nur drei Themen pro Woche behandelt. „Wir bieten Qualitätsjournalismus“, sagt sie ferner und verwendet dieses Reizwort gerne, dessen Definition aber umstritten ist. Sie sagt ferner über ihre Radiosendung: „Wir wollen Tiefgang und Komplextät vermitteln“ und „keine Tagesaktualität“. Die Sendungen planen die Macher zwei Monate voraus. Und dann fällt noch das Wort „Biodiversität“, ein Wort das keiner wirklich kennt, das einerseits in der Biologie Anwendung findet (Vielfalt der Arten), aber auch in der Migrationsdebatte (Vielfalt der Ethnien) und nun auch in der Radiodebatte aus dem Mund von Radioverantwortlicher Ina Zwerger (Vielfalt der Themen). Nebenbei: Die UNO hat 2010 zum „Internationalen Jahr der Biodiversität“ festgelegt.

Die leitenden ORF-Mitarbeiter Michael Kerbler (Ö1 Im Gespräch), Wolfgang Wagner (TV Information) und Ina Zwerger (Ö1 Radio-Kolleg) erzählen von ihrer Arbeit. (Foto: Oswald)

Nicht über Biodiversität redet sich der bullige Karl Wendl heiser, sondern um den Fall Strache und Am Schauplatz. Er referiert minutenlang die OGH-Entscheidungen rund um die „Heil Hitler“-Affäre, um in den Satz zu gipfeln: „Nur Medien, die sich dem Qualitätsjournalismus verpflichten, dürfen die Rechtssicherheit erwarten.“ Wolfgang Wagner von der ZIB-Information darf zum Thema ausführen, warum in Vorwahlzeiten Parteien unterschiedlich lange im Fernsehen vorkommen und Michael Kerbler, ein Mann von Bildung und mit eleganter Hornbrille, darf den Satz sagen: „Meine Sendung „Im Gespräch“ ist kein Interview, sondern Entschleunigung pur.“ Man dürfe keine großen Erwartungen an ein Gespräch haben, die Sendung sei schon gelungen, „wenn zwei Personen ins Gespräch kommen.“ Diese Erwartungshaltung ist bescheiden, vor allem künstlerisch angelegt.

Zufriedene Mitarbeiter ohne Lebenssorgen

Die Mitarbeiter sind zufrieden mit dem Arbeitsklima im ORF, das viele schöne Sendungen mit Langmut erzeugt. Zum Ende sagt Direktor Wrabetz seine Schlussworte: „130 Mitarbeiter berichten mit Begeisterung über das Haus.“ Der Bericht sei „ein guter Weg, die journalistische Qualität entsprechend darzustellen.“ Denn: „Es gibt viele Orientierungsfragen in der Gesellschaft.“ Und daher: „Was wir tun, ist Gutes für die Gerechtigkeit im Land.“

Gutes für die Gerechtigkeit im Land. Was für Sätze. Die hauen einem um. Wenn man solche Sätze aus dem Mund von Medienmachern hört, meint man sich in einer Vollversammlung der UNO. Allzeit bereit und für alle Fragen offen. Nicht zu speziell, um niemanden zu verprellen. Besser generell, damit auch das Pensionistenheim am Drücker bleibt. Das Budget ist vorhanden, es betrug im Vorjahr rund 800 Mio Euro, um das extrem technikgestützte Arbeiten zu ermöglichen.

Was steht nun in diesem Bericht? Viele Worte. Viele Grafiken. Am Übersichtlichsten sind die Datenblätter. Aus diesen gehen Zahlen hervor, von denen hier einige genannt werden.

orf.at

Datenblatt Seite 13: orf.at ist zweifelsfrei die quotengrößte Webseite Österreichs. 39 Mio Visits im Monat (+10 % zu 2009) von 4,7 Mio Unique Clients (+ 13% zu 2009). 257 Mio Page Impressions pro Monat (+ 3% zu 2009), davon 95% auf orf.at Seiten mit redaktionellem Content. Diese Zahlen sind enorm. Die Daten in Beitragsmengen:

All das zusammen macht: 206.678 veröffentlichte Beiträge im Jahr 2010 auf orf.at und ihren Subseiten. Speziell auf der Seite news.orf.at gliedert es sich so: 9.053 publizierte Beiträge in 3.412 Themengruppen (2009: 9.227 in 3.525), 19.705 Nachrichtenmeldungen (2009: 16.300) und 3.504 ergänzende audiovisuelle Elemente (2009: 2.800).

Geisterfahrer, Rat auf Draht

Datenblatt Seite 23: Der ORF verbreitete im Radio im Jahr 2009 immerhin 390 Geisterfahrermeldungen, im Jahr 2010 aber 402. Die Webseite für Jugendliche „Rat auf Draht“ verzeichnete im Jänner 2010 17.328 telefonische Anfragen, im September 14.113 und im Dezember 11.631. Die Schwerpunktthemen waren „Persönliche Probleme“ (34%), Sexualität (21%), „allgemeine Fragen“ (14%) und „Familie“ (12%).

Gehörlose, Blinde, Mildtätigkeit

Datenblatt Seite 51: Der ORF startete im September 2010 eine Gehörlosen-Offensive und untertitelte von September bis Dezember 2010 zusätzlich zum Standardprogramm in diesen vier Monaten weitere 545 Sendungen oder 390 TV-Stunden. In Summe sind mit Stand Dezember 2010 im ORF 47,8% aller Sendungen untertitelt. ORF macht auch Fernsehen für Blinde: 291 Audiodeskriptionen wurden zu Informationssendungen gemacht und 173 Audiodeskriptionen zu Spielfilmen, die nun „Hörfilme“ sind. Spendenaufrufe von Hilfsorganisationen (mit Spendengütesiegel) stellt der ORF kostenlos ins Programm. Im Jahr 2010 waren 271 Spots von Hilfsorganisationen im Fernsehen zu sehen und 2.882 Spots im Radio zu hören.

Es ist im übrigen nicht der erste „Public Value Bericht“ des ORF, sondern der dritte. Doch auch vorher erschienen immer Bücher zum ORF, die eine Art Bestandsaufnahme waren.

Zu Beginn der Ära Gerhard Zeiler, der im Oktober 1994 antrat, wurden die Almanache des ORF immer dicker. Dieser aus dem Jänner 1996, der das Jahr 1995 reflektiert, ist immerhin 456 Seiten dick und lässt kaum ein Detail aus. (Foto: Umschlag Almanach 1995, Source: Dokumentationsarchiv Oswald 1090/DAO)

2001 ließ der ehemalige Generalintendant Franz Ferdinand Wolf ein 256 Seiten Buch folgen, das sich mit 25 Jahren ORF beschäftigt. Ebenso eine Leistungsschau. (Foto: Umschlag, Source: Dokumentationsarchiv Oswald 1090/DAO)

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

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