Medien und Kritik – Das Online Magazin

Heute beendete Marcus J. Oswald seinen Facebook-Auftritt

Posted in Facebook, Internet by Pangloss on 2. März 2011

Facebook wurde zum Aussendungsdienst von Scheinaktivitäten und für Konzerne. Beides wollte der Herausgeber nicht mehr. Nach dem Einstieg am 26. Oktober 2009 folgte der endgültige Ausstieg am 2. März 2011. Das Profil wurde Stück um Stück manuell wegradiert. Seither gilt wieder der bewährte Satz von der Tür: Bitte kein Reklamematerial. (Foto: Robinson-Liste/Oswald)

(Wien, am 2. März 2011) Heute beendete Marcus J. Oswald seinen Facebook-Auftritt. Der Auftritt begann am Nationalfeiertag, dem 26. Oktober 2009 und endet am 2. März 2011 in einem spontanen Entschluss, der keine Kurzschlusshandlung ist, sondern der mit einem Diskutanten gut besprochen wurde. Der Löschvorgang ist bei „Facebook“ nicht ganz so einfach. Das US-Portal will sich sichern, dass man es sich noch einmal überlegt und zurückkehrt. Daher kann man zwar das Profil löschen, doch es verschwindet nicht. Erst der manuelle Löschvorgang der einzelnen Ebenen, Threads, Bilder und Schichten bringt die Lösung. Er nimmt knapp zwei Stunden in Anspruch. Um 16 Uhr 24 ist das Facebook-Profil „Marcus J. Oswald“ ausradiert. Es wurden 48 Bilder von sich und teilweise mit anderen so sorgsam gelöscht wie sie eingestellt wurden, dann einige Ebenen auf der „Pinnwand“ und an anderen Wänden, 299 ungelesene Veranstaltungsvorschläge, von denen kein einziger besucht wurde, zwei Duzend neue Freundesvorschläge, von denen man keinen einzigen je zuvor gesehen hat, und 90 „Freunde“, darunter auch viele „falsche Freunde“, wie man umgangssprachlich sagt. Nach zwei Stunden Arbeit ist das Werk vollbracht: Marcus J. Oswald ist nicht mehr „auf Facebook“.

Die Entscheidungsgründe:

1. Dialogarmut: Ein wesentliches Prinzip der öffentlichen Kommunikation ist die Duo-Direktionalität, genannt auch Dialog. Dieser „Dialog“ ist auf „Facebook“ nicht vorhanden. Facebook degenerierte – zumindest in Österreich – zu einem Aussendungsdienst. Damit ist das Portal vergleichbar mit APA-OTS oder Pressetext Austria. Auf APA-OTS werden pro Tag bis zu 600 Nachrichten unterschiedlicher Leistungsgruppen der Gesellschaft, gestaffelt nach Vermögen, syndiziert. Eine Aussendung kostet dort 120 Euro plus Steuern. Auf Facebook ist die Aussendung kostenlos. Umso mehr wird „ausgesandt“. Entgegen aller Kommunikationsprinzipien des Sprechens und Zuhörens in Wechselwirkung wird auf Facebook nur gesprochen. Zeit zum Zuhören ist offenbar nicht viel, denn mit einem Klick ist man auf der Pinnwand des „Freundes“ und danach auf der Pinnwand des nächsten Freundes. Wie Streusalz werden Nachrichten ausgeschleudert. Morgen ist auch noch ein Tag. Der nächste nämlich. Am nächsten Tag werden neue Nachrichten ausgeschleudert wie Streusalz. Es verliert sich. Ohne Zusammenhang werden mit der Streusalzschleuder neue Themen eröffnet. Beliebt sind Boykott-Aufrufe, Anti-Signale und Gegen-Kampagnen. Es ist wie mit dem übervollen Hausbrieffach. Unter jedem Briefkasten in einem Zinshaus steht eine Rundablage, genannt Müllkorb. Ist der Briefkasten voll, nimmt man den Poststapel, lässt ihn prüfend durch die Finger gleiten und mancher Brief fällt ungeöffnet in die Rundablage. Der Vorgang am Briefkasten dauert pro Tag nicht länger als eine Minute. In einer Minute entscheidet man, welche Prospekte, Aussendungen und Briefe man annimmt und liest und welche man fallen lässt. Am Hausbrieffach ist so, dass die Post, die einen erreicht, peer-to-peer kommt, also an den ureigenen Adressaten. Der Informationsstrom hält sich in Grenzen. Wenngleich: Wer journalistisch arbeitet, hat seit Jahren einen täglich vollen Briefkasten. Dann Facebook: Dort erreichen einen Streusalzsendungen von Freunden von Freunden im Massenversand. Das ist interessant, kennt man ja schon die Freunde in Wahrheit nicht. Und dann die Freunde der Freunde und ihre Sorgen. Man wird zum Kümmerer für die ganze Welt. Oder man dreht sich raus und Facebook für immer ab.

2. Es gibt drei Formen, die den Ausschlag geben, warum etwas medial aufscheint. Die drei Gründe des „medialen Aufscheinens“ sind: a1. Aktualität des Ereignisses, a2. regionale Nähe des Ereignisses, a3. Besonderheit des Ereignisses. Diese drei Bausteine sind die Bausteine des medialen Lebens, das filtert, auswählt, koordiniert, deutet und erklärt. Das Hoheitswissen der Zeitungen (und Massenmedien allgemein) definiert sich in diesen drei Punkten. Der Leser von Medienprodukten (was auch Facebook ist; es ist „Medienprodukt“) wollen lesen, was zumindest gestern war oder bis gestern galt (Aktualität/a1), zumindest im erweiterten Umkreis des eigenen Lebensraums, zum Beispiel in „Österreich“ (regionale Nähe/a2) und von einer so großen Besonderheit ist, dass es einen wirklich interessiert und die Wahrnehmungsschwelle reizt (Besonderheit/a3). Im Idealfall ist es das „gestern/mitten in Wien/stattfindene Erdbeben in der Stärke Richterskala 9“. Im ganz besonderen Idealfall fiel dabei ein sechsjähriges Mädchen, im noch größeren Idealfall mit seiner Zwillingsschwester in einen 70 Meter tiefen Brunnenschacht und wurde im idealsten aller idealen Fälle nach sechs biblischen Tagen des Ausharrens am siebten Tag durch tapfere Retter unversehrt geborgen. Obwohl bei diesem Erdbeben 60.000 Tausend Wiener starben, überlebte das Zwillingskinderpaar am siebten Tag die Rettung. Sie geben der ganzen Stadt Hoffnung und Kraft und der Brunnen wird zugeschüttet und es wird an der Stelle eine Kirche errichtet. Geschehen und gesehen kürzlich in Chile, 1998 in Lassing, 1912 auf der Titanic und am 19. November 1949 soll in Johanngeorgenstadt (DDR) das vermutlich größte Grubenunglück aller Zeiten mit 6.000 Toten stattgefunden haben. Diese Dinge sind groß und elementar. Was liest man auf Facebook: „Mir ist fad.“ Dieses steht dann medial nachzulesen. Wofür Medien aber nicht entwickelt wurden.

3. Freundeskreise: 17 Monate auf Facebook brachten 90 Freunde. Von diesen 90 Freunden kannte Marcus J. Oswald persönlich nur elf, davon zwei, die er nur einmal zu Gesicht bekam und ein paar Worte wechselte. Ein anderer „Freund“ meldet sich seit drei Jahren telefonisch nicht mehr, gab aber, wohl aus Verlegenheit, alle drei Monate ein Facebook-Statement in Fünf-Zeilen-Länge ab. Ein „Freund“ lebt ist Budapest und ruft alle vier Monate einmal an. Ein „Freund“ hatte eine Weile gerichtliche Schwierigkeiten, meldete sich damals unregelmäßig, aber oft, seit die Schwierigkeiten eingestellt sind, nicht mehr. Einer will „Freund“ sein und ist auf mindestens fünf „Sozialen Netzwerken“ parallel registriert und zugegen. Einer ist als Anwalt nur deshalb auf Facebook, weil er meint, dass ihm Kunden zufliegen, er schrieb in 17 Monaten kein einziges Wort. Ein weiterer ist auf der ständigen Suche nach Frauen und verwechselt Facebook mit einem Basar. Nur ein einziger Facebook-„Freund“ traf sich regelmäßig mit Marcus J. Oswald. Erst heute wieder. Er ging fast zeitgleich rund um den Nationalfeiertag 2009 „auf Facebook dazu“. Die restlichen 79 angeblichen „Freunde“ schrieben kein einziges Mal ein „Hallo“ oder ein „Email“ oder baten um ein Treffen oder Gespräch. Manche „Freunde“ waren Fake-Profile, die weder Mann noch Frau sind und Spielchen spielen, um möglichst viele „Freunde zu sammeln“. Das führt zur Frage: Was ist Freundschaft? Freundschaft, das muss man klar sagen, ist mehr als per Mausklick mit einem „Facebook“-Freund verbunden zu sein. Freundschaft heißt, mit jemamdem im Caféhaus sitzen, mit jemandem ins Kino gehen (mit allem Ritual der Vorfreude davor und dem ausklingenden Gespräch danach), mit jemandem Sport betreiben (Radfahren, Tischtennis, Billard, Fussball, Schwimmen), mit jemandem zum Begräbnis gehen, jemandem Geld leihen oder ihm zuhören. Freundschaft ist in der Realität verankert, nicht im virtuellen Raum. Nur zu einem geringen Prozentsatz kennen sich Facebook-Freunde zuvor und in einem nur sehr geringen Prozentsatz lernen sie sich real kennen. Facebook-Freundschaften beginnen und enden mit einem Tastenanschlag. Reale Freundschaften sind belastbar. Facebook-Freundschaften gehen nicht „durch Dick und Dünn“, wie Mobbingattacken und Selbstmorde danach zeigen. Freundschaft ist ein Sozialverhalten, das der Mensch von Kind an durch ein vertrauliches, solides Umfeld lernt oder eben nicht. Es basiert auf Vertrauen, das man von Kind an lernt oder nicht. Wer Freunde hat, ist angekommen und zufrieden. Facebook-Freunde sind „auf Suche“ und tendenziell unruhig. Im realen Leben würde niemand auf die Idee kommen, hunderte „Freunde“ zu akkumulieren. Vier gute genügen, vielleicht fünf im erweiterten Kreis. Wer hat schon mehr? Facebook stimuliert eine Art Gier, eine Königsleiter. Der beste ist der, der „am meisten“ Freunde hat. Manche haben tausende „Freunde“. Von denen sie vermutlich nur zehn kennen. Oder gar keinen. Das dubiose System der „Freundmaximierung“ ist abstoßend. Es entspricht nicht dem realen Sozialverhalten des Menschen. Am Ende, nach 17 Monaten „Facebook“, war es so: Mit einem einzigen der „90 Freunde“ gab es regelmäßig Treffen und Gespräch. Ob man sich über Facebook kennenlernte? Nein: Im Jänner 2009. Er rief telefonisch an. Auf Facebook ging dieser Mann erst im Oktober 2009 dazu.

4. Regionalität: „Facebook“ ist eine Luftblase, die vorgaukelt, dass man plötzlich sein Lebensinteresse von einem Kontinent in einen anderen verlagert wie eine tektonische Plattenverschiebung. Das widerspricht dem menschlichen Interesse. Das durchschnittliche Verhalten des österreichischen Menschen ist so: Das Kind lebt in einem kleinen Dorf, geht in die nächstgrößte Stadt zur Mittelschule, maturiert vielleicht, geht in der Region zur Arbeit, oder, ganz mutig, in die nächstgrößere Stadt zum Studium. Der Bewegungsradius des Menschen übersteigt im Durchschnitt seines Lebens 200 Kilometer nicht. Ein hoher Prozentsatz der Menschen verlässt Zeit seines Lebens seinen Geburtsort nicht weiter als 30 Kilometer. Er bleibt auf seiner Scholle, auf der er geboren wurde, geht in der Region zur Schule, dann in die Lehre, dann in die Arbeit, gründet in der Nähe mit Frauen oder Männern aus der Umgebung eine Kleinfamilie, die größer wird und vervielfältigt und reproduziert sich aus seinen (hoffentlich) gesunden Genen Mal drei oder vier und bleibt im letzten Drittel seines Lebens – so er nicht dazwischen zur Freundin ins Nachbardorf geflohen ist – im Haus, das er vor vierzig Jahren gebaut hat und züchtet Blumen. Der Lebensabend dient dann der sozialen Funktion in der Region, das Reisen wird beschwerlich. Der Grabstein steht im Ort der Geburt. „Facebook“ will Globalisierung und Migration als Standard vorgaukeln. Es simuliert, dass der Mensch ab seinem 14. Lebensjahr ein hohes und höchstes Interesse hat, die weltweite Migration am Leben zu halten. Die Migration als Gesellschaftsbewegung hat jedoch den Nachteil, dass sie unbeliebt ist. Die Simulation von „Facebook“ nach Internationalisierung der Wanderströme und „Freundschaften“ deckt sich nicht mit der Lebenspraxis des Menschen. Wohl respektiert der vernünftige Mensch den Nachbar, er ist aber nicht gewillt, mit ihm zu tauschen. Migrationsbewegungen sind keine Freiwilligenreisen mit Neckermann, sondern Notbewegungen aus Hunger, Durst und Krieg. Welchen Vorteil soll es für Europäer haben, dass 26% der amerikanischen „Facebook“-User Pensionisten sind, wenn die Einreise nach USA so kompliziert wurde, dass man es bleiben lässt. Will man überhaupt wissen, wie die Pensionsgesetze in Florida sind, wenn man nie dort war? Tatsache ist, und es ist wie bei den drei ehernen Gesetzen der Medienpräsenz: „Facebook“ funktioniert auf der internationalen Ebene, die es bespielt, überhaupt nicht. Der Mensch agiert ausnahmslos lokal. Würde sich „Facebook“ regionalisieren, Landesseiten haben, die auch optisch und regional angeglichen funktionieren, würde es ein anderes Urteil bringen. „Bekanntschaft“ (der Begriff „Freund“ ist inflationär zerredet) bringt nur im maximalen Umkreis von 200 Kilometer etwas. Also in Zurufweite der modernen Zivilisation. Wer sich in Wien ausmacht, in zwei Stunden mit dem Zug in Linz zu sein, wird „Facebook“ regelmäßig nutzen wollen. Wer einmal im Jahr 8.000 Kilometer nach Australien fliegt, braucht es nicht. Der schreibt ein Email, das nicht jeder mitlesen kann.

5. Öffentlichkeit. Das führt zum Stichwort. Anno 2011 tut jeder so, als gäbe es im österreichischen Strafrecht keine §§ 118, 121, 122 und so weiter. Darin ist geregelt die Verletzung des „Briefgeheimnisses“, des „Berufsgeheimnisses“, des „Geschäftsgeheimnisses“ und solche Dinge. 2011 meint man, dass man alles öffentlich schreiben muss. „Facebook“ ist keine redaktionelle Einheit, aber ein öffentlich zugängliches Medium. Es gibt keinerlei Redaktionsschutz. Es schreiben darin Amateure über persönliche Befindlichkeiten, berufliche Dinge, geschäftliche Dinge. Es ist ein Gegenwartsmuseum geworden. In jeder Vitrine steht ein Schatz. Der Vorhang vor der Vitrine fehlt. Die Öffnungszeit ist rund um die Uhr. Es sind derzeit alle ganz geil darauf, auf „Facebook“ und sich in die Auslage zu drängen. Die Bühne wurde riesengroß. Millionen wollen endlich einmal ihren Narzissmus ausleben, beleuchtet werden, Applaus bekommen, ausgepfiffen werden. Der Kater folgt hinterher. Kürzlich stand in Wien ein Mann vor Gericht, der einen Theaterregisseur auf „Facebook“ alles möglich nannte, nur nichts Nettes. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Ein paar Monate danach beging ein 13-jähriger Selbstmord, weil er sich von Mitschülern „gemobbt“ fühlte. Amateueranalytiker lassen sich auf Facebook über Weltpolitik und regionale Politik aus, schreiben „frei von der Leber“. Und nun die neue Qualität: Die Polizei geht auch auf Facebook. Nicht auf Streife, nein, nicht uniformiert, in Zivil. Und ganz amikal. Man kann sich noch gut erinnern, wie das österreichische Bundeskriminalamt seinen „Facebook“-Auftritt im Dezember 2009 zum Start hinlegte. Mit dem Du-Wort: „wir sind durch schaffung der bk-facebook-seite auf dem richtigen weg und du auf der richtigen facebook-seite!“ Das Bundeskriminalamt weiß ganz genau, wie man Vertrauen aufbaut und Vertrauensmänner kostenlos heranzieht. Das deutsche Bundeskriminalamt ging den gleichen Weg: Niederschwellig, in Augenhöhe, kontrolliert. Das amerikanische FBI ist auch auf „Facebook“ und es gibt ein internes Papier, das auf Wikileaks bekannt wurde, das besagt, dass die US-Behörden soziale Netzwerke wie „Friendster“, „My Space“ und „Facebook“ gezielt für die soziale Analyse der Gesellschaft und ihre Strukturen heranziehen – und konkret auch darin ermitteln, wenn es hart auf hart geht. Insgesamt: Seit dem Einstieg der „Polizei“ auf „Facebook“ fiel die Intimität. Dass die Polizeien früher oder später auch offiziell draufgehen, war klar. Wie viele verdeckte Ermittler und Vertrauensleute der Polizei mit fiktiven Profilen und Legenden auf Facebook bereits vorher dabei waren, ist unklar. Man kann von einem kleinen Prozentsatz schon ausgehen. Die private Öffentlichkeit, der innere Widerspruch, die contradictio in adiecto, ist damit gefährdet. Es wird nicht mehr lange dauern, werden in Gerichtsakten auch die Facebook-Protokolle ausgedruckt beiliegen. Marcus J. Oswald sind Gerichtsakten aus 2004 bekannt, wo GMX-Profile von Diskutanten und deren Emails dechiffriert wurden und plan in einem Gerichtsakt lagen. Dazu mussten aber Richterbeschlüsse nach München zur GMX-Zentrale gefaxt werden und das dauerte. In Zukunft werden weniger aus der Mode gekommene Diskussionsgroups und Chatrooms enttarnt werden, sondern offen liegende Pinnwände bei „Facebook“. Das ist weniger aufwändig, bringt auch was und Behörden arbeiten eben nach diesem Muster: Warum kompliziert, wenn es einfach auch geht. Das „Frei von der Leber“-Schreiben auf Facebook wird in Zukunft viele Gerichte beschäftigen. Vor allem, wenn die Polizei laufend ankündigt, dass der größte Erfolg in der Fahndungsquote bei „Internetkriminalität“ (Cyberkriminalität) liegt. Und dabei geht es nicht nur um das Anzapfen von Omas Bankkonto. Sondern um Geschriebenes. Kurzum: Die gesellschaftlichen Äußerungen auf „Facebook“ nehmen zu. Die Präsenz der Polizei mit eigenen Profilen auch. Die Fanbase der Polizeiwebseiten wächst, wobei die Fans vergessen, dass ihre Seite dann von der Polizei auch offen gelesen werden kann. Es ist so wie wenn man mit dem Demonstrationsschild direkt aufs Wachzimmer geht. Die Tierschutzaktivisten können ein Lied davon singen. Von Öffentlichkeit und der behördenseitigen Interpretation. Man lobt sich wieder das vertrauliche Gespräch. Mag man es konspirativ nennen oder nicht. In Zukunft.

6. Kommerizialisierung: Ein neuer Trend auf „Facebook“ ist, dass immer mehr Großunternehmen ihre Webseiten auf dem Portal eröffnen, um eine globale Marke zu pushen. Was das mit einem „sozialen Netzwerk“ zu tun hat, dass Großfirmen wie Dior, Prada, BMW, Mercedes und andere ihre Firmenpräsenzen auf „Facebook“ errichten, muss einmal jemand ausdeutschen. Manche Firmen gaben sogar ihre eigentlichen Webseiten auf und schlüpften direkt ins grässliche Design der „Facebook“-Seite. Lässt man die Selbstaufgabe solcher Firmen beiseite, die ihrem eigenen Webdesignauftritt nicht mehr trauen, muss man sich fragen, was Großkonzerne auf Facebook zu suchen haben? Beantworten kann man es nicht. Aber sagen, dass es bei Facebook eben nicht um „soziales Netzwerk unter Freunden“ geht, wie vorgespielt wird, um Neueinsteiger anzuwerben. Sondern die Herde, die Masse dient dazu, um den Konzernen die große Bedeutung, die große Präsenz, die große Auflage schmackhaft zu machen. Es ist im Wesentlichen das Gleiche wie bei der Industriefachpresse: Gibt man dort in einer beliebigen Branche ein Fachmagazin heraus, braucht man nur wenig zu können: Drei, vier Fachartikel im Monat schreiben, der Rest ist PR und bezahlte Werbung aus der Branche. Man schafft einen Werbemantel um einen dünnen Inhaltskern. Der dünne Inhaltskern bei „Facebook“ ist die soziale Kommunikation, die leider überhaupt nicht funktioniert. Wenn man von 90 „Freunden“ nur 11 persönlich kennt und mit einigen dieser Elf nur alle zwei Monate ein paar Zeilen austauscht, kann man nicht von sozialer Interaktion auf einem Funktionsgelände sprechen, das zufrieden stellt. Um diesen schmalen Inhaltskern (Stichwort: Soziales Netzwerk) breitet „Facebook“ nun zunehmend einen breiten Werbemantel der Konzerne und Multis. Fehlt nur noch das „BP“ und „EXXON“ eine Facebook-Seite aufmachen oder Konzerne der Rüstungsindustrie, die genug Geld haben, um ihre Anliegen zu bewerben. Kürzlich hat der österreichische Konzern „BILLA“, der durch miese Bezahlung keinen guten Ruf hat, mit einer scheinheiligen „Weihnachtsaktion“ aufhorchen lassen, bei der man sagte, dass jeder, der „Fan“ des Facebook-Firmenauftritts wird, automatisch 1 Euro für einen karitativen Zweck spendet. Die Aktion der Marketingabteilung von BILLA war von vorne bis hinten erlogen. Denn die 50.000 Euro hätte man so auch gespendet. Man wandte aber den Erich Kästner-Satz „Tu Gutes und sprich darüber“ an: Zuerst bitteschön kommt in Scharen, bis 50.000 Fans (Obergrenze) spenden wir für jeden einen Euro. Damit war 2010 der Weihnachtskommerz auf die Spitze getrieben und „Facebook“ mittendrin. Nein, mit zuverlässiger, unkommerzieller, angenehmer Kommunikation hat das alles nichts mehr zu tun. Die kann man im privaten, im tatsächlich privaten Raum eher finden. Da muss man auch ein wenig suchen. Aber wenn man findet, sitzt dieser gegenüber. Nicht unter der Schreibtischlampe in irgendeinem entlegenen Winkel der Erde vor dem Computer.

Marcus J. Oswald stieg nach 17 Monaten am 2. März 2011 auf „Facebook“ aus. Das Löschen dauerte zwei Stunden. 17 Monate Facebook brachten keinen einzigen Arbeitsauftrag, keinen einzigen Freund mehr, den man „nach“ Facebook kennengelernt hätte, es brachte Zeitaufwand und Null Ergebnis. Man ist überzeugt: Es geht auch ohne. Denn es ging auch davor ohne.

Marcus J. Oswald (Ressort: Internet, Facebook)

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