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BILLA kauft Facebook-Fans mit Mitleidsmasche

Posted in Facebook, Internet, Kurioses by Pangloss on 17. November 2010

Billa betreibt Stimmenkauf mit Mitleid. (Screen: Billa-Newsletter, 17. November 2010)

(Wien, im November 2010) Es gibt viele Gründe, warum Leute auf „Facebook“ dazugehen. Kürzlich sagte ein Rechtsanwalt zum Herausgeber, dass er es nur tut, damit er neue Klienten bekommt. Allerdings war die Ausbeute schlecht. Bei „Xing“ hingegen kamen bald fünf neue Klienten. Xing ist nicht kostenlos, daher kein soziales Netzwerk, da man nicht alle Mitglieder kennenlernen kann. Bei Xing ist zuerst das „Premium“-Angebot um knapp 100 Euro zu ziehen, dann kann man frei surfen. Es ist ein Geschäftsmodell.

Profilbildung

„Facebook“ ist auch ein Geschäftmodell, aber sanfter, nutzerfreundlicher. Es bietet Einzelpersonen Profile an, bald einen eigenen Emaildienst. Während andere Netzwerke kaum einer kennt oder bedienen kann, will Facebook im Seitenaufbau noch handlicher werden, damit es auch Ungeübte (Silver Surver und andere Neueinsteiger mit Tagesfreizeit) nutzen. Es steckt die Apple-Philosophie dahinter. Mit dem Unterschied, dass Facebook nicht Kult, sondern Masse werden will. Was auch gut gelungen ist. 500 Millionen User sind nicht schwach. Das muss man einmal schaffen.

Werbepräsent für „guten Zweck“

Firmen und Konzerne gehen aber zunehmend mit fragwürdigen Modellen in Facebook. Zum Beispiel BILLA. Der einst „Billige Laden“ des Karl Wlaschek (heute 95 Jahre alt), nun bei REWE, geht auf Facebook und wirbt um Fans. Das ist nicht schlecht, soll sein. Auch BILLA ist in Österreich Breite, nicht Spezialitäten-Kult wie Meinl. Wo die Breite gefragt ist, ist man bei Facebook richtig. Dennoch ist der Zugang des Konzerns bedenklich: Man wirbt mit der Wohltätigkeits-Masche und kauft sich Fans, in denen man das schlechte Gewissen aktiviert. Wer „Fan“ wird, bekommt garantiert, dass der Konzern pro neuem Fan einen Euro spendet. An wen? An die Österreichische Kinderkrebshilfe.

Hochmütig und edel?

Es ist Weihnachtszeit und Spendenzeit. Spenden ist hochmütig und edel. Viele halten den Hut auf, auch dieses Journal schickt wieder Spenden-Emails aus, um das Werkl ins nächste Jahr zu finanzieren. Doch ein Konzern? Der Konzern (Billa, Merkur, Libro), lange in Hand der Erz-Kapitalisten Karl Wlaschek und des FPÖ-nahen Vorstandes Veit Schalle mit Umsätzen bis zu 4 Milliarden Euro pro Jahr? Man wächst weiter. BILLA hat die schlechtesten Arbeitsbedingungen, Sonntags offen, war lange im Zwist mit der Gewerkschaft. Viele möchten dort als Mitarbeiter nicht einmal angemalt sein. Die Leute können ein Lied davon singen (einer schrieb ein Buch mit dem Titel „Ich war mit BILLA verheiratet“).

Tool für Social Marketing

Die Frage ist, wieso ein Konzern, der satte Marketingmöglichkeiten hat, einen Facebook-Auftritt hat. Die Erklärung ist einfach: Es ist ein zusätzlicher Marketingauftritt. Neben Newsletter, den man ausschickt, klassischem Postwurf, Prospekten in Filialen, Radio- und TV-Werbung. Freilich ist zu bemerken, dass Facebook mit solchen Auftritten wie „BILLA“ Firmen Tür und Tor öffnet. Was kommt als nächstes? BMW, Mercedes, Ferrari, Dior, Patek Philippe, Omega, Chanel, Prada? All diese Firmen könnten einen Facebook-Auftritt aufmachen und darauf verweisen, dass sie für jeden „Fan“ einen Euro einer ethisch sauberen Organisation spenden. Der „Fan“ wird gerne Mitglied, weil er auf BMW, Omega und Prada steht und diese schon immer haben wollte. Diese Fans tapsen in die Falle des „Social Marketing“. Social Marketing tut so als wäre es kein Marketing, weil es um soziale Ziele geht, ist aber knallhartes Marketing, weil es um Kundenbindung an ein Kommerzunternehmen geht.

Kundenfang widerspricht Freiem Netzwerk

Der BILLA-Facebook-Auftritt ist beinahe die Umkehr des Prinzips der „freien Netzwerke“. Ein freies Netzwerk richtet seine Ausrichtung nach Freiwilligkeit und sozialem Interesse, nicht nach Konsumzwang und Kundenbindung aus. Es ist wie bei der Ehe: Die Geld- und Vernunftehe ist von kurzem Bestand, die Liebesheirat von ewiger Dauer. Fan-Mitgliedschaften auf Grund der goldenen Karotte vor der Nase zu begründen ist keine Fanbeziehung, sondern das Aktivieren von Besitzwunsch. Der Bayern München-Fan etwa ist Teil eines tatsächlichen sozialen Netzwerkes: Es steht in der Fankurve auch bei Regen und nach einer Niederlagenserie, obwohl er weiß, dass ihm der Klub nie gehören wird und er in seinem ganzen Leben nie einen Platz im Vorstand erhält. Der Facebook-Fan einer Non-Profit-Organisation geht für diese aus Sympathie in europäischen Städten auf die Straße. Doch der Fan eines Einzelhandelskonzerns? Was tut der? Im Geschäft einkaufen und überteuerte Preise zahlen. Mehr? Wohl kaum. Er finanziert bloß Vorständen höchste Gagen.

Falscher Bettler

BILLA wirbt mit dem Sozialtrick um Fans und es beschleicht einen das maue Gefühl wie beim vermeintlichen Versehrten-Bettler, der nach Ablauf seiner Bettelstunde die Krücken unter den Arm packt und mit der Tageslosung plötzlich unversehrt weggeht. (Schon gesehen in Wien.) Man fühlt sich arg getäuscht.

Es wäre Selbstverständnis, dass ein Konzern, der mit Unternehmen in Österreich 4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr macht, am Ende dieses Jahres einen Teil seiner Einnahmen mildtätigen Einrichtungen spendet. Es ist absolut nicht erklärlich, warum es dazu ein Junktim braucht: Werde Facebook-Fan von BILLA, dann spenden wir einen Euro pro Fan. Das ist Stimmenkauf und ein künstliches Hinauftreiben von Klickraten. Die ein BILLA Konzern nicht nötig hätte, da er ohnehin hohen Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung hat.

Für jeden Fan einen Euro.
(Screen: BILLA)

Einen Nachteil hat der Stimmenkauf: Wenn alle 500 Millionen Member Facebook-Fan von BILLA werden, wäre der Konzern blamiert und müsste Pleite anmelden. Man hat eine 50.000 Fan-Obergrenze eingezogen. Vorsorglich.


Marcus J. Oswald (Ressort: Kurioses, Facebook, Internet)

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2 Antworten

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  1. […] hat, mit einer scheinheiligen „Weihnachtsaktion“ aufhorchen lassen, bei der man sagte, dass jeder, der „Fan“ des Facebook-Firmenauftritts wird, automatisch 1 Euro für einen k…. Die Aktion der Marketingabteilung von BILLA war von vorne bis hinten erlogen. Denn die 50.000 Euro […]

  2. […] öffentliches Kunstprojekt mit Einbindung von Passanten, iPads und einer Facebook Charity nach dem Billa Modell. Zumindest wurde der Kunst gefrönt und die ‘Arts For Children and Youth‘ (AFCY) hat […]


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