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Richard Nimmerrichter – Immerhin 58 Mal vorbestraft

Posted in Medienrecht by Pangloss on 23. August 2009

Richard Nimmerrichter war der bestbezahlte Journalist Österreichs. Neben einem Gehalt hatte er eine 4-Prozent Jahresgewinnbeteiligung an der Krone. Am Ende seiner Laufbahn 2001 war er 58 Mal vorbestraft. (Foto: Buch Angeblich vertraulich - Staberl Erinnerungen. Bucharchiv Oswald 1090)

(Wien, im August 2009) Fast 37 Jahre schrieb Richard Nimmerrichter alias „Staberl“ seine Kolumne gleichen Namens in der „Kronen Zeitung“. In der Zeit von 1. Februar 1965 bis 1. Mai 2001 ließ er sie – mit zwei Ausnahmen – täglich erscheinen und wurde nicht täglich verklagt. Aber einige Male. Was daraus entstand: Er wurde 58 Mal – großteils – wegen § 111 StGB, also „Üble Nachrede“ verurteilt. Ungefähr gleich oft wurde er freigesprochen. In den letzten Jahren wurde er seltener geklagt, da es aussichtslos erschienen war, vor dem Gericht Recht zu bekommen. Außerdem hatte er nicht vor, den Stil seiner Kolumnen zu ändern.

Interessant ist, dass Nimmerrichter nie für Sachjournalismus oder falsche Recherchen geklagt wurde, sondern für Meinungskolumnen, denen keine Recherchen zu Grunde lagen. Dass Meinungskolumnen geklagt werden, ist in Österreich selten. Kolumnen werden meistens in Österreich nicht gelesen oder als so unbedeutend eingestuft, dass man sie überblättert, da sie nichts Neues bringen. Bei den meisten Prozessen erschien er nicht persönlich, sondern ließ das Ergebnis über den Anwalt ausschnapsen, den die „Kronen Zeitung“ vorschickte. Indirekt zahlte er diesen Anwalt (Kanzlei Korn in den 90er Jahren) selber, denn Nimmerrichter erhielt nach einer Abmachung ab Ende der 70er Jahre von Hans Dichand 4% Gewinnbeteiligung am Verlag der „Kronen Zeitung“, was in den 90er Jahren bei einem jährlichen Verlagsgewinn von bis zu bis 500 Millionen Schilling ein saftiges Zubrot im Jahr ausmachte.

Irrenarzt oder irrer Arzt

Diese finanziellen Hintergründe berichtet er in seinem Buch „Angeblich vertraulich“ nicht, denn er hat eine „großzügige Pensionsregelung“ mit dem „Krone-Verlag“, die eine Schweigepflicht mit sich zieht. Dafür berichtet er in seinen Memoiren ab Seite 187, wie es zu Verurteilungen nach „Übler Nachrede“ an heimischen Gerichten kam. Manche Fälle sind kurios. Einmal wurde er wegen eines Wortes, einmal wegen eines Buchstabens verurteilt.

Einmal bezeichnete er einen Wiener Psychiater, der einen späteren Kindesmörder als angeblich geheilt entlassen hatte, als „Irrenarzt“, was dieser klagte. Im Wiener Urteil hieß es dann: „Angesichts der weiten Verbreitung der „Kronen Zeitung“ und der überaus hohen Zahl der Leser, welche die Kolumne „Staberl“ zweifellos hat, ist nicht auszuschließen, dass zumindest einige dieser Leser die Bezeichnung „Irrenarzt“ tatsächlich für eine Umschreibung des Begriffes „geistesgestörter Mediziner“ halten könnten, wie dies der Kläger vorgebracht hat. Somit ist die Klagslegitimation des Klageführers als gegeben anzusehen, wodurch in weiterer Folge auch ein Schuldspruch zu verhängen war.“

Blattl statt Blatt

Einmal wurde „Staberl“ für einen Buchstaben verurteilt, da er in der Kolumne die „Kleine Zeitung“ als „Grazer Kirchenblattl Kleine Zeitung“ bezeichnet hat. Die Klage von Fritz Czoklich, Chefredakteur der „Kleine Zeitung“, richtete sich darauf, dass „Blattl“ geschrieben wurde und nicht „Blatt“. Das ergab auch eine Verurteilung nach „Üble Nachrede“. Nimmerricher wurde am Landesgericht Graz bei persönlicher Anwesenheit zu einer Geldstrafe verurteilt (seine 25. Vorstrafe).

In der Hauptsache wurde seine Kolumne von Politikern geklagt. In den Schlussjahren seiner Tätigkeit wurde er sehr oft freigesprochen. Unter dem Strich bleiben immerhin 58 Vorstrafen. Da der Verlag eisern hinter ihm stand, hielt die Kolumne, die am Ende tägliche 3.000 Tastaturanschläge umfasste, 37 Jahre durch. Das Ende war weniger freiwillig, wie er es gern darstellt. Außenstehende Quellen sagen, dass er 2001 wieder einmal Ariel Muzicant frontal angreifen wollte. In aller Freundschaft druckte Dichand die Kolumne nicht und man einigte sich auf eine Pensionierung mit kontrolliertem Abgang im Lebensalter von 79 Jahren.

„Hand aufs Herz!“

Aus der Situation des selbst oftmals gerichtlich Beklagten entwickelte er ein eher ironisch mildes Verständnis für Straftäter. In seinen Memoiren schreibt er dazu auf seine doppelbödige Art: „Hand aufs Herz! Wenn einer in unserer von Leistungsdruck und Arbeitsleid gekennzeichneten und rundum herzlosen Gesellschaft keinerlei andere Möglichkeit der Selbstverwirklichung mehr sieht: was anderes soll er denn tun, als eine Bank oder eine Tankstelle auszuplündern? Solche Objekte sind ja ohnehin von höchst anrüchiger Natur: die Banken mästen sich am sauer erworbenen Geld der werktätigen Massen, während die Tankstellen wiederum nur den niederträchtigen Ölmultis dienen. Zieht man dazu noch die so immens trostlosen Verhältnisse ins Kalkül, aus denen die zeitgenössischen Umverteiler zu kommen pflegen – Vater war ein prügelnder Säufer, Mutter ging am Strich, Lehrer und Meister überboten einander in hartherziger Unterdrückung -, dann wird man kaum noch umhin können, für diese ganz zu Unrecht als Übeltäter hingestellten Opfer der Gesellschaft angemessenes Mitleid zu empfinden.

Diskret unbeantwortet bleibt dann allenfalls nur die Frage, wieso andere junge Leute, die aus ähnlichen trostlosen Verhältnissen stammen, keineswegs zu sich selbst verwirklichenden Umverteilern geworden sind. Aber hier ist wohl auch zu bedenken, dass sich jeder, der in dieser verrotteten Leistungs- und Ausbeutergesellschaft noch immer unbescholten geblieben ist, von Haus aus ziemlich verdächtig macht.“ (Staberl-Erinnerungen, S. 189)

Kolumnen auf Leserbriefseite metastasiert

Nimmerrichter hat mit seinen kombattanten Kolumnen nicht nur Anhänger gefunden. Durch die Verklärung der Mehrheitsmeinung und populistischen Fensterbankansichten kam die Minderheitenmeinung etwas unter die Räder des Schlachtrosses „Kronen Zeitung“. Mittlerweile haben sich die „Staberl“-Kolumnen metastasiert. Seine Angreiferrolle übernahm das Heer der Leserbriefschreiber der „Krone“, die mittlerweile bis zu drei Seiten pro Ausgabe Raum für das Volk erhalten. Sie schreiben in seiner Tradition breitenwirksam, die Satzbausteine sind ähnlich. Von den Staberl-Klonen heißt es gerüchteweise stets, dass der eine oder andere fleißige Vielschreiber für das tägliche Beitragen einen kleinen Pensionszuschuss von Hans Dichand bekommt. Die meisten tun es ohne Sold.

Nimmerrichter hat eines geschafft: Reichtum. Er ist neben Zeitungsgründern und Verlagsbossen der reichste, noch lebende Ex-Journalist Österreichs. Schätzungen zufolge bewegt sich das Privatvermögen des heute 88-jährigen „Staberl“ bei 60-70 Millionen Euro. Er investierte es in Festwerte wie Bildende Kunst und Wohnungen und in vier ehemalige Ehefrauen, die großteils aus dem Asiatischen Raum kommen sollen. Alle Ehen blieben kinderlos. Seinen Neffen hat er kürzlich enterbt, weil ihm dieser den Vorhalt machte, dass ein Bild aus seinem Privatbesitz eigentlich ein Restitutionsfall sei. Den Vorwurf ein „Nazi“ zu sein, ließ er nicht auf sich sitzen.

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Staberl historisch, Auswahl: Am 14. Februar 1975 noch nicht so ein „Wadlbeisser“ wie in späten Jahren.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht)

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2 Antworten

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  1. […] Abschluss ausgesandt hat. Man kennt das von der „Kronen Zeitung“, das ein Foto seines Leibstandartisten Richard Nimmerrichter aka „Staberl“ nur alle 15 Jahre ausgetauscht hat, um keine Irritationen bei den Lesern aufkommen zu lassen und […]

  2. […] Dabei weiß man: Je tiefer die Felgen gelegt, umso lauter die Motoren. Oder mit dem 90-jährigen Staberl, ein Freund radikaler Erkenntnisse: „Wer’s nicht im Hirn hat, hat’s unter der Motorhaube.“ Feiner gesagt, mit […]


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