Medien und Kritik – Das Online Magazin

Die Augenbalkenkaskade – Gerichtssaalfoto aus der Provinz

Posted in Kurioses, Medienrecht by Pangloss on 21. Juli 2009

Ein Foto aus der Oberösterreichischen Bezirksrundschau, die über einen Kriminalfall aus Niederösterreich berichtet. Dieses Journal meint: Zu viele Balken machen ein Bild unnötig! (Fotoquelle: OÖ. Bezirksrundschau, 29/9. Juli 2009)

(Wels, im Juli 2009) Gutes zuerst: Erfreulich, dass die „Oberösterreichische Bezirksrundschau“ über einen niederösterreichischen Kriminalfall berichtet. (Der brutale Raub durch vier Rumänen an drei Priestern ging nahe.) Weniger erfreulich, dass der Bericht in der „Bezirksrundschau“ nur 141 Wörter umfasst, darunter ganz kurze („als“, „sie“, „und“, „die“, „vor“, „in“, „dem“) oder numerische wie „48“ (Alter des Haupttäters), „37“ (Einbrüche verübte die Viererbande), „14“ (Jahre erhielt der Bandenchef), „11“ (Jahre erhielt der Neffe), „9“ (Jahre erhielt der Cousin, dessen Lebensbeichte alles in Rollen brachte). Unerfreulich ist die Bilddarstellung aus dem Gerichtssaal.

Der kleine Schwarze

Das Foto des Berichterstatters Probst sah im Ursprung so sicher nicht aus. Doch die Zeitung bekam Federn, also Angst vor den „Ostbanden“ und etwaiger Vergeltung. Daher ließ man die Augenbalken purzeln. Das ist kritisch zu betrachten. Nicht nur der Bildausschnitt ist komplett daneben! Es sind drei angeklagte Rumänen im Gericht gewesen, im Bild sitzen nur zwei. Der beisitzende Richter ist an der linken Schulter angeschnitten, das Gericht ist unvollständig dargestellt. Alle (!) tragen Augenbalken: Sowohl zwei Angeklagte, ein Justizwachebeamter, eine Schöffin und zwei Richter! Die Frage stellt sich, wozu man so überhaupt noch ein Foto braucht. Denn: Dass Leute im Gerichtssaal sitzen, die Bänke braun, die Akten hoch, kann man sich auch ohne Bild vorstellen. Wenn man ein Foto bringt, sollte es etwas zeigen.

Wiener Kriminalkultur – Ab drei Jahren Haft immer Foto!

Wie ist die Kultur in dieser Sache in Wien? Abseits der furchtsamen Provinzgerichte? In Wien-City hält man es so: Hat ein Mann oder eine Frau ein festes Schmalz bekommen (ab drei Jahre Haft), ist es agrafos nomos (das ist altgriechisch und heißt: ungeschriebenes Gesetz), dass man ein Foto vom Verurteilten zeigen kann und auch zeigt! Ohne Augenbalken. Bei Strafen unter drei Jahren ziehen die Zeitungen den Schweif weit ein und bringen, wenn schon ein Foto, dann eines mit Augenbalken. Bei Ministrafen unter einem Jahr ist es Übereinkunft unter den Wiener Medien, dass man auf ein Foto verzichtet. Denn es ist bekannt, dass man eine Haft von einem Jahr auf der rechten Arschbacke absitzt und eher als Urlaub vom Alltagsstress bei Playstation, Kabelfernsehen im Haftraum und Tischtennis im Sportraum empfindet. Daher sollte man Mikroverurteilten nicht bildlich zusetzen. Schließlich hat Österreich zumindest 221.045 Vorbestrafte (1 aus 45). Aber nur wenige mit 14 und 11 Jahren Gewaltvorstrafe.

Seele des Bösen

Bei Schwerverbrechern, die Leute in deren Häusern überfallen und halbtot schlagen, ist es bei Gericht üblich, dass man die Gesichter zeigt, da Gesichter Spiegel der Seele sind. Der Leser will, so er diese Dinge überhaupt liest, in die Seele des Bösen blicken, also in die Augen. Dazu ist ein Balken nur hinderlich.

Der Augenbalken birgt Symbolik. Er kriminalisiert. Selbst nur Verdächtige werden mit dem schwarzen Balken medial schwer verdächtig. Der Balken kam erst in den 80er Jahren in Mode. Davor war alte Medienschule: Ohne Balken, ohne Namenskürzel – ohne Wenn und Aber! Früher, das belegen hunderte Kriminalberichte, durfte alles genannt und gezeigt werden. Es waren weit exaktere Berichte und Tatortfotos in Tiefenschärfe, von hoher Spannung. Heute wird alles abgekürzt, schlampig geschrieben, ein „mutmaßlich“ davorgestellt, schlecht fotografiert oder gar der Balken ins Auge gelegt. Das war’s.

St. Pöltner Medienrecht mit Detaillosigkeiten

So kommt ein Bericht mit 141 Kurzwörtern zu einem schweren Kriminalfall aus dem St. Pöltner Gerichtssaal in der „Oberösterreichischen Bezirksrundschau“ heraus, bei dem drei Angeklagte in Summe 34 (!) Jahre Haft ausfassen. Ein Bericht ganz ohne Details. Nach den 141 Wörtern ist man genauso klug als wie zuvor. In die Seele der Bösen schauen geht nicht, obwohl die Urteile rechtskräftig sind. Die Richter werden gleich mit kriminalisiert, indem man ihnen Balken ins Auge legt. Das Medienrecht fordert das keineswegs. Das gibt es nur in St. Pölten. Es ist St. Pöltner Medienrecht. Der Journalist Probst ist vermutlich mit der Bahn nach St. Pölten gefahren. Es war Geldvernichtung. Denn er brachte keinen Bericht nach Hause, der interessiert.

Aber ein Foto mit Seltenheitswert.

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Marcus J. Oswald (Ressort: Medienrecht, Kurioses)

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Eine Antwort

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  1. […] (ebenso empfohlen): Die Augenbalkenkaskade – Gerichtssaalfoto aus der Provinz (Schwesternmagazin „Medien und Kritik“, 21. Juli 2009, Beispiel LG St. […]


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