Medien und Kritik – Das Online Magazin

Jimmy Wales hat 6 Millionen Dollar eingenommen – er dankt

Posted in Internet, Wikipedia by Pangloss on 4. Januar 2009

Jimmy Wales kann später einmal sagen, dass er bei der Entdeckung der Neuen Welt auf der Santa Maria dabei war. (Foto: Pixel y Dixel pour la wikipedia)

(Globus, im Jänner 2009) Jimmy Wales hat einen Spendenaufruf für die Webseite „Wikipedia.org“ gemacht und viele sind gefolgt. 125.000 gaben etwas und sechs Millionen Dollar kamen in den Hut. Vier Millionen von Donatoren und zwei weitere von Großmäzenen. Damit sei die Online-Enzyklopedie bis Juni 2009 finanziell sicher.

Wird man in späteren Jahren einmal bewerten, wer die wirklich großen Seefahrer und Entdecker, die Kartografen des Wissens im internautischen Raum waren, wird Jimmy Wales einer derer sein, die auf der Santa Maria den Neuen Kontinent entdeckten. Andere mit ihm: Tim Berners-Lee, der HTML erfand. Marc Andreessen, der Netscape schuf. Auf den Begleitschiffen Nina und Pinta Steve Jobs von Apple, Bill Gates von Microsoft, Linus Torvalds von Linux und die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page sowie David Filo und Jerry Yang, die Yahoo entwickelten.

Sie waren alle kleine Buben, die gern mit dem Computer spielten, sich schlecht kleideten, nicht wirklich aufregend aussahen. Sie wurden die Architekten der Neuzeit. Ihre Ideen inspirierten Millionen User.

Jimmy Wales bedankt sich, dass ihm und allen, die es nutzen, die Vision von einem globalen offenen Buch finanziert wird.

Wikipedia ist kein Blog, kein Chatroom, keine staatliche Nachrichtenagentur, kein Think Tank, der Strategien erstellt, sondern eine weltweit verstreute Redaktion aus Freiwilligen, die ein wertfreies Lexikon schreiben wollen.

Freiwilligenheer

Diese Idee zu haben ist genial, großmütig und größenwahnsinnig. Sie in zahlreichen Landessprachen umzusetzen, übersteigt die Fähigkeit eines Einzelnen. Dennoch funktioniert es. Denn wie bei allen kreativen Fortschritten der Welt, stehen nicht Mammon und Profit im Vordergrund, sondern die inspirierende Kraft des weltumspannenden Einfalls. Es ist eine Aufbruchsstimmung wie damals, als die beiden Franzosen D‘ Alembert und Diderot mit ihrer Enzyklopedie begannen.

Natürlich gibt es alles schon: Die Encyclopedia Britannia, den Brockhaus, den Bertelsmann. Früher das Meyer Konversationslexikon. Um Konversation geht es auch heute noch, denn Grundlage ist die Information, auf deren Basis man tratscht. Den Stoff, über den geredet wird, ins Internet zu heben, ist die Vision von Wikipedia.

Kommunikationszentrale ist finanziert

Jimmy Wales verwendet die Spenden also für die 23 Mitarbeiter in der Wikimedia-Foundation (Stiftung), die er von 2003-2006 leitete, für Datensicherheit, Serverfarm, Technik, Workshops und Veranstaltungen.

Das andere Projekt dürfte nicht so gut laufen: Die Suchmaschine Wikia Search. Die Maschine sollte nicht mit Algorithmen wie Google Treffer besorgen, sondern von Menschenhand geführt werden. Am 19. Februar 2007 klang das gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ euphorisch: Von „hoher Qualität“ der Suchergebnisse war die Rede. „Werbung“ soll die Suchmaschine finanzieren. 40 Mitarbeiter und Entwickler werden von „Wagnisfinanzierern“ mit „vier Millionen Dollar“ bezahlt. Das war vor zwei Jahren. Üblicherweise ist im Internetgeschäft bei einer Firma dieser Größe dieser Betrag nach zwei Jahren verbraucht. Das Ergebnis ist dürftig.

Zweitprojekt Suchmaschine

Die Webcommunity scheint beim gewinnorientiert ausgerichteten Projekt Suchmaschine nicht so begeistert mitzuziehen und kostenlos mitzuarbeiten. Denn hier will eine Firma durch Werbeschaltungen mit Content, der von Freiwilligen stammt, Geld machen. Auch konnte Jimmy Wales nie ganz erklären, warum er parallel zur Wikimedia Foundation (=Wikipedia) 2004 den Kommerzbetrieb Wikia aus dem Boden stampfte, der sogar andere Start Ups (wie 2006 in New York) aufkaufte.

Wikipedia hingegen, das Original, ist werbefrei. Es schwebt, zumindest lautet so die Turnschuh-Philosophie nach Außen, im kommerzfreien Raum. Hier funktioniert die Motivation der weltweiten Schreibkräfte, da nicht Profit, sondern ein gewisses nostalgisch-altmodisches, humanistisch-philantrophisches Interesse an der pädagogischen Belehrung aller Weltbürger im Zentrum steht.

Jimmy Wales ist ein Entdeckungsreisender auf der Santa Maria. Man sollte es bei diesem Image belassen.

Und besser nicht erwähnen, dass der 42-Jährige (geboren in Alabama) Finanzwissenschaften studiert hat und in seinem vorigen Leben als Händler an der Terminbörse von Chicago gearbeitet hat. Solche Leute sind nämlich derzeit nicht sehr beliebt.

Marcus J. Oswald (Ressort: Internet, Wikipedia)

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: