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Das Sterben der Grossen – Helmut Voska (1942-2007)

Posted in Grosse Denker, Nachgesang by Pangloss on 18. Januar 2007

Helmut Voska (links) für das Nachrichtenmagazin Profil im Gespräch mit dem Wiener Staatsanwalt Lutz Moser, der 1985 am Landesgericht Wien gegen Bestechungsgeld von 7,5 Millionen Schilling ein Verfahren einstellte.
(Foto: Profil, 9. Februar 1987, Repro: Marcus J. Oswald)

(Wien, im Jänner 2007) Der Journalist Helmut Voska war keiner der ganz Großen. Keiner jener Schreiber in Zeitungen, die durch auffälligen Stil, durch besonderes Querdenken oder Starallüren präsent waren. Das hätte zum im konservativen ÖVP-Milieu tief verwurzelten Wiener wohl nicht gepaßt. Wer nach einem Jus- und Publizistik-Studium Mitte der 60er Jahre seine Laufbahn im ÖVP-Pressedienst beginnt, weiß ein Leben lang, was politischer Kadavergehorsam bedeutet. Ab 1966 war Voska persönlicher Pressereferent des ÖVP-Klubobmanns Hermann Withalm und ab 1968 Referent beim legendären österreichischen Finanzminister Stefan Koren.

1970 tauchte im September plötzlich ein neues politisches Magazin am österreichischen Markt auf, das aus einem Haufen elektrisierter, intellektuell und politisch ausgerichteter Köpfe bestand: Es hieß „Profil“. Gründer war der Sohn des jüdischen Wiener Klavierkabarettisten Gerhard Bronner, Oscar Bronner. Die frühe Mannschaft des „Profil“ bestand aus einer Mischung von 68-ern und bürgerlich-konservativen Autoren. Gründungsmitglied des Magazins: Helmut Voska.

1979 wurde er Chefredakteur unter dem primus inter pares-Herausgeber Peter Michael Lingens. Als Lingens nach der „Briefbogenaffäre“ 1987 gehen musste, wurde Helmut Voska von 1987 bis 1992 alleiniger Chefredakteur des damals wichtigsten Aufdeckungsmagazins in Österreich. 1994 schied er nach einem internen Redaktionsstreik aus und wurde Sprecher der Wirtschaftskammer Österreich.

Nicht viele Artikel sind aus Helmut Voskas Feder in Erinnerung. Da er eng mit konservativen Kreisen in Verbindung stand, auch damalige Politikredakteure wie Alfred Worm aus dem konservativen Lager kamen und der „Profil“-Verlag von der Raiffeisenbank finanziert wurde, konzentrierte sich das Magazin in seiner Zeit vielfach auf Investigationen im sozialdemokratischen Milieu. In den späten 80er Jahren war umgekehrt die politische Justizberichterstattung so umfassend wie nie zuvor und nie mehr danach in Medien.

Lutz Moser stürzte über „Profil“

Eine Sternstunde des Helmut Voska war der Sturz des Staatsanwalts Lutz Moser.

Helmut Voska konfrontierte den Wiener Staatsanwalt Lutz Moser am 26. Juli 1985 mit folgender Information: Ein Informant habe ihm angedeutet, dass Moser von Bela Rabelbauer 7,5 Millionen Schilling Bestechungsgeld kassiert hat, um ein Verfahren gegen den Millionenjongleur einzustellen. Staatsanwalt Moser bestritt diesen Vorwurf in seinem Staatsanwaltsbüro gegenüber Voska. Doch zwei Tage danach, am 28. Juli 1985, brachte er ein Geständnis zu Papier. Das Geld grub er aus einem Versteck in einem Weingarten aus. Das Strafmaß war 30 Monate Haft und es hätte am 28. Juli 1988 geendet, doch er wurde mit der Weihnachtsamnestie am 18. Dezember 1986 entlassen.

Im darauf folgenden Jänner 1987 kontaktierte Ex-Staatsanwalt Lutz Moser Helmut Voska im „Profil“. Daraus wurde nicht etwa eine Racheaktion. Sondern eine der interessantesten Geschichten überhaupt. Wenn man so will eine der wenigen Sternstunden des österreichischen Journalismus. Denn Lutz Moser wollte dem Mann, der ihn für eineinhalb Jahre hinter Gitter brachte, ein Interview geben.

Tiefenpsychologisches Gespräch mit Staatsanwalt

Das Gespräch dauerte mehrere Tage. Das Tonband lief mit. Der Dialog führte tief in die Seele eines Staatsanwaltes und des Berufs in den späten 80er Jahren am Wiener Grauen Haus. Ein Mann aus dem Burgenland, der sechs Mal die Schule wechselt, Hilfsarbeiter war, spätberufen Abendmatura macht, mit 25 Jahren schon vier Kinder hat, neben Jusstudium arbeitet, neben dem Gerichtsjahr in Wien noch Nachtwächter ist, um die Familie durchzubringen, sich scheiden lässt, weil er in Wien Staatsanwalt werden kann.

Der einen sechsjährigen Scheidungskrieg hat, noch einmal heiratet, als Beamter 7.000 Schilling verdient und von seiner zweiten Frau, die 25.000 Schilling verdient, die Alimente borgen muss, der sich noch einmal scheiden lassen will, dem Alkohol zuspricht und im Zuge dessen aus dem Justizdienst ausscheiden will. Der geplagt von Finanzsorgen und Eheunglück auf einen Mann stößt, der ihn fasziniert: Bela Rabelbauer, der „Mann mit dem Geldkoffer“. Dann ließ er sich bestechen.

Helmut Voska brachte den ersten Teil dieser nacherzählten Gespräche unter dem Titel „Die Beichte eines Staatsanwaltes“ im „Profil“ (50/1987) auf fünf eng bedruckten, fast fotolosen Seiten. Die Fortsetzung unter dem Titel „Wie ich über Nacht Millionär wurde, und welcher Denkfehler mich ins Gefängnis brachte“ erschien im Nachrichtenmagazin „Profil“ 51/1987.

Guter Stil

Die Qualität des Helmut Voska war nicht das Schillernde, Polemische oder Provozierende. Es mag sein konservativer Gestus gewesen sein, dass er keinen Thesenjournalismus betrieb, sondern sich auf das präzise Zuhören, Abbilden und Dokumentieren beschränkte. Und das machte er gut wie kaum ein anderer. Sein Wesensmerkmal war Fleiß und Kontinuität.

Insoweit ist er doch ein guter Stilist gewesen. Wenn man Stil mit weiträumigen Fragen und Antworten gleich setzt. In den 70er und 80er Jahren war er einer der besten Zeitungsinterviewer in Österreich. Gewiß: Auch einer, der in heutigen Medien keinen Platz mehr fände, in der sich die publizierten Interviews auf 3-Minuten-Handy-Verhöre beschränken.

Helmut Voska starb am 17. Jänner 2007 in Wien.

Marcus J. Oswald (Ressort: Große Denker, Nachgesang)

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