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Christian W. Mucha klagte den Standard sehr erfolgreich

Posted in Der Standard, Medienrecht by Pangloss on 16. November 2006

Christian W. Mucha ist ehrgeiziger Medienherausgeber in Wien. Nun räumte er in einer Fremdwebseite juristisch mit anonymen Postern auf, die sich negativ über ihn äußerten.
(Foto: Extradienst/1996, Repro: Oswald)

(Wien, im November 2006) Der Wiener Verlagsinhaber und Herausgeber Christian W. Mucha (etwa 46) ist das, was man journalistischer Borderliner nennt. Solche Leute sind Vielarbeiter und etwas sensibel, wenn es um den eigenen Kopf geht.

Mucha vom gleichnamigen Mucha-Verlag klagte nun die Tageszeitung „Standard“, weil einige „anonyme Poster“ auf Standard-Online ihm mit zu kritischen Äußerungen auf den Sack gingen. Und: Er bekam Recht. Der „Standard“ musste im Auftrag des Gerichts die Nicknames dechifffrieren und diese wurden einvernommen. Unter ihnen: Ein ehemaliger Mitarbeiter des Mucha-Verlags, ein Kreativchef einer großen Werbeagentur und andere Experten. Diese Personen müssen nun die Verfahrenskosten tragen.

Mucha-Anwalt, der das Eis im österreichischen Online-Markt taute: Dr. Oliver Scherbaum.

Aprilscherz als Auslöser

Wie Christian W. Muchas Fachzeitschrift ExtraDienst berichtet, begann die Causa im März 2006. Damals veröffentlichte Mucha auf seiner Webseite www.extradienst.at einen lustigen Beitrag, wonach seine Leute wegen des schlechten Wetters streikten. Mucha beschäftigt rund 35 Mitarbeiter.

Auf der Medienseite des „Standard“, die größte ihrer Art in Österreich (rund 300.000 Zugriffe monatlich nach Eigenangaben), nahmen einige Leser die unterhaltsame Meldung zum Anlass, verspottende Äußerungen zu machen. Nicknames: „silberrücken“, „mäandertaler“ oder „euernextertexter“.

Die Beiträge wurden rasch gelöscht. Doch zeitgemäß innerhalb der sechswöchigen, rechtlichen Abtaufrist brachte am 20. April 2006 der Mucha-Anwalt Dr. Oliver Scherbaum eine Klage nach „Übler Nachrede“ (§ 111 STGB) und „Beleidigung“ (§ 115 STGB) gegen die Oscar Bronner AG ein und die Auswirkungen waren erst sehr spät für die Tarnnamenschreiber spürbar.

Die Dinge nahmen ihren Lauf. Am 2. Mai 2006 gab das LG Wien der Klage Statt. Der „Standard“ legte bei der Ratskammer des LG Wien Beschwerde gegen die Herausgabe der Klarnamen ein. Diese wurde am 10. Juli 2006 abgewiesen. Die Decknamen mussten „geöffnet“ werden.

Kein Prozess, aber Klarheit

Einen Prozess gab es noch nicht – und gibt es auch nicht. Wie Christian W. Muchas Fachzeitschrift ExtraDienst berichtet, wurde dem Verlag in der Mariahilferstraße, Ecke Zieglergasse „dieser Tage“ das „Ergebnis der Ermittlungen“ zugestellt. Die Vernehmung der Personen, die sich hinter Fabelnamen versteckten und vom Leder zogen, ist abgeschlossen. Damit gibt sich Herausgeber Christian W. Mucha zufrieden.

Interessant ist sicher, dass es sich um einen Kreativdirektor einer großen Werbeagentur handelt, einen ehemaligen Werbeagenturchef, um einen langjährigen, leitenden Mitarbeiter des Mucha-Verlags und um Mitarbeiter von direkten Konkurrenzmedien. Diese Leute schrieben also auf eine Juxmeldung gehässige Stellungnahmen. So ist das.

Völliges Exkulpieren und öffentliches Strafverfahren gibt es nicht. Muchas Anwalt beläßt es dabei, Honorarnoten zu schreiben – „für das Einschreiten“. Soweit so gut.

Wer im Glashaus sitzt, wird beworfen – das ist normal

Dieses „Einschreiten“ wird nicht unproblematisch gesehen. Wer im Glashaus des Medienglanzes sitzt, wird natürlich mit Steinen beworfen. Das muss man aushalten.

Mucha, selbst lange Zeit nicht unsensibel im Austeilen, muss auch lernen einzustecken. Früher tat er das. Und bot im eigenen Medium „ExtraDienst“ Paroli. Doch seit seine minderjährigen Kinder heran wachsen, kehrt er nach Innen den Milden heraus und greift nach Außen mitunter auch zur Klagskeule. Deutliches Signal: Dieser Mann kommt in die Jahre.

Gegen die Krake der anonymen Poster

Hinter all dieser Widersprüchlichkeit rührt Muchas Vorgehensweise aber einen G-Punkt an: Der Vorstoß gegen die Krake der „anonymen Poster“. Die Foren der Tageszeitungen quellen über mit Stellungnahmen aus ganz Österreich – und nicht alle sind gut informiert und konstruktiv. Vor allem das Forum des „Standard“ ist beliebt.

Der Herausgeber von BLAULICHT und GRAULICHT wandte sich seit eh und je und seit 1999 (!) gegen Pseudonyme im Postingbereich.

Schon am 24. Februar 2000 schrieb ein gewisser „marcus j. oswald“ um 17:19 im Medienforum des „Standard“ unter dem Titel (damals noch exaltierte Kleinschreibung): „sinn und unsinnn des pseudonyms“ 1.500 Zeichen, die mit einer direkten Anrede des Vorredners begann:

Anonyme Poster sind Tarnkappenbomber

„lieber true blue, sie können sich natürlich nennen wie sie wollen: blue true, blue velvet, blue chip, deep throat, long dong, peter teufel, john wayne oder billy idol. sie können als mann in weibliche rollen schlüpfen (man nennt das dann „pseudogynym“). sind sie eine frau, können sie in männliche rollen schlüpfen (man nennt das dann „pseudandronym“). „blue true“ ist ein klassisches „phrenonym“, aber sie können es natürlich halten wie sie wollen.

wenn (künstlerische) absicht dahinter steckt, ist es gut. wenn nicht, ist es schlecht. „widerst@andskämpfer“ (ein anderer Deckname eines Vorredners, Anm. B&G) verwandten immer, auch historisch, aus schutz vor sozialen und politischen umständen pseudonyme.

kurt tucholsky kritisierte die weimarer republik unter so schönen wie kaspar hauser, peter panter, theobald tiger, ignaz wrobel. die kultur des decknamen hat leider auch dunkle und dumpfe seiten und das ist das problem: „spiegel“-herausgeber rudolf augstein veröffentlichte unter pseudonym beiträge im „völkischen beobachter“. geheimdienste aller welt verwenden pseudonyme.

in der „kronen zeitung“ wird das pseudonym bis zum erbrechen genutzt. autoren wie „cato“ (angeblich dichand), „aurelius“ (angeblich krenn), „plinius“ (der ältere oder jüngere?), „mit den augen einer hausfrau“, „von besonderer seite“ treten dort auf. mir mißfällt das. ich fechte meine kämpfe stets mit dem feinen florett der ironie. aber ohne decknamen. ich machte die erfahrung, daß ich mit offenem visier besser treffe.“ (/Posting Ende)

Gebot der Fairness: Offenes Visier besser als Tarnkappe

An der Haltung änderte sich seit 2000 nichts. Wer etwas zu sagen hat, sollte es mit seinem ganzen Namen, mit vollem Gesicht und mit ganzer Persönlichkeit tun. Wenn jemand was zu verbergen hat, soll er es für sich behalten. Wenn jemand aber etwas zu sagen hat, wolle er es mit vollem Namen tun. So lautet das Fairness-Prinzip.

Der „Standard“ beklagt (14. November 2006), dass die Herausgabe der Klarnamen durch den Richter erzwungen wurde. Gewiss: Auch das stimmt. An der Klage hängt ein übler Beigeschmack, dass die freie Meinungsäußerung eingeschränkt wird.

Auf den B&G-Seiten, also hier, wird es so gehalten: Jeder ist angehalten, seine Meinung zu äußern. Jeder kann, wenn er will, ein Posting oder ein Email zur Veröffentlichung schicken. Jeder kann sagen, was er will. Geht es zu weit, decken man das eine Weile, weil auch harte Positionen mit Kanten und Ecken erlaubt sein müssen. Und: Weil man immer Grenzen überschreiten muss, um die Grenzen zu definieren und Neuland zu betreten. Der solide Grenzgänger ist hundert Mal mehr wert als der bieder Beamte, Richter oder Staatsanwalt. Das Leben definiert sich im Wagnis, nicht im Verwalten.

Bei guter Diskussionskultur besteht unter jedem Artikel die Möglichkeit, Wahrheiten auszuloten und zu vertiefen. Beiträge auf Webseiten sollten stets neue Denkanstöße sein. Mit der Schere im Kopf kommt man nicht weit. Die Tatsache allein, dass es ein Strafgesetz und Mediengesetz gibt, heißt folglich nicht, dass man den Mund gar nicht mehr aufmachen darf.

Dieses Interesse ist aber denkbar dünn ausgeprägt. Auf allen Webseiten, nicht nur auf diesen. Das Internet wird als Saugmedium genutzt, als Lesemedium, nicht als Dialogmedium. Dialog entsteht bestenfalls durch „peer-to-peer“-Medien wie SMS, eventuell auf Facebook. In der Regel wird unter noch so klugen Artikeln im Web nichts gepostet. Aus zwei Gründen: Weil der Beitrag so gut ist, dass man nichts mehr dazu sagen muss. Oder weil er zu speziell ist, dass dem Leser nichts dazu einfällt.

Haftung immer beim Autor

Letztlich haftet aber jeder selbst für das, was er schreibt. Ob mit oder ohne Pseudonym.

Dafür sorgte nun Christian W. Mucha, der Einfluss auf die Rechtsauslegung nahm.
Selbst wenn es nie zu einem Prozess kam.

Marcus J. Oswald (Ressort: Der Standard, Medienrecht)

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