Medien und Kritik – Das Online Magazin

Beschlagnahmungen von Juli bis Oktober 2013

Posted in Deutschland, International, Medienrecht by Pangloss on 7. Oktober 2013
Die deutsche BPjM setzt Medien auf den Index. (Foto: Logo)

Die deutsche BPjM setzt Medien auf den Index. (Foto: Logo)

(Wien, im Oktober 2013) In den letzten drei Monaten wurden in Deutschland wieder einige Medien, Tonträger, Videofilme, Computerspiele und Bücher beschlagnahmt respektive auf den „Index“ der jugendgefährdenden oder jugendgefährenden und strafrechtlich relevanten Inhalte gesetzt.

Nie wieder arbeiten – NWA

Highlight des dritten Quartals 2013 war sicher die Musik-CD „NWA“ des Bushido-Schützlings „Shindy“. Der Rapper brachte die CD im Label bushidoersguterjung GmbH am 12. Juli 2013 heraus, doch schon am 16. Juli 2013 brachte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien am Amtsgericht Berlin einen Antrag auf Beschlagnahme ein, der am 19. Juli 2013 bewilligt wurde. Wie immer bei Rappern machen mehrere Leute, sogenannte Gastsänger, auf Alben mit. In diesem Fall ist auf vier der 14 Tracks Bushido zu hören, auf drei anderen Songs sind Gastsänger wie Julian Williams und Eko Fresh. Indizierungsgrund waren die Songs Martin Scorsese, Springfield, Kein Fick und Stress ohne Grund. Bei letzterem sahen sich deutsche Bundespolitiker zur Anzeige gegen Bushido angeregt.

In einer Erklärung thematisiert die Bundesprüfstelle den Fall auf ihrer Webseite. „Das Gremium stufte Inhalte der CD als jugendgefährdend ein, weil sie verrohend wirken, zu Gewalttätigkeiten anreizen und Frauen und Homosexuelle diskriminieren. Den Jugendschutzbelangen war nach Abwägung mit der Kunstfreiheit der Vorrang einzuräumen.“ Der Tonträger darf zwar weiterhin verkauft werden, jedoch nur mehr an Erwachsene und „unter dem Ladentisch“. Bewerbung auf Webseiten und im Versandhandel sind gegen Pönale untersagt.

Am 5. September 2013 wurde die „Causa Bushido/Shindy“ rechtlich im Sinne des Jugendschutzes bestätigt und die Beschlagnahme wurde verlängert. Die Gründe blieben die gleichen, diesmal befasste sich das „12-er-Gremium“ der Bundesprüfstelle mit dem Medienwerk.

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Auch sonst gab es in deutschen Landen Arbeit für die Jugendschutzkommission. Im Video- und Gamemarkt wird gemordet, geschossen und getötet, im Musikmarkt zur Gewalt aufgerufen. Daher wurden zahlreiche Indizierungen vorgenommen. Sie sind entnommen dem deutschen Bundesanzeiger und werden hier gelistet.

Bücher:

Mit Beschluss vom 31. Juli 2013 wurde der rechtsradikale, deutsche Theologe Johannes Rothkranz und sein weltverschwörerisches Buch „Protokolle des Weisen von Zion – erfüllt!“, Band II Teil 1, Anton S. Schmid-Verlag auf den Index gesetzt. Laut deutscher Bundesprüfstelle hat es jugendgefährdende und strafrechtlich relevante Inhalte.

Musik:

Mit dem gleichen Kriterium „jugendgefährdende und strafrechtlich relevante Inhalte“ wurden mit Kundmachung am 31. Juli 2013 im deutschen Bundesanzeiger zwei Musikstücke belegt:

Zum einen die Gruppe Erschiessungskommando mit dem Lied „Todesmarsch“, verlegt im Verlag Freivolk, unbekannter Adresse. Die Gruppe No Alibi, die allerdings in Buffalo/USA beheimatet sein soll, darf ihr Lied „Wickedness of Mankind“ nun ebenfalls in Deutschland nicht mehr verbreiten und verkaufen.

Als „jugendgefährdend“, ausgeschlossen vom Freiverkauf an alle Altersgruppen, wurden mit Kundmachung am 31. Juli 2013 im deutschen Bundesanzeiger vier weitere Bands und ihre Lieder eingestuft:

Die Gruppe Häretiker mit ihrem Musikstück „Die Fessel reißt“, verlegt bei National Resistance Records in Alzey, wird als „jugendgefährdend“ eingestuft. Ebenso die Gruppe Hassgesang mit dem Lied „Generation, die sich wehrt“, verlegt bei PC Records in Chemnitz. Ferner die Gruppe Die Liebenfels Kapelle (DLK) mit dem Stück „Erhebe Deine Stimme“, verlegt bei Front Records in Falkenhain. Außerdem die Gruppe Confident of Victory, die ihr Stück „The Unfeeling“ bei Gjallahorn Klangschmiede in Ludwigshafen an die Öffentlichkeit brachte. Alle vier Gruppen sind dem rechtsradikalen Milieu zuzurechnen. Ihre Musik, so man es so nennen darf, erhält ein Jugendverbot und darf an Jugendliche nicht verkauft werden.

Video:

Neu unter den Filmen, die „jugendgefährdend“ sind, ist mit Kundmachung vom 31. Juli 2013 der Horrorfilm „The Forsaken – Die Nacht ist gierig“ (Sony Pictures Home Entertainment, München), der bereits 2006 in ähnlicher Form indiziert wurde. (Entscheidung Nr. I 31/13 vom 1. Juli 2013)

Vielfach kommen alte Horrorfilme aus den 1980er Jahren auf neuen Datenträgern heraus. Sie werden dann neu indiziert. Der Film „The House by the Cemetery“ (dt. Das Haus an der Friedhofsmauer) wurde bereits 1983 ediert, damals von UFA Werbefilm GmbH + ATB mit Sitz in Düsseldorf vertrieben und durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien mit der Entscheidung Nr. 1574 (V) vom 25. April 1983 (bekannt gemacht im Bundesanzeiger Nr. 116 vom 28. Juni 1983) als nicht-jugendfrei indiziert und vor Ablauf der in Deutschland gesetzlichen 25 Jahre-Dauer einer „Listung“ mit der Entscheidung Nr. 8201 (V) vom 20. Mai 2008 folgeindiziert. Nun kam das „Haus an der Friedhofsmauer“ mit englischen Titel als „Blue Ray“ wieder in den deutschen Heimkino-Markt hinein und daher wurde der Film mit Kundmachung am 30. September 2013 auch in der englischen Fassung indiziert und darf an Jugendliche nicht ausgegeben und verkauft werden. (Entscheidung Nr. I 35/13 vom 2. September 2013)

Beitrag mit weiteren Beispielen wird fortgesetzt…

Verwendete Quellen:
Deutscher Bundesanzeiger, BM f. Justiz, Berlin (Link)
Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, BPjM, Bonn (Link)
Nomos Verlag, Bonn (Link)

Marcus J. Oswald (Ressort: International, Deutschland, Medienrecht)

Weitere Spuren des Bösen – Aichholzer Film

Posted in Fernsehproduktion, Film, Termindienst by Pangloss on 7. September 2013
Spuren des Bösen ziehen durch Wien und den deutschen Verhörspezialisten Richard Brock an.  Der dritte Teil schließt die Kriminalreihe ab. Die nun verfügbare DVD-Box soll den künstlerischen Werkcharakter abseits des schnelldrehenden Fernsehgeschäfts betonen.  (Fotoquelle: Einladung des ORF zum Prescreening im Wiener Urania-Kino am 24. September 2013)

Spuren des Bösen ziehen durch Wien und den deutschen Verhörspezialisten Richard Brock an. Der dritte Teil schließt die Kriminalreihe ab. Die nun verfügbare DVD-Box soll den künstlerischen Werkcharakter abseits des schnelldrehenden Fernsehgeschäfts betonen. (Fotoquelle: Einladung des ORF zum Prescreening im Wiener Urania-Kino am 24. September 2013)

(Wien, im September 2013) Man kann sich noch an den Filmeinstieg des zweiten Teils erinnern: Ein Mann steht im Buch-Antiquariat in der Wiener Innenstadt, zieht eine Schusswaffe und macht sein helles Hirn zu rotem Fruchtfleisch. Das war der Auftakt zu einem Spießroutenlauf durch ein verschwiegenes Großbürgermilieu, in dem der Vater mit der Tochter mehr als Umgang hat, alle Familienmitglieder Bescheid wissen, aber aus Angst vor dem drohenden materiellen Verlust wegschauen. Teil Zwei der mittlerweile zur Reihe mutierten „Spuren des Bösen“ (Produktion Aichholzer Film, ORF und ZDF) hieß „Racheengel“. Durch das intensive Kammerspiel von deutschsprachigen Schauspielgrößen, die Nebenrollen wie Hauptrollen spielten (Cornelius „Jedermann“ Obonya, Heino Ferch, Ursula Strauss, Friedrich von Thun, Erwin Steinhauer, Hannelore Elsner), erhielt der Fernsehfilm psychodramatisches Flimmern und Schauwert.

Zauberberg

Eingestimmt durch den Erfolg beim Gebührenzahler in Deutschland und Österreich, wird nun ein dritter Teil angeschlossen, alle drei Teile, die abgeschlossene Geschichten erzählten, zu einer Trilogie als DVD-Box verpackt und über den versierten Medienvertrieb Hoanzl für Anhänger des Heimkinos an den Konsumenten gebracht. Der dritte Teil mit Titel „Zauberberg“ wird am 24. September 2013 ab 19 Uhr im Wiener Urania Kino 250 ausgewählten Freunden des deutschsprachigen Films vorab präsentiert, ehe der vorerst letzte Teil am 4. Dezember 2013 in ORF 2 zum Hauptabend ausgestrahlt wird.

Prämiertes Drehbuch

Die Bücher zu „Spuren des Bösen“ stammen von Martin Ambrosch, jahrelang verlässlicher Drehbuchlieferant für „SOKO Kitzbühel“ (neun von 150 Folgen stammen aus seiner Feder), der 2011 für die ersten beiden Teile von „Spuren des Bösen“ sowohl den „Romy Akademiepreis“ als auch den „Thomas Pluch Drehbuchpreis“ errang. Im Drehbuchsektor ist das in Österreich das maximale Lob für Arbeit. Folglich ist zu erwarten, dass auch der dritte Teil beim deutschsprachigen Publikum Nervenkitzel erzeugt.

Arthouse-Spezialist

Dass das Projekt „Spuren des Bösen“ so professionell aufgebaut ist, liegt auch am Wiener Produzenten hinter der Trilogie: Josef Aichholzer ist ein alter Hase im Filmgewerbe. Seit 1979 dabei, begründete er das Votivkino in der Wiener Währingerstraße, das die Fahne als Arthouse-Programmkino bis heute gegen den Cineplexx-Orkan der Blockbuster im Wind hält. Aichholzer agiert seit 15 Jahren ausschließlich als Strippenzieher und Geldauftreiber im Hintergrund und produzierte mit seiner „AI Film“ eine Zahl publikumswirksamer Werke. Etwa die „Wanderhure“-Kino-Trilogie, aber auch den Film, mit dem Regisseur Stefan Ruzowitzky 2008 immerhin gegen starke Konkurrenz den Auslandsoscar gewann: Die Fälscher. Nun landet Aichholzer mit der „Spuren des Bösen“-Fernseh-Triologie beachtlichen Erfolg beim Publikum.

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Timeline:

Präsentation Spuren im Bösen Teil 3 „Zauberberg“ – 24. September 2013, ab 19 Uhr (nur geladene Gäste, geschlossene Gesellschaft), Urania-Kino (Part of Cineplexx)

Ausstrahlung Spuren des Bösen Teil 3 „Zauberberg“ – 4. Dezember 2013, voraussichtlich 20 Uhr 15 in ORF 2 (für alle GIS-Kunden im Äther)

Marcus J. Oswald (Ressort: Termindienst, Film, Fernsehproduktion)

Sandlerzeitung Augustin aus Fälscherwerkstätte

Posted in Augustin, Kurioses, Print by Pangloss on 30. September 2011
Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

Augustin. Bis vor Kurzem noch um 2 Euro.

(Wien, im September 2011) Ganz so einfach ist es nicht, um von der wahren Begebenheit abzulenken, wie es die Augustin-Redaktion in einer weitschweifigen Sozialanalyse des slowakischen Neoliberalismus tut. Doch der Reihe nach.

Wie die „Niederösterreichische Nachrichten NÖN“ einen (nicht im Internet findbaren, aber mittlerweile von offizieller Seite bestätigten) Einsatz der Bezirkspolizei Baden/Wien am 26. September 2011 berichtete, gab es im unseligen Ort Ebreichsdorf die Festnahme eines slowakischen Romas. Dieser trat als Zeitungskolporteur für die Sozialzeitung „Augustin“ auf, jedoch mit einem plump gefälschten Ausweis. Im Zuge der Befragung ergab sich, dass nicht nur der Ausweis gefälscht war: Sondern auch die Zeitung.

Alles falsch: Lächeln, Ausweis und Zeitung

Szenenwechsel: Der Herausgeber dieses Journals war kürzlich an zwei Stellen. Einmal kaufte er einen „Augustin“. Es war vor einem „Spar“ in Wien und mit geschultem Blick fiel auf, dass der Ausweis an der nicht-deutsch sprechenden, slowakischen Verkäuferin merkwürdig gewachsen war. Er war nicht mehr im Scheckkartenformat mit Passbild und Unterschrift, wie man das bei den Verkäufern seines Vertrauens kennt, sondern der Ausweis an der Hüfte der Frau war drei Mal so lang und doppelt so breit. Der Herausgeber kaufte dennoch eine Zeitschrift, aber es war damals schon klar, dass es an dieser Verkaufsstelle das letzte Mal gewesen sein wird. Schließlich hat jeder seinen Augustin-Stammverkäufer und dort gibt es nicht die Schnellabfertigung, sondern auch das Gespräch. Auf ein konfliktbeladenes Gespräch mit der Frau vor dem „Spar“ wurde – mangels Deutschkenntnisse der Frau – verzichtet. Nach dem resignativen Motto: Man kann nicht die ganze Welt retten.

Der Herausgeber dieses Journals war dann dieser Tage im Wiener Museumsquartier. Es ist dort abends angenehm. Man hatte Lesestoff mit. Ein Buch über Julian Assange, eine Londoner „Times“. Und sogar eine „Heute“ zum Draufsitzen, damit man sich an der Liegebank die helle Hose, immerhin von „Joop“ (aber im Abverkauf), nicht schmutzig macht. Während man zwei Stunden dort gemütlich im Abendrot liegt, endlich das Spiegel-Buch „Weltmacht Wikileaks“ fertig liest und in gebrochenem Englisch in der Londoner Times herumstochert, kommen während dieser zwei Stunden, in denen man nichts anderes haben wollte als ein wenig seine „heilige Ruhe“, in Abständen IN SUMME vier Slowaken vorbei und wollen einem entweder den „Augustin“ andrehen, dann das „MO-Magazin“ und natürlich wird man von jedem, obwohl man schon drei Mal in seiner Lesekonzentration gestört wurde und sagte „habe schon gekauft“, um die obligate „Spende“ angeschnorrt. Dabei gab es beim Sitznachbarn ein interessantes Erlebnis: Der Mann, ein Künstler (DJ), schnorrt selbst Zigaretten, hat aber ein Herz. Als bei ihm der Slowake mit der rührseligen Geschichte a la „heute noch nichts gegessen“ an der Reihe ist und „bitte um eine kleine Spende – 50 Cent“, gibt ihm der Mödlinger DJ, offenbar kein Freund von 50 Cent, freundlich eine Spende: 1 Cent. Der Slowake wendet sich beleidigt ab. Hätte man ein sensibles Gehör, hätte man einen Schimpfkanon vernommen. Bei allen vier Slowaken waren drei Dinge falsch: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Sie gingen im Museumsquartier nämlich in Rudeln „nur“ mit dem „Augustin“. Nur einer hatte auch das „MO-Magazin“ von SOS-Mitmensch dabei.

Ebreichsdorfer Erkenntnisse

Wenn die Ebreichsdorfer Erkenntnisse stimmen, wurde offenbar – so sagt es der Polizeibericht – durch fünf Personen eine ganze Zeitung des „Augustin“ in der Slowakei gefälscht. Dabei kann es sich um Farbkopien handeln. Oder um den Vorgang, dass die Fälschung soweit ging, dass man das Layout gestohlen und auf einem slowakischen Computer nachgemacht hat. In Abstufung auch hier: Seite für Seite darin neu eingeben oder, einfacher, mit einer Raubkopie der Ausgabe am USB-Stick, die in der Slowakei nachgedruckt wird.

Das Ganze wird eine Plage. Der überwuzzelnde Schmäh, mit dem das Redaktionsteam des „Augustin“ das herunterspielen will, ist unverständlich. Es ist ein Problem, das nicht in Wien mit Einbettung solcher Personen in das Vertriebsnetz zu bekämpfen ist, sondern in der Volksschule und ganz am Anfang des biografischen Wegs. Der „Augustin“ will das Problem herunterspielen und man dreht in einer etwas verqueren Stellungnahme das Ergebnis, dass gefälschte „Augustin“-Zeitschriften in Umlauf sind, ins glatte Gegenteil! Man sagt: „Nur eine soziale Marke, die ein hohes Image besitzt, verlockt zu Übertretungen des Urheberrechts.“ Das stimmt schon. Grundsätzlich.

Schützwürdige Marken

Auf der anderen Seite lassen die „Hells Angels“ ihr Logo schützen, „Apple“ sowieso und auch der „Augustin“ hat seine Wortbildmarke unter Schutz gestellt. Es geht hier um den Grundsatz, der aus der Markenpiraterie bekannt ist: Man kann Missbrauch sozial erklären oder aber mit Argumenten der Rechtmäßigkeit. Man kann die Frage stellen wie weit man Markennachbau zulässt oder ab wann eine Marke durch den Nachbau durch Dilettanten Schaden nimmt. Der „Augustin“ stellt sich „vor die Roma“ und auf den Standpunkt, dass man geringen Prozentsatz zulässt, so er der Marke nicht schadet. Offenbar meint man beim „Augustin“, dass die Fälschung der Verkaufsausweise, ja sogar die Fälschung der gesamten Zeitung die Marke nicht schädigt. Dem muss man entschieden entgegenhalten, dass es das ganz sicher tut.

Der „Augustin“ will das Problem – nicht unähnlich zum „Global Player“ – offenbar durch Wegschauen lösen. Man reflektiert in der gekonnten Weise, die man nach mehr als 300 Ausgaben „Augustin“ im kleinen Finger hat, auf die sozialen Umstände in der Slowakei. Robert Sommer vom Herausgeberkomitee hat Recht, wenn er sagt: Es ist eine Schweinerei, dass „in fünf Städten im Herbst die Testphase einer sogenannten «E-Pay-Card» startet“. Sie betrifft 180.000 Sozialhilfeempfänger in der Slowakei. Das Sozialgeld wird darauf angewiesen und jede Behebung mit dem unbaren Zahlungsmittel wird registriert. Wenn einer nur Tschick kauft, wird ihm durch den „Big Brother“-Staat Slowakei die Stütze möglicherweise gekürzt. Der 5.5- Millionen-Einwohner-Staat will damit Sozialgeld-Missbrauch schärfer sanktionieren. Eine Schweinerei ersten Grades, keine Frage. Weitere Schweinerei ist, auch das führt der „Augustin“ richtigerweise in seinem politischen Statement zur Fälscheraffäre an: „Eine Alleinstehende bekommt 60,50 Euro pro Monat [Sozialhilfe], eine Familie mit zwei Kindern 157,60 Euro – bei einem landesweiten Durchschnittslohn von rund 750 Euro.“ Der Vergleich zu Österreich macht sicher: 744,03 Euro beträgt die Mindestsicherung in der Alpenrepublik. Pro Mann und Nase, was viele Pärchen dazu verführt, nicht der Verlockung einer Ehe nachzugeben, da das Sozialamt pro Mann/Frau und Nase zahlt, und zwei dann, selbst wenn sie in Lebensgemeinschaft leben (und mit den Adressen ein wenig tricksen), 1.488,06 Euro monatlich netto zum Leben haben. Wenn ein Kleinkind dabei ist, schnellt das sprunghaft nach oben. Plus Alt-Aliemente und so weiter.

Sozial- und Bildungsunterschiede

Der „Augustin“ sieht also mit Scharfsinn, dass in Österreich etwas zu holen ist, da die Sozialbudgets gut dimensioniert sind (allein Wien pro Jahr: 240.000.000 Euro). Das spricht sich bis Bratislava durch, nicht erst seit der Twin City Liner für 29 Euro eine Route in fünf Viertel Stunden über die Donau zurück legt. Die sozialen Unterschiede sind das eine.

Thilo Sarrazin würde freilich ein anderes Argument in die Waagschale werfen und dieses fällt beim Lesen der sozialutopistischen Editorials des „Augustin“ zunehmend durch. Es ist die Bildungsfrage. Sarrazin meinte kürzlich in einem erhellenden „Kurier“-Interview, dass es „Bildungsmöglichkeiten“ und „Bildungsfähigkeiten“ gibt. Die „Bildungsmöglichkeiten“ seien zu „50 – 80 % erblich festgelegt“, an den Stellschrauben der Bildungsfähigkeiten ist durch Fleiß, Ehrgeiz und Neugier etwas zu drehen.

Dogmen statt harte Empirie

Es ist bemerkenswert, dass der „Augustin“ seine Sicht auf die politische Lage stets nur dogmatisch-dokritinär entfalten will, auf das empirisch-deskriptive aber verzichtet. Dazu gehörte dann die Feststellung, dass das Bildungsniveau der Roma, die im Zeitungsvertrieb in Wien tätig sind, eine Mischung aus Bildungsdefizit und krimineller Energie, Aufstellen eigener Regeln, regem Missachten des Verbots nach gewerbsmäßigem Betteln ist, und nun sogar soweit geht, dass man Produktpiraterie bevorzugt, weil man mit den 1.25 Euro, die pro regulär verkauftem „Augustin“ möglich sind, den Rand nicht voll bekommt. Laut Angaben der Polizei in Ebreichsdorf, beträgt der Einkauf des gefälschten „Augustin“ nämlich nur 10 Cent, womit sich die „Gewinnspanne“ auf sagenhafte 2.40 Euro erhöhe.

Das Herausgeberkomitee des „Augustin“ will nicht eingreifen. Man ist schlau. Man weiß genauso gut wie jeder, dass es eine Bewegung „von Unten“ braucht. Wie kommen 350 reguläre „Augustin“-Verkäufer dazu, das Heft mit 50% Verkaufserlös anzupreisen, wenn es eine kleine Gruppe von schwarzen Schafen mit 95% Gewinn versucht? Man nennt das in der Unterschicht: Kameradendiebstahl. Kameradendiebstahl wird in der Unterschicht durch selbstregulierende Maßnahmen gelöst. Ächtung ist eines, Hinausdrängen der Gruppe, die ihn begeht, das andere. Insoweit haben sich die Roma als soziale Gruppe mit ihrer Fälschungsaktion am Meisten selbst geschadet.

Eingriff in fremde Urheberrechte (§ 91 UrhG)

Ob das Herausgeber-Komitee eine Urheberrechtsanklage (die eine Privatanklage nach Eingriff, § 91 UrhG wäre) macht, hält man noch offen. Man wird es wohl nicht tun, weil man einem Nackterten nichts nehmen kann. Was aber kommen wird, ist die Selbstregulierung im Gewässer der Augustin-Kolportage: Bei Roma wird niemand mehr kaufen. Weil zu oft drei Dinge falsch sind: Das Lächeln, der Ausweis und die Zeitung. Man hat sich in Wien selbst das Wasser abgegraben.

Marcus J. Oswald (Ressort: Kurioses, Print, Augustin)

Zwei Konkurse im Medienbereich

Posted in Medienalltag by Pangloss on 15. September 2011

(Wien, im September 2011) Im Medienbereich gibt es zwei aktuelle Konkurse. Einer betrifft eine Zeitschrift, einer ein aufgeblasenes Webmedienprojekt.

Der Print und Publishing Verlag in der Rotenmühlgasse 11 (1129 Wien) ging im August 2011 in Konkurs. Die Zeitschrift gibt es seit 1989. Es sieht sich als „Magazin für Medientechnologie, Druck, Weiterverarbeitung, Papier, Sign & Werbetechnik sowie Business, Finanz und Management im Bereich digitaler und gedruckter Kommunikation“. Der lange Titel war immer ein wenig das Problem der Zeitschrift, die der Autor dieser Zeilen seit 1997 bezieht und daher kennt. Damals war der Autor dieser Zeilen ein Jahr erfolgreich Anzeigenleiter (Umsatzplus zum Vorjahr : 16 %) in der Konkurrenzzeitschrift „austropack“ und die Aufgabe bestand auch darin, Konkurrenzwahrnehmung zu betreiben. Im Sektor „Verpackungszeitschriften“ gab es in Österreich damals nur „Austropack“ als Platzhirsch, „Print und Publishing“ sowie „Kompack“. Das konkurrierende „Umweltmagazin“, das auch im Bereich „Verpacken, Fördern, Lagern“ fischte, wurde vom „Austropack“-Verlag sicherheitshalber aufgekauft. Aus Deutschland gab es noch die Zeitschrift „Creativ Verpacken“, die, für ein Industriefachmagazin sehr gut gemacht und geschrieben war, aber für den österreichischen Firmen-, Hersteller- und Vertreter-, daher Anzeigenmarkt keine direkte Konkurrenz war. Ebenso keine Konkurrenz war das deutsche Flaggschiff der Verpackungsbranche, „Neue Verpackung“. Der österreichische Markt der Verpackungs- und Lagerindustrie „wog“ damals – vom Autor dieser Zeilen ausgezählt – 999 Firmen (Hersteller und Generalvertreter), womit für ein Industriefachblatt pro Jahr durchaus etwas vom Marketingbudget abfiel, was zum Überleben reichte. Das war Stand 1997.

2011: Der „Austropack“-Verlag ist mittlerweile ein erfolgreicher Kleinverlag mit eifriger „Katalogproduktion“ für die Reed Messen und eigenen Zeitschriften. Der langjährige Redaktionsleiter Manfred Meixner, der wohl langsamste Burgenländer, hat sich jedoch 2010 mit einem eigenen Konkurrenzprodukt „Pack & Log“ abgespalten – und gleich den langjährigen Anzeigenleiter von „Austropack“ mitgenommen. Die Wiener Zeitschrift „Kompack“ hat aufgegeben. Die deutschen Blätter „Creativ verpacken“ und „Neue Verpackung“ leben noch. Diese Hefte sind im engen Markt der Verpackung, Förder- und Lagertechnik tätig und haben sich in diesen Nischen mit Fachinformation gut eingerichtet. „Print und Publishing“ am optisch höheren Pass zu den Themen wie Verpackungsdruck, Veredelung, digitale Techniken für Etikettierung und Barcodesysteme und ähnlichem schwamm in diesem Feld tapfer mit, ging aber tiefer in die Druckereitechnik und auf deren Maschinen (Heidelberg, MAN ua.) ein. Mit diesem Konzept ging man nun 2011 in Konkurs.

Textschwach

Das Heft stach stets durch aufwändige Titelseitenwahl hervor. Man brachte mit individuellen Papiersorten zum Ausdruck, was die Papierbranche und die Druckbranche leisten kann und ging mit Beispiel voran. Titelseiten im 6-color-System (Spezialfarben wie Gold und Silber) waren keine Seltenheit, gestochen scharf gedruckt, reflektierend, spiegelnd, alle Stückeln spielend. Im Heftinneren offenbarte sich jedoch die Schwäche der Industriefachpresse generell. Non-Autoren schreiben über Technik. Sie sind so fasziniert vom Gegenstand, der Technik, den Maschinen, dass sie ganz vergessen, das Thema schriftlich so darzustellen, dass man es „lesen kann“. Teilweise las man in der „P&P“ abgefunselte Presseaussendungen Technik verliebter Pressestellen von Mayr Melnhof oder Duropack, die seitenlang die Vorzüge der neuen Hartkartonagen in Röhrenform referierten oder Vertropack, die mit Liebe zum Detail Verschlussringe von Glasverbundgeweben (zu deutsch: Stöpsel für Flaschen) beschrieben. Die offenbar nicht geschulten „Redakteure“ der P&P malten das deckungsgleich ins Heft, und vergaßen, dass man das nicht lesen kann. Textlich blieb die „Print und Publishing“ streckenweise schwach, nimmt man einige Ausnahmen des ständigen Kolumnisten, der persönliche Erfahrung und schreiberische Farbe ins Heft brachte.

Das Konkursverfahren läuft seit 19. August 2011 unter der Zahl 6 S 111/11g am Handelsgericht Wien.

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Was haben die Burschen von Webfreetv.com AG in den 2000er-Jahren für einen Staub aufgewirbelt. Eine alte Medienweisheit sagt jedoch, dass es nicht reicht Staub aufzuwirbeln. Man muss auch Spuren hinterlassen. Das Internet wollte man revolutionieren. Prominente Finanziers stiegen an Bord.

Mike Lielacher

Die Gründer holten bald nach dem Start den „Wagnisfinanzierer“ Mike Lielacher in die Firma. Lielacher war dabei, weil er überall dabei ist, wenn es ihm taugt. Er wollte den Web-TV-Sender groß machen. Mitte der 2000-er sah er aber, dass das so einfach nicht läuft und er setzte den ehemaligen Organisator des „Abfangjäger-Volksbegehrens“ Rudolf Fußi als Vorstand ein. Doch auch dann blieben die Versprechungen und PR-Aussendungen größer als der Wert der Zeilen. 2010 wollte Lielacher den „Sender“ zurückhaben und es entstand ein Machtkampf mit dem Ergebnis, dass webfreetv.com am 1. November 2010 von der Wiener Börse genommen wurde. Der „Streit bei Webfreetv.com“, wie es das Fachmagazin „Extradienst“ in einem entsprechenden Artikel nennt, gipfelte im September 2010 in wechselseitige Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Wien. Zum Zeitpunkt lenkte bereits ein Jahr lang Alexander Vogel das Unternehmen, das 390.000 Euro Umsatz machte (lt. Extradienst).

Seither wird gegen vormalige und aktuelle Akteure wie Vorstände und Aufsichtsräte der „Aktiengesellschaft“ wegen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen, Betrug und betrügerischer Krida erhoben. Ergebnis:

Das Unternehmen, das in 7000 Eisenstadt in der Thomas Edisonstraße 2 und in 1050 in der Margaretenstraße 166 situiert war, einst hochfliegende Pläne hatte, aber in elf Jahren nie einen Gewinn schreiben konnte, soll 2.2 Millionen Euro Schulden haben.

Am 18. August 2011 wurde über das Unternehmen unter der Zahl 28 S 100/11a am Handelsgericht Wien der Konkurs eröffnet.

Marcus J. Oswald (Ressort: Medienalltag)

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